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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-06 · 36 (6.9.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
36 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 r»r. Lisch s Wochenfchr^ä» Seite 597 schritt unentbehrlich ist. Die Entwicklung des Judenthums war einigermaßen gehemmt. Biblische und talmudische Studien wechselten mit einander ab. Als endlich die Mauern der Ghetti fielen, erwachte der alte Geist Israels, der nicht todt, sondern nur zu Schlaf verurtheilt gewesen — reif für die Assimilation — zu neuem Leben. Wie die lang unter dem Boden schlummernde Saat, geweckt von den befruchtenden Kräften der Natur, emporblüht, so lebte der jüdische Geist unter dem heilsamen Einflüsse des Friedens und der Freiheit wieder auf. Das alte talmudische Judenthum fühlte den kräftigen Hauch des neuen Lebens. Der Repräsentant und Prophet dieses Zeitalters ist Moses Mendelssohn, welcher philosophische Werke schrieb und das Judenthum mit dem herrschenden Rationalismus in Glaube und Lebensführung in Einklang zu bringen sich bemühte, dem Ghetto deutsche Cultur zuführend. Das größte und bedeutungsvollste Ereigniß in diesem Zeitalter ist das heroische Unternehmen Mendelssohn's, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Er erschloß den Juden neue Forschungspfade und brachte das Judenthum zu höherem Ansehen. Der Gesammtaspect des Volksthums Israels zeigt Spuren eines früheren Fetischismus, einer Naturanbetung und eines in Monotheismus übergehenden Polytheismus unter dem Einflüsse egyptischer, babylonischer und kanaanitischer. Religionen; ferner einen Prophetismus in Färbung persischer und griechischer Cultur, auslaufend in die drei Secten: der Pharisäer, Sadducäer und Essener. In neuerer Zeit machten sich unter dem europäischen Judenthum zwei Hauptrichtungen geltend, eine conservative und eine fortschrittliche, welche zur Bildung zweier Parteien führte, der Orthodoxen und der Reformpartei. In solcher Gestalt kam das Judenthum nach Amerika, wo das Gefühl für religiöse Freiheit und Toleranz die Grenzlinien zwischen beiden Secten zur schärferen Deutlichkeit entwickeln konnte. Orthodoxie und Refvrmpartei haben vor Jahren erfolglos um die Oberherrschaft gerungen, um schließlich die Ueberzeugung zu gewinnen, daß sie nebeneinander leben müssen, wirkend nicht im feindlichen Wettbewerbe, sondern im gemeinsamen Streben für die künftige Entwicklung des Judenthums. Keines von beiden verkörpert allein das Judenthum. Keines von beiden ist unabhängig vom andern. Keines von beiden ist für sich allein das Judenthum der Vergangenheit, keines für sich allein wird sein das Judenthum der Zukunft. Was ist nun daS Judenthum ohne diese historische Entwicklung? Was ist es ohne die heilige Schrift, den Talmud, den Midrasch Rabba, die Pesikta und den Tanchuma; was ohne Mischna Thora, den Moreh Nebukim, den Schulchan Aruch, Mendelssohns deutsche Bibel und die unzähligen jüdischen Schöpfungen auf dem Gebiete der Poesie, Philosophie und der Wissenschaft? Ohne diese kann eine abschließende Antwort auf die Frage: „Was ist Judenthum?" nicht gegeben werden. Diese ganze große Literatur, die Schatzkammer von Israels geistigem, religiösem, socialem und polnischem Leben innerhalb eines Zeitraumes von 3000 Jahren, war auf vielerlei Art mit Auflösung bedroht dadurch, daß sie den meisten Menschen, die nicht hebräisch verstanden, unverständlich, daß sie den Massen Israels und der übrigen Welt unzugänglich ist; daß sie wegwerfend wegen ihrer schlechten Darstellung behandelt wurde, sowie durch andere ähnliche Umstände. Während des letzten Jahrhunderts unternahmen es viele Gelehrte in Europa und Amerika, die veröffentlichten und unveröffentlichten Werke dieser alten und modernen jüdischen Literatur zu sammeln und so über alle Phasen des jüdischen Lebens Licht zu verbreiten, von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart, sie in wohlausgestatteten Bibliotheken zu erhalten, sie systematisch zu classificiren, wo es nöthig war, neue Commentare und Uebersetzungen u. s. w. anzufertigen, und so den Aufbau einer jüdischen Wissenschaft vorzubereiten. In der Liste jener modernen Gelehrten, welche Pfadfinder und Pionniere auf diesem unbetretenen Gebiete der Forschung waren, die Bibliotheken und Museen erforschten, Manuscripte und die Ueberreste der Vergangenheit entzifferten und auslegten, die letzten Resultate der Forschung prüften und überall mit kritischer Umsicht verfuhren, sind zu nennen: Zunz, Rapoport, Luzzatto, Reggio, Geiger, Steinschneider, Munk, Derenbourg, Frankel, Herzfeld. Sachs, Fürst, Jost, Cassel, Holdheim, Graetz, Lazarus, Steinthal und Jellinek; ferner von amerikanischen Gelehrten: Alexander Kohut, Marcus Jastrov und Isaak M. Wise. Das erfolgreiche Schaffen dieser Männer und anderer, welche noch an diesem Werke der Liebe arbeiten, ist von unendlichem Vortheile für dar Judenthum. Eins hat bei alledem noch gefehlt: eine Encyklopädie der ganzen Literatur, ein großes Sammelwerk, in welchem alles nur irgendwie zur Geschichte, Literatur, Ethik, Ceremonie, Ritual, Tradition, bürgerlicher und sanitärer Gesetzgebung Israels während der letzten 4000 Jahre in Beziehung Stehende, ebenso wie alle Daten über jüdischen Geist und jüdische Lebensführung zusammen mit den Hauptführern und Lehrern des alten und modernen Israel eine eigene wissenschaftliche Behandlung finden würden. Gar manch' ein großer Gelehrter hat an die Schaffung eines solch' großen Werkes gedacht; der erste Versuch datirt vom Jahre 1843; allein keiner konnte es zu einem erfolgreichen Ende weiterführen, da es ein großes Vermögen, umfassende Kenntnisse und ein organisatorisches Talent erforderte, Gaben, die sich nur selten in einer Person vereint finden. Endlich erschien der geeignete Zeitpunkt; und auch der Mann mit dem erforderlichen Wissen und der praktischen Tüchtigkeit, sowie das Verlagshaus, welches über die nöthigen Mittel verfügt, fanden sich ein. In Wahrheit hat Doctor Isidor Singer nach jahrelangem Suchen die Verlagsbuchhandlung Funk und Wagnalis gefunden, welche bereit war, das Werk zu übernehmen. In Amerika, in dieser Stadt (New-Iork), entstand die erste vollständige jüdische Encyklopädie, welche die Welt je gesehen. Es ist ein amerikanisches Product, das internationales Interesse besitzen wird; denn Hunderte von Gelehrten aus allen Ländern sind an seiner Ausführung thätig. Es ist ein Unternehmen, das dem Judenthum von großer Wohlthat sein wird, da es deu Antisemitismus entwaffnen und seine Argumente widerlegen und desgleichen die Jrrthümer berichtigen wird, in denen die Welt, die über Judenthum nie die reine Wahrheit erfahren hat, befangen ist. Die jüdische Encyklopädie ist nicht lediglich eine Sammlung von Alterthümern; sie ist eine wahre Vereinigung alter und moderner jüdischer Gedanken. Sie wird den Juden von heute das sein, was der Talmud und der Schulchan Aruch den Juden der alten Generation waren. Sie wird diese alten Bücher nicht ersetzen, aber sie wird viel von ihrem Inhalt verständlicher machen für Alle, die ihre Kenntnisse damit bereichern wollen. Sie wird neues Interesse für das Studium der jüdischen Geschichte und Literatur erwecken und eine Renaissance der jüdischen Wissenschaft in Amerika und Europa machrufen. Was die Septuaginta für die griechischen Juden, was die Vulgata für den Katholicismus, was Luther's Uebersetzung der Bibel und König James' Version, was Mendelssohn's Bibelübersetzung für die Juden des achtzehnten Jahrhunderts wirkte, das wird die jüdische Encyklopädie für das moderne Israel leisten. Sie wird die Ideen des Judenthums in engere Verbindung bringen mit den besten Ideen der Welt. Der technische und finanzielle Erfolg ist dem Unternehmen gesichert. Es erübrigt noch, seiner erziehlichen Bedeutung die möglichst weiteste Ausdehnung zu verschaffen. Jedes jüdische Haus muß ein Exemplar besitzen, aber das reicht noch lange nicht aus, um für Israel und die Welt den größtmöglichen Gewinn zu sichern. Diese Encyklopädie

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