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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Date
1901-08-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 688 Dr. Bloch's WvchrafchrifL) Rr. 35 die »Svtiy k 8v6mu«-Hetze in der constituirenden Versammlung der „Czechischen national-ökonomischen Gesellschaft" in Prag, welche nach den Intentionen der nationalen Antisemiten, unter Vorsitz des Landesausschuß-Beisitzers Ad am e k, Dr. Fo r s ch t und Dr. Schileni, eigentlich nur jur Lahmlegung des jüdischen Handels und der jüdischen Industrie inBöhmen, Mähren und Schlesien gegründet wurde. In der Debatte, an welcher damals auch der bekannte Prager Großindustrielle B o n d y theilnahm, ward freilich das Wort „Juden" diplomatisch vermieden, aber nichtsdestoweniger griff Kaizl als Profeffor der National-Oekonomie an der czechischen Universität sofort die eigentliche Tendenz aller judenfeindlichen Aeußerungen aufrichtig und ohne Umschweife auf, indem er der Versammlung kernig und bündig die Frage vorlegte: „Oekononismus — oder Nationalismus?" Haben wir Czech en auch die nöthige wirthschaftliche Kraft, um das einseitige Schlagwort ,8vüj k sv6mul“ auch wirklich durchzusetzen — ohne schwere Schädigung unserer eigenen Existenz?!" K a i z l's haarscharfer Gegenbeweis, mit ungewöhnlichem Nachdrucke, in seiner gewohnten, ätzend kritischen Polemik geführt, wirkte wie ein kalter Wafferstrahl auf die überhitzten Köpfe der zahlreichen Zuhörer und trug sicher nicht wenig zu ihrer Ernüchterung bei. Wenigstens schuf K a i z l's furchtloses Einstehen für die reine wissenschaftliche Wahrheit gegen die wüsten Hetzreden gewissenloser Agitatoren und seichter „national-akademischer" Dilettanten fortan genügenden Raum für die jüngere akademische Generation, welche seitdem in Dr.Gruber's „Nationalökonomischer Rundschau" vernünftigere Richtungen einschlagen konnte und dem gerade für ein kleines Volk, wie die Czechen es sind, todtschädlichen Chauvinismus in wirthschaftlichen Fragen erfolgreich entsagte. Als Mini st er war Kaizl gegen die j ü d i s ch e n Beamten seines Refforts von seltener Gerechtigkeit und gewissenhafter Unparteilichkeit. Für ihn waren nur Begabung, Fleiß und Charakter maßgebend. Bekannt find auch K a i z l's freundschaftliche persönliche Beziehungen zu seinem ehemaligen Collegen Hofrath Zucker, Professor des Strafrechtes an der Prager czechischen Universität, und sein intimer Verkehr mit den namhaften Vertretern der Wiener und ausländischen Presse, unter denen bekanntlich mehrere Juden, so besonders der Redakteur der „Näroänl Listy", kaiserl. Rath PenlLek, zu Kaizl's häufigen Gästen zählten. Ueber Kaizl's Verhältniß zu den Juden in B ö h m e n in seinem Privatleben, namentlich aus den letzten Jahren, wo ec seinen Landaufenthalt in dem judenreichen Südböhmen genommen batte, werden uns von wohl informirter Seite sehr charakteristische Züge verbürgt, welche schon wegen ihrer Seltenheit in Kaizl's nationaler Umgebung festgehalten zu werden verdienen. Kaizl nahm vor einigen Jahren seinen Landaufenthalt in M i s k o w i tz bei S o b i e s l a u, im politischen Bezirke Tabor, wo er das unbewohnte Schloß der Graf Eugen W r a t i s l a w'schen Erben mit Jagdgründen miethete, um auf diesem idyllisch ruhigen Sommersitze gänzlich ungestört seiner Erholung zu leben und seinem Lieblingssport, der Jagd, nachzugehen. Miskowitz ist eine der ältesten jüdischen Landgemeinden Böhmens, hat einen sehr alten Friedhof und Synagoge, und besaß bis vor Kurzem eine der bekanntesten jüdischen Volksschulen, an welcher ausgezeichnete Lehrer, wie der nachmalige Kreisrabbiner Schiffmann, Rabbiner M. K o r n f e l d und Moses Koretz verdienstvoll gewirkt halten. Eine ganze Reihe vortrefflicher Männer, welche heute als Staatsbeamte, Aerzte, Advocaten, Techniker, Professoren, Schriftsteller. Industrielle und Kaufleute die angesehensten Stellungen in der ganzen Monarchie einnehmen, haben die Miskowitzer jüdische Schule besucht und auch namhafte ch r i st l i ch e Gelehrte, wie der Profeffor der Mathematik an der czechischen Universität, Hofrath Dr. Franz Ltudniczka, Prof. W. Machou, Dechant P. Emmer in HoraLdiowttz, Pfarrer P. Buschek in Zultschi u. A. m. werden heute noch der gediegenen jüdischen Lehrer von Miskowitz lobend gedenken. Bis zum Jahre 1880 hatte die bekannte Fabriks- Firma M. FischUs Söhne ihre große Spiritusraffinerie in M i s k o w i tz. von wo der eigentliche Weltruf dieses österreichischen Großhandlungshauses stammt, da die Begründer desselben, die Brüder David, Jacob, Josef und Samuel Fischl, geborene Miskowitzer waren. Ehe die Spiritusraffinerie von M. Fi sch l's Söhne von M i s k o w i tz nach Prag. Wessely und L a s ch i tz verlegt wurde, beschäftigte dieser Fabrikszweig in M i s k o w i tz zahlreiche Arbeiter, Fuhrleute, Angestellte und Beamte; die einheimischen Bauern, sowie Frächter aus der ganzen Umgebung verdienten hier recht viel Geld und die jüdischen Fabriksbesitzer waren freigebige Wohlthäter ihres Geburtsortes, machten denselben durch ihre Fürsorge zu einen gesuchten Verkehrspunkte des südböhmischen Handels. Die großen Steuerbeiträge der Firma M. Fisch l's Söhne sicherten der Ortsgemeinde eine geordnete Verwaltung, entlasteten die Bauern und Kleinhäusler, das Dorf erhielt über Einschreiten der jüdischen Fabrikanten schon damals sein Postamt und erfreute sich unter der umsichtigen Leitung und ehrlichen Amtsführung eines jüdischen Gemeindevorstehers eines ziemlichen Wohlstandes. Mit dem Ankäufe der Fisch l'schen Fabrik und Realitäten durch die Graf W r a t i s l a w's ch e Vormundschaft unter einem Bruder des ehemaligen Königgrätzer Bischofs Hais änderten sich jedoch alle diese Verhältnisse sehr zum Nachtheile der Miskowitzer Ortsinsassen. Günstlinge des Wirthschaftsrathes Hais hausten als Gutsverwalter rücksichtslos in M i s k o w i tz und etablirten eine Regime voller Gewaltthätigkeiten und Processe, nahmen der Schule und Kirche in Miskowitz-Janow ihren Nutzgenuß von Aeckern mit Brachialgewalt ab, und der unter den jüdischen Spiritusfabrikanten einst wohlhabende Ort verfiel unter der „frommen" Hais'schen Mißwirtschaft in klägliche A r m u t h, die Bauern wohnten mehr beim Bezirksgericht in S o b i e s l a u und beim Kreisgericht in Tabor als daheim, und während der jüdische Postmeister El. Weil früher fast 20 Jahre hindurch als Ortsvorsteher ein M u st e r v o n G emeindeverwaltung gewesen war und dafür vielfache amtliche Belobungen der Vorgesetzten Behörden erhalten hatte, mußte der Bauer K . . . Haus und Felder verlassen und von der Gemeindestube direct in jahrelange Kerkerhaft wandern, weil er sich an fremdem Gute vergriffen hatte. Als Dr. Kaizl nach Mis ko Witz kam, ließ er sich nach und nach alle diese Verhältnisse der Vergangenheit mehrseitig schildern, und da er uatürlich in Prag und Wien reichliche Gelegenheit fand, das Gehörte auf seine Wahrheit hin zu prüfen, so richtete er auch sein Benehmen als Privatmann und Sommerfrischler in M i s k o w i tz darnach ein. Ungeachtet der Predigten des antisemitischen Ortspfarrers in I a n o w, P. K l i t s ch k a, gegen die jüdischen Fleischhauer und Händler kaufte Dr. Kaizl seine eigenen Bedürfnisse bei jüdischen Geschäftsleuten in M i s k o w i tz und S o b i e s l a u ein und verkehrte bei dem großen Umfange seiner Correspondenz natürlich fast täglich persönlich und immer sehr freundschaftlich im Postamte, wobei er den Postmeister Weil und dessen Familie stets mit gewinnendster Auszeichnung behandelte. Als gelegentlich einmal in Gesellschaft von Prager Sommergästen, welche das nahegelegene Roud na, die Eisenbahn-Haltestelle für M i s k o w i tz, besucht hatten, auch das beliebte Thema des Juden-Boycots von denczechischenKanzeln herab gestreift wurde, äußerte Dr. Kaizl mit deutlicher Bezugnahme auf die clericale Wirthschaft in Südböhmen laut vernehmlich: Das wäre Alles recht schön und gut. Nur sollten aber diejenigen hochwürdigen Herren, welche ihren Bauern und Arbeitern Geschäfts-Adressen predigen, auch nicht vergessen, zu sagen, daß man hier in Südböhmen ein schreckliches czcchisches Sprichwort hat, welches ärger ist, als das „Kauft nicht bei Juden!" — es lautet nämlich : „Die Gemeinde hat keine Kinder!" .. .*) Unsere Miskowitzer Bauern hatten einen Juden zum Vorsteher und der hat 18 Jahre musterhaft gewirthschaftet, ihr eigener Bauer «vor st eher aber — endete im Criminal!.. ... Dieses Gespräch und K a i z l's scharfe Stellungnahme gegen die V e r g a n i's ch e n Gemeinde - Verwaltungslehren wurden alsbald rasch weit bekannt, und auch der Bischof von B u d w e i s, Geheimrath Dr. M. Rziha, soll es zum Anlasse genommen haben, ähnliche „8vuj k Lvemu" Predigten seines Dwcesen- Clerus ganz so zu kritisiren, wie Minister Kaizl. Dieser war viel zu sehr Realpolitiker, um zu übersehen, welchen, immensen *) „Obecnemädeti“ d. h.: Es ist also k c i n e S ü n d e, vom Gemeinde-Vermögen zu „rupfen".

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