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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-06 · 36 (6.9.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
36 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 696 o BwM S Sit. 36 kritischen Erörterungen herausfordern. Noch hat sich die Behauptung, der Dekalog sei die vollständigste Manifestation des jüdischen Geistes, zu unbedingter Geltung emporringen können. Wohl offenbart sich in den zehn Geboten das wahre Wesen der jüdischen Lehre, ohne daß sie es indessen erschöpfend zur Darstellung brächten. Der Gelehrte Schammai weigerte sich, und ich glaube mit Recht, den Heiden die Essenz des Judenthums zu lehren, während er auf einem Fuße stehe, indem er ihm dermaßen bildlich die Ueberzeugung beizubringen suchte, der reiche Gehalt des Judenthums könne nicht auf den knappen Ausdruck einer epigrammatischen Sentenz gebracht werden. Der weise Hillel aber, der mehr Entgegenkommen zeigte und dem Fragenden zur Antwort gab, das Wesentlichste des jüdischen Gesetzes sei in dem Ausspruche enthalten: „Was Du nicht willst, daß man Dir thu', das füg' auch keinem Andern zu", sieht sich genöthigt, hinzuzufügen: „Der Rest ist der Commentar, gehe hin und studire". In ähnlicher Weise müssen wir die Frage nach dem Wesen des Judenthums dahin beantworten, daß es zwar in erster Linie und vor Allem in der Liebe zu Gott und zur Menschheit bestehe, womit aber ein weiter und reicher Commentar in Verbindung stehe, ohne den diese Doctrin beinahe unverständlich sei und sich von anderen religiösen Doctrinen nicht unterscheiden lasse. Ihr, die ihr die Wahrheit suchet, gehet hin und lernet. Der Inhalt des Judenthums läßt sich nicht in einem Satze oder einer einzelnen Erklärung fixiren. Es ist keine Doctrin, kein Gesetz, kein Princip. Es ist eine Philosophie, beinahe eine Wissenschaft über das Universum, über seine Schöpfung, seine Regierung und seine Erhaltung. Es ist eine Philosophie über Welt- und Menschenleben. Judenthum ist nicht das Erzeugniß eines Geistes, es ist nicht das Product einer Stunde, nicht das plötzliche Auskeimen einer Pflanze ohne Knospe, Zweig oder Baum. Judenthum ist die Entwicklung religiöser Gedanken von der mystischen, abergläubischen Anbetung der Bäume und Steine, der Götzenbilder, der Naturerscheinungen zur erhabenen Erkenntniß eines geistigen Gottes, welcher der allmächtige Schöpfer, Gebieter und Erhalter des Weltalls ist. Wir wissen nicht, wie lange die Menschheit im Finsteren tappte; wie lange sie Donner und Blitz, Wind und Steine anbetete. In Abraham endlich regt sich ein höherer Geist, eine edlere Auffassung Gottes und der Menschheit, noch deutlicher in Isaak und Jakob, bis sich Moses und seinem Volke Jehovah in seiner Einheitlichkeit offenbart. Für Israel nahm Jehovah nunmehr die Stelle der alten Götzen ein, der Penaten und Hausgötter und der anderen Idole der Mythologie. Er ward ihnen Liebesgott wie Cupido, Kriegsgott wie Mars, Gott der Weisheit wie Minerva, der höchste und erhabenste Gott wie Jupiter. Er theilte die Wasser des Rothen Meeres, befreite Israel vom Joche der Sclaverei, trug es auf Adlerschwingen zum Sinai, sprach zu ihm durch Donner und Blitz und gab ihnen sein Gesetz. Er befahl ihnen, sich zu seiner Heiligkeit zu erheben, er wies ihnen den Pfad der Treue und Gerechtigkeit, der Liebe und der Gnade, er zeigte ihnen, wie sie ihr Denken, ihr Fühlen und Handeln adeln und heiligen konnten. So wurde Jehovah für Israel der Mittelpunkt seines täglichen Lebens und regelte die wechselseitigen Beziehungen seiner Mitglieder; bestimmte ihre Nahrung, Bekleidung, Arbeits- und Ruhezeit, sowie ihr religiöses Verhalten. Er war Herr über ihr religiöses, bürgerliches, häusliches und sociales Leben. Er nahm den Platz der alten Orakel ein und gab Rath über Krieg und Frieden durch Urim und Thummin. Er verkörperte die Vorsehung des Volkes, belohnte die Gerechten und strafte die Bösen. Er war Richter und Gesetzgeber, er war König der Könige So entwickelte das Judenthum während der langen Jahre seiner nationalen Selbstständigkeit ein vollständiges theologisches System, eine ethische, bürgerliche und sanitäre Gesetzgebung, wie sie in dem heiligen Schristthum vorliegen. Von größter Bedeutung für die Entwicklung des Judenthums war der Einfluß, den der griechische Geist auf seine Cultur gewann. Neue Lebensverhältnisse wirkten verändernd auf das religiöse und sociale Leben ein, das sich den Umständen gemäß modificirte. Der Hellenismus mit seinem Stich ins Abendländische, mit seinen eigenthümlichen Lebensformen, mit seiner bildnerischen Kraft verstümmelte die alten Ideale von Israels Religion. Der Conflict zwischen dem Alten und Neuen führte zu heftigen Kämpfen und endete mit der Sectenbildung der Sadducäer, Pharisäer und Essener, alle untereinander verschieden, aber alle an den Fundamentalsätzen des Judenthums gleich festhaltend. Die Geschicke einer einzigen Secte zu verfolgen und ihre Religion Judenthum zu nennen, diese Einseitigkeit würde der Geschichte und der Entwicklung des jüdischen Geisteslebens nicht gerecht werden. Mit dem Sturze Jerusalems, der bald darauf erfolgte, schwand Alles, was vom alten nationalen CultuS geblieben war, der Altar, der Opfercult^ und die priesterlichen Functionen. Israel zerstreute sich über die ganze Erde, namentlich über den Orient, errichtete Synagogen, Schulen und Akademien mit einem neuen Mittelpunkt in Babylon. Den nationalen Staat überdauerte die Religion und der Eifer für das Gesetz. ES folgte eine Periode der geistigen Wiedergeburt. Die Rabbinen und Schristgelehrten sammelten die Gesetze und Traditionen, die die religiösen Sitten, Gebräuche und Riten behandelten, lehrten, was noch in der Erinnerung und dem prattischen Leben sich bewährt hatte, und codificirten es. Eine Auslegungsmethode wurde aufgestellt, vermittelst deren jede neue Jnstitutton, jedes Gesetz, jede Ceremonie aus das Schriftthum gestützt werden konnte, um dessen Autorität intact zn erhalten. Viele Monographien und Bücher über Theologie, ethische und bürgerliche Gesetze wurden verfaßt. Eine mächtige Begeisterung für die Erforschung, Auslegung und Erhaltung des Gesetzes lebte im Volke aus, gipfelte im Talmud, der eine andere Gattung heiliger Schriften für Israel wurde. Kein Gesetz wurde geduldet, keine Philosophie oder Religion zugelassen, sie wären denn in Bibel und Talmud enthalten gewesen. Gleichwohl erlitt der Fortschritt keine Unterbrechung. Im gleichen Maße, als die Juden sich dem Studium der griechischen Philosophie und Literatur widmeten, fühlten sie sich zur arabischen Wissenschaft, Philosophie und Dichtkunst hingezogen. Während jedoch die jüdischen Gelehrten im Osten wegen ihrer Hingabe an esoterische Studien und an ftemde Cultur verfolgt wurden, fanden ihre Forschungen einen günstigern Boden im Westen, namentlich in Spanien und Frankreich. Hier entstand eine Sammelstätte für jüdischarabische, oder besser jüdisch-griechisch-arabische Theologen, Dichter, Philosophen und Forscher, denen Bibel und Talmud allerdings heilig waren, jedoch nicht Gegenstand eines blinden Fetischismus. In dieser Schaar glänzender Geister war Maimonides der hervorragendste, indem er den Pfad der Irrenden zu erleuchten suchte mit seinem „Moreh Nebukim", welcher den jüdischen Glauben mit der Vernunft in Einklang zu bringen trachtete. Dieses Buch und andere ähnlicher Art gaben dem jüdischen Geiste neue Impulse. Ueberall entstanden Commentare zu Bibel und Talmud, aber auch auf anderen Gebieten schuf der jüdische Geist Originalwerke, so in der Medicin, in der Astronomie, in der Philosophie und in der Poesie. Es war eine Periode der Renaissance jüdischer Forschung, in welcher Vernunft und Glaube, Tradition und Fortschritt, Rationalismus und kabbalistischer Mysticismus zur Vereinigung, kamen. Diese goldene Aera des Friedens und der geistigen Wiedergeburt in Israel sollte nicht von Bestand sein. Die spanische. Inquisition brachte neue Verfolgungen über Europa, mit Ausnahme des fteien und hochcultivirten Holland. Die Juden wurden in Ghetti eingeschlvssen und so von jeder Berührung mit der Welt abgeschnitten, die für jeden Fort-

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