Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 35 jt'X. L-loch^s Wachen schi ck Seite 581 Apparate entgegengesetzt, mit deren Hilfe eine faft schmerzlose Tödtung unserer Schlachtthiere zu erreichen wäre. Nach einer von den Thierschutzvereinen veranstalteten Rundfrage findet der sogenannte Schußapparat nur in 14 Schlachthäusern unseres Vaterlandes allgemeine Verwendung zur Tödtung des Großviehes, in 6 Häusern werden nur schweres Großvieh, Bullen, sowie Pferde mit dem Schußapparate getödtet. Eine allgemeinere Anwendung des Schußapparates bei Kleinvieh (Kälbern, Schafen, Schweinen, Ziegen) findet überhaupt nicht statt; nur aus b Schlachthäusern wird berichtet, daß zeitweilig schwere Sauen und Eber „mit gutem Erfolge" durch Schuß getödtet werden. Theilweise wird das Kleinvieh vor i>em Abstechen durch Schlag betäubt, in einem Schlachthause aber dasselbe ausnahmslos ohne Betäubung geschachtet! Nun male man sich aus. daß jeder Fleischergeselle einst Lehrling war und seine Handfertigkeit in der Schlachtung am lebenden Thiere erlernt! Auch da. wo eine Betäubung mittelst Axt oder Hammer vorhergeht, sind häufig die Qualen der Opfer unsägliche, wenn die noch nicht geübte oder mit zu geringer Körperkraft ausgestattete Hand den Schlag führt. Wie oft kann man ungenügend betäubte und mangelhaft geschnittene Schweine im Brühtroge zucken sehen. Der israelitische Religionsuaterricht in den Landgemeinden Böhmens. Bis vor wenigen Jahren besaß fast jede israelitische Cultusgemeinde in den slavischen Gegenden Böhmens eine israelitische Schule, in welcher die Kinder einen gründlichen Unterricht in der Religionslehre, im Hebräischen und in den profanen Lehrgegenständen erhielten. Leider hatte der Assimilationsgedanke viele, sonst kluge jüdische Köpfe so verwirrt, daß fie die israelitischen Schulen für Alles und Jedes verantwortlich machten. So war die jüdische Schule Schuld, wenn der eine oder der andere Jude nicht in diese oder jene Körperschaft gewählt wurde, auf's Kerbholz der jüdischen Schule wurde eS gesetzt, wenn die Geschäfte nicht, wie ehedem, florirten, und in dem Wahne, daß die erwähnten Anstalten ein Hinderniß der Verbrüderung zwischen Juden und Christen bilden, wurde denselben der Krieg erklärt. Die jüdischen Schulen, so wurde öffentlich behauptet, sind eine theuere, überflüssige, ja schädliche Institution, die sich überlebt hat und deswegen zum Heile des JudenthumS fallen muß. Alle Vorurtheile gegen die Juden werden schwinden, wenn die israelitischen Kinder die nichtjüdischen Volksschulen besuchen werden; die Kinder werden sich gegenseitig lieben und achten lernen; an den vielclassigen, mit Lehrmitteln aller Art reich ausgestatteten öffentlichen Schulen wird die israelitische Jugend bester ausgebildet werden, als dies an den ein-oder zweiclaffigen israelitischen Schulen möglich ist. Welch' herrliche Zukunft werden wir da erleben! Die Eltern, die einzuwenden wagten, daß doch die Berichte der staatlichen BezirkSschulinspectoren sehr günstig über die Leistungen der israelitischen Lehranstalten lauten, daß viele dieser Schulen vom hohen Unterrichtsministerium durch Verleihung des Oeffentlichkeitsrechtes ausgezeichnet wurden, und die aus den jüdischen Anstalten hervorgegangene Jugend zu den besten Schülern der Mittelschulen gehört, wurden in antisemitischen Blättern als Protektoren der „deutschen" Schule proscribirt. die nichtjüdische Bevölkerung gegen die israelitischen Anstalten solange gehetzt, bis die meisten CultuSgemeinden sich entschloffen, die israelitischen Schulen aufzulösen. Nun besuchen die jüdischen Kinder die öffentliche Volksschule; aber eine allgemeine Verbrüderung zwischen Semiten und Ariern hat noch immer nicht stattgefunden; nach wie vor gibt es unter den Letzteren Philosemiten und Antisemiten. Und was die Ausbildung der jüdischen Kinder anbelangt, so machen die Eltern die unangenehme Erfahrung, daß die israelitische Jugend nun an den Realschulen und Gymnasien nicht mehr so gut prosperirt, wie früher. Das erklärt sich durch den Umstand, daß der Lehrer an den überfüllten Claffen der öffentlichen Volksschule nicht individualisiren kann, wie dies dem L?hrer an der israelitischen Schule mit seiner in der Regel nicht großen Schüleranzahl möglich war. Was aber durch die stattgefundene Veränderung am meisten leidet, das ist die religiöse Erziehung der israelitischen Jugend Dem jüdischen Religionsunterrichte, welcher aus Lesen, Uebersetzen der Gebete, Uebersetzen der Bibel, aus Geschichte und Liturgie besteht und welchem an der israelitischen Schule acht und noch mehr Stunden wöchentlich eingeräumt waren, sind nämlich nun höchstens zwei Stunden per Woche zugewiesen. Da wird es begreiflich, daß 13- bis 14jährige Kinder die wichtigsten Stellen aus dem Pentateuch oder aus dem Gebetbuche nicht übersetzen können, daß sie von Liturgie sehr wenig wissen, ja oft nicht einmal die hebräischen Buchstaben kennen. An vielen öffentlichen Volksschulen erhalten die israelitischen Kinder überhaupt keinen Religionsunterricht. Und eine solch' erzogene Jugend soll der Träger des Judenthums werden! Das ist nicht denkbar! Vielmehr ist es Jedem, der sehen will, klar, daß wir einer Katastrophe entgegeneilen und sich bald die Nothwendigkeit ergeben wird, viele israelitische Tempel zu sperren, wie dies bezüglich der israelitischen Schulen vor nicht langer Zeit der Fall war. Eine Abwendung der Katastrophe wäre allerdings durch-eine Reihe von Maßnahmen, von denen nachstehende als die wichtigsten ohne Aufschub getroffen werden müßten, möglich. Zunächst wäre ein Petitum an den k. k. LandeSschulrath zu richten, derselbe möge den Leitungen der öffentlichen Schulen auftragen, den bestehenden Gesetzen und Verordnungen gemäß kein israelitisches Kind, das nicht Religionsunterricht genießt, in die höhere Claffe aufsteigen zu lassen, beziehungsweise aus der Schulpflicht zu entlassen. Ferner wäre dahin zu wirken, daß jede Cultusgemeinde. die keine israelitische Volksschule besitzt, nach dem Beispiele der Prager Cultusgemeinde eine Talmud-Thoraschule (hebräische Sprachschule) errichte. Wer diese Action einleiten soll? Ein Landesrabbinat. wie es in Mähren besteht, besitzen wir nicht, und so kann nur der „Israelitische Gemeindebund in Böhmen" das Judenthum in diesem Lande vor dem drohenden Zusammenbruche bewahren. Daß die Schritte, welche der „Israelitische Gemeindebund" zur Erhaltung des jüdischen Glaubens in Böhmen bei der hohen Schulbehörde, sowie bei den CultuSgemeinden einleiten würde, mit dem besten Erfolge gekrönt wären, kann bei der socialen Stellung der Männer, welche an der Spitze de- „Israelitischen Gemeindebundes" stehen, nicht dem leisesten Zweifel unterliegen. Die Zukunft des Judenthums in Böhmen liegt also in den Händen des „Israelitischen Gemeindebundes"; von ihm hängt es ab, ob aus den Ruinen neues jüdisches Leben blühen oder ob auf die „Los-von-Rom-Bcwegung" unter den Katholiken eine Los- Von-Jerusalem-Bewegung unter den Israeliten folgen wird. Möge der Schutzgeist unseres Volkes die Entschließungen des „Israelitischen Gemeindebundes" lenken! Statistisches. Einem vom Rabbiner S e r r i in Casale herausgegebenen Kalender entnehmen wir die nachfolgend abgedruckten Zahlen der in allen Hauptstädten Europalebenden jüdischen Einwohner. Daraus ist zu ersehen, daß in den betreffenden fünfzehn Städten mit rund 15 Millionen Seelen etwa 720.000 Juden, also 44/s Percent Juden, wohnen, und zwar zählen London. Wien, Pest je über 100.000; ebenso leben in Amsterdam, Paris und Berlin mehr als je 50.000. Dann folgt Constantinopel, das auf etwa 900.000 Einwohner ungefähr 40.000 Israeliten zählt, während Bukarest ihrer nur 9600, Rom 7600 und Kopenhagen 3500 zählt. Weniger als 3000 Juden weisen nur fünf Städte, darunter aber merkwürdigerweise auch die Hauptstadt desjenigen Reiches auf. das fast die Hälfte aller Juden der ganzen Welt beherbergt. Petersburg zählt nämlich gegenwärtig unter seinen 1,036.000 Einwohnern nur 2800 Juden und rangirt darin gleich hinter Brüssel, Madrid und Lissabon, welche nur 2000. 300 respective 250 Juden aufweisen kön. en. Auch Athen, die Hauptstadt Griechenlands, besitzt nur 300 Juden. Absolut und relativ die größte Judenzahl weist Budapest auf, welche unter seinen 492.000 Einwohnern nicht weniger als 166.000 Juden gleich 33 9 Percent zählt. Gleich hinter Budapest rangirt Wien mit 10 3 Percent oder 140.000 Juden. Nrcht weit hinter Wien marschirt London mit 120.000 Juden, welche aber nur 2 7 Percent der Bevölkerung ausmachen. Relativ größer, wenn auch absolut geringer rst die Zahl der Juden in Paris, wo sie mit ihren 75.000 Personen beinahe 3 Percent und in Berlin, wo ihre 88.000 Seelen gar 5 P e r c e n t der Bevölkerung bilden. Stark sind die Juden auch in Amsterdam vertreten, wo fie mit 56.000 Seelen 12 3 Percent der Bevölkerung ausmachen. Zu hoch ist die Zahl der Juden in Berlin angegeben, da das statistische Jahrbuch deS Deutschen Reiches ihre Zahl für das Jahr 1900 nicht mit 88.000, sondern mit 79.000 bewerthet. Dagegen fehlt in dieser Statistik die Hauptstad: des eh'maligen Königreiches Polen, Warschau, das auf 600.000 Einwohner rund 200.000 Juden zählt. Warschau ist nach New-Aork die größte jüdische Gemeinde auf Erden und die absolut größte in Europa. In der Revue des Etudes juives gab Gabriel Hemerdingen einige interessante Notizen über die jüdische Bevölkerung des Elsaß i'.n Jahre 1784. Damals lebten dort 3913 jüdische Familien mit 19.107 Personen, davon 9945 männlich und 9762 weiblich.