Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Vr. Lloch's »ochensthrM. Sette 59V auseinandergesetzt Die Anklage gegen die Socialdemokratie brauchen wir wahrlich nicht abzuwehren. Aber Eines muß man nach diesen Schilderungen constatiren Es sind Arier, Fleisch vom Fleische der Antisemiten, Glaubensgenossen des clericalen Blattes, welche als „verrohtes Volk" bezeichnet werden. Nun, wo ist denn der „sittliche" Einfluß des arischen Stammes, wenn er nicht auf die eigenen Kinder wirkt? Wo ist der ethische Erfolg der antisemitischen Bewegung, wenn die Zunahme der Verrohung in der Bevölkerung zeitlich und räumlich mit dem Steigen des Antisemitismus Hand in Hand geht, wenn die Verrohung in jener Stadt am stärksten ist. welche ganz in den Händen der Antisemiten liegt, in jenen Bezirken am intensivsten, welche die Hochburgen der Antisemiten sind? Sie haben sich ja auch gebrüstet, daß sie die Kirchen gefüllt haben — während die Brutalität triumphirend um sich greift. Wer ehrlichen Sinnes ist und ein klares Urtheil sich bewahrt hat, erkennt sofort, daß die Verrohung, wenn und wo sie vorhanden ist, ihren Ursprung nur in jenen Kreisen hat, welche durch ihr ganzes politisches, sociales und ethisches Verhalten bewiesen HÄen, daß sie auf die Erregung der niedrigsten Leidenschaften speculiren, daß sie die wildesten Jnstincte im Volke wachrufen, daß sie den niedrigsten Neigungen fröhnen. Sie haben das Volk aufgestachelt, seinen Fanatismus gereizt, confessionelle und nationale Leidenschaften geschürt, die Achtung vor dem Nebenmenschen aus den Herzen der Massen entwurzelt, nun klagen sie über Verrohung. Gracchi de seditione queereutes! Arische Mädchenhändler. Es ist eine bekannte Thatsache. daß die Scheusale, die mit lebendigem Menschenfleisch handeln, zu neun Zehntheilen aus Ariern bestehen und daß namentlich die Inhaber öffentlicher Häuser, Kuppler und Zutreiber fast durchwegs Christen sind Trotzdem spricht die antisemitische Preffe nur immer von „jüdischen Mädchenhändlern", und wo christliche Kuppler dem Arme des Gesetzes verfallen, werden sie flugs zu Juden gestempelt. Ein claffisches Beispiel bietet hiefür eine Notiz, die das „Deutsche Bolksblatt" am 23. August unter dem Sensationstitel : „Jüdische Mädchenhändler — Abermals ein verkauftes Christenmädchen" aus Prag brachte. Es wurde dort erzählt, daß die in der Prager Rabbinergaffe (!) wohnhafte 17jährige Tochter' des Maurers Franz Skalak von einem Handlungsgehilfen, Namens Ludwig Zita, der Kupplerin K r a t o ch w i l zugeführt und von dieser für 60 Kronen an die Inhaberin eines Ausfiger Lupanars Namens Franziska Petrni verkauft wurde. Das „Deutsche Bolksblatt" machte sämmtliche bei dieser schmutzigen Affaire betheiligten Personen zu Juden. Wir haben der Sache genauer nachgeforscht und Folgendes erfahren: Ludwig Zita ist der Sohn eines christlichen Vaters und einer jüdischen Mutter, geb. P o p o w s k i, die mit Ersterem seinerzeit eine Civilehe einging und ihren Sohn — leider! — in die jüdische Matrikel einü:agen ließ. Die beiden polizeilich bekannten Kupplerinnen, und zwar die P e t r t n a — nicht wie sie im „Deutschen Volksblatt" genannt wird Petrni — sowie die Kratochwil sind katholischer Confession, und Ludwig Zita soll zur PeMna in intimen Verhältnisse stehen. Uebrigensdürfte auch die angeblich entführte Skalak nicht so harmloser Natur sein, als das antisemitische Blatt glauben machen will, denn sie hätte sich sonst kaum an die polizeilich bekannte Kupplerin Kratochwil um einen „Dienstplatz" gewendet, die sich überdies noch bei den Eltern des Mädchens nach deren Verhältnissen erkundigte. Es sei noch bemerkt, daß die Prager Rabbinergaffe fast ausschließlich von christlichem Proletariat bewohnt ist und daß sich daselbst zwei von Christen unterhaltene öffentliche Häuser befinden. Bekenntniffe einer schönen Seele. In der „Deutschen Zeitung" schreibt ein Herr F. B. Günther Reiseberichte aus dem Salzkammergute. Der edle Arier vergönnt sich auf seinen Kreuz- und Querfahrten einen ganz eigenen Genuß. Er besteigt nicht die Alpenriesen, er bewundert nicht die Majestät der Gletscher, er erquickt sich nicht an dem saftigen Grü« der Matten und dem tiefen Blau der herrlichen Seen — er sucht im Thal und auf den Höhen nur nach Juden und schimpft über sie wie ein Rohrspatz. Im Angesichte des Dachstein-Gletschers, an dem wundervollen Alt-Auffeer-See saß er eines Tages mit zwei Gleichgesinnten und erwog in seiner treuen germanischen Brust die Frage, wie denn das Salzkammergut judenrein zu machen sei. Und ein zweiter des ehrsamen Kleeblattes gab darauf eine wahrhaft köstliche Antwort; eine Antwort, die den Biedersinn, den Idealismus, die Selbstlosigkeit unserer wackeren arischen Aelpler gar merkwürdig illustrirt. Die Judenreinheit, meinte der „Gleichgesinnte", sei nur dadurch zu erzielen, „daß man den Einwohnern von vornherein reichlichen und sicheren Ersatz für den Geldentgangsi) bieten könnte, den sie durch das Ausbleiben der Juden zu erleiden fürchten!" Und weiters setzte er mit erbaulicher Naivetät hinzu: „Mit politischer Aufklärung allein ist bei den Bauern des Salzkammergutes nichts auszurichten, zu ober st steht ihnen der Profit!" „Mit den Bauern", meinte er schließlich, „ist darob nicht allzu scharf ins Gericht zu gehen, an den wohlhabenden Städtern wäre es, durch praktischen Antisemitismus einen der prächtigsten Flecken deutschen Landes von fremden Schmarotzern zu säubern. Aber freilich — praktischer Antisemitismus! Aber ist der heute zu finden? Daß Gott erbarm!" Wieder einmal behauptet die „Deutsche Zeitung" den Record des dümmsten Blattes von Wien. Sie nennt die Juden „fremde Schmarotzer", obwohl der oberösterreickische Bauer durch ihr Ausbleiben den Entgang eines reichen Profits fürchtet. Der Bauer ist nun fteilich ein Simpel, aber auch bei den wohlbabenden Ariern aus der Stadt sieht es mit dem antisemitischen Oofermuth sehr windig aus. Wenn der Bauer auf den Profit schaut, so trägt dagegen der städtische Antisemit Bedenken, sich von seinem ländlichen Gefinnungsgenoffen die Haut über die Ohren ziehen zu lassen. So dumm ist nur der „ausbeuterische" Jude, der sein gutes Geld zu seinen schlimmsten Feinden trägt. Antisemitische Seelenvergifter. Wiederholt hat man in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, daß antisemitische Schurken unschuldige Kinder zu falschen Zeugenaussagen abrichten, um Juden ins Verderben zu stürzen. Die angeblichen „R'tualmord"-Fälle von Kolin, Smyrna und Kronstadt sind auf solche Lumpereien zurückmführen. Vor zwei Jahren wurde ein jüdischer Commis in Wessely a. L. von einem achtjährigen Mädchen fälschlich beschuldigt, daß er die Ladenthüre absperrte und ein unsittliches Attentat versuchte; vor einigen Monaten wurde in einer Sommerfrische bei Krakau eine ganze Judenfamilie auf die falschen Zeugenaussagen von Schulkinder hin wegen Gotteslästerung angeklagt. In all' diesen Fällen brachten die antisemitischen Blätter wohl die unwahren Aussagen, nicht aber die Mittheilung, daß die gerichtliche Untersuchung die Schuldlosigkeit der Betroffenen ergeben habe. Ein gleicher Fall hat sich vor wenigen Tagen in Carlsbad ereignet. Die 4'/,jährige Marie Schöttner aus Ottowitz war abgerichtet worden, den 60jährigen Curgast Aron Friedmann aus Warschau eines unsittlichen Attentates zu bezichtigen. Friedmann wurde verhaftet und sämmtliche antisemitische Blätter, allen voran selbstverständlich das „Deutsche Bolksblatt" und die „Deutsche Zeitung", fielen über den „Mischen Lüstling" her. Die gerichtliche Untersuchung förderte jedoch die volle Unschuld Friedmann's zutage, das Strafverfahren gegen denselben wurde eingestellt und Friedmann aus der Haft entlassen. Die antisemitische Preffe verschweigt diesen Ausgang der Affaire oder sie fälscht die Motive der Enthaftung, wie das „Deutsche Volksblatt", welches lediglich meldet, daß Friedmann nur „gegen Gelöbniß" auf fteien Fuß gesetzt wurde, die Einstellung des Strafverfahrens aber unterschlägt. Unser Strafgesetz bietet leider keine Handhabe, um die intellectuellen Urheber der vor der Oeffentlichkeit abgegebenen, falschen Zeugenaussage zu packen. Eine amüsante Episode. Der Photograph B. I. aus Fogaros, welcher trotz seiner christlichen Glaubensangehöriqkeit durch sein Exterieur einem Juden ähnlich zu sein scheint — dieser sonst brave Christ — reiste dieser Tage nach dem romantisch gelegenen Zerneft, um dort photographische Aufnahmen für Ansichtskarten zu machen. Die weisen Insassen der Ortschaft vermutheten in diesem unheimlichen Fremden, der mit seinem schwarz bedeckten Apparate herumzog — einen Juden vor sich zu haben, welcher behufs Auffangung von christlichen Kindern erschienen sei, die zur Einweihung irgend einer