Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 586 Dr. BlEs WochenschrM Nr. 85 — als der ersten und größten jüdischen Gemeinde — s i ch als Repräsentant der Judenschaft in nicht blos cultuellen Dingen zu geriren entschließe und für sie das Wort führe, für sie öffentlich gegen Angriffe eintrete. Als die anwesenden Vorstandsmitglieder erklärten, der Cultusvorstand sei hiezu nicht competent, protestirte Dr. Stern hiegegen mit einem solch zündenden Erfolge, daß er von den zahlreich erschienenen Wählern — ohne irgend welche C a n d i d a t n r — in den Vorstand gewählt wurde. Die erste That Dr. Stern's im Cultusvorstande war die Abfassung einer großen Denkschrift, in welcher auf Grund eines ungeheueren, mit dem Aufwande bewunderungswürdiger- Fleißes von chm gesammelten Actenmateriales der Nachweis erbracht wurde, wie schamlos und — ungehindert die gegen die Staatsgrundgesetze verstoßende antisemitische Hetze in Wort und Schrift gegen die Juden betrieben werde. Die Denkschrift, welche persönlich dem Ministerpräsidenten und dem Justizminister überreicht wurde, schloß mit der Bitte, die dargelegten Thatsachen und Erwägungen einer Würdigung zu unterziehen und die dem Recht und Gesetz entsprechenden Verfügungen zu treffen. Die Denkschrift, welche wegen der Kraft ihrer Darstellung, der zwingenden Macht ihrer Beweisführung und des ihr zu Grunde liegenden Thatsachen-Materiales eine außerordentliche Wirkung üben mußte, i st von einer großen geschichtlichen Bedeutung. Ein Historiker, der die Geschichte des Antisemitismus in Oesterreich und seiner Bekämpfung wird schreiben wollen, wird in dieser Denkschrift eine der wichtigsten Quellen finden. Dr. Stern war es, der ganz allein diese Riesenarbeit vollbrachte, und es läßt sich kaum schildern, welchen Eindruck er mit der Vorlesung des Manuscriptes in der ad hoc gewählten Commission erzielte. Als das „Vaterland", nachdem die Denkschrift überreicht worden war, einen allerdings zum Theile gefälschten Bür sie nabzug veröffentlichte, bildete diese Publikation lange Zeit den Gegenstand der allgemeinen Discussion und die gesammte Presse beschäftigte sich mit derselben. Dr. Alfred Stern hat seiner in einer tiefsittlichen Empfindung wurzelnden Ueberzeugung, daß der Kampf ums Recht eine heilige unabweisbare Pflicht sei, zu solch' siegreichem Durchbruch verholfen, daß es heute beinahe wie ein Axiom gilt, daß der Cultusvorstand für unsere Glaubensgenossenschaft auch in nicht cultuellen Fragen einzutreteu habe. Diese Anschauung und Erkenntniß erkämpft zu haben, gehört zu den vornehmsten Ruhmestiteln des Jubilars. Man wird sich wohl auch mn die muthige und ausdauernde Campagne erinnern, die Dr. Stern im Wiener Gemeinderath — zu einer Zeit, wo ein großer Theil der Lehrerschaft noch im Banne der Luegerei befangen war — gegen die antisemitischen Lehrer leitete und wie er mit überzeugender Beredtsamkeit, insbesondere im Kampfe gegen Professor Fiegel, die Nichtswürdigkeit der Zweiseelen-Theorie bewies, welche dem Hetzer außer halb der Schule die Befähigung zum wahren Jugeudbildner i n der Schule zuerkennen möchte. Die Begeisterung für Wahrheit und Recht, die Liebe und Treue zum Judenthum bilden den Lebensinhalt des Doctor Alfred Stern, sie sind der Ansporn zu seiner rastlosen Thätigkeit. Welch' echt jüdischer und demokratischer Geist den Freund Adolf Fischhof's heute noch wie in den Tagen der Jugendzeit beseelt, konnte man auch an einem Beispiele in der jüngsten Zeit erkennen. Dr. Stern hat — wenn auch vergeblich — gegen die Einführung des neuen Wahlkörper-Systems angekämpft, welches der Curie der Höchstbesteuerten besondere Vorrechte einräumt. Er stemmte sich gegen diese Neuerung, nicht weil er der Verfasser des Gemeinde-Statutes ist, dessen Ausarbeitung ihm seinerzeit die allseitige Anerkennung eingetragen hat, sondern weil er offen und rückhaltslos die Meinung vertrat, es entspreche nicht dem jüdischen Geiste, der ein demokratischer ist, daß solche Unterschiede gemacht werden. Den Vertretern des Reichthums möchte Dr.. Alfred Stern keinerlei Vorrecht zuerkennen, sondern — erhöhte Pflichten, u. A. dafür zu sorgen, daß ihrUeberfluß den Interessen der Gesammtheit,. dem Wohle der Armen und Bedürftigen, den Kranken und Siechen zu Gute komme. Möge es Dr. Alfred Stern,, der mit selchen Gesinnungen sein 70. Lebensjahr erreicht hat, noch lange gegönnt sein, voll geistiger und physischer Kraft für seine Ideale zu wirken. Das ist der beste Wunsch, den seine zahlreichen Freunde und Verehrer, ja alle seine Glaubensgenossen anläßlich seines Jubiläums für ihn und für — sich hegen können." Seitens des Vorstandes des Kranken - Unterstützungs- und Humanitätsvereines „6oml6 Chesed“ (Wohlthätigkeit aus Pietät) ist dem Bicepräsidenten der israelitischen Cultuegemeinde, Dr. Alfred Stern, anläßlich seines 70jährigen Jubiläums folgendes Gratulationsschreiben zugegangen: Euer Hochwohlgeboren! Hochgeehrter Herr Bice-Präsident! Die Unterzeichnete Vereinsleitung rechnet es sich zur ganz besonderen Ehre. Ihnen, hochgeehrter Herr Doctor, den der Verein „Gomle Chesed“ mit Stolz als unterstützendes Mitglied in seinen Reihen zählt, anläßlich der siebzigsten Wiederkehr Ihres Wiegenfestes ihre ebenso aufrichtigen, als warmgefühlten Glückwünsche übermitteln zu dürfen. Bietet doch dieser schöne Tag, der gemeiniglich als Mark- und Meilenstein im menschlichen Leben bezeichnet wird, mit dem Sie aber bei Ihrer bekannten unverwüstlichen Juqendfrische noch lange nicht in das biblische Alter hinübergeschritten sind, hinlänglich Anlaß, den Mann zu feiern, der es sich Zeit seines öffentlichen, so segensreichen Wirkens zur ernsten Aufgabe gestellt hat. nicht etwa sich selbst, sondern der Gefammtheit zu leben, in erster Linie aber sein reiches Wissen und Können, den großen Schatz seiner geistigen Fähigkeiten unermüdlich für die Interessen seiner Glaubensgenossen nutzbar zu machen. Unvergeßlich wird es für alle Zeiten bleiben, wie Sie, hochverehrter Herr Jubilar, als Mitglied des Wiener Gemeinderathes kühn und unerschrocken den derzeitigen Machthabern entgegengetreten, unvergeßlich, wie Sie — ausgerüstet mit den herrlichen Waffen des Geistes und' der Verstandesschärfe — fast allein den Kampf ausgenommen gegen einen übermächtigen Feind, unvergeßlich, wie Sie niemals geschwankt, keinen Augenblick gezögert, sich selbst in die Bresche zu stellen, wenn es galt, für Ihren Glauben, für Ihre Religion, für Ihr Volk eine Lanze einzulegen! — Zwei herrliche Edelsteine in dem kostbaren Diadem der Tugenden, mit denen die gütige Vorsehung Sie in so reichem Maße geschmückt, sind es namentlich, welche Ihnen Kraft, Muth und Zuversicht verliehen, in diesem oftmals schweren Kampfe auszuharren, und die Ihnen nicht nur die Bewunderung und Verehrung Ihrer engeren Glaubensgenossen, sondern auch die Achtung und Anerkennung selbst Ihrer Gegner errangen. Weisheit und Gerechtigkeit siid ihre Namen! ' „Die Weisen werden strahlen, wie der Glanz des Firmamentes, und die B-förderer der Gerechtigkeit wie die Sterne für und für." Ihr kluges, verständiges, einsichtsvolles Wort — stets zur rechten Zeit und am rechten Orte gesprochen — es leuchtet strahlend hinaus in die Welt, verbreitet Licht und Wärme in unserer dunklen und düsteren Zeit, L'2n.-i und der Mann, der durch die Macht seiner Persönlichkeit, durch sein unerschrockenes Auftreten gar oft die Majorität — wenn auch wider ihren Willen — zur Bethätiqung der Gerechtigkeit uns Juden gegenüber veranlaßt hat, v-22122 er ist und bleibt für uns ein Heller, glänzender Stern in finsterer Nacht, er hat mit unauslöschlichen Lettern seinen Namen in die Annalen unserer Cultusgemeinde niedergeschrieben! So möge es denn Ihnen, hochverehrter Herr Jubilar, von einer gütigen Vorsehung beschießen sein, noch viele, ungezählte Jahre in voller geistiger und körperlicher Frische zu wirken und zu schaffen zu Ihrer eigenen Ehre, zur Ehre und zum Stolze unserer Cultusgemeinde, zur Ehre, zum Stolze und zum Ruhme des Judenthumes! Mit vorzüglicher Hochachtung der Vorstand: Bernhard K a n i tz, Michael I o k l. Präses. Präses-Stellvertreter. Wilhelm Breuer, Secretär.