Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 606 Ar. Bloch's Wochenschrift. Nr. 86 »Wo ist Flora?" lautete die erste Frage deS Hausherrn. »Sie richtet nebenan im Speisezimmer Mes zurecht, Du weißt ja, daß fie sich auf keine Dienstboten verläßt, wo es sich um unsere Bequemlichkeit und unser Behagen handelt." »DaS gute Kind!" murmelte Rosenberg voll innerer Befriedigung. Die Herren legten ihre Ueberzieher ab und begaben sich inS Speisezimmer. Flora ging, ohne den Gast auch nur zu bemerken, auf Rosenberg zu, erfaßte dessen Hand, und selbe an ihre Lippen führend, sprach sie mit bewegter Stimme den an diesem Aberüre üblichen Wunsch aus. Mit väterlicher Innigkeit legte A^mtzerg seine Hände auf das Haupt der jungen Waise, sie mit Lew Priestersegen segnend und den Wunsch ausspcechend: »Der Ewige taffe Dich werden wie unsere Stammmütter Sarah, Ruka, Rachel und Leay." Dann trat er zum Tische, um Aadall zu machen. David und Füuca standen sich gegenüber. Wie ein Blitzstrahl war tag ErLesaen. Wie ein Blitzstrahl rasch, aber auch wie dreser lähmend wirkend. Keines Wortes mächtig, standen sich d«eB«vrn minutenlang gegenüber; keines von Beiden wollte das Schweigen brechen, wollte das Entzücken stören, welches sie im gegenseuigen Anjchauen empfanden. Wie mit einem Schlage wußten fie Beide, daß sie unzertrennlich zu einander gehörten, daß Mes, was sich zwischen sie gedrängt hatte, verschwinden müffe vor der MgewaU der geschwisterlichen Liebe. Flora hatte jahrelang auf den Moment gewartet, bis ihr Bruder, an dem sie mit allen Fasern ihres unenlweihten Herzens hing, wiederkehre und zu ihr sagte: »Da bin ich wieder l" Dieser Augenblick war nun gekommen. David war es keinen Moment eingefallen, daß es ja «gvMuh nicht seine Schwester ist, die er da mit keuscher ZättÄchkit an sein hochklopfendes Herz schloß. Aber die stille, hettige Glückseligkeit, welche er bei dieser Umarmung empfunden, war eine vollkommenere, als diejenige, die er bei den stürmischen leidenschaftlichen Umarmungen Laura's gefühlt hatte, er sah sich emporgehodeu aus dem Schlamme der Verworfenheit, in dem er tat jetzt gewatet, sah sich geläutert und geheiligt durch die Liebe dieses lernen, keuschen Wesens. Herr und Frau Rosenberg freuten sich herzlich darüber, daß der innigste Wunsch ihrer Flora in Erfüllung gegangen, necke» sie auch damit, daß fie am letzten Neujahrsfeste sehr andächttg gebetet haben müffe, wenn ihr der Abend des Versöhnungstages vre Erfüllung ihres höchsten Wunsches gebracht habe. Trotzdem das Rosenberg'sche Ehepaar so taktvoll und zartfianlg war, die so lange getrennten und wiedervereinigten Geschwister für den ganzen Abend sich selber zu überlaffen, indem sie sich, Ermüdung vorschützend, zeitiger als sonst in ihr Schlafzimmer zurückzogen, kam es zwischen den Beiden dennoch zu kemer Aussprache. Flora vermied es, dem Bruder von dem plötzlichen Tode Feibisch's zu erzählen; sie fürchtete, durch diese Trauerbotschaft einen Wermuthstropfen in den Freudenbecher ihres Wiedersehens zu bringen. Die Eröffnung, welche wiederum David hinausschob, war vou noch schwererer Bedeutung. Er sollte Flora eingestehen, daß er nicht ihr Bruder, daß er dem Blute nach eigentlich ein ganz Fremder zu ihr sei. Wie würde das schüchterne, arglose Mädchen diese Eröffnung aufnehmen? So waren die beiden stundenlang im süßen Geplauder geseffen, bis sich endlich David losriß und zum Weggehen rüstete. »Morgen, so Gott will, komme hieher, so besuchen wir dann gemeinschaftlich das Grab der Mutter" — Eltern wollte Flora sagen, besann sich aber noch rechtzeittg. Nach dieser Einladung, die Flora an ihn richte, verabschiedete sich David von seiner Schwester. Hell leuchtete der Mond am wolkenlosen Herbsthimmel. Die Wärme, ja Hitze des Octobertages war einer empfindlichen Nachtkühle gewichen. Die Gaffe war zu dieser späten Abendstunde menschenleer. Der Schall von David's Tritten auf dem trockenen unebenen Boden der Zudenstadt hallte fast unheimlich für den einsamen Wanderer. Kein Licht schimmerte durch eines der Fenster. Müde vom Fasten und Beten und dem Verweilen in dem menscheuüberMten, dunstigen Bethause hatten alle Bewohner der Gaffe bereits chr Lager aufgesucht. Selbst Diejenigen, welche sonst gar nicht zettig zu Bette gingen: die fleißige Näherin, der angestrengt arbeitende Handwerker, der emsig forschende Gelehrte — fie alle schienen schon friedlich zu schlafen. Die heutige Nacht war vollständiger Ruhe gewidmet. Die Leidenschaften, welche der heckige Bußetag zur Ruhe gebracht, waren noch nicht wieder ausgerüttelt Word«. Sie alle, die in diesen Häusern schlummerten, hatten heute chre Sünden bekannt und aufrichtige Reue bewiesen. Auf wie lange? Wer kann dies sagen? Der gebenedeite Jom Kippur soll noch kommen, der vollkommene Buße erwecket und die Sünde gänzlich aus der Welt, aus dem Herzen der Menschen schaffet. Alle hatten ihre Lagerstätte aufgesucht, nur er, der Fremde irrte noch ruhelos zwischen den im fahlen Mondeslicht gespensterhafr schimmernden Gebäuden umher. Er wird von jetzt an als Jude weiterleben, das hatte er sich heute während des Gottesdienstes und darauffolgendem Wiedersehens mit Flora fest vorgenommen. Aber war damit auch jeder Conflict beseitigt, der in seinem so bewegten Leben entstanden war? War damit auch das seltsame Berhältniß geklärt, welches zwischen ihm und Flora waltete? Müßte er nicht annehmen, daß sich dies zarte Kind scheu vor ihm zurückziehen werde, ohne ihm ferner ein freundliches, liebreiches Wort zuzuwenden, ihm, dem Fremden? Und er konnte ohne ihre Liebe ferner nicht mehr leben, er fühlte es. Die Liebe dieses anmulhigen, reinen Geschöpfes, dieser wahren Tochter seines Volkes, diese Liebe allein war im Stande, ihn die Irrwege, auf denen er bisher gewandelt, vergessen zu lassen und ihn ferner auf der ebenen Bahn der Pflichterfüllung gegen Gott und gegen seine Stammesbrüder zu leiten. Unter diesen Gedanken war David stundenlang umher-' gegangen. Der Mond war schon hinter die Berge versunken, rauh blies der Wind von den Stoppelfeldern drüben hieher. In dem Gasthofe, woselbst er abgestiegen war und Wohnung genommen hatte, waren alle Lichter verlöscht. Fröstelnd hüllte er sich in seinem Mantel, da es ziemlich lange dauerte, bevor er einen schlaftrunkenen Bediensteten herauspochte, der ihm das Thor zum Gasthose öffnete, damit er den Rest der Nacht, wenn auch nicht schlafend, so doch unter schützendem Dache zubringen könne. Tags darauf war Davids erster Weg zur alten Cheile. Er hätte seine mütterliche Freundin fast nicht wieder erkannt. War es die Last der Jahre, welche die Greisin so niedergebeugt hatte? Oder war.es noch die Nachwirkung des gestrigen Fasttages? David schalt sich im Geiste einen Undankbaren, daß er sich bisher so wenig um die arme Alte gekümmert hatte, welche doch von seiner Kindheit an ein solch' reges Interesse au seinem Schicksal bewiesen hätte. Auch Cheile hatte den Besucher nicht sofort erkannt, war aber um so freudiger überrascht, als er ihren Erinnerungen zu Hilfe gekommen war. Doch lewer — das . was er von ihr erfahren wollte, wußte sie selber nicht, nämlich den Namen und Wohnort seiner Mutter. Cheile hatte die bei sich verwahrten Briefschaften nicht gelesen; die Arme konnte ja Geschriebenes nicht lesen und jemand Fremden wollte sie in das Geheimniß der Schnorrerin und ihres Kindes nicht einweihen. Sie hatte ja bis jetzt nicht einmal gewußt, daß David nicht das wirkliche Kind Blimele's sei, und jetzt bei dieser Entdeckung entfuhr der guten Frau ein ums andere Mal der bedauernde Ausruf: »Arme Flora! Nebich ll) So war für David die letzte Hoffnung geschwunden, daß er jemals seine Mutter auffinden werde. Von Cheile ging er geradenwegs zu Rosenberg's, um Flora zu dem verabredeten Gräberbesuch abzuholen. Diese war schon bereit und erwartete ihn. War David das junge Mädchen schon Abends zuvor, wo sie matt und abgespannt vom fast 25stündigen Fasten war, gar reizend erschienen, so blendete ihn jetzt fast diese herrliche Gestatt, als sie ihm in dem netten Herbstanzuge mit vor Freude gerötheten Wangen und vor Jugendlust blitzenden Augen entgegentrat. Das war die Saronsrose, deren Lob der fromme Dichter in begeisterten Worten pries. Sie jetzt aufgeben zu müssen, dünkte, ihm den Verlust seines ganzen irdischen Glückes zu bedeuten. Und doch zitterte er vor einer Aussprache, vor der Wirkung, welche die unumgänglich nothwendige Enthüllung auf sie Hervorbringen werde. Er hatte ja nur einen einzigen Fürsprecher in der Welt. Die Worte in einer einst gelesenen neutestamentarischen Legende fielen ihm ein: »Wenn Menschen schweigen, werden Sterne reden!" Der stumme und doch so beredte Zeuge seines tteuen Herzens sollte für ihn sprechen: Der Stein auf dem Grabe ihrer Mutter, den er aus kindlicher Pietät gestiftet und damit gleichzeitig den Herzenswunsch Flora's erfüllt hatte. Die beiden jungen Leute schritten dem unweit hinter der Judenstadt sich erhebenden Gottesacker zu. Stolz blickte Flora bisweilen um sich, um zu erspähen, ob alle Vorübergehenden ') Bedauernswerth.