Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Date
- 1901-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 Br. Vwch's Wochenschrift Gelte 595 Sorgfalt darüber wacht, daß nicht politische Strömungen welcher Art immer Einfluß auf dasselbe gewinnen. Die Zionistenführer in Wien haben nämlich — wie auch die „Oesterreichische Wochenschrift" vor Monaten des Ausführlicheren hierüber zu berichten wußte — mit eins das unsereinem ganz unverständliche Verlangen empfunden, im Curatorium der Baron Hirsch-Schulstiftung Sitz und Stimme zu erlangen, um an dem Stiftungswerk Mitwirken zu können. Unserem beschränkten Unterthanenverstand nun will ein solches Begehren noch weit widersinniger erscheinen, als wenn etwa der ultramontane Clericalismus Plötzlich das Bedürfniß empfinden würde, ein Bündniß mit dem radicalsten Liberalismus einzugehen, um dessen Ziele zu fördern. Zionismus und Stiftungsschulen schließen einander völlig aus, sind entgegengesetzte Pole. Das Programm und die Existenz des Zionismus sind: Bekämpfung aller Assimilation us^us aä ün6m, daher denn auch der laute Abscheu, welchen die zionistischen Organe unaufhörlich gegen jede Art Assimilation kundgeben; die Losung der Stiftungsschule aber ist: Assimilation! Wir verstanden es also gar wohl, wenn die Zionisten in ihren Organen das Stiftungswerk ebenso wüthend bekämpften, wie es die Antisemiten, die grimmigsten Gegner der Assimilationsbestrebungen der Juden, thun. Daß aber die Zionisten an diesem im Sinne der Assimilation wirkenden Stiftungswerke gleichwohl theilnehmen wollen, das ist, was wir nie und nimmer verstehen werden. Der Zionismus, welcher die Assimilirung propagirt, ist ebenso ein Unding, wie die Stiftungsschule, welche zionistisch gerichtet ist. Das sieht Jeder, der nicht blind sein will. Daß aber die Zionisten hoffen dürften, die Stistungsschulen jemals im Sinne des Zionismus beeinflussen zu können, das ist ein Ding der Unmöglichkeit und daran glauben sie selbst nicht. Denn da hat der Stifter für alle Zukunft einen Riegel vorgeschoben, indem er von vornherein in präcisester, jeden Zweifel und jede Mißdeutung ausschließender Form erklärte, daß sein Culturwerk die ausschließliche Bestimmung habe, die verwahrloste jüdische Jugend in Galizien zu assimiliren und einem menschenwürdigen Dasein zuzuführen. Diesen festen und unabänderlichen Willen hat er in seinen Memoranden an die hohe Regierung, in seinem Stiftbrief, in den Statuten der Stiftung zum entschiedensten Ausdruck gebracht, hat er dem Curatorium wiederholt in eigens zu diesem Zwecke einberufenen Sitzungen des Ausführlichen in eindringlichster Form kundgegeben und commentirt. Diesen Willen zu respectiren, den Intentionen des Stifters mit peinlichster Gewissenhaftigkeit in allen Stücken nachzukommen, haben die Curatoren „für sich und ihre Nachfolger" feierlich gelobt, und kommt es auch keinem Einzigen unter ihnen in den Sinn, diesem Gelöbniß jemals die Treue zu brechen. , Man kann nun über die Absichten und die Tendenz, welche Baron Hirsch mit seiner Stiftung verfolgte, verschiedener Meinung sein, man mag sie sogar, wie es die Zionisten thun, als schädlich und verdammenswerth halten; aber Niemand auf dieser Welt hat das Recht, sie umzustoßen oder zu verfälschen. Wer sie mißbilligt, der mag sich von der Stiftung fern halten, mag sie anfeinden und bekämpfen; aber nimmer darf er hoffen, ihre Ziele trüben, ihre Tendenz verwischen und ihr ein anderes Gepräge aufdrücken zu können. Wie jedoch die Herren Zionistenführer darüber denken, das mögen sie mit sich und ihrem Gewissen ausmachen, uns geht das weiter nichts an. Thatsache aber ist, daß sie plötzlich eine ungestüme Sehnsucht an den Tag legten, ein Mandat im Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung zu erlangen, und — weiß der Himmel, wie das kam — mit diesem sehnsüchtigen Verlangen einem gewissen, geneigten Entgegenkommen begegneten. Die Nachricht von diesen Vorgängen erfuhr Herr v. Gniewosz. der damals schwer krank darniederlag, aus den jüdischen Journalen, die er seit jeher mit großer Aufmerksamkeit liest, und von seinem Siechenlager aus erhob er sofort die eindringlichsten Mahnrufe. Nun sehe ich mich genöthigt, um des Mannes Charakter, sein Wesen und sein Dichten im richtigen Lichte zeigen zu können, ein kleines Geheimniß zu verrathen: Herr v. Gniewosz hegt ein starkes Faible für den Zionismus, er bewahrt demselben seit Anbeginn warme Sympathien. Herr v. Gniewosz ist mitnichten Philosemit im vulgären Sinn — er wird mir in seiner großen Wahrheitsliebe diese Offenheit verzeihen — er kennt, wie kaum ein Anderer, die Juden, ihre Vorzüge und Fehler und hat es stets aus das Tiefste beklagt, daß sie, zumal ihre „Führer", indolent, alle Schmach, ohne sich aufzubäumen, ertragen, wenig edles Selbstbewußtsein und Mannesmuth bekunden, kurz, widerstandslos allen Unglimpf über sich ergehen lassen. — Im Zionismus nun glaubte er neues Leben aus den Ruinen emporblühen zu sehen. Von ihm, der sich reckte und streckte, erwartete er Erstarkung der Charaktere, das Erwachen einer kräftigen Abwehr nach Außen, die sich nicht im kleinlichen Geplänkel gegen schwächliche und absterbende Marodeurparteien im Innern zersplittert und erschöpft. Und dieser Zionistenfreund Gniewosz erhob — wie ehemals der Pole Gniewosz gegen die Geltendmachung polnisch-chauvinistischer Einflüsse — jetzt gegen das Hineinspielen zionistischer Tendenzen in das galizische Culturwerk eindringlichsten Protest! Und als sein Warnungsruf ungehört verhallte, da legte er, der Präsident-Stellvertreter des Curatoriums, sein Mandat als Curator der Stiftung nieder. Seine Collegen im Curatorium wußten gar wohl, was sie thaten, da sie alle erdenklichen Anstrengungen machten, Herrn v. Gniewosz der Stiftung zu erhalten, und es gelang dies ihnen nur dadurch, daß sie ihm hoch und feierlich versicherten und auch dafür alle Garantien boten, nie und nimmer dulden zu wollen, daß das galizische Culturwerk in einem andern als im Sinne des verewigten Stifters geleitet werde. Herr v. Gniewosz wurde während der letzten Jahre in seiner Familie von schweren Mißgeschicken heimgesucht. Vor Jahresfrist starb ihm feine treue, chm congeniale Lebensgefährtin, seine innigstgeliebte Gattin. Er selbst verfiel in eine lebensgefährliche langwierige Krankheit. Als ich ihn die letztenmale im Mai dieses Jahres besuchte, fand ich ihn auf dem Wege vollständiger Genesung. Sein Geist war frisch und sprühend, sein Humor erquickend wie ehedem. Mögen ihm beide und er uns noch lange in vollster Gesundheit erhalten bleiben! Er gehört zu jenen Frommen, von denen der Psalmist preist: „Noch blühen sie im spätesten Alter." M. Friedländer. Traunkirchen, den 2. September 1901. Va» Wiederaufleben der jüdischen Wissenschaft in Amerika. Vortrag von Rev. Dr. Josef Silvermann» Präsident der Centralconferenz der amerikanischen Rabbiner» gehalten ini Tempel Lmann-Ll, New-Iork. Ins Deutsche übersetzt von Frau Helene Rotter. Die Frage nach dem Wesen des Judenthums ist oft aufgeworfen und ebenso oft mangelhaft und halb beantwortet worden. Eine abschließende und erschöpfende Antwort wird man nicht geben können. Sagt man, das Judenthum sei der Glaube an die Einheit Gottes, so ist dies nur zur Hälfte wahr und irreführend. Während der Mcnotheismus die eigentliche Grundlage unserer Religion ist, würde die Jdentificirung von Judenthum und Monotheismus zu ernsten