Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 88 Sette 662 Dr. Bloch's Wochenfttzrchc. erhob man am Ende des XIV. Jahrhunderts zweimal die Anklage gegen die Juden, daß sie Christenblut zu religiösen Zwecken gebrauchen! Ich habe dies früher für undenkbar gehalten. Ich muß daher sagen, daß das, was wir „Bildung" nennen, das heißt, der Besitz einer gewissen Summe von Kenntnissen, eben an und für sich gar keine wahte Bildung sei; diese ist „innere Gesittung" — die auch das Streben nach idealen Gütern involvirt — und diese ist jetzt in Europa nicht mehr, ja vielleicht weniger verbreitet als während der finstersten Jahrhunderte des Mittelalters. Ich gehöre durchaus nicht zu den alten Leuten, welche die jüngere Generation für schlechter halten als die frühere (wenn jene auch weniger idealistisch ist als diese). Aber dies behaupte ich, daß die Schlechten, namentlich die in den Fracks, viel, viel schlimmer sind, als die der früheren Generationen. Das Lügen und Verleumden hat sich jetzt zu einer Art von Kuut ausgebildet, und es gibt leider vollendete Virtuosen der Lüge und Verleumdung. Dieses Virtuosenthum hat sich leider allmälig in allen Ländern verbreitet, selbst in solchen, deren Bewohner in ihrer großen Mehrheit mit voller Berechtigung von ihrer Ehrenhaftigkeit und Wahrheitsliebe mit Stolz sprachen und noch jetzt sprechen. Der ehrliche Manu ist gegenüber der Lüge und Verleumdung völlig schutzlos, da er doch nicht mit gleichen Waffen kämpfen kann. Die Gerichte schützen einen Einzelnen, selten aber ein beleidigtes und verleumdetes Volk als solches. In Folge dieser neuen unglückseligen Geistesverwirrung wurde ich vielfach ausgesordert, eine deutsche Ausgabe meines Buches zu veranstalten, was ich früher für absolut unnöthig gehalten habe. Da es mir aber unmöglich war, selbst das Buch ins Deutsche zu übertragen, übertrug ich diese Arbeit einem hiesigen eingeborenen Deutschen, einem Lehrer der deutschen Sprache au einer mittleren Lehranstalt. Bis jetzt habe ich eigentlich nur für Fachmänner geschrieben; ich wandte mich also als Bekannter an Bekannte. Jetzt wende ich mich zum erstenmal an ein Publicum, welches ich nicht kenne und welches auch mich nicht kennt. Ich wende mich auch nicht nur an solche Leser, bei denen ich voraussetzen könnte, daß sie dieses Buch 8in6 ira et Studio lesen werden. Ich setze im Gegentheil voraus, daß viele Leser es mit Ingrimm ansehen und den Autor desselben mit allen möglichen und unmöglichen Schmähungen überschütten werden. Gegen Letztere bin ich doppelt gefeit. Ich strebte nämlich immer darnach, die Achtung und wo möglich auch die Liebe eines gewissen, ziemlich engen Kreises mir zu erwerben Was dagegen der große Haufen, mit dem ich keine Berührungspunkte habe und der mir nicht geistesverwandt ist, über mich spricht und von mir denkt, war mir immer völlig gleichgiltig. Dann denke ich: Ich stehe j tzt in meinem 82. Lebensjahre, ich werde daher alle Schmähungen doch nicht mehr allzulange anhören müssen. Schmähet daher, Ihr voreingenommenen Leser, so viel es Euch beliebt; Ihr werdet mich dadurch auch nicht eine Secunde lang betrüben oder ärgern Ihr unbefangenen Leser aber, die Ihr Euch immerhin denken möget, es könnte doch etwas Wahres an der Blutbeschuldigung sein, da so viel davon seit 700 Fahren gesprochen wird, werdet mir -bestimmt für meine Aufklärung der Sache dankbar sein. Zavid Kaufmann. 1852-1899. Von Dr. Samuel Krauß in Budapest.' (Fortsetzung.) Diese Betrachtungen mußten wir voraus schicken, um den Kampf und die Kampsweise, die Kaufmann gegen den berühmten Professor der Theologie in Göttingen, gegen Paul de Lag a r d e, führte, begreiflich zu machen. Eine Schrift „Zwei Göttinger Machzorhandschriften" betitelt, wurde "on d.-r philosophischen Facultät zu Göttingen auf Gutachten Lagarde's 1884: als Doctor-Differtation angenommen. Die Schrift verräth eine ärgerliche^Unkenntniß des einschlägigen Faches der jüdischen Literatur, der synagogalen Poesie, und dennoch wurden die Leistungen von Zunz, Landshuth und Luzzatto „als im wesentlichen verfehlt" abgeurtheilt. Kaufmann schrieb in der „O österreichischen Monatsschrift für den Orient" vom 15. April und 15. Mai 1885 eine vernichtende Kritik über die unglückselige Dissertation. Gleich einer Posaune, wie es vom Propheten heißt, tönte seine Stimme, als er der christlichen gelehrten Welt ihre Sünden vorhielt. „Das ist die Frucht eines Zustandes — so sagt er — daß Botokuden und Zigeuner einen Vertreter auf den Lehrstühlen deutscher Universitäten haben, eine Literatur aber, die in die Geschichte und in das Schriftthum alter Culturvölker eingreift, wie die jüdische, vor die Thüre gewiesen wird." ' Noch strenger lauten die folgenden Worte, mit welchen Kaufmann in seinem gerechten Zorne mit der Unwissenheit ins Gericht geht: „Solche Zuchtlosigkeit ist nur auf einem Gebiete möglich, wo keine Controle gefürchtet wird ... Mit der stillen Verachtung ist es nicht gethan; Eindringlinge mit so unordentlichen Papieren sind über die Grenze zu schaffen." Die Kritik, in welcher Lagardes mit keiner Silbe gedacht war, wurde von Lagarde in der diesem Gelehrten eigenthümlichen verletzenden Weise gleichwohl zum Gegenstände eines Pamphlets ärgster Sorte gemacht, worin auch gegen den mittlerweile verstorbenen Zunz arg losgeschimpft wurde.') Kaufmann, dem sich auch seine Freunde Dr. A. Berliners in Berlin und Rabbiner Dr. B. Z i e ml i ch* * 3 4) in Nürnberg mit je einer Schrift angeschlossen hatten, machte nun seinerseits für den Fehlgriff mit Recht den Fachprvsessor der Göttinger Universität verantwortlich und ließ demzufolge die Schrift: P a u l deLagarde's jüdische Gelehrsamkeit (Leipzig 1887) erscheinen, in welcher er die selbst bei einem Lagarde wahrnehmbare Unkenntniß der jüdischen Literatur auf's Schärfste geißelte und besonders die Verunglimpfung des großen Meisters Zunz mit harten Worten zurückwies. In der Erwiderung P. Lagarde's wurden die beiden Angreifer Dr. Berliner und Dr. Ziemlich ganz unziemlich grob behandelt, während Lagarde, David Kaufmann mit sichtbarer Achtung und erstaunlicher Milde begegnete. Kaufmann war wie kein Anderer befugt und befähigt, in einem Streite, wo über die synagogale Poesie abgehandelt wurde, ein gewichtiges Wort dreinzureden, hatte er doch bereits bei der Entlassungsfeier aus dem jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau am 28. Jänner 1877 den größten Dichter der Synagoge im Mittelalter, Jehuda Halewi, mit großer Sachkenntniß behandelt, eine Arbeit, die noch im selben Jahre mit gelehrten Notizen auch im Druck erschienen?) Die Beiträge, die er zu dem von Doctor Jakob E g e r s in Berlin 1886 herausgegebenen Diwan des Abraham I b n E s r a^) geliefert hatte, beweisen Kaufmann's Spruchfähigkeit in dieser Sache zum Ueberflusse auch noch von einer anderen Seite. So waren denn die Argumente, die Kaufmann gegen Lagarde ins Treffen führte, von wahrhaft niederschlagender Wucht, und obzwar er es' mit einem gewaltigen Geisteshelden zu thun hatte, so war er, um sein eigenes hiebei angewandtes Bild zu gebrauchen, dennoch der David gewesen, der den großen Goliath bezwang. Es ist nur bedauerlich, daß diese Niederlage einen Mann betraf, der, trotzdem seine Frau nach seinem Tode das Gegentheil versicherte, den Juden nicht feindlich gesinnt war, der vielmehr, wenn auch nicht im Dienste ')LipmannZunzundseineVerehrer, in Lagarde's. Mittheilungen, IL Bd., Göttingen 1887, p. 108—162. Kaufmann war früher, wie mir sein Bruder Ignatz Kaufmann schreibt, mit Lagarde befreundet gewesen; in den Götting'schen Gelehrte Anzeigen hatte Kaufmann mehrereRecensionenerscheinen lassen. Damit hatte es nun ein Ende. — Damit die Schrift für die Bibliographie von Kaufmann's Werken nicht spurlos verschwinde, erwähne ich hier den bedeutenden Aufsatz über Güdemann's Erziehungswesen in Göttin g's che Gelehrte Anzeigen 1886, p, 70—94, Eine andere Recension über Güdemann's großem Werke, von welchem damals erst die spanisch-arabische Periode erschienen wqr, schrieb Kaufmann in Monatsschrift XXIII, 85,138. a) Berliner, Professor Paul d e Lagarde nach seiner Natur gezeichnet, Berlin 1887. 3) Ziemlich, Einer der nicht.Liturgiker sein will. Antwort an Herrn Professor Lagarde. Leipzig 1887. 4) Jehuda Halewi. Versuch einer Charakters st i k. Breslau 1877. °) Diwan des Abraham JbnEsra, ed. Dr. Jacob Egers. Berlin 1686, p. XV—XX, 150—152. lieber ein Näthsel Abraham b. Esra's f. im Magazin für die Wissenschaft des Judenthums XVIII, 54.