Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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vtite 664 Dr. Bloches Wachenschrcj^ Nr. 34 Vam Jahrmarkt des Lebens. Die Juden in der Armee. Em frecher Angriff im „Deutschen Volksblatt" auf die Juden in der Armee und die jüdischen Officiere fordert eine derbe Züchtigung. In allen Kriegen, die Oesterreichs Armee ausgekämpft hat, haben die Juden ihre Pflichten aufs treueste erfüllt und, die Decoratiouslfften sind dessen Zeugen, sich die höchsten Anerkeuuuugeu erworben, in der Ütute und in der Marine Beweise ihrer Hingebung und Tapferkeit abgelegt und auch Nicht um eines Haares Breite den Weg der Ehre und der Treue verlassen, den ein braver Soldat, ein ehrlicher Staatsbürger zu gehen hat. Und nicht nur in der öfterreichifcheu, in jeder Armee, m der Juden dienen, haben sie ihre Pflicht gegen den Herrscher und das Land erfüllt, denen sie zugehorreu. In der französischen Armee haben sie's zu hohen Ehren gebracht, und es bedurfte erst oer Meineide, der falschen Zeugenaussagen, der falschen Bürte, verschleierter Frauen und blauer Brillen, kurz des gauzeu Lügeuapparates eiuer jystematischen Fälscherbande — um jenen Juden zu verdächtigen, dessen Utsschuto vor ehrlichen Gerichten sich als unzweifelhaft erprobt hätte. In dem russisch-türkischen Feldzuge haben Juden sowohl m dem russischen, wie in dem rumänischen Heere, in denen sie gewiß nicht auf eine nachsichtsvolle Beurtheilung zu rechnen hatten, die vollste Anerkennung der Heerführer für Treue und Tapferkeit erworben, bekanntlich ist oies auch in der deutschen Armee geschehen, die sich nicht durch Judeufrenudlichkeii anszeichuer, und in der italienischen, die keinen Unter sch leo in der Cvusession kennt. Das steht geschichtlich so sest, daß auch der größte Antisemitenlump davon nicht ein Atom tvegstehleu kann. Und dennoch wagt es em Buoe, die Treue und den Patriotismus der Juden zu verdächtigen? In den letzten dreißig Jahren sind in Oesterreich und speciell in Wien einige Processe verhandelt worden, in denen es sich um Berrath militärischer Geheimnisse gehandelt hat. War nur ein einziger Jude dabei? Nein! Hat em Jude im Etttferntesten die Hand im Spiele gehabt'? Nein! Wer waren die Berräther? Lauter christliche Arier, Geist vom Geiste der Leute, die „Haltet den Dieb" schreien, während sie m der Drebsgefelljchafr emhermarfchiereu. Wir werden selbstverständlich die Namen Derjenigen nicht neunen, die ihre Strafen aogevüßt haben, aber es genügt, darauf yinzuweijen, daß der Eine ein Officier, der Andere ein politischer Beamter, der Dritte ein Militär-' beamter, ein Vierter ein Prwatbeamter war und daß sie Alle christlicher Religion und „arischer" Abstammung gewesen sind. Der Eme hat wichtige Pläne gestohlen und fremden Staaten verkauft, der Zweite hat mit geheimen Acten Handel getrieben, der Drille harre Feftungspläue sich angeeignet, um sie bei fremden Officieren zu verwertheu, ein Vierler hat vertrauliche Mitiherumgen weiter verbreitet — kurzum, sie haben Alle den Staat, vessen Kinder sie waren — treulos verrarhea und sie waren Alle — Christen und Arier! Ob Noth, ob Leichtsinn, Gewinnsucht oder Niedertracht die Ursachen chres Handelus waren, geht uns nichts an, Verrath haben sie begangen und Juden waren sie nicht. Auf das kommt es gegenüber dem Angriff des „Deutschen Volksdlattes" an, weiches die Juden m den Armeen verdächtigt, und das soll hlemit festgenagelt sein. Daß dieses Blatt den Kriegsminister FML. Freiherrn v. Krieghammer phllofemitlscher Gesinnung beschuldigt, hat sicherlich nicht den mindesten thatsächlichen Grund. Im besten Falle ist er gerecht gegen Juden und Nichtjuden, wie er auch gerecht sein muß gegen Deutsche. und Nicht-Deutsche in einem Staate, dessen Angehörige in so viele Nationen und Confessionen zerfallen. Er würde Tadel verdienen, wenn er ungerecht märe, er braucht für seine Gerechtigkeit nicht Lob noch Dank. Aber seine Unparteilichkeit ist Denen ein Dorn im Auge, die in die Armee dasselbe zersetzende Element hineintragen, mit dem das staatliche Leben vergiftet worden ist. So wie man in Frankreich die Armee zu einem politischen Instrument machen wollte oder gemacht hat, das einer Partei vor Allen und nicht dem Staate zu dienen hätte, so will man auch bei uns die Armee zu einem Parteiobject — antisemitisch — machen und der ehrliche und gerechte Krieghammer steht den Drahtziehern offenbar im Wege, darum suchen sie ihn des Philosemitenthums zu verdächtigen. Wir wissen von diesem Philosemitenthum nichts, nicht das Geringste. Für uns ist die kaiserliche Armee das Symbol der Einheit und der Macht des Staates, in ihr verkörpert sich der reine Staatsgedanke ohne nationale, politische und konfessionelle Verunstaltung, sie repräsentirt die unbedingte dynastische Treue und Hingebung - nicht mehr, nicht weniger. Da ist für Antisemitismus absolut kein Raum. Wenn einzelne Officiere dennoch Gesinnungen äußern, die mit ihrer Stellung und mit dem Grundgedanken des Körpers, dem sie angehören, als unvereinbar betrachtet werden müssen, so sind dies bedauerliche Ausschreitungen von Individuen, deren moralische Befähigung zum Ehrenstande, in dem sie sich befinden, in Zweifel gezogen werden muß. Deshalb ist es aber nicht ein „Antisemitismus in der Armee". Sie würde ein solches Gift in ihrem Körper nicht vertragen, denn gerade sie kann den Unterschied von Nation, Race, Glauben auch nicht einen Moment gelten lassen, wenn sie nicht die Basis ihrer Existenz in Oesterreich untergraben wollte. Das sind wohl anerkannte Wahrheiten — aber sie müssen wiederholt werden, damit man erkenne, auf welchen Weg die Antisemiten die Armee treiben wollen. Zur Bluthetze in Kronstadt. Brassi (Kronstadt), 14. August 1901. Seit ungefähr zwei Monaten ist hier das Gerücht verbreitet, daß im rumänischen Stadtviertel die rumänischen Geistlichen in den Kirchen von den Kanzeln herab ihre Gläubigen gewarnt hätten, sie sollten ihre Kinder gegen die Juden, die im Begriffe sind, ihren neuerbauten Tempel durch und mittelst Christenblut einzuweihen, in Schutz nehmen und ja Acht zu geben, daß ihre Kinder nicht in Judenhände gerathen. Anfangs wurde dieses als einfaches Gerücht betrachtet und schon darum nicht ernst genommen, weil die diesigen rumänischen Geistlichen zufällig gebildete und intelligente Leute sind, die ihre höhere Ausbildung im culturreichen und aufgeklärten Germanien sich erworben haben. Vorige Woche aber haben schon zwei Frauen, eine deutsche und eine rumänische, Beide im genannten Viertel wohnhaft, bli der hiesigen Stadthauptmannschaft die Anzeige gemacht und zu Protokoll gegeben, daß ein Jude von solchem und solchem Aeußern bei ihnen erschienen sei und einer Jeden 5000 Gulden für ein Kind angeboren habe. Die deutsche Frau wies dieses Anliegen und gemeines Anfinnen des Juden aufs Energischeste zurück und prügelte den Juden solange, bis er zwischen die Berge sich flüchtete und ward nicht mehr gesehen. Tags darauf, den 8. d. M. wurde hiesiger Rabbiner Dr. Rosenbaum von seiner Hausfrau, einer frommen Christin aufmerksam gemacht, sich ja nicht ins rumänische Stadtviertel zu begeben, denn eine dort wohnhafte Rumänin habe ihr gesagt, daß die Rumänen sich besprochen haben und fest entschlossen sind, jeden dort erscheinenden Juden todtzuschlagen. Ein hiesiges, „christliche Liebe" und „deutsche Cultur" verbreitendes Wochenblatt in deutscher Sprache schrieb unter dem 10. d. in Nr. 33: „Seit einigen Tagen geht ein Individuum in