Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 662 Nr. 34 Dr. Bloch's Wochrnschrchc. schlag ausrufen würden: „Wir Christen sind doch bessere Menschen!" Und nun das Milieu! „Ist es denn wahr, daß dieses sogenannte „moderne kapitalistische System" jüdisch ist? Seit mehr als zwei Jahrzehnten erfreuen wir uns der Segnungen der Vorherrschaft einer antisemitischen Weltanschauung in Oesterreich und Deutschland, die Besitz ergriffen hat von allen Institutionen des öffentlichen Lebens, die ihre „Moral" dem Volke eingeimpft hat. Die Aemtercumulirung, die Preßcorruption, die Protectionswirthschast in den Aemtern, sie blühen an allen Ecken und Enden unter christlich-socialer Patronanz. Ist es nicht ein antisemitischer Führer, der sich den Ehrennamen eines „Bordellvaters" gefallen lassen muß, hat nicht ein noch heute in Amt und Würden befindlicher antisemitischer Gemeinderath aus dem Schandlohne von Dirnen Vortheil gezogen, hat nicht ein christlich-socialer Hetzpriester den Schwindel mit der „Luftvilla" ausgeführt und ein christlich - socialer Landesausschuß seinen Ehrgeiz in „Gründungen" gesucht, deren Rentabilität mehr als zweifelhaft ist? All' das ist ein Ausfluß christlich-arischer Moral, das sind ausschließlich Früchte der antisemitischen Strömung. Wenn die Herren eine Erklärung haben wollen für die Gewissenlosigkeit kleiner und großer antisemitischer Diebe, so brauchen sie wahrhaftig nicht erst nach einem fremden Milieu zu suchen — sie selbst haben dieses Milieu geschaffen und sie bewegen sich darin mit großem Wohlbehagen. Aber mehr noch! Die antisemitische Gesinnung ist die Deckflagge für jede Gaunerei geworden. Eine Unzahl von Spitzbuben hat das öffentliche Zutrauen erschlichen mit Hilfe der arisch-antisemitischen Schlagworte. Wenn Einer einen großen Fischzug machen wollte, so gebrauchte er sein Christenthum als Aushängeschild, ging unter die Eonservativen, machte ftomme Stiftungen und schimpfte auf die Juden. Das war ein unfehlbares Recept, um das Vertrauen der Menge zu gewinnen. Stellte sich ein geriebener Spitzbube auf den offenen Markt und rief: „Kommt zu mir, ich bin Antisemit, sch bin nicht so schlecht wie die Juden!" so konnte er sicher sein, die Gimpel zu fangen. Niemals aber hat noch ein Jude aus seinem Judenthume auf solche Weise Capital geschlagen. Von „modernem Schwindel" spricht Ernst Vergani. Der arische Schwindel aber ist uralt, er öatirt nicht erst vom Beginn der capitalistischen Wirthschaftsordnuug. Ein Ahnherr des Prinzen Liechtenstein hat schon vor 300 Jahren den Grund zu dem heutigen Riesenvermögen seines Hauses durch Münzbetrug gelegt. Man lese im zweiten Theile des „Faust", wie ein findiger Arier dem Kaiser den Plan entwickelt, Grund und Boden in mobilen Besitz umzuwandeln. Und Goethe wird ja so gerne gegen die Juden citirt! Der Riesenschwindel des Schotten Law war eine Blüthe arischen Geistes! Von Catilina bis Bontoux und bis zu den Helden der jüngsten deutschen Bankenkrise wimmelt es in der Geschichte aller arischen Völker von Abenteurern, Glücksrittern und Hochstaplern, die immer ein gangbares Schlagwort in die Menge warfen, hinter dem sie ihre unredlichen Absichten verbargen. Die moderne Weltanschauung ist doch nicht daran schuld, wenn ein frommer Cavalier aus dem Batican entflieht nach einer Malversation von 800.000 Frcs., oder wenn der Caplau von Cessna, Don Roberto Biffotti, plötzlich verschwindet, nachdem er in seiner Gemeinde 94.000 Lire an Wcchselschuldeu zurückgelassen hatte. Es ist bedeutungsvoll, daß bei den Griechen der Gott des Handels, Hermes, gleichzeitig der Gott der Betrüger ist. In der That hat der Handel in mehr findigen als ehrlichen Köpfen oft betrügerische und unlautere Praktiken und Kniffe geweckt, die streng moralische Denker dazu geführt habeu, Handel und Betrug überhaupt zu identificiren. Mauu, nach den Beden der Stammvater der Menschheit, erklärte, Handel und Betrug sei gleichbedeutend; Plato will in seiner. „Republik" Alle bestrafen, die Handel treiben; Dante verachtet die Kaufleute tief mit ihrem bäurischen Gestanke und ihrer Schacherwuth; Salvianus und Franklin sind einig darin, daß Betrug und Handel identisch seien u. s. f. (Dr. L. Jacobowsky, Der christliche Staat und seine Zukunft, Berlin 1894, S. 197 f.) In einer Zeit, in der von jüdischer Concurrenz keine Rede sein konnte, klagte Luther über die unter den Kaufleuten vorhandenen „böse Griff und Tücke des Geizes, des Eigennutzes und der Büberei". Die Preissteigerer, Fürkäufer und Monopolisten seien „öffentliche Diebe, Räuber und Wucherer." „Diese Leute sind nicht werth, daß sie Menschen heißen oder unter Leuten wohnen, ja sie sind nicht werth, daß man sie unterweisen oder ermahnen sollt, sintemal der Neid und Geiz so grob unverschämt sie ist, daß er anch mit seinem Schaden Andern zu Schaden bringt, auf daß er ja allein auf dem Platze fei. Recht thät die weltliche Oberkeit, daß sie Solchen nähme Alles, was sie hätten, und triebe sie zum Lande aus." „Man hat auch gelernt, eine Maar oder Gut zu setzen, oder zu legen, als Pfeffer, Ingber, Safran, in feuchte Gewölb oder Keller, daß am Gewichte schwer werde. Also auch wullen Gewand, Marder, Zobeln, in finsteren Gewölben oder Krämen feil zü haben, und die Luft verstopfen, wie der Brauch allenthalben ist, daß man schier zu einer jeglichen Waar weiß, ein besondere Luft zu machen. Auch eine Waar ist, man weiß einen besonderen Vortheil darauf, es sei mit Messen, Zählen, mit Ellen, Maaß oder Gewicht. Und daß man ihr eine Farbe macht, die sie von ihr selbst nicht hat. Oder man legt das Hübschte unten und oben, und das Aergfte mitten inne, also daß solche Trügerei kein Ende hat und kein Kaufmann dem andern weiter thät, den ner flehet und greift." Das war im sechzehnten Jahrhundert. Im judenreinen achtzehnten Jahrhundert war es nicht besser. Der beste Beweis ist das Werk: Betrugs-Lexikon, worinnen die meiste Betrügereien in allen Ständen nebst denen da wider guten Therls dienenden Mitteln entdeckt von Georg Paul H ö n n, D. fürstl. sächsisch-gemeinschaftlicher Rath und Amtmann in Coburg (Coburg, verlegts Paul Günther Pfotenhauer, priv. Buchhändler, 1721). Dieses Werk ist in mannigfacher Weise interessant. Hönn erklärt in seiner Vorrede ausdrücklich, er habe das Buch geschrieben, um den Christen vor dem „Neben-Christen" zu schützen! Fände sich ein Geschichtsschreiber der Corruption, man würde staunen, was arischer Biedersinn und speciell christlichgermanische Ehrlichkeit auf diesem Gebiete geleistet haben und wie wenig die Juden dabei in Betracht kommen. Der Stammbaum der Sanden und Opitz, der Terlinden und Schmidt reicht weit in die graue Vorzeit des Arierthums zurück, sie sind racenreine Spitzbuben von unverfälschtem Blute und bewegen sich in einem ureigenen, durch keinen semitischen Einschlag verdorbenen Milieu. Dr. Alfred Stern. (Zu seinem 70. Geburtstage.) In Oesterreich hat man curiose Ansichten über das Alter oder richtiger gesagt über den Zeitpunkt, in welchem man sich gewöhnt, einen Mann von der drückenden Bürde des Alters gebeugt zu glauben. In einem Alter, in welchem z., B. oft in Deutschland oder in England Männer mit. den wichtigsten öffentlichen Stellen und auch mit den verantwortlichsten betraut werden, in welchem sie berufen werden, die hochragendsten Posten im Staatsdienste oder in der Armee zu übernehmen, sehen wir bei uns zu Lande, die Männer unseres öffentlichen Lebens müde und matt in dem Ruhehafen landen, in dem ihre einzige Beschäftigung darin besteht, philosophisch auf ihre Vergangenheit zurückzublicken. Sie fühlen und halten sich für alt, und so hält man sie für alt. Dr. Alfted Stern, der am 29. d. M. in Aüffee in Steiermark seinen 70. Geburtstag feiert, gehört zu jenen