Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021423--11145-3035666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 610 Vr. Bloch's Wochenstirr^L. stammuug war. Er will dies nicht blos aus der stark semitischen Adlernase Dante's und. seiner Freundschaft mit dem Juden Emanuel. schließen. Im Paradiese, sagt Gubernatis, sieht Dante semeu Ururgroßvater Cacciagulda und dieser gibt ihm Auskunft über ferne Familie, aber nur von „ seiner Taufe an, wohlgemerkt, nicht von der Geburt an: „Und dort in Eurem alten Baptisterium (in Florenz) Ward ich ein Ehrist zugleich und Cacciagulda." Gewiß, jeder Christ bekommt bei der «Taufe seinen Vor- oder Taufnamen; aber wozu dieses Betonen, daß er gleichzeitig Flamen und Taufe erhielt? Ein Bruder dieses Eacciaguioa hieß Eliseo (Elischa, wie der Jünger des Propheten Elijah) und denselben semitischen Namep gab Dante einem seiner als Kind verstorbenen Söhne. Cacciagulda spricht viel von sich und seinen Nachkommen, sagt aber kem Wort von seinen Eltern. Die Eommeuratoren bemühen sich, dieses Stillschweigen zu erklären. Er wollte sie nicht uenueu, weil sie Juden waren, vermuthel Guberuatls. Wir fügen noch hinzu, daß Dante sich in seinem großen Gedicht durchaus nicht als judenfeindlich zeigt, er ist eher judeufreundlich. Die einzigen Juden, welche er in der Hölle siudet, sind Judas, Kaipyas uud seine Collegeu, welche nach den Berichten der christlichen Evangelien am Tode Jesu mitschuldig waren. Aber von Juden späterer Jahrhunderte und seiner Zeit zeigt er uns keinen m seiner Hölle. Im siebzehnteu Gesäuge schildert er eine Menge Wucherer, aber sie gehören alle angesehenen christlichen Familien an, kein einziger Jude findet sich unter ihnen. Selost wenn es zu Daure's Seiten keine jüdischen Wucherer gab, ein Antisemit hätte aus dem ehrlichsten jüdischen Geldverleiher eineu Wucherer gemacht, wie man aus dem ein Pfund Fleisch zum Pfaude ueymeuden Christen einen Juden geniacht har. Ader Dante's Hölle ist beinahe so judenrein wie der — Wiener Sradtrath. Daß Dante's Ahne, Cacciaguida, welcher in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts lebte, den Kreuzzug mitmachte und von Kaiser Konrad III. zum Ritter geschlagen wurde, darf uns nicht wundern, denn auch damals gelangten frisch getaufte Juden schnell zu hohen Ehren, Zur ZLlt Cacciaguidas herrschte acht Jahre lang der Enkel eines Juden als Papst in Rom. Die officielle katholische Geschichtsschreibung erklärt chn freilich für illegitim, für einen Schismatiker und Excommuuicirreu, aber Dante, der gar manchen Pchrst in der Hölle uuterbrachte, scheint für den Judenstämmling keinen Platz gefunden zu haben. Oder hielt er chn, wie so viele moderne unparteiische Historiker, für den rechtmäßigeu Papst? — Uud er war nicht blos der rechrmäßig gewählte, er war auch beim römischen Volke viel beliebter als sem Gegner, der reine Arier Jnuocenz IL Zur Zeit des Papstes Leo IX. (1049—1000) war ein sehr reicher und gelehrter Jude zum Christenthum übergetreteu und hatte den Namen des Papstes, der wahrscheinlich sem Taufpathe war, angeuvmmen.') Er genoß die Gunst des Papstes, dem er sich nützlich und oankvar erwies. Noch größere Dienste mit den Waffen und mit gutem Rath leistete diesem und späteren Päpsten Leo's Sohn Peter. Er genoß ihr Vertrauen in hohem Maße, ward zum Comumndanten der Eugelsburg ernannt und nahm zu an Reichthum, Ansehen und Einfluß, verschwägerte sich milden vornehmsten Familien Roms. Wie andere römische Adelsfamilien, besaß auch die Peters chre feste Burg mir Thürmen. Sie befand sich in der Nähe des Ghettos, in dem von Kaiser Augustus erbauten Marcellus-Theater, von dem noch Reste erhalten sind. Auch der antike Marmorsarkophag ') Nach Gregorovius' „Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" (IV, 388) war schon Leo's. Vater zum Christenthum übergttretev und hatte den Namen Benedictus Christianus erhallen. Er wrrd wohl als Jude Baruch geheißen haben und gleichzeitig mit semem Sohne Leo getauft worden sein. mit lobender Inschrift des 1128 verstorbenen Peter findet sich noch im Borhos der Paulskirche. Sein ebenfalls Peter genaimter Sohn studirte in Paris, trat dann m den Cluuiacenserorden (Benedictiner) em und ward vom Papst Paschalis II.. am Anfänge des zwölften Jahrhunderts nach Rom zurückberufeu und zum Cärdmal ernannt. Als solcher erschien er 1119 auf dem Concil zu Rheims, wo er schon, von Gegnern und Neidern angefeindet, wegen fernes jndrscheu Aussehens verspottet uud Sohn eines Wucherers geschimpft wurde. Gegen seinen Charakter und sittliche Führung hatte man also nichts einzuweuden. Auch semem Ansehen uud Einstuß schadeten diese antisemitrschen Schimpfereien nicht; ihm vorzüglich hatte es der 1119 zum Papste gewählte Ealixt Ii. zu danken, daß er von den Römern ohne Widerstreben als solcher anerkannr wurde. Im Jahre 1121 ernannte der Papst oen Cardinal Peter Leonis, wie er jetzt genannt wurde, zum Legaten (mrt besonderen Vollmachten ausgestatteten, außerordentlichen Gesandten) für Frankreich, Großvrirannien und Irland, wohin er sich mir zahlreichem Gefolge begab. Besonders ehrenvoll wurde der Judenstämmlrng von König Hemrlch I. von England ausgenommen, unter dessen Regrerurlg die englischen Juoen ziemlich unangefeindet uuo im besten Einveruehnreu mit ihren christlichen Mitbürgern levteu. Auch scheinen die öffentlichen Predigten der Rabbiner nicht ohne Wirkung geblieoen zusein, denn die christlichen Geistlichen fanden sich veranlaßt, Gegenpredigten zu veranstalten. Da dies nicht half, nahm mau zu den gewöhnlichen Verleumdungen seine Zuflucht; aber erst unter der Regierung von Heinrichs Nachfolger trat man mit dein Märchen vom Christenblute in England, auf. Der päpstliche Legat hat wohl mit den Glaubensgenossen seines Großvarers nicht verkehrt; er blieb auch nicht lange in England. Wie es iym nach seiner Rückkehr nach Rom in den nächsten Jahren erging, wissen wir nicht, aberer scheint an Ansehen noch gewonnen zu haben und gehörte zu den auf die rwahl zum Papste am meisten Aussicht habenden Cardinälen. Natürlich fanden sich auch andere Leute, welche Papst werden wollten uud an Gegnern und Neidern fehlte es dem Peter Leonis nicht. Als Honorius 11., der Nachfolger Calixts, am 14. Februar 1180 starb, sollte nach vorgängigem Uebereinkommen der Cardinäle die Wahl des nenen Papstes in der Kirche des heiligen Markus statrfinden. Die Gegner Peters hielten sich aber nicht daran, verheimlichten den Tod des Honorius, versammelten sich, ihrer neunzehn, im Andreasklosier, wo er gestorben war und wählten im Geheimen und vor dem Begräbnisse des Honorius, was ganz gegen den Brauch war, den Cardinal Gregor zum Papste. Als die anderen Caroinäle den Tod des Papstes erfuhren, begaben sie sich dem Uebereinkommen gemäß in die Markuskirche und wählten, ihrer siebeuundzwauzig/ den Peter Leonis zum Papste, der den Flamen Anaclet IL annahm. Er hatte die Majorität der Wähler für sich, war am gehörigen Orte zu gehöriger Zeit gewählt worden und die Kirche hat seinen Gegner, der den Flamen Jnnocenz II. annahm, trotzdem als den rechtmäßigen Papst anerkannr l Er ist der rechtmäßig gewählte, obwohl, nur eine Minorität für ihn stimmte, sagten seine Anhänger, weit er zuerst gewählt wurde und weil diese Minorität aus den achtbarsten Cardinälen bestand. Und wieso wußte man, daß sie die achtbarsten waren? Weil sie für den rechtmäßigeu Papst stimmten. Da sie aber einsahen, daß solche Gründe zn fadenscheinig waren, führten sie als andere Argumente gegen Anaclet fein jüdisches Aussehen, seine Habsucht und Verschwendung und sein lüderliches Leben in der Jugend au. Bis auf das jüdische Aussehen konnte man Derartiges auch manch anderem Papst vorwerfen, dessen Rechtmäßigkeit trotzdem nicht bestritten wurde. Aber es scheint, daß diese Anschuldigungen Anaclets nur Verleumdung waren; denn sein