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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-16 · 33 (16.8.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 33 Vr. Vl^' S Wochenschrift. Seile 569 "iii M>n liHTian Gottlob, daß Du kommst Kind! rief ganz aufgeregt vom langen Warten der Alte. Warum schläfst Du nicht Papa! Es ist schon spät für Dich, sagte David an das Bett des Vaters tretend und ihm nach seiner Gewohnheit die Hand reichend. Ich habe schon geschlafen, antwortete Polansky mit seltsam erregter. Stimme und habe einen schweren Traum gehabt, den ich Dir erzählen muß. David befand sich in solch' überglücklicher Stimmung, daß er sogar den oftmals gehörten langen egyptischen Königstraum hätte über sich ergehen lassen. Liebes Kind, begann der Alte, mir träumte, daß Du Dich in großer Gefahr befindest, und zwar ist es ein Weib, das Dich bedroht, wie damals Silvia mich. Unwillkürlich wurde David ernst. Im Gegentheil, Papa, Du siehst in mir den glücklichsten der Menschen; ich habe mich soeben verlobt und Du bist naturgemäß der Erste, dem ich davon Mittheilung mache. O, ich wußte es, ich wußte es, stöhnte der Alte. Immer, wenn mir mein Vater im Traume erscheint in Talis') und Tefillin2), wie ich ihn immer Früh beten gesehen habe, so hat er mir etwas Wichtiges zu sagen. Wenn ich ihm nur damals gefolgt hätte, als er mich vor der Schlange Silvia gewarnt hatte, ich wäre dem Glauben meiner Väter nicht untreu geworden, ich hätte meine geliebte Sarah heimgeführt und wäre in Ehren zu meinen Vätern heimgegangen. David war vor Ueberraschung über das so eben Gehörte ganz sprachlos geworden. So viel und so zusammenhängend hatte sein Vater schon in vielen Jahren nicht gesprochen. Er wußte nicht, ob die Mittheilung desselben, daß auch er jüdischer Abkunft sei, auf Wahrheit beruhe, oder eine Ausgeburt seiner Phantasie war, welche in letzter Zeit oft sehr unregelmäßig fungirte. Um den Vater auszuforschen, fing David nach einer längeren Pause, in welcher er seine Gedanken gesammelt, zu sprechen an. „Nachdem auch in Deiner Familie, wie Du soeben erwähntest, ein Uebertritt stattgesunden,, wird es Dich auch nicht wundern, wenn ich um das Opfer meines bisherigen Glaubens, den ich im Grunde genommen nicht recht kenne, das reizendste, liebenswürdigste Geschöpf zu eigen bekomme." Polansky schrie verzweifelt auf: „David, Du willst ein Meschumed werden, um ein Weibsbild, wie ich es geworden um die Goje dort in Triest. Darum ist mir auch heute Abend mein alter frommer Vater erschienen, weil wieder ein Abkömmling von ihm den Glauben verlassen will, in dem er geboren wurde, den Glauben, um welchen Tausende Märtyrer unter furchtbaren Qualen ihr Leben gelassen haben, wie der Verfasser von dem Unessane tokef, Rabbi Amnen. Weil der Enkel dem Schicksal des Sohnes entgegengchet, so hat die Seele meines frommen Vaters im Grabe keine Ruhe, und der barmherzige Gott hat es ihr gestattet, mir zu erscheinen und mich zu warnen, wie damals, wo ich aber leider nicht gefolgt und diese Erscheinung als einen sonderbaren Traum betrachtet habe." „Es war ja in der Thal nur ein solcher, Du guter Papa! Damals, wie heute. Du bist etwas aufgeregt, darum kommen Dir solche Träume. Ich werde Dir ein Brompulver geben, das wird Dir gut thun, Deine Nerven werden sich beruhigen und Du wirst den Rest der Nacht noch gut und ruhig schlafen." Während David das Pulver hervorholte, ries Polansky ungeduldig: „Behalte Dein Brom, damit verscheuchst Du nicht die Angst um Dich, um Dein zeitliches und ewiges Wohl. David, mein Kind, thu's nicht, gehe nicht über zu den Unterdrückern Deines Volkes! Blicke auf mich, aus mein verfehltes, verdorbenes Leben. Das hat allein mein Abfall verschuldet. Wir Juden können nur glücklich sein, wenn wir auf dem Boden des Gesetzes stehen, welches uns Moses vom Sinai herabgeholt und durch alle Generationen uns bis aus heute vererbt hat. Verlaßen wir diesen festen Boden, so gleichen wir dem unklugen Schiffer, der die feste Erve verläßt und sich ohne Mast und Steuer den stürmischen Wellen anvertraut. Und wieder andererseits, wie könntest Du es vor Deinem Gewissen verantworten, wenn Du, wo alle Völker der Welt gegen das bedrängte Judenthum aufstehen, Dich feige zurückziehest und Deine verfolgte Nation im Stiche läßt, anstatt in den vordersten Reihen für sie zu kämpfen? Würdest Du nicht jenem verräterischen Sohne gleichen, der seine leibliche Mutter in den ') Gebetmantel. 2) Gebetriemen. Händen von Räubern zurückläßt und nur auf Rettung seiner eigenen Person bedacht ist?" Erschöpft von der ungewohnten Anstrengung des Sprechens und Denkens sank der Kops des krankhaft erregten Mannes auf die Kissen zurück und seine Augen schlossen sich zum heilsamen Schlummer. „Er schläft", murmelte David befriedigt und schlich auf den Zehen in sein anstoßendes Schlafzimmer, die Thüre zu dem des Vaters offen lassend, um gleich bei der Hand zu sein, wenn der Vater ihn brauchen sollte. Trotzdem sich David sogleich entkleidete, konnte er dennoch den ersehnten Schlaf nicht finden. Die glückliche Bräutigamsstimmung war von den wie prophetisch klingenden Worten des Vaters wie weggeweht worden. Er wußte jetzt, daß sein Uebertritt. den ihm Laura zum Bedingnisse ihres Besitzes gemacht hatte, aus kaum zu überwältigenden Widerstand bei seinem Vater stoßen werde. Er konnte aber warten. Vielleicht werden die Zeit und veränderte Verhältnisse denselben nachgiebiger machen. Auch ein Anderes war in den Worten seines Vaters, das sich mit aller Wucht aus seine Seele legte. Dasjenige, was Polansky in seiner ungewöhnlichen Begeisterung als Schreckbild darstellte, er selber, er, David, hatte es ja begangen. Er hatte seine Mutter verleugnet! Was wußte er eigentlich von ihr? Mußte er nicht annehmen, daß sie sich in Sehnsucht nach dem ihr unbekannten Kinde verzehre? Konnte iricht der Fall wirklich sein, daß sie starker männlicher Hilfe bedürfe? Und er, der pflichtvergessene Sohn, lebte in behaglicher Ruhe, ohne sich um das Schicksal seiner fernen Mutter zu bekümmern, blos aus dem Grunde, weil sie in einer Stunde der Erregung Worte niedergeschrieben, welche ihm nicht behagten. Wußte er denn, ob nicht in den fernereli Briefen, welche er entrüstet ungelesen weggelegt hat, Bestimmungen Vorkommen, die die Härte des einen Briefes ausglichen? Ja, er hatte verrätherisch an seiner eigenen Mutter gehandelt. Tiefe Reue überkam ihn. Morgen schon, nahm er sich vor, werde er die ersten Schritte thun, um das Versäumte nachzuholen. In dem Schreibtische des Vaters sind alle diese Briefe ausbewahrt, gleich morgen werde er sie zu sich nehmen. Der Brief, den Blimele geschrieben, enthält die genaue Adresse der Mutter, die er indessen vergessen hatte. Dieser Brief ist von den anderen sehr leicht zu unterscheiden. Ein jüdischer College wird ihm diese Adresse herausfinden und noch selben Tages wollte er an seine Mutter schreiben, wohl mit gebotener Vorsicht, da er die jetzigen Familienverhältnisse derselben nicht kenne und sich nicht als ihr Sohn, sondern als der von Blimele Goldfinger ausgeben. Das Mutterherz wird unter diesem erborgten Namen schon das eigene Kind herausfinden. Jugend und Ermüdung traten bei David ihre Rechte an und er schlief fest ein, trotzdem der Morgen bereits im Osten graute. In der Großstadt aber und besonders bei den Bühnenleuten wurde es noch lange nicht Tag. Auch David träumte. Jedoch war es kein in Talis eingehüllter und mit Tefillin geschmückter Patriarch, der ihm im Traume erschien und Kasiandrarufe erschallen ließ, sondern ein berückend schönes Weib mit einer Stimme voll süßen bezaubernden Wohllautes. Orgelklang durchbrauste das Innere des Domes, Glockenklang tönte vom Thurme herab. Vor dem Hauptaltar der Stefans kirche sah er sich an der Seite seiner geliebten Laura, welche in demselben Brautschmucke neben ihm niederkniete, den er so oft auf der Bühne an ihr bewundert hatte. Bei jeder Bewegung der üppigen Gestalt knisterte der schwere Stoff ihres Gewandes aus eine ganz eigenthümliche Weise. Das war kein Rauschen von Seide, was er da neben sich vernahm und das ihn seltsamerschauern ließ! David hätte nicht mit soviel mit Seide bekleideten Frauen umgehen müssen, er hätte nicht so vieles Rauschen auf der Bühne vernehmen müssen, um dies nicht zu unterscheiden. Das war das Rauschen von Papier, wie wenn es in der Hand zerdrückt, wie wenn es zerrissen würde. War denn Alles falsch au dem Weibe neben ihm, von dem verführerischen Lächeln auf den vollen rothen Lippen an und dem verheißenden Aufschlagihrer schillernden Augen, bis auf das Kleid, welches sie trug, das statt aus kostbarer Seide aus simplem Papier verfertigt war? Und was war aus dieser holden Stimme geworden, welche allabendlich von der Bühne aus Tausende zu frenetischem Beifall hingerissen hatte, welche im Boudoir so süß zu lispeln, so verheißungsvoll zu flüstern verstand? Ein gräßliches, Mark und Bein durchdringendes Hohnlachen war es, welches das „Ja" begleitete, das sie auf ewig mit ihm verband, ein wuthverzerrtes, diabolisches Lachen war es, das er nur einmal in seinem Leben gehört hatte, während der

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