Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 582 Vr° Bloch's Wochrnfttzrifk« Nr. 35 Bon diesen 3913 Familien waren 958 ganz ohne Kinder, 2953 hatten 1—5 Kinder und 262 Familien halten mehr als 5 Kinder. Also schon damals war die Zahl der Kinder in den jüdischen Familien sehr gering! Aus der Angabe der Berufe ist hervorzuheben. daß es 18 Rabbiner, 30 Unterrabbiner, 100 Chasonim, 116 Lehrer an öffentlichen Schulen gab und 65 Privatlehrer, sowie 942 Dienstboten. Nicht weniger als 1286 Personen waren berufslos und wurden von der öffentlichen Wohlthätigkeit erhalten. Bon Augustus bis Alexander Severus. Wie sehr die Ueberlieferung der römischen Kaisergeschichte durch die Tendenz der einzelnen Schriftsteller getrübt worden ist, ist bekannt. Im Allgemeinen kann man zwei Strömungen dieser Tendenz unterscheiden, die höfische Ueberlieferung und die Ueberlieferung der Senatskreise, während dem Volke keine Vertretung in der literarischen Ueberlieferung zugewicsen worden ist. In einer Abhandlung, die jüngst Jvbanms Geffcken der königlichen Gesellschaft der Wiffenschaften in Göttingen vorgelegt hat — sie ist im neuesten Heft der „Nachrichten" der Gesellschaft veröffentlicht — hat er nur auf ein wichtiges und interessantes Document aufmerksam gemacht, das man als eine Art von Volksbuch über die Persönlichkeiten und das Wirken der römischen Imperatoren ansehen kann. Es ist dies das zwölfte Buch des „Oracula Sibyllina", das eine römische Kaisergeschichte von Augustus bis auf Alexander Severus enthält und deffen Verfaffer ein hellenischer Jude aus der Zeit nach Alexander Severus ist, ein Mann des Volkes, ohne jegliche Bildung, der Menschen und Dinge mit anschaulicher Deutlichkeit schildert, insbesondere, je näher die Erzählung seiner eigenen Zeit rückt. Sein Gedicht ist nicht ein untergeordneter Haufen von Nachrichten, sondern ganz einheitlich. Dabei vermischt es Wahres mit Falschem; aber gerade deswegen spiegelt es wohl das wieder, was man in der Provinz von den Kaisern durch Hörensagen wußte, welches Bild ihres Wesens sich den Nachlebenden eingeprägt hatte. Da sieht allerdings Manches ganz anders aus, als die höfische oder senatorische Geschichtsschreibung es darstellte. Dieser jüdisch-syrische Provinziale beginnt die Reihe der Kaiser mit Augustus, deffen Regiment er 620 Jahre nach Gründung der Stadt ansetzt; an ihn, sowie an seine ersten Nachfolger ist die Erinnerung nicht sehr stark. Plastisch wird erst das Bild Nero's. wobei bemerkenswert erscheint, daß sich der Verfaffer von den jüdischen und christlichen Fabeln über jenen Kaiser fern hält. Von besonderem Jntereffe ist die Schilderung — der Verfaffer ist reichstreuer Jude — des Verhältniffes von Bespasian, Titus und Domitian zu den Juden. Den Ersteren. den Zerstörer Jerusalems, nennt er den „gottgefälligen Zerstörer". Bon Marc Aurel ist er ganz begeistert. Wie ferner aus dem Gedicht hervorgeht, ist der äußere Gegensatz zwischen Orient und Occident im Römerreiche, der ungefähr unter der Regierung des Kaisers Septimius Severus einsetzt, auch innerlich vom ganzen Volke empfunden worden. Derartige Volksbücher, wie dieses, find aus dem Alterthume nur verschwindend wenige erhalten. Es ist aber in seiner Eigenart um so interessanter, als es zu dem Schluffe berechtigt, daß so wie sein Verfasser die gesammte Mittelmeerwelt gedacht hat. Welchen Trost die Bibel einem Menschen im Unglück bieten kann, das erhellt aus folgender, hoffentlich wahren Geschichte, die sich nach dem „Reichsboten" in Hamburg zugetragen haben soll. Ein dort in der Gärtnerstraße wohnender Geschäftsmann, der eine große Familie zu ernähren hat, war durch lange Krankheit seiner Frau in solche üble Lage gekommen, daß er große Mühe hatte, seinen Verpflichtungen gerecht zu werden. Der Arzt, der die Frau behandelt hat, sandte schon mehrfach Rechnungen, die der Mann, nicht bezahlen konnte. Am Mittwoch erhielt er einen Mahnbrief mit einer Klagedrohung. Um den Arzt bezahlen zu können, beschloß der Mann, eine uralte Bibel, ein Erbstück der Familie, von dem sein Vater viel gehalten hatte, zu verkaufen. Beim Durchblättern derselben fand er einen versiegelten Brief mit der Aufschrift: „Für den Finder." Der Brief zeigte die Schriftzüge und die Unterschrift des Vaters des Geschäftsmannes und lautete folgendermaßen: „Da ich sicher weiß, daß der Mensch erst in seiner höchsten Noth zur Bibel greift und das Wort Gottes erst liest, wenn er nicht mehr weiß, was er beginnen soll, so habe ich 2000 Mark in Tausendmarkscheinen zwischen die Seiten 141 und 142 gelegt. Hamburg, 17. Juni 1879." Der Geschäftsmann fand richtig diese Summe, mit der ihm jetzt geholfen ist. Aber die Auffindung derselben ist doch unter anderen Voraussetzungen erfolgt, als der gute Vorfahre angenommen hat. Denn nicht um das Wort Gottes zu lesen, hat sein Nachkomme zur Bibel gegriffen — sondern um es zu verkaufen. Ein Chinese über die Juden. In einem interessanten Vortrage, den er in einer Versammlung in Atlantic Cily gehalten hat, zog der chinesische Gesandte in Washington eine Parallele zwischen Juden und Chinesen. Das fünfte Gebot im Decalog: „Du sollst Vater und Mutter ehren" rc. entspreche ganz und gar dem chinesischen Grundgesetze des Ahnencultus. Chinesen wie Juden würden verfolgt und wo nicht verfolgt, verachtet, nicht wegen ihrer Fehler, sondern wegen ihrer Vorzüge. Weil sie geschickt, fleißig, sparsam, zähe und geschäftstüchtig seien, seien andere Völker auf Chinesen wie auf Juden neidisch. „Wo ich gehe — sagte der Gesandte — höre ich, daß man gegen Juden etwas hat. Wenn ich frage, warum man die Juden verdächtigt, dann ist die einzig vernünftige Antwort, die ich bekomme, die: daß die Juden zu klug seien. Das beweist, daß sie tüchtige Geschäftsleute sind. Für das Borurtheil, das gegen Juden wie gegen uns existirt, sollten wir dankbar sein. Es spornt an, macht tüchtig und bewirkt, daß man gedeiht." In der Einleitung seines Vortrages sagte der Gesandte, daß die Juden bereits im dritten Jahrhundert nach China gekommen sind, um dort Handel zu treiben. Im zwölften Jahrhundert hatten sie eine Synagoge in Kiungtschau, die im Jahre 1849 durch eine Ueberschwemmung zerstört wurde. In China, fuhr er fort, sind die Juden nicht verfolgt worden, auch in keiner Weise belästigt. Sie gingen ihren Geschäften nach. Einige wurden Regierungsbeamte und Officiere. Sie waren ein Theil des Volkes und befolgten die Gesetze des Landes. Der Redner verglich Moses mit Confucius. Beide haben den Charakter ihrer resp. der Völker gestaltet und ihnen ihren eigenen Stempel aufgedrückt. „Der blamirte Antisemit." Unter dieser Spitzmarke erzählt die „Straßburger Post" vom 3. August folgendes köstliche Geschichtlein. das einen stadtbekannten Judenhetzer betrifft. „Ein gewisser Herr, der sehr viel bei dem Herrn Rheinold im „Aschaffenburger Braustübl" am Schiffleutstaden sitzt und jahraus jahrein nur über die Juden schimpfen thut, auch als verbissener Antisemit meistens im Knopfloch eine weiße Nelke trägt, fuhr vor etlichen Tagen mit dem Velo vor die Stadt. Auf der Landstraße zwischen den Dörfern Bischweiler und Drusenheim fuhr der Radler gegen einen Kilometerstein und schlug mit seinem Velo e Saltomortale en de Sfrooßegrawe. Er hatte kaum seine langen Stelzen strecken können, geschweige denn das tüchtig geschundene Rädlein zu besteigen vermocht. Zwanzig Minuten saß er im Straßengraben, plötzlich hört er Peitschenknall und Wagengerassel. Bald war das Fuhrwerk auch da. aber o Graus, es war eine — Judenkalesche. D'r Antisemit ist grad wie 'uf feurrichtem Eisen gesessen — was soll 'r mache? Soll er, d'r Judenfresser, den Jud fragen, ob 'r met fahre derf, — er, wo meme fini Kleider alle z'samme nor em chrischtliche Herrekleiderg'schäft mache loßt? Während dem, daß 'r sich met dem Dings de Kopf halwer verkröche hett, isch d'r Handelsmann schon vom Kitsche! erunter geklettert g'sen und hätt g'halte und ohne gefragt zu sein, gesagt: „Gelt, s' ischt Ejch ebbs gebassirt; wellent er metfahre bis uff . . . — Soll ich noch meh verrote liewi Leser? Ich glaab, Ihr rote de Rescht. — D'r Antisemit isch ball näwe em Jud' uff'm Kitsche! g'sesse — un e halbes Stündel nachher hat e netti Judemamsell schun de verriffene Rock g'flickt g'habt, den nämliche Frack, wo nur in Chrischtehänd hätte solle komme." Rahe! Löwenstein und Ludwig van Beethoven. Als Ludwig van Beethoven im Jahre 1792 zeitweilig in Wien lebte, machte er durch Zufall die Bekanntschaft der siebzehnjährigen Rahel Löwenstein, die mit wunderbarer Schönheit und außerordentlicher Geissts- und Herzensbildung ausgestattet war. Er faßte eine ernste und tiefe Zuneigung zu diesem seltenen Mädchen und wollte es auch, wie aus Nachfolgendem hervorgeht, heiraten, wenn es sich taufen ließe. Aber das Liebeswerben Beethoven's scheiterte an der überzeugten Glaubenstreue Rahel's. Am 8. Mai 1792 schrieb Beethoven an Rahel Löwenstein: „Wie lange sucht vergebens Dich doch mein düstrer Blick? Die Sonne meines Lebens Kehrt erst mit Dir zurück. Auf allen meinen Pfaden Erlischt des Tages Schein, Ich bin mit Schmerz beladen Verlassen und allein". Am 11. Mai 1792 antwortete Rahel: