Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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•"TBfiiririrTTTrrrTji “11 iirmi tutwti m «im» iih Nr. 38 Vr« Bloches Abiturient der gr.-or. Oberrealschule aus dem Wasser empor und trotz zweimaligen Untertauchens, konnte er den Kleinen nicht erwischen; hierauf verschwand auch der Schwimmer — nun gab man die Beiden auf — aber welch' Wunder! nach ein paar Minuten sah man zur Freude aller, den heldenmüthigen Jüngling sammt dem Knaben zum Ufer heranschwimmen. Der Knabe war schon ganz bewußtlos, nur durch das rasche Eingreifen einer Doctorsfrau, gelang es, den Kleinen zum Leben zu bringen. Dem muthigen Jüngling wurde die vollste Anerkennung für diese heldenmüthige That zutheil. Prag. (Todesfall.) Die Prager israelitische Gemeinde hat wieder einen empfindlichen Verlust erlitten. Am 5. d. M. ist daselbst Herr Samuel W e l t s ch im 66. Lebensjahre verstorben. Von Geburt ein Prager, verließ er zu Beginn der 60er Jahre seine alte Heimat, um einem ehrenvollen Rufe als Obercantor an der großen „Ahawat Ghesed Gongregation“ in New-Jork zu folgen, wo er durch 14 Jahre in angesehenster Stellung wirkte und vermöge seiner hebräischen Kenntnisse, sowie seiner hervorragenden stimmlichen Begabung und des ihm eigenen gründlichen musikalischen Wissens, insbesondere aber durch seine noch heute vielfach verbreiteten und werthvollen Compositionen bald einen über die neue Welt hinausdringenden Ruf erlangte. Im Jahre 1880 nach Prag zurückgekehrt und mit der Repräsentation der „New-Iork^ Lebensversicherungsgesellschaft betraut, widmete er sich diesem seinem neuen Berufe mit vollster Hingebung, wobei er Fühlung mit den ersten, nicht nur jüdischen Gesellschaftskreisen erlangte, stellte jedoch seine freie Zeit in den Dienst der Allgemeinheit, insbesondere in den des jüdischen Gemeinwesens, und ward bald einer der ersten Mitarbeiter in den Vertretungen humaner und gemeinnütziger Vereine, wo ihm sein Charakter, sein leutseliges und liebenswürdiges Wesen, die Kenntniß der alten und neuen Prager Verhältnisse, insbesondere seine allgemeine Beliebtheit sehr zu statten kamen. Seine Redegewandtheit, in der sich tiefer Gedankenreichthum mit einem frischen, allzeit sieghaften Humor aufs Glücklichste vereinigte, feierte bei festlichen Bereinsveranstaltungen nicht selten wahre Triumphe. Durch Jahre Mitglied der Armencommission und des Vorstandes der Chewra-Kadischa, Ehrenpräsident des New- Iorker B’nai Brith, verlegte er in den letzten Jahren den Schwerpunkt seiner auf das Gemeinwohl und humanitäre Ziel gerichteten Thätigkeit in die Chorinspection des neuen israelitischen Tempels und in den Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten, dessen II. Obmannstellvertreter er war. In allen Vereinigungen, denen er angehörte, zeichnete er sich durch Unermüdlichkeit und Pflichttreue aus, und seiner Initiative war manche wichtige Anregung zur erfolgreichen Neugestaltung zu danken, mit der sein Name nun dauernd verknüpft beibt. So hinterläßt der Heimgegangene nicht nur leuchtende Spuren seines irdischen Wirkens, sondern auch im Herzen seiner zahlreichen Freunde ein immerdauerndes ehrenvolles Angedenken. * * * Das Leichenbegängniß. das am 7. d. M. vom israelitischen Badhofe aus stattfand, vereinigte, trotzdem die Mehrzahl der Freunde und Bekannten noch in der Ferne weilt, eine schier unübersehbare Menge von Trauergästen aus allen Schichten der Bevölkerung. Vertreter der Repräsentanz, des Centralvereiues, des „Bnai Brith", des Tempelvorstandes und fast aller hiesiger Humanitätsvereine, Großindustrielle, Advocaten, Aerzte und Kaufleute, Delegirte der Prager Synagogen rc waren anwesend und als Vertreter des Rabbinats waren mit dem Oberrabbiner Herrn Dr. Ehrenfeld die Herren Dr. Deutsch und Dr. Thieberger erschienen. Nachdem der Herr Oberrabbiner in einer empfindungsreichen Trauerrede auf das arbeitsreiche und dem Gemeinwohle, sowie der Liebe für seine Angehörigen gewidmete Leben des Verblichenen hingewiesen, setzte sich der imposante Trauerzug, der von den Handwerkslehrlingen des Centralvereines eröffnet wurde, unter Gesängen des von Obercantor Miersky geführten Tempelchores in Bewegung; den sechsspännigen Leichenwagen zierte ein einziger, mächtiger Kranz, den die „New-Iork" Lebensversicheruugsgesellschaft „ihrem langjährigen, bewährten Mitarbeiter" gespendet hatte. Auf dem Friedhofe angelangt, hielt Herr Dr. Julius Brandeis in Vertretung des „Centralvereines" einen alle Anwesenden hinreißenden Nachruf, und die inhaltlich wie der Form nach vollendet schönen Dankes- und Abschiedsworte, die nur zu wahrhafte Schilderung und Würdigung des Lebensganges des Verblichenen brachten es nochmals zum allseitigen Bewußtsein, was die Oeffentlichkeit, was die Freunde an dem Entschlafenen verloren hatten. Wochenschrift. Seite 555 Die Judenhetze in Frankfurt a. M. und der Exodus des Hauses Rothschild. Bei der Ankunft in Frankfurt a. M. fällt in der Nähe des Bahnhofes das Hotel „Kölner Hof" den Passanten dadurch besonders auf, daß die ganze Vorderfront mit auffallenden Placaten bedeckt ist. Noch frappanter ist der Inhalt dieser Placate, auf welchen mit Riesenlettern verzeichnet steht: „Der Eintritt in dieses Hotel ist Juden strengstens verboten!" Selbstverständlich hat dieses Placat bei dem vernünftigen und nüchtern denkenden Theile der Bevölkerung Anstoß erregt und den Gegenstand von Erörterungen und Auseinandersetzungen gebildet. Es ist nicht bekannt, ob die mit diesem Placate initiirte Speeulation auf die gemeine Gesinnung und Niedertracht der ultranaOonalen Deutschen bereits Gegenstand einer Anzeige gewesen ist. Zweifellos ist wohl, daß die Behörden von dem groben Unfug des Besitzers des Hotels zum „Kölner Hof" Kenntniß haben, denn dem Auge des Gesetzes, iusbesonders einer preußischen Polizei, entgeht nichts, am wenigsten eine provocirende Demonstration, wie sie mit der erwähnten Placatirung beabsichtigt ist. Das Dictum „Wo kein Kläger, da kein Richter" ist in diesem Falle wohl nicht anwendbar, zumal die herausfordernde Demonstration des Hoteliers soweit geht, massenhaft Eisenbahnfahrkarten ähnliche Blocks zu verbreiten des Inhalts: „Au Juden nicht übertragbar. Einziges judenfreies Hotel „Kölner Hof", Frankfurt a. M., B e s. H e r m. L a a ß". Rückseite: „Die Gesetze der Juden enthalten eine direkte Kriegserklärung gegen jedes andere Volk." Diese Verbreitung vollzieht sich, von der Sicherheitspolizei geduldet, trotzdem die Handlung geeignet ist, die große Zahl der jüdischen Bevölkerung Frankfurts a. M. und ganz Preußens zu belästigen, zu beunruhigen, ihre persönliche Sicherheit zu gefährden und dieselbe in ihren heiligsten Gefühlen zu verletzen. Die preußischen Gesetze bieten Handhabe genug, einer derartigen Provokation eines erheblichen Theiles der Ortsbevölkerung, der durch seinen Jntellect und Wohlstand eine hervorragende sociale Stellung beanspruchen kann und thatsächlich auch einnimmt, in wirksamer Weise entgegenzutreten, insbesonders mit der Rüstkammer des bekannten „Groben Unfugparagraphen", und gerade die Thatsache. daß man von den reichen Machtmitteln keinen Gebrauch macht und die gemeine, schimpfliche und rohe Judenhetze duldet und damit gewissermaßen autorisirt, hat bei allein Juden die tiefste Verstimmung wachgerusen. Es gibt Verblödete genug, die sich noch immer zu der Anschauung bekennen, der Antisemitismus sei mit seinen verheerenden Wirkungen direct auf die Juden beschränkt, werde nur diese allein treffen und berühren und die edlen Arier verschont lassen. Diese Kurzsichtigkeit wird alltäglich von den Thatsachen widerlegt. Der Antisemitismus ist eine Krankheit, ein Uebel von verheerender Wirkung, und wenn mit demselben auch nur die Juden getroffen werden sollen, so greift das krebsartige - Geschwür immer weitere Kreise an und es zeigt sich, daß dann nicht nur Diejenigen, die man allein treffen wollte, zu leiden haben, sondern daß Biele in Mitleidenschaft gezogen werden, die man zu verschonen beabsichtigte. Für Frankfurt a. M. hat sich die Wirkung des Antisemitismus auch darin geäußert, daß mehrere der angesehensten und wohlhabendsten Familien ihm den Rücken gekehrt haben, und es ist ein öffentliches Geheimniß, daß der Beschluß der Weltfirma Rothschild, das Bankhaus Frankfurt a. M. aufzulösen, auf den Umstand zurückzuführen ist, daß die Judenhetze daselbst in immer weitere Kreise dringt und daß die mit dem Antisemitismus in Verbindung stehenden herausfordernden Demonstrationen sich der behördlichen Duldung erfreuen können. Die Auflösung des Bankhauses Rothschild bedeutet für Frankfurt a. M. einen schweren, empfindlichen Verlust, den es nicht zu verwinden vermag. Die Antisemiten, u. A. auch das „Deutsche Volksblatt" in Wien, schimpfen jetzt über die Auswanderung. Frankfurt a. M., ehemals ein Bankemporium von internationaler Bedeutung, wird durch den Exodus des Hauses Rothschild degradirt und es ist unvermeidlich, daß dem Beispiele des Welthauses auch die größte Mehrzahl der Frankfurter Bankhäuser folgen wird und folgen muß, da sie für ihr Geschäft kein Feld der Betätigung mehr finden werden. Und so zeigt sich wieder, daß die verheerende Wirkung des Antisemitismus, der die weitesten Bevölkerungskreise ergreift. nicht bei den Juden stehen bleibt, sondern auch die Arier betrifft, die man zu verschonen gedachte. „Das ist der Fluch der bösen That, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Es ist wohl höchste Zeit, daß sich die Einsicht Bahn breche, der modernen Seuche endlich einmal Einhalt zu thun. Eduard Beer.