Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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SfflSKartBIWaBBIttigAWa'WfliMinitir'—lilil .. Nr. 34. BivEL WvlÄeNfttzrW» Sette 571 Parteigebilde bei ähnlichen Anlässen optimistische Erwartungen für die Zukunft zu knüpfen. In der Praxis, wenn nämlich die Fractio n später zur großen politischen Partei geworden und als solche dann als Mandatswerberin in Gemeinden, Bezirken für Landtag und Reichsrath auftritt, da werden alle früheren akademischen Grundsätze von Freiheit und Fortschritt, von Freisinn und modernerWeltb i l d u n g als zu l ä st i g e r B a l l a st im Wettbewerbe mit den alten reactionäreu Parteien leichten Herzens einfach verrathen und verlassen! So könnte man ja der heutigen „Nürodni L i st y", welche bei ihrer Gründung mit einem der freisinnigsten Programme aufgetreten, aus ihren eigenen alten Jahrgängen viele Hunderte von Stellen citiren, wo ihre nachmalige gehässige und giftig geführte Dreyf u s-Campagne und ihr erbärmlich clericaler Hilsner- Feldzug mit den wichtigsten Keulenschlägen ihrer besten und geistvollsten Mitarbeiter als kläglicher Berrath anFreisinn und Fortschritt gebrandmarkt werden. Immerhin sind wir dem Organe der radicalen czechischen Fortschrittler für sein mannhaftes Eintreten zu Gunsten einer so sehr gefährdeten und für uns Juden heiligen Reliquie unserer tausendjährigen historischen Vergangenheit in diesem Lande dankbar. Wir vergesien es auch nicht, daß schon in der einst radicalsortschrittlichen Revue „Rojh lad t)„ (.Rundschau") seinerzeit ebenfalls ein fulminanter Protest gegen die zwangsweise Expropriirung des alten jüdischen Friedhofes aus der Feder der begabten Künstlerin Zdenka Brauner erschienen war, um viele Jahre früher, ehe sich andere czechische Zeitschriften dazu ausrafften, für die Erhaltung des weltberühmten Gottesackers ihre schüchternen paar Worte nachzudrucken. Wir verzeichnen diese Stimmen aus dem czechischen Lager alle nach Gebühr und Verdienst, wir wollen auch der „Narodni Listy" und „LidovSNoviny" hier erkenntlich gedenken, denn selbst diese Organe waren auch schon — (freilich gezwungen durch die energische Thätigkeit der „Jungen" im „Club zur Erhaltung A l t - P r a g s") — für die Rettung des jüdischen Friedhofes eingetreten. Nur unterscheiden wir die ausgezwungene zweifache Haltung der jungczechischen Blätter in dieser Frage. Herr Brzeznovsky weiß ja auch nur zu gut, wie leicht er sich da helfen kann. Mit Spannung wird jetzt der Haltung und Thätigkeit des Herrn Dr. Scharf und seines persönlichen Anhanges entgegengesehen. Was Podlipny will, aber nicht öffentlich vertreten mag. dafür stellt man Brzeznovsky zum Redner auf, weil sich der in Frankreich und Belgien vielgereiste Herr Dr. Podlipny. der czechische Uebersetzer des Werkes seines Brüffeler Primatorcollegen (Bulz: „Der Vandalismus gegen die Alterthümer unserer Haupt st ä d t e") doch nicht so arg b l a m i r e n darf, um die Rasirung eines archäologischen Schatzes von europäischem Rufe zu beantragen. Nun steht aber wieder Herr Podlipny, derselbe Dr. Podlipny, welcher als Bürgermeister bei der Brandlegung im jüdischen Cafä- Restaurant Schulhof im berühmten December 1897, die städtischen Spritzenschläuche so ängstlich hüten mußte, daß die Prager Feuerwehr unthätig zu dem gegenüberliegenden brennenden „Judenhause" hinüberschaute, seinem liebwertsten Freunde Dr. Schars hilfreich zur Seite und Unterstützt ihn in seinen segensreichen Bemühungen für die jung-czechisch wählenden Juden durch-— fast regelmäßigen Besuch des Balles der czechischen jüdischen Hoch sch ü l e r! Das genügt doch, das ist ein mehr als hinreichender Ersatz für die Cassirung des alten Judenfriedhofes! Nächstens beehrt auch noch der Handschuh-Aesthetiker Brzeznovsky das glanzvolle Ballfest der czechischen akademischen Juden mit seiner Anwesenheit. Wir bedauern es lebhaft, daß nicht wenigstens Herr Dr. Scharf selbst heuer schon Mitglied der Prager Cultusgemeinde-Repräsentanz geworden ist; dort hätte er gewiß allen berufenen Factoren die besten Informationen und Rathschläge ertheilen können, auf welche Weise die „Beerdigungs-Bruderschaft" jetzt noch den alten jüdischen Friedhof gegen die Herren Doctor Podlipny und Brzeznovsky vertheidigen und retten könnte. Das wäre eine wichtige Errungenschaft der Aera Brzeznovsk y—S ch a r f! Lemberg. Gegen unsere jüdischen Gewerbetreibenden und Händler werden immer neue Maßregeln ergriffen. Die galizische Berpflegsmagazins - Verwaltung hat die Verfügung getroffen, daß zu ärarischen Lieferungen nur Producenten mit Bescheinigung der bekanntlich antisemitischen Kulka Rolnicza zugelaffen werden. Bis nun wurden seitens der k. k. Verpflegsmagazine für den Getreidebedarf des ganzen Jahres Offerten abverlangt und die solidesten und verläßlichsten Angebote acceptirt. Nunmehr find unsere Glaubensgenossen von diesen Lieferungen nahezu ganz ausgeschlossen. Zum Dank für diese antisemitischen Bedrängnisse, welche über uns die galizifchen Machthaber verhängen, bilden Juden Wahlagitatoren für diese Clique bei den Reichsraths- und Landtagswahlen. Krakau. (Laura Rapoport-Kinderspital in Krakau.) Durch eine hochherzige Spende hat fich Herr Dr. Arnold Rapoport Edler von Porada um unsere arme Bevölkerung verdient gemacht. Herr Dr. Rapoport hat zum Zwecke der Erbauung eines Kinderspitales 66.000 Kronen dem israelitischen Cultusvorstand zur Verfügung gestellt. Die Erbauung eines Kinderspitales ist in unserer Gemeinde ein großes Bedürfniß. Budapest. Eines der bedeutendsten Talente des literarischen Jung-Ungarns, Emil Makai, ist dahier gestorben. Geboren in Mako als Sohn des dortigen Rabbiners Fischer, wurde er selbst ursprünglich zum Rabbiner bestimmt. Doch gab er später feine Studien am hiesigen Landes-Rabbiner-Seminar auf und widmete sich der Journalistik, um sich damit seinen Lebensunterhalt zu gewinnen. Dabei fetzte er seine von ihm schon früher begonnenen Übersetzungen der spanisch-jüdischen Dichter des 11.—12. Jahrhunderts fort. Seine Umdichtungen des Jehuda, den Halevy, Moses Jbn Esra Charisa und Menuella find mustergiltig. Er selbst veröffentlichte einige Bände Gedichte, mehrere dramatische Werke rc., die clle von der hohen Begabung und dem großen Talente des Verstorbenen zeugen. Vor Jahresfrist wurde er zum Schriftführer der Dramen-Jury des Nationaltheaters ernannt, und auch sonst hat seine Begabung allseitige Würdigung und Anerkennung gefunden. Der Director des Nationaltheaters, Ladislaus Beöthy, beabsichtigte, die sterblichen Ueberreste Makai's im Nationaltheater aufbahren zu lassen. In Rücksicht darauf aber, daß der Verstorbene eine stille Bestattung wünschte, bat die Familie desselben, davon Abstand nehmen zu wollen. Auch wünschte Makai, in Mako an der Seite seiner Eltern begraben zu werden, ebenso wurde nach seinem Wunsche gebeten, von Kranzspenden abzusehen. Berlin, 11. August. Der „Bosfischen Zeitung" wird geschrieben: Gestatten Sie einem alten Leser Ihres Blattes den Beispielen von gefahrvoller Malerei, die in Nummer 364- Ihrer Zeitung im Feuilleton mitgetheilt wurden, das Erlebniß eines Berliner Malers hinzuzufügen, bei welchem sein Leben auch in Gefahr schwebte. Als der vor mehreren Jahren hier in Berlin verstorbene Professor Michael im Anfang der Sechziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts aus Italien zurückkehrte, erzählte er folgendes Abenteuer, das ihm in den Abruzzen paffirt war. Er hatte dort in einer kleinen Dorfkirche ein sehr schönes Altargemälde entdeckt und von dem Pfarrer des Dorfes leicht die Erlaubniß erlangt, es zu copiren. Als er einige Tage daran gearbeitet hatte, fand er eines Tages beim Heraustreten aus der Kirche die ganze Dorfbevölkerung, Männer und Weiber, in drohender Haltung lärmend und schreiend versammelt; sie umringte ihn mit dem Ruf „Pruffieno" (was weniger Preuße als Ketzer heißen sollte) und schrie, daß ihre Kirche durch den Ketzer entweiht sei, und daß er sterben müsse: ,Die Lage war kritisch", so fuhr Michael selbst in seiner Erzählung fort, „als zu meinem Glück der Pfarrer selbst auf der Bildfläche erschien, sich neben mich stellte und die tobende Menge — am ärgsten schrien die Frauen — zu beruhigen suchte. Anfangs schienen seine Versuche vergebens, als er plötzlich die Leute auf das Heftigste mit den Worten anschrie: Unglückliche, bedenkt, was ihr thut. Wollt ihr denn euer ewiges Seelenheil auf das -Spiel setzen! Dieser Fremde ist kein Pruffieno, kein Ketzer, er ist ein Jude, ein Verwandter der Jungfrau Maria, und statt ihm zu fluchen, müßt ihr die Stunde segnen, da er in unser Dorf gekommen ist und unsere Kirche betreten hat." Der Eindruck dieser Worte war außerordentlich. Dieselben Leute, die ihm kurz zuvor den Tod angedroht hatten, fielen vor ihm auf die Knie, küßten thränenden Auges seine Hand und seinen Rock, und brachten ihn im Triumph nach dem Gasthof. Michael aber zog es doch vor, am andern Tag abzureisen. Vielleicht hätten die guten Leute bei längerem Aufenthalt doch entdeckt, daß die Verwandtschaft zwischen ihm und der Jungfrau Maria eine recht weitläufige war. — Schade nur, daß die ganze Geschichte auch von einem andern