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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Date
1901-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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5tti. 34 Br. Slortz's Wochrnsickxcifr. Seite 563 Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens, die erfolgreich gegen diese Altersanschauung kämpfen. Dr. Alfred Stern war Zeit seines Lebens ein Mann der Arbeit und er ist es heute noch wie jemals. Die Betrachtungen, die sonst zumeist bei einer 70jährigen Jubiläumsfeier wegen ihres retrospectiven Charakters einen etwas melancholischen Anstrich erhalten, sind anläßlich des Ehrentages dieses Jubilars ausgeschlossen. Dr Stern wäre mit dem ihm eigenen Humor wohl auch im Stande, nach dem Muster eines großen deutschen Mannes einem Gratulanten zu antworten: „Die ersten 70 Jahre sind doch die schönsten". Die 70. Geburtstagsfeier des Dr. Stern ist insbesondere auch eine Feier der Wiener Cultusgemeinde, deren Dienst er sich mit Eifer und Hingebung seit langen Jahren gewidmet hat —? er ist seit dem Jahre 1868 Mitglied des Vorstandes und wurde gleich bei seinem Eintritt zum Obmann der Rechtssection gewählt — und als deren erster Vicepräsident er eine bedeutungsvolle und erfolgreiche Thätigkeit entwickelt. Er ist der Schöpfer des neuen Gemeindestatuts, er hat mit Ausdauer, Energie und Concilianz nach der Vereinigung der Vororte-Cultusgemeinden mit der Muttergemeinde die Aufgabe der Neuorganisation gelöst, ihm ist es gelungen, gegenüber separatistischen Tendenzen die Einheit der Gemeinde zu erhalten. Dr. Stern, den eine außerordentliche Energie in der Durchführung dessen, was er für recht hält, auszeichnet, hat es darum doch immer zugleich verstanden, mit mildem, versöhnlichen Sinne für die Ausgleichung der Gegensätze zu wirken. Wenn er auch ein Mann des Kampfes ist, so gilt ihm der Kampf nur als Mittel, um den Frieden und die Einheit zu sichern, in denen er die Bürgschaften für das Gedeihen und Blühen der Gemeinde erkennt. Mit der Wiener israelitischen Cultusgemeinde verknüpft ihn nicht allein das Band der Liebe, welche er für das Judenthum empfindet, sondern man könnte beinahe auch sagen, eine Art Familienliebe. Einer der Ahnen des Dr. Stern, der einer alten jüdischen Patrizierfamilie Wiens entstammt, gehörte schon im — 18. Jahrhundert dem Vorstande der Wiener israelitischen Cultusgemeinde an, dessen Sitzungssaal auch sein Porträt ziert. Er hat sich zu allen Zeiten als ein treuer Sohn seines Volkes bewährt, er ist in zahllosen Fällen mit Feuereifer und Unerschrockenheit für dessen Ehre eingetreten. Die große Versammlung der israelitischen Cultusgemeinde im Musikvereinssaale aus Anlaß des Processes in Kuttenberg, die einen ebenso flammenden als wirkungsvollen Protest gegen die infame Ritualmord-Beschuldigung der Juden bedeutete, entsprang der Initiative des Dr. Alfred Stern. Zündend wirkten die Worte, die er bei Begrüßung der imposanten Versammlung sprach, und es ging eine mächtige Bewegung durch den Saal, als er auf den Unterschied zwischen den Kampf für die Wahrheit in Oesterreich und in Frankreich — welches damals unter dem Eindruck der Dreyfus-Affaire stand — ausrief: „In Oesterreich führt nicht ein Jude den Kampf um sein Recht, um seine Ehre, um seine staatsbürgerliche Stellung - alle Juden müssen ihn führen, alle werden verdächtigt und beschuldigt, gegen Alle wird ein Vorwurf erhoben, wie er nichtswürdiger und erlogener gar nicht ersonnen werden konnte. Wo find denn unsere Akademiker, die sich des verfolgten Rechtes annehmen würden, wie Anatole France, wo sind unsere Schriftsteller, die mit flammenden Worten die Ruchlosigkeiten geißelten, wie Emil Zola; wo sind unsere Senatoren, die wie Trarieux und Scheurer-Kestner für die Wahrheit eintraten, wo sind unsere politischen und journalistischen Führer, die wie Jaures und Preffensö das Wort ergriffen gegen Niedertracht und Lüge zur Verteidigung der Wahrheit." Den Kampf gegen diese ebenso wahnwitzige als gefährliche Beschuldigung der Juden zu führen, hat Dr. Alfred Stern nicht nur für die Pflicht der Juden, sondern auch als eine That österreichischen Patriotismus bezeichnet, und er hat mit Recht darauf hingewiesen, daß man dem Staate keinen härteren Schlag versetzen kann, als wenn mau das geistige Niveau seiner Bevölkerung durch Verhetzung und Verdummung Herabdrücken läßt. Dr. Stern hat insbesondere als Präsident des „Allgemeinen österreichisch-israelitischen Bundes" unermüdlich daran gearbeitet, daß das Ritualmord-Märchen durch das hiezu allein geeignete Mittel der Aufklärung bekämpft werde. Die Veröffentlichung von Publicationen, in welchen mit Hinweis auf die vom Geiste der Wissenschaft und Wahrheit erfüllten Zeugnisse und Gutachten von Päpsten, christlichen Theologen u. s. w. die Schändlichkeit dieser Lüge entlarvt wird, und die größtmögliche Verbreitung dieser Publicationen in allen Schichten der christlichen Bevölkerung galt ihm daher als die wirksamste Waffe im Kampfe gegen die Lüge, als das Heilmittel gegen das Gift der verlogenen Hetzschriften, mit dem die christliche Bevölkerung so lange ungehindert gegen die Juden haranguirt wurde. Dr. Stern darf auf diese Wirksamkeit für die Ehre seiner Glaubensgenossen mit nicht geringerer Genugthuung zurückblicken, als auf seine Thätigkeit in der „Israelitischen Allianz", zu deren Gründern er zählt und deren Vicepräsident er ist. Besonders erwähnt muß an dieser Stelle werden, daß Dr. Stern in dieser seiner Eigenschaft gelegentlich der traurigen russischen Emigrationsbewegung nach Brody eilte und unter den schwierigsten Verhältnissen mit dem Aufwande von unsäglichen Mühen und Opfern die Regelung des Transportes der Auswanderer an der österreichischen Grenze durchführte und hiebei eine Thatkraft und Umsicht bekundete, für die ihm allseitig die größte Bewunderung und Anerkennung gezollt wurde. Wir würden nur ein fragmentarisches Bild der Thätigkeit unseres Jubilars geben, wenn wir nicht seiner vieljährigen Thätigkeit im Gemeinderathe der Stadt Wien gedächten. Dr. Stern, der auf vielen Gebieten der kommunalen Angelegenheiten als hervorragender Fachmann sich bewährte und namentlich in Budgetfragen als Autorität galt, hatte sich nicht nur die Hochachtung seiner fortschrittlichen Parteigenossen errungen, sondern sich auch bei seinen antisemitischen Gegnern in Respect zu setzen gewußt. Diese mußten seine volle Sachkenntniß anerkennen und oft die in scharf pointirten Apercus auf sie herabsausenden Hiebe des schlagfertigen Redners unparirt über sich ergehen lassen. Seitdem Doctor Stern dem Gemeinderathe, für den er nicht mehr candidiren wollte, nicht angehört, gibt er — wie auch früher schon — seinen Anschauungen über die communalen Fragen in allgemeine und hohe Beachtung findenden Artikeln Ausdruck, welche in der „Neuen Freien Presse" erscheinen. Diese Artikel zeichnen sich nicht allein durch große Sachlichkeit und Fachkenntniß aus, sie verrathen auch stets den vielseitig gebildeten Mann, der voll frischer Empfänglichkeit auf mannigfachen Gebieten des Wissens sich heimisch fühlt, der mit regem Interesse an allen bewegenden Fragen der Zeit theilnimmt. Das Leben des Dr. Alfred Stern bietet das Bild einer schönen und gesegneten Wirksamkeit, voll Arbeit und Erfolge, die aber, das können auch all' die Armen, denen er Hilst, und die hochherzigen Stiftungen bezeugen, die mit seinem Namen verknüpft sind, nicht ihm allein, sondern der Allgemeinheit zu Nutzen kommen. Die Ehren, die dem ausgezeichneten Manne — den, was einen seiner Ruhmestitel bildet, innige Freundschaft mit Adolf Fischhof verband — anläßlich seines 70. Geburtstages, den er im Kreise seiner Familie in Aussee begeht, zu Theil werden, sind daher wohlverdiente. Die Wünsche, die ihm dargebracht werden, sind aufrichtig; es ist ein Gewinnst für die Gesammtheit, wenn Männer wie Dr. Alfred Stern in erfreulicher, ungebrochener, geistiger und physischer Kraft wirken und schaffen können.

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