Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Dr. Bloch"s Wochenschrift» Seite 613 unbekannt ist, sind in Indien. und Ostasien Verwechslungen von Austria und Australia, Austrian und Australian etwas Alltägliches. Ich erinnere mich, daß ein mir befreundeter Deutscher in Buenos-Aires auf das Couvert eines nach Wien adressirten Briefes „Alemannia" schrieb, er sagte mir, er Lhue dies der argentinischen Post wegen, damit der Brief ja sicher ankomme! In Argentinien und Paraguay nach meinem Vaterlande befragt, und nachdem ich mit Austria geantwortet, fragte man mich fast immer: „Also Sie sind ein Deutscher?" Als ich. dies in Abrede stellte, war die staunende Antwort jedesmal: „Aber Oesterreich ist doch in Deutschland?" rc. rc. Die Staatsangehörigen der Monarchie reisen äußerst selten. Der Grund dürfte der sein, daß Oesterreich-Ungarn so viel des Genusses und des Wohllebens bietet für Reich und Arm, daß keiner die Lust verspürt, wenn nicht durch Roth gezwungen, ins Ausland zu gehen. Unsere Länder geben das beste Brot, vortreffliche Biere und Weine, die. erste Niederjagd der Welt, eine vortreffliche Hochwildjagd, ausgezeichnete Pferde, sehr schöne Naturscenerien voller Abwechslung, die beste Oper, weltberühmte Concerte, großartige Theater, Vergnügungen aller Art und noch vieles Andere, so daß die Stände, aus denen sich die Handelsschast anderswo reerutirt, gar kein Verlangen darnach empfinden, Oesterreich- Ungarn zu verlassen. Unter diesen Umständen ist an eine Gründung von großen Handelsfirnien und Filialen in überseeischen Ländern nicht zu denken. Nur unsere Juden allein könnten solche schaffen, das geht aber nicht,' wenn sie verfolgt werden. Also den Schaden wird wieder Oe st er reich haben. Die gewaltig e n F o r t s ch r i t t e inUngarn fallen in auff a l l e n d e r W e i s e z u s a m m e.n mit d e r E m a uc i p a t i o n und Freiheit der Juden, so daß man versucht sein könnte, sie in einen Causa l n e x u s zu bringen. Einer Blüthe und Macht ersten Ranges erfreute sich Großbritannien unter deni Ministerium des semitischen Lord Beaconsfield. Spanien blühte, als es dort den Juden gut ging, als sie weggejagt waren, begann der Zerfall. Graf Nicolaus Bethlen schrieb am 26. Juni. 1870 in der „Diplomatischen Wochenschrift" Folgendes: Das „Vaterland" in Wien hat vor Kurzem über die Juden in Wien einen Artikel veröffentlicht, der von unserer Seite, die wir, als Enkel der protestantischen Rebellen, denn doch keine Inden sind, eine Erwiderung verdient. Das Blatt meint, auf jedem Gebiete (sei es Politik, Litcratur, Kunst, Handel und Industrie) nehmen die Juden in Wien eine hervorragende Stellung ein, und ihr Einfluß ist in Wien überall maßgebend. Man möge daher — sagt das „Vaterland" — die Juden aus Wien hinaustreiben. Wenn die Partei des „Vaterland" je an's Ruder kommt und ihre Drohungen cffectuiren wolle, so bitten wir, alle aus Wien hinausgeworfenen I u d e n u n s n a ch P e st z u s ch i ck e n. .Die Juden sind durch ihr Talent und ihre Thätigkeit ein bedeutender- Factor der Civilis ation geworden, und wir können sie in Pest brauchen. In Pest selbst finden wir zwei Städte. Der eine Theil von Pest gleicht einer europäischen Handelsstadt — es ist die Stadt der Inden. Der andere gleicht einem großen Torfe der Wüste — es ist die Stadt der Magyaren. Alles, was in Pest als ein Werk der Civilisation, als ein Zeichen der europäischen Cultur betrachtet werden kann, ist durch jüdischen Geist und jüdisches Geld zu Stande gebracht worden. Würde es in Pest keine Juden geben, so würde die Landeshauptstadt auf dem Niveau des großen Debreczin stehen, und die Comitatshelden würden in ihrem eigenen Staub und Koth ersticken. Sobald man die ungarische Journalistik auf das Niveau jener von anderen civilisirten Nationen erheben wollte, war man gezwungen, ein halbes Dutzend Juden zu importiren, damit die Trägheit in der Technik der Blätter theilweise beseitigt und die journalistischen Formen entwickelt werden. Auf welches Gebiet des öffentlichen Lebens wir auch sehen, überall finden wir die Juden emsig arbeiten und gegen den alten Geist der Finsterniß im Kriege begriffen. Mehr Juden, mehr Licht!" Seither sind über 30 Jahre vergangen, die Ungarn sind längst wirthschaftlich mündig geworden und haben dieselbe Stufe der Cultur erklommen, wie die übrigen civilisirten Staaten Sie sind heute die Führer der Monarchie. Daß aber die Juden in vielen Dingen ihre Erzieher waren und sehr dazu beigetragen haben, sie auf ihre jetzige Höhe zu bringen, ist sicher. Und S. 494. „ Hinaus mit den Juden! So erschallt es allenthalben ans den antisemitischen Lagern. Gut, aber wohin? Das ist nicht unsere Sache, rufen die Antisemiten, das ist Sache der Juden, sie sollen sich selbst darum kümmerit, wo sie hinfallen. uns geht es nichts au. Aber es geht sie doch sehr viel au, denn der Nachbarstaat schreit auch: „Hinaus mit den Juden!" „Es muß also ein jeder Staat daran denken, diese Frage „wohin mit Ihnen?" zu lösen, und es lohnt sich, dies gemeinschaftlich zu thuu und zu berathen. Hat mau einmal ein Land gefunden, sind sämmtliche Juden zu Bürgern dieses Landes erklärt worden, dann erst sind sie bei uns wirkliche Fremde, dann kann man meinetwegen die gewünschten Ausnahmsgesetze machen, ohne Fortschritt und Aufklärung. Humanität und Nächstenliebe mit Füßen zu 1r>teu. dann kann man, ohne grausam zu sein, sich gegen sie so benehmen, daß ihnen das Fernbleiben in der Fremde verleidet wird, dann wird der Antijudaismus unklug, sicherlich engherzig, aber nicht mehr grausam sein. Aber namentlich sehr, sehr unklug. Dann vergesse man nicht, daß die Juden eine der genialsten und talentirtesten Nationen der Welt sind." „Was haben doch die Juden trotz des auf ihnen lastenden Druckes für eine Schaar großer und berühmter Männer in allen Lebensstellungen geliefert " „Und solchen Mitbürgern will man die Thür weisen! Dann verliert jeder ausweisende Staat am meisten dabei, und es profitirt derjenige, welcher sie aufnimmt." Diese Ausführungen, welche wir wörtlich aus dem Buche excerpiren, zeigen einen hohen Grad von Unbefangenheit und Gerechtigkeitsliebe. Sein Hauptirrthum ist die pessimistische Doctrin, daß Bevölkerungstruppen verschiedener Abstammung und verschiedenen Glaubensbekenntnisses für die Dauer unmöglich in Frieden und Eintracht mit einander leben können. Die brutalen antisemitischen Exceffe, welche unsere Zeitgeschichte schünden, haben den Blick des Grafen Coudenhove ein wenig getrübt. In Wahrheit beobachten wir, daß alle glaubenseinheitlichen Staaten dem geistigen und materiellen Verfalle entgegeneilen. Wir erinnern an Spanien und Portugal. Katholische Bevölkerungen, welche zusammen mit protestantischen leben, entfalten erfahrungsgemäß eine höhere geistige Regsamkeit als solche in abgeschlossenen Wohnsitzen. Alan vergleiche den traurigen Zustand der clericalen südamerikanischen Staatswesen mit dem beispiellosen Aufschwung und dem ruhmreichen Emporblühen Nordamerikas, welches seine Prosperität der Bevölkerung verschiedenster Bekenntnisse und der verschiedensten .Abstammungen verdankt. Jeder Staat mit einheitlichem Glaubensbekenntniß muß früher oder später einer Uebermacht geistlicher Gewalten erliegen, welche ihrer Natur nacfv den Fortschritt hemmen und die Aufklärung befehden. Nur Staatm, deren Bevölkerungstruppen verschiedenen Confeffionen angehören, sind vor Uebergriffen einer geistlichen Gewalt geschützt, bilden