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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Bloch's WoslenfmrtfL Sette 670 gedeihen zu lassen eine Lewisse stramme und doch zarre Anleitung zur Ordnung, eine gewiffe strenge und doch wohlwollende Zucht. Diese wird ihnen zutheil durch liebevolle Lehrkräfte, durch Männer, welche sich der Wichtigkeit und Heiligkeit ihres Amtes bewußt sind, aus deren Augen schon die wahre Menschlichkeit leuchtet, und das Bewußtsein, daß sie hier ein Stück socialer Arbeit verrichten. Daß auch zarte Frauenhände nicht fehlen, wo wahre Ordnung herrscht, muß wohl nicht hervorgehoben werden. »Die Weisheit der Frau errichtet das Haus", dies kann in jedem Sinne auch von dem »Kaiser Franz Josef-Ferienheim" zu Tischnowitz gelten. Wenn wir uns auch vorgenommen, hier keine Namen zu nennen, wie sollten wir nicht unwillkürlich der unsterblichen Freiin Clara von Hirsch-Gereuth an dieser Stelle gedenken. welche jedes dankbare Kinderherz noch nennen wird, wenn die Goldbuchstaben ihres Namens. auf dem Marmor im Vestibüle der Anstalt längst verwischt sein werden. Wir wollen hier nicht wiederholen, was schon oft geschildert wurde, die Pracht des Parkes, die lichtvollen hellen Schlaf- und Speisesäle, die einfache und praktische Einrichtung des ganzen Heims, die Reinlichkeit in allen Räumen, in Küche, Keller, Badezimmer, in den Speisevorrathslocalen, und dann wieder zurückkehren zu der Herrlichkeit, welche hier die Natur in verschwenderischer Fülle ausgegofsen, schildern, wie durch die offenen Fenster die Berge und Hügel und Felder und Wälder und Fluren uns entgegenleuchten, — wahrlich ein Bild einzig in seiner Pracht und in seinem Glanze. Wir wollen uns vielmehr den bleichen Kindergestalten zuwenden, deren oft krankhafte Gesichtsfarbe sich hier röthen wird inmitten der ewigen Geschenke, mit welchen Allmutter Natur die ganze Menschheit bedacht hat. Eine Fülle von Gedanken stürmt auf uns ein, wenn wir diese Jugend betrachten, welche das Elend verlaßen, all' den Jammer und den Druck ärmlicher Verhältnisse, um hier zu gesunden innerhalb des Friedens und der Ruhe der Natur. Schweiget Gedanken, die ihr geschwätzig uns beunruhiget mit socialen Fragen, mit Vergleichungen und Unterschieden, und mit den ewigen Gegensätzen von Reich und Arm. Hier soll nur Freude, wenn sie auch ein wenig mit Wehmuth vermengt ist — und gibt es eine andere Freude? — einziehen in unser Herz. Mit Zwietracht und Feindseligkeit ist die Welt erfüllt, furchtbar starrt der Haß uns aus den Blicken der Menschen entgegen, Falschheit und Lüge möchten immer mehr ihr Gebiet erweitern, wenn nicht auch soviel Liebe auf der Erde wäre. Die Liebe hat hier den Aermsten der Armenein Stück Paradies, wenn auch nur für kurze Zeit, eröffnet. »Soll das, was Allen gehört, wirklich nur den durch Zufall oder Geburt Begünstigten zu genießen gegönnt sein." Diese Frage hat die Liebe gelöst, indem sie arme, schwächliche, blaffe Kinder hinausgeführt hat aus dem endlosen Kampfe und dem vielgestaltigen Jammer der Stadt in den Frieden und das Glück der Natur. Welche Freude, den gesunden Appetit dieser Kinder zu betrachten, welche Freude, sie fingen zu hören und sich tummeln zu sehen in den schattigen Laubgängen des weitläufigen Parks. Kurz wie das Leben, ist der Aufenthalt der armen Kinder in diesem Paradieschen. Aber wenn sie wieder zurückkehrer. zu ihren Eltern, welche ihnen nicht das darbieten können, was sie wünschen, wenn sie aus dieser Weite wieder sich zurückbegeben in die Enge, mögen sie sich erinnern, daß ewig und unsterblich regiert die Liebe. Mag Sprache oder Bckenntniß, mögen gesellschaftliche, politische oder andere Berhältniffe die Menschen scheiden, etwas verbindet sie doch und versöhnt uud verknüpft sie, die seit Ewigkeiten regierende Liebe. — Mit diesen Gedanken haben wir Abschied genommen von den freundlichen Männern und Frauen, welche uns durch das »Heim" geleitet, Abschied genommen von den lieben Kindern. Der Zug Tischnowitz- Brünn ist kein Blitzzug, und so haben wir denn Zeit, unseren Gedanken nachzuhängen. Es sind aber tröstende Gedanken, Gedanken voll Hoffnung und Zuversicht. Dr. Max Grün seid. Prag, 18. September 1901. (Der alte Judenfriedhof in Prag.) Den Beschluß der jun g cz e ch isch en Majorität des Stadtverordneten - Collegiums, einen großen Th eil des altehrwürdigen jüdischen Friedhofes in eine Straße zu verwandeln, kritisirt das radical-sortschrittliche Wochenblatt „Samostatnost“, (Redacteur Dr. Anton Hajn, bekannt aus dem großen ' .. Omladin a"-Procefse i. I. 1893) in einem »Der Kampf u:n Prag" überschriebenen Artikel, worin es heißt: »In der von einem zahlreichen Publicum besuchten Montags-Sitzung des Stadtverordneten-Collegiums wurde auch noch über eine andere, ebenfalls sehr wichtige Denkwürdigkeit Alt-Prags berathen, für die schon viel, jedoch vergeblich, gestritten und gekämpft worden war. Der Assanations- Plan und das Prager Liunal haben ganz unerbittlich einen Theil des alten Judenfriedhofes zum Opfer gefordert. Und da wurde in der Montags-Sitzung formell zum Beschluß erhoben, was eigentlich schon längst besiegelt war und da halfen natürlich nicht.mehr begeisterte Reden, auch keine flammenden Proteste; sie kamen zu spät, die Lestia triumphans konnte nicht einmal mehr zurückgeben, was sie bereits verschlungen hatte. Ein großer Theil, ungefähr etwa ein Fünfttheil des jüdischen Friedhofes, dieser in ganz Europa so berühmten, historisch so überaus werthvollen und culturell so hoch interessanten Denkwürdigkeit, war der Vernichtung anheimgefallen! Etwa 2000 Quadratmeter würden von diesem uralten Todtengarten weggeschnitten, wo in elegischer, weltentrückter Abgeschiedenheit, zwischen Gräsern und unter schattigen Baumkronen, in malerischen Gruppen die Grabsteine und Denkmäler der alten Juden sich erheben. In diesem zaubervollen Winkel Prags, wo schwärmerischen Seelen jeder Baum seine wunderbaren Märchen entgegenrauschte, wird nun der Lärm der Schaufeln und Hämmer erschallen, Hauen und Grabscheite werden ihn aufwühlen und ihm ein Stück seines historischen Bodens hinwegrauben und die Baumwurzeln werden herausgegraben werden, um Grundmauern für Gebäude Platz zu machen. Die Stille, welche hier auf die Seelen der Besucher so tief ergreifend eingewirkt, war nun verschwunden und zwar nicht nur auf einen Augenblick, sondern wohl schon für immer .... Prag verliert, indem es einen Theil dieser historisch-culturellen Denkwürdigkeit der Vernichtung preisgibt, an ihr zugleich einen Garten voll inniger, trauter Poesie und ganz eigenthümlicher Reize. Die Debatte vom vergangenen Montag über diesen Gegenstand brachte aber ungemein viel Charakteristisches. Sie zeigte,» daß in' dieser Angelegenheit nicht nur der Prag e r Vandalismus, der Mangel an Achtung für die Vergangenheit und der absolute Mangel an ästhetischen Gefühl mitentschieden haben, sondern daß hier auch derblindeAntisemitismussehr stark mitgewirkt hat. In eine delicate k ü n st l e r i s ch-h istorische Frage wurde das confessionelle Moment gewaltsam hineingezerrtund derHaß gegen das Judenthum hat hier zur Vernichtung einer europäischen Berühmtheit sein Dictat gesprochen! Ein solcher Standpunkt i st durch und durch reactionär und furchtbar thöricht; aberbei uns genügen ja faule und abgeschmackte Witze undödePhrasen, um jeden selbst noch so beschränkten und noch so gemeinen Gedanken zu verfechten, und lauter Beifall g l e i ch g e s i n n t e r S e e l e n erwartet als Belohnung die horrenden Ansichten desHandschuhmach er-Ae st h e tik e r s B rz e znov sky. Anmerkung der Redaction. Wir, die den Juden wirthschaftlich nicht beikommen können, sollen an ihnen Rache nehmen dafür, daß wir die Stadt Prag um den Theil einer uralten Denkwürdigkeit berauben, welche eine berühmte Sehenswürdigkeit ersten Ranges ist.-.... Zu derartigen Absurditäten kann die Leidenschaft nur ganz Ungebildete verleiten. Aber leider wuchert gerade bei uns ähnliches Unkraut üppig und die parteiische Krämerei und das politische Schacherunwesen verursachen viele Schäden, ähnlich demjenigen, der. soeben in diesem Falle geschah. Zdeslav. An dem Resultate der hier gebührend beleuchteten Abstimmung werden freilich diese anerkennenswerthen Worte der Entrüstung auch nichts mehr ändern. Wir haben es auch schon verlernen müssen, an die theoretischen Aeußerungen junger, erst aufstrebender cz-chifcher Fractionen und

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