Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 33 Vr« Morias Wochenschrift. Sette 549 freisinniges, sondern ein reactionäres, und so wird die Volkspartei nur von einer noch reactionäreren, den Alldeutschen, abgelöst. Wenn man irgend etwas bei diesem Wechsel der Dinge bedauern könnte, so wäre es nur der Umstand, daß alle diese Wandlungen nicht etwa in einer tiefen Volksüberzeugung ihren Grund haben, sondern in dem unzerstörbaren Hang zur Verkleinerung selbst der kleinsten „Größen", in der politischen Corruption, die sich in der empörendsten Weise breit macht und die Massen beherrscht. Solange das Volk in dieser Verkommenheit verharrt, solange nicht eine edlere, politische und sociale Richtung, gestützt auf wahre Volksbildung, zur Herrschaft gelangt, wird eine Besserung der Verhältnisse nicht zu erwarten sein. Es muß offenbar im politischen Sinne noch viel schlechter werden — ehe es besser werden kann. Herr F. Hirsch, Feuilletonist der „Deutsche» Zeitung". Am Freitag erschien im dümmsten Blatt von Wien ein Feuilleton: „Zur Geschichte des antisemitischen Dramas" von Eugen F. Höfler. Dieses Feuilleton wiederholt nur einige Partien aus mehr oder minder bekannten literaturgeschichtlichen Werken und ist insofern von mäßigem Interesse. Das Eigene, was der Autor dazu that, bestand in einer Reihe hineiagepatzter judenfeindlicher Schlager, Einmal heißt es darin zum Beispiel: „Alle uns so wohlvertrauten lästigen Eigenschaften der Juden — ihre Geldgier, Feigheit, Geschwätzigkeit, Gewissenlosigkeit und Rachsucht — hat man an einzelnen Typen des aus erwählten Volkes aufgezeigt/ Auch im Dialect wird darin citirt: „Redbach" und „Ebbes rares". . . . Der Artikel wäre nicht weiter von Interesse, Herr Höfler hat dasselbe Thema schon früher im „D e u t s ch e n B olksblatt" behandelt, wenn uns nicht eben Herr Höfler selbst interessiren würde. Bon einigen Gyn'nasiasten wird uns verrathen, daß Herr Eugen F. Höfler im wirklichen Leben nicht Eugen und nicht Höfler, sondern F. Hirsch heißt. Herr Hirsch, der frühere Feuilletonist des „Deutschen Volksblattes", jetzt der „Deutschen Zeitung", ist nicht nur ein geborener antisemitischer Schriftstell r. sondern auch ein geborener Jude. . . Wi: haben nichts dagegen, daß Juden Antisemiten sind, das ist ihr gutes Recht. Wir haben auch nichts dagegen, daß Juden die „Deutsche Zeitung" schreiben, das ist ganz in der Ordnung. Nur die rohe Geschmacklosigkeit, das fingerdicke Aufträgen der Tendenz und nicht zuletzt der offenbar naturgetreue jüdische Dialect hat uns stutzig gemacht. Jetzt wissen wir, wieso in unseren Antisemitenblättern so ausgezeichnet „gejüdelt" wird! Die Imitation ist Original. . . Es wäre noch die Frage übrig, warum eigentlich Herr F. Hirsch in die „Deutsche Zeitung" schreibt? Thut er es — wir wiederholen die wohlvertrauten Eigenschaften der Juden — aus Geldgier? Oder Geschwätzigkeit? Oder Gewissenlosigkeit? Oder Rachsucht? („Arbeiter-Zeitung.") Der Antisemitismus in Ungarn. Die Thatsuchen sprechen eine zu deutliche Sprache, als daß man sich der Erkenntniß verschließen dürfte: in Ungarn wächst die antisemitische Bewegung von Tag zu Tag kräftiger an. Die kleinen Episoden häufen sich, in denen dieser zur Zeit noch ziemlich verschwiegene und subterrane Antisemitismus an's Tageslicht tritt. Bei den kommenden ungarischen Reichstagswahlen werden einige Mandatswerber bereits mit Aussicht auf Erfolg auf ein antisemitisches Programm candidiren, und heute wird von einem ungarischen Badeort berichtet, den alle jüdischen Curgäste in Folge des excessiven Antisemitismus der Bevölkerung verließen. Die Vorgänge in Klausenburg in den jüngsten Tagen haben gezeigt, welchen gewaltthätigcn Charakter eine ungarische Volksbewegung annimmt, wenn sie erst ein paar Tage uneingeschränkt wachsen durfte.' Und wir glauben, daß der ungarische Antisemitismus,„ wenn er einmal genug Courage haben wird, sich offen und laut hervorzuwagen, ziemlich — östliche Formen annehmen dürfte. Die Juden in Ungarn sollten dem drohenden Wetterleuchten etwas mehr Beachtung schenken, als sie es derzeit thun. Sie sollten von ihren österreichischen Glaubensgenossen lernen, wie man den Antisemitismus — nicht bekämpfen darf. Sie sollten bei Zeiten aufhören, sich auf die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze von Gleichheit, Brüderlichkeit u. dgl. zu verlassen, denn diese Gesetze sind eine schwache Wehr gegen den Impetus einer volksthümlichen Bewegung. Sie sollten bei Zeiten das Gefühl der Sicherheit ein wenig verlieren und nicht gar zu sehr darauf bauen, daß sie ja von der Regierung, dem Gesetze und den Wächtern der Gesetze geschützt werden müssen. Eine Vogel Strauß-Politik, eine Politik des: „Es kann uns nix g'schehn" -st der antisemitischen Bewegung gegenüber sehr deplacirt. Ganz besonders in Ungarn. Wenn die Juden in Ungarn ihre Situation richtig verstehen, so müssen sie es zu verhindern trachten, daß der Antisemitismus im Lande eine populäre Bewegung werde, daß er in den breiten Schichten des Volkes Wurzel fasse und sich zum Ausdruck der allgemeinen wirthschaftlichen und Politischen Unzufriedenheiten gestalte. Wir können es uns wohl ersparen, die Juden in Ungarn zu belehren, wie wir uns eine solche Prophylaxis gegen den Antisemitismus denken. Dr. Vragassy als Politiker. Aus Budapest erhalten wir eine interessante Nachricht: Der ehemalige Chefarzt der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft, Dr. Bragassy, der bekanntlich seinerzeit in die Rettungsgesellschaft starke antisemitische Tendenzen hineingetragen hatte und infolge dessen seiner Stelle enthoben wurde, geht unter die Politiker. Dr. Vragassy tritt in einem Wahlbezirke des Neutraer Comitats mit Unterstützung der Volkspartei als a n t isemitischer Reichstagscandidat auf. Ein anlisemilischer Badeort. Aus Liptü-Szent-Miklos wird berichtet: Zwischen dem königlichen Notär Dr. Nathan Schlesinger und dem Juristen Oscar Palugyay fand gestern ein Säbelduell statt, bei welchem Beide verwundet wurden. Die Duellursache ist auf einen Scandal zurückzuführen, welcher sich vor einigen Tagen in dem Badeort Lucski abspielte. Hier herrschen seit einiger Zeit unerträgliche Zustände. Einige G ntryfamilien angehörige Jünglinge treiben antisemitische Hetzen. Die Folge ist, daß die Gäste, welche sich nach Ruhe sehnen, in Schaaren den Badeort verlassen. Der jüngste Scandal, welcher schließlich zu einem Duell führte, ereignete sich vor einigen Tagen. Im Park spazierte der königliche Notär Toctor Schlesinger in Gesellschaft mehrerer Damen. Da näherte sich ihnen der Jurist Oscar Palugyay und richtete an ihn in barschem Tone, ohne die Damen zu begrüßen, eine Anfrage. Schlesinger verdat sich den Ton. Palugyay wurde aber noch anmaßender und schrie dem Dr. Schlesinger zu: „Wenn ich einen Juden anspreche, so muß er Habt Acht! stehen!" Dr. Schlesinger ließ, um einen Scandal zu vermeiden, Palugyay stehen. Kaum hatte er aber einige Schritte gethan, als er meuchlings von Palugyay mit Stockhieben tractirt wurde. Der Attaqnirte setzte sich nun zur Wehre. Die Folge war, wie eingangs erwähnt, ein Säbelduell zwischen Dr. Schlesinger und Palugyay. Die peinliche Scene hatte aber auch noch ein weiteres Resultat. Sämmtliche jüdische Badegäste verließen den Badeort Lucski und beschlossen, überhaupt nicht mehr dahin zurückzukehren. Kaiserin Friedrich über den Antisemitismus. In den „Blättern zur Abwehr des Antisemitismus" wird an das Urtheil der Kaiserin Friedrich über den Antisemitismus erinnert. Die mit Documenten belegte Erinnerung, die an die bekannte Aeußerung Kaiser Fliedrich's: „Die antisemitische Bewegung ist eine Schmach des Jahrhunderts" anknüpft, lautet: Als im Jahre 1893 von der Parlamentstribüne herab die Authenticität jenes denkwürdigen Ausspruches angezweifelt wurde, waren es der ehemalige Chef der Admiralität, General v. Stosch. und Georg v. Bunsen, welche die Echtheit des Wortes bezeugten. Georg v. Bunsen schrieb damals (3. April) an den Professor Paul Magnus, der mit seinen Brüdern in einer Eingabe an den Präsidenten des Reichstages gegen die Verunglimpfung seines Vaters, des verstorbenen Stadtrathes Magnus, dem der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg unterstellt hatte, das Wort von der „Schmach des Jahrhunderts" gefälscht und dem Kronprinzen in den Mund gelegt zu haben, Protest einlegte, Nachstehendes: „Aus meinem Briefe vom 20. Juni 1880, der sich im Nachlasse Ihres seligen Herrn Vaters gefunden hat, wissen S:e, daß die damalige Frau Kronprinzeß mit Abscheu von der Judenhetze sprach. Einige Worte, die damals den Schluß Ihrer Aeußerungen bildeten, haften noch frisch in meiner Erinnerung. Die hohe Frau erklärte, daß dem Kronprinzen (dem nachmaligen Kaiser Friedrich) wie ihr selbst daran gelegen sei, über ihrer Beiden Berurtheilung der unwürdigen Agitation nirgends einen Zweifel aufkommen zu lassen. Was die Pietät Sie jetzt gut thun