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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Date
1901-09-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 37 Seite 611 Dr. Vwch's WochrnsüMt Hauptgegner, der 35 Jahre später heilig gesprochene Abt Bernhard von Clairvaux sagte: „Wenn Alles, was man von ihm sagt, wahr ist, so ist er nicht einmal würdig, ein Dorf zu regieren, ist es falsch, so darf er doch nicht Papst werden, denn dieser muß nicht blos von guten Sitten sein, sondern auch im besten Ruf stehen". Nun, Alexander VI. stand und steht selbst bei den frömmsten Katholiken nicht in gutem Ruf, aber er wird stets als rechtmäßiger Papst betrachtet. Was dem Anaclet die Feindschaft des heiligen Bernhard zugezogen hat, ob ihr wirklich nur reiner frommer Eifer zu Grunde lag, wissen wir nicht, sicher aber ist es, daß es nur die Beredtsamkeit und der Einfluß des überaus eifrigen Bernhard waren, welche Jnnocenz II. die Anerkennung der Könige von Frankreich und England und des deutschen Kaisers verschafften. Dagegen hielten der Beherrscher von Neapel und Sicilien, Herzog, seit 1130 König Roger und die Bevölkerung Roms — Clerus, Bürgerschaft und der größte Theil des Adels — unerschütterlich treu zu Anaclet. Nur die mächtige Familie Frangipani und ihr Anhang waren in Rom gegen ihn. Es geschah dies wohl aus alter Gegnerschaft der beiden Familien. Im Jahre 1118 überfielen die Frangipani den neugewählten Papst Gelasius II., mißhandelten ihn und die Cardinäle, die ihn gewählt hatten, und warfen ihn ins Gefängniß. Da eilten die anderen Adeligen, an ihrer Spitze der „Jude" Peter Leonis (Vater Anaclet's) mit seinem Anhang herbei, befreiten den Papst und zwangen das Haupt der Frangipani, ihn um Verzeihung zu bitten. Das hinoerte aber oen Frangipani nicht, den von Kaiser Heinrich IV. als Papst eingesetzten Burdino, der sich Gregor VIII. nannte, anzuerkennen. Für die Kirche ist Gelasius der rechtmäßige Papst, der Schützling des Kaisers und der Frangipani ein excommunicirter Usurpator. Zwölf Jahre später ist fast ganz Rom für den „jüdischen Eindringling", der Kaiser und die Frangipani für den „rechtmäßigen" Papst. Aber Anaclet ist im sichern Besitz des Vaticans und der ewigen Stadt, während Jnnocenz ein unstetes Wanderleben in Italien und Frankreich führt. Im Jahre 1133 zog der Kaiser Lothar mit emer Armee nach Italien, um, unterstützt von der' Flotte der Pisaner und Genueser, Jnnocenz in Rom einzusetzen, mit dem er auch einen vortheilhaften Vertrag über die feit länge strittige Erbschaft der Markgräfin Mathilde von Toscana abschloß. Lothar konnte aber nur einen Theil der Stadt besetzen und mußte sich, anstatt in der Peterskcrche, im Lateran von Jnnocenz krönen Lassen. Zugleich ließ er sich auch in Unterhandlungen mit Anaclet em, die aber zu keinem Resultat führten. Obwohl Anaclet, im Besitze der Festungen und der Uebermacht, den Kaiser nicht direct angriff, mußte dieser doch nach zwei Monaten den von ihm vesetzten Stadttheil räumen und wir würden, wenn es nicht respectwidrig wäre, sagen, mit langer Nase abziehen. Ihm folgte selbstverständlich Papst Jnnocenz. Auf seine und des heiligen Bernhard Birten kam einige Jahre später Kaiser Lothar mit einer größeren Armee wieder nach Italien, führte glücklich Krieg gegen König Roger von Neapel, konnte aber auch jetzt (1137) nur einen Theil von Rom für Jnnocenz gewinnen. Erst der am 7. Jänner 1138 erfolgte Tod Anaclet's verschaffte seinem Gegner den ungestörten Besitz Roms. Zwar wählten die Cardinäle Anaclet's einen aus ihrer Mitte zum Papst, der den Namen Victor III. annahm, aber es gelang Jnnocenz, die Brüder Anaclet's für sich zu gewinnen. Nachdem er mit den Judenstämmlingen seinen Frieden geschlossen hatte, unterwarf sich ihm auch der „Arier" Victor am 29. Mai 1138, und Jnnocenz IL konnte dann noch fünf Jahre als allgemein anerkannter Papst regieren. Der Familie Peter Leonis' erwies er sich dankbar, gab ihr Aemter und Auszeichnungen, und sie behielt Ansehen und Macht am pästlichen-Hofe. Erst am Ende des sechzehnten Jahrhunderts ist sie, die ihren jüdischen Ursprung vergessen hatte, erloschen. Aber auch die Welt scheint nichts mehr davon gewußt zu haben, und so fabelte man, daß sie und ihre Gegner, die Frangipani, die gleichzeitig mit ihnen emporgekommen waren und auch einen Leo zum Stifter hatten, von den antikrömischen Aniciern abstammten. Man ließ zwei von ihnen, Grafen von Aventin, (was man nnt Habsburg übersetzte) nach Deutschland auswandern und da eine Familie gründen?) De Gubernatis' Annahme, daß auch der Vater von Dante's Ahn Cacciaguida Leo hieß, beruht freilich auf einem Mlßverstündniß, aber wie Boccaccio in seiner Biographie Dante's erzählt, ist der Name Eliseo durch einen Frangipani in die Familie gekommen. Waren auch diese jüdischer Abstammung, dann haben von 1130 bis 1138 zwei Judenfamilien um den päpstlichen Thron, um den Stuhl Petri gekämpft. Sicherer ist es freilich, daß der Apostel Petrus selbst eia geborener Jude war. 21. Die Katholikentage and die Indentage. Von Dr. M. L. Stern. Jnsoferne die Katholikentage nur rein katholisch-religiöse Bestrebungen verfolgen, hätten wir uns weiter nicht viel damit zu beschäftigen. Wir könnten dieselben bestenfalls nur mit unsern aufrichtigen, reichen Erfolg gönnenden Wünschen degleiren. Die Religion ist weltgeschichtlich und anthropologisch von einem Schimmer umstrahlt, welcher über alle bösen Erinnerungen und auch über viele verborgen gehaltene Nebenabsichten den Mantel der Versöhnung hüllt. Wie könnte man auch trotz all' der zahllosen, Abirrungen und verübten Gräueltyaten mit der Religion Anderes als Nächstenliebe, Rechtlichkeit, Wahrheitsliebe und verklärende Tugendhaftigkeit verbunden denken? Frömmigkeit, welch' rührendes, großes Wort, eine ganze Menschenweihe liegt darin. Der Reichthum, der Adel, der Gelehrten-, der Beamten-, der Kriegerstand sieht sich hier in Gleichberechtigung mit dem Niedrigsten der Niedrigen verbrüdert, Alles freut sich seiner größern oder geringern Macht und Mittel, durch welche man yllfreich eingretfen kann, ohne sich dabei zu überheben. Warum sollte man es nicht freudig segnen, wenn es edlen, menschenfreundlichen, gottbegeisterten Priestern und ihren Freunden gelingt, oen Millionen Gläubigen Wärme für den angestammten Glauben ins Herz zu flößen, sie zu edlen Sitten zu erheben und das heilige Band, welches die ganze Menschheit in allen Bekenntnissen einigt, um sie zu schließen? Ja, wer den Dingen, wie sie sich eben geben, nicht durchaus Gewalt antyun will, oer wird den Katholikentagen noch ein Weiteres zugesteheu und ihnen geradezu auch etwas Politik frei geben. Was ist denn Politik anderes, als das Einstellen des Einzelnen in das Allgemeine? Die Religion verlangt den staatlichen Schutz, Förderung durch den Staat, jederlei Rücksicht vom Staate, und sie yat auch zu sagen, was sie dem Staate bietet, wie sie sich demselben einfugen kann. Das ist doch immerhin Politik. Es kommt nur darauf an, daß die Religion die Grundgesetze der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung mit ihrer Politik nicht tangire. Die Religion, die sich dem Staate eingliedern will, muß vor Allem deii Staat mit Allem, was drum und dran ist, mit allen ihm ausschließlich eigenen Grundgesetzen der Politik, als unantastbare Voraussetzung hinnehmen, dann mag sie um diese hoch emporgerichtete, unerschütterliche Säule herum ihre eigene Politik zu eigeuern Vortheile nach Verständniß und Gutdünken ausvreiten. Denn der Staat, das ist das menschliche Leven und dieses ist doch unstreitbar Voraussetzung jeder Religion. Wo kein Mensch ist, ist auch keine ') Gregorovius a. a. O. IV. 390. Ueber jüdische Papstsagen S. noch: Dr. M. Güdemann, Geschichte des Mziehnngswesens und der Cultur der Juden in Italien. Wien 1884, S. 79—83.

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