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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-09-06 · 36 (6.9.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
36 (6.9.1901)
Date
1901-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 694 Nr. 36 Vr. Vloch's Wmtzrnlchrilr. geradezu elektrisireud auf den Bauer. Er stutzte, horchte auf, ließ vor lauter Ueberraschung die Zügel fallen und maß mich jetzt von unten bis oben. „Ob ich Herrn Gniewosz kenne?" erwiderte er Lu einem Tone, der wie ein Vorwurs klang, „ich sollte Herrn Gniewosz-Olexow nicht kennen! Und der Herr, was weiß er von Herrn Gniewosz"? „O ich weiß viel von chm", antwortete ich lachend, „vielleicht mehr als Ihr, da ich das Glück genieße, sehr oft mit ihm zusammenzukommen. Ich liebe und verehre ihn uno habe ihm erst vor wenigen Tagen, vor meiner Abreise von daheim, warm die Hand gedrückt". Die Augen des Bauers leuchteten. Bald aber kamen chm wieder Zweifel, ob ich die Wahrheit spreche, und er maß mich eine Weile mit mißtrauischem Blicke; er mochte nicht gern von dem ersten besten vorwitzigen Menschen zum Besten gehalten werden. Erst als ich ihm des Ausführlicheren über Herrn von Gniewosz, über den Verkehr mit ihm im öffentlichen, privaten und häuslichen Leben erzählte, und chm manchen charakteristischen Zug zum Besten gab, da fing er au, mir Glauben zu schenken, und nun war des Jubels kein Ende. — Nie werde ich den herzinnigen Ton vergessen, den er in seine wiederholten Ausrufe: Gniewosz! Gniewosz! legte. Unbegrenzte, an schwärmerische Anbetung streifende Verehrung sprach sich darin aus. Es gab Augenblicke, wo ich mich aufs Tiefste ergriffen fühlte von des Bauers begeisterten, so ursprünglich hervorquillenden Lobeshymnen auf Gniewosz. Da hörte ich, was ich schon längst wußte, welch' ein großes Herz Herr v. Gniewosz besitze, wie er ein Vater aller Schwerbeladenen und Bedrückten, wie Jeder, auch der Geringste im Volke, welcher Nationalität und Confessron er immer angehören mag, wenn kr, Unrecht zu erdulden oder Verfolgungen ausgesetzt, sich nur an Herrn v. Gniewosz in Wien wende — und niemals vergeblich. Unter solchen Reden fuhren wir in den Bauernhof ein. Der Bauer sprang vom Wagen, rief Weib und Kind und selbst die im nahen Feld beschäftigten Knechte herbei und stellte mich ihnen als einen Freund des Herrn Eduard von Guiewosz-Olexow vor. Nun ward ein Jmblß improvisirt — mir sehr willkommen, da tagsvorher Schmalhans Küchenmeister bei mir war und ich darauf die Nacht im Coup6 nüchtern verbrachte. Das Beste, was in Küche und Keller vorhanden war, wurde herüergebracht: Milch, Butter, Eier, vom Garten frische gepflückte Rettiche und last not least, ein ehrlicher Schnaps. Die ganze Familie umstand mich, während ich aß. in achtungsvoller Entfernung und war nicht zu bewegen, neben mir an dem Tische Platz zu nehmen. Nachdem ich gegessen und ausgeruht hatte, erhob ich mich, nahm herzlichen Abschied, um die Fußwanderung nach Obertyn anzutreten. Schmunzelnd begleitete mich der Bauer auf den Hof. Eme angenehme Ueberraschung erwartete mich hier. Der Bauer hatte nämlich inzwischen den besten Wagen, den er befaß, anspauuen lassen. Er hieß mich eiusteigeu, setzte sich ohne jedes einleitende Wort auf den Bock und fuhr mich nach Ch. und von dort wieder zurück nach der Station Korzüw, es als den schönsten Lohn bettachtend, mich den ganzen Weg über Herrn von Gniewosz unterhalten und über seine jetzige Lebensweise und sein Befinden ausfragen zu dürfen. So klaug das Lied vom braven Mann. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Jubilar als Politiker, Staatsmann, Würdenträger u. s. w. zu würdigen. Wir wollen hier nur seiner großen Verdienste um em einzigartiges, eminent jüdisches Hilsswerk andeutungsweise gedenken — für eine volle Würdigung ist der Augenblick noch nicht gekommen. Als Baron Hirsch, nachdem er über die trostlose Lage der Juden in Galizien und über die Ursachen derselben eingehend unterrichtet war, daran ging, seine Schulstistung zu creireu, da stellte sich vor Allem die Nothwendigkeit heraus, ein mit deu galizischen Laudesverhältnissen vertrautes Vorberathuugs- und Vorbereitungs-Comite in Wien zu bilden, welches die erforderlichen Pläne und Statuten entwerfen sollte. Es war ein wahres Glück für das fromme Beginnen, daß hiebei der erste Blick — wie konnte. es auch anders sein — auf Herrn von Gniewosz siel. Er war von da ab der leitende Geist dieser unter so außerordentlichen Schwierigkeiten ins Leven ttetenden, unter so ungünstigen Verhältnissen reifenden Schöpfung. Kaum war die Absicht des Herrn von Hirsch ruchbar, als auch schon in Lemberg Notablenversammlungen, bestehend aus den leitenden Polittkern jüdischer und christlicher Confession, einberufen wurden, welche aus eigener Initiative über das geplante Stiftungswerk beriechen und als eine eouäitio sine Ma uou erklärten: dasselbe könne nur daun prosperircn, wenn die Centrale der Verwaltung sich im Lande selbst befinde, alle Executive und Initiative vom Lande selbst ausgehe. Diese gleichzeitig von deu Journalen des Landes in allen Tonarten vartirten Wünsche und Winke würben Herrn von Hirsch in einem weitläufigen Memorandum zur Kenutniß gebracht und die Erklärung beigesügt, daß man sich gern im Lande von den maßgebendsten Stellen aus dem Stiftungswerke zur Verfügung stellen wolle. Herr v. Gniewosz erkannte die große Gefahr, welche der Schulstiftung drohte, wenn sie politischen Strömungen und Agitationen ausgefetzt würde; er, der Pole pur excellence, der unvergleichliche polnische Patriot, er erhob seine warnende Stimme, unbekümmert um die ihm drohende Verketzerung. Herr v. Hirsch, von Anbeginn überzeugt, war nicht schwer zu überzeugen; die Ansicht Gniewosz's blieb siegreich. Der Conflict begann, die Verhandlungen geriethen stark ins Stocken und füllten scheitern. Da jedoch Niemand von den Herren in Wien die Verantwortung für das Scheitern und für den schweren Verlust, welchen die Judenschaft Galiziens und das Land selbst erleiden würde, wenn Herr v. Hirsch, wie sicher zu befürchten stand, seinen Plan für Galizien vollständig fallen ließe, ttagen wollte, so zwang man sich, um die Stiftung zu retten, zu Concesstonen. Und mit diesen Concesiionen war der Keim zu ewigen Conflicten, endlosen Schädigungen, Störungen und jede fruchtbringende Arbeit lahmlegenden Hemmungen in das Stiftungswerk gelegt. Die Verwaltung und Executive bekamen nämlich eine dualistische Färbung, welche in der Theorie allerdings sich ganz harmlos ausnahm, in der Praxis aber eine überraschend bedenkliche Gestalt annahm. Die Stiftung trat ins Leben, und mit ihr die Competenzstreitigkeiten. Da war des Zankes zwischen der Majorität des Curatormms und den Comites, welch' letztere von den Parteijournalen gar übereifrig secundirt wurden, kein Ende. Feindseligkeiten drinnen, Feindseligkeiten draußen: xeoeatur iutra 6t extra muros. Nur mühselig, ächzend und stöhnend bewegte sich die Verwaltungsmaschine vorwärts, jeden Augenblick zu bersten drohend. Darüber gingen Jahre hinweg. Erbitterung und Verbitterung hüben und drüben, dazwischen das donnernde Huos ego! des tief entrüsteten und grollenden Stifters. Hierauf ein unheimlicher Ruck — und das Stiftungsschiff war, krachend in allen Fugen, auf eine Sandbank gerathen. In diesem Augenblick höchster Gefahr war es wieder der bewährte Führer Eduard v. Gniewosz, welcher seine Person exponirte und das schier verlorene Fahrzeug wieder flott machen half. So ging's fort und durch alle Krisen und Fährnisse bewährte sich' Gniewosz als muthiger, weitausblickender Steuermann. Und wenn endlich die Schulstiftung — soweit es die vorhandenen Mittel nur gestatteten — ausgebaut und zu heutiger Blüte gebracht werden konnte, so war es nicht zum geringsten Theil das Verdienst Eduard v. Gniewosz's, welches aber erst dann voll und ganz wird gewürdigt werden können, wenn dereinst das Archiv der Baron Hirsch-Stiftung zur Jllustrirung zeitgeschichtlicher Vorgänge verwerthet werden wird. — Aber noch in der jüngsten Zeit hat Herr v. Gniewosz gezeigt, wie sehr ihm das Gedeihen dieses galizischen Culturwerkes am Herzen liege, wie er unausgesetzt mit ängstlicher

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