Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Date
- 1901-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 548 Dr. Vloch's VochrnschrM Nr. 83 stürmenden Gewaltthätigkeit der niedrig st en I n st i n c t e. Wir sind verpflichtet, gerechterweise einzuge st ehe n, daß genau dasselbe häufig auch auf böhmischer Seite geschieht. Auf s o l ch e Weise wird ein befriedigendes Zusammenleben beider nationalen Stämme in Böhmen nicht erzielt werden. Karlsbad fand seinen Widerhall in den Pilsener Excefsen; wir stehen jedoch auch nicht Einen Augenblick an, dieselben aus das Entschieden st e zu verurtheilen. Wir wollen eine Liga gebildeter, anständiger, ehrenhafter Menschen, welcher jeder Rohheit gegenüber mannhaft und energisch Stellung nimmt, jedem Terrorismus, jeder Gewaltthätigkeit die Stirne bietet. Daß doch unsere Stimme nicht die einzige — einsam in der Wüste bliebe!" — — — — — — — — — — — — Wie bisher noch immer, ist auch diesesmal Dr. E n g e l, oec durch die Höhe seiner rein menschlichen Denkweise und durch seinen politischen Scharfblick die meisten seiner politischen Führcrcollegeu weitaus überragt, der Erste und bleibt auch vermuthlich der Einzige in seiner ganzen Partei, welcher den Much findet, seinen vom blinden Nationalismus irregesührten Connationalell die lautere Wahrheit öffentlich zu sagen. Wir Juden in Böhmen könilen jedes Wort dieser lapidaren Kritik der traurig verfallenen politischen Moral in Böhmen gerrost unterschreiben, denn wir haben' es am meisten gebüßt, daß die politischen Bechältnisie hierzulande so kläglich versumpft sind! Wir würdigen auch uneingeschränkr das Verdienst Dr. Engel's, dessen wirklicher Freisinn genügend erprobt ist, um die Sanirung der politischen Moral seiner Partei, wenigstens nach jeder öffentlichen Probe derselben ...... Aber diese gewiß wohlgemeinten Warnungen des ebenso hochgebildeten, wie für seine Partei rastlos thätigen und überall naergeiNlützig eintretenden Führers der Jungczechen kommen leider, leider uniganzevierJahrezuspät! Vor vierJahren um diese Zeit, da war der richtige Augenblick gekommen, die jungczechische Partei an ihre ungeheure Verantwortung zu mahnen. Damals hieß es, energisch abwehren, ehe die ruchlosen Hände der jungczechischerseits favorisirten „Närodni Ubrana“ die jcymachvullen Prager Decembrr-Ereignisse 1897 mit Hilsc der bekannten j u u g c z e ch i s ch e n Arrangeure ins Werk setzten. Doch es gibt eine Nemesis! Was damals verabsäumt wurde, das rächt sich nun bitter au der ganzen jungczechischen Partei, welche von Stufe zu Siuse sinkt, weit sie der Gewaltlhäligkert, der Roh heit und allen ihren Einwirkungen aus die niedrigsten Volksschichten willig Thür und Thor öffnete!! Am eigenen Leibe werden es nun die Jungczechen verspüren, was sie sich in ihren radical-äntisemitisch-natlvnalsocialen Handlangern durch Prag, Nachod, Holleschau, Polua, Pisek und Pilsen gezüchtet haben. — Die ersten Prodewahlen für die Partei Dr. Podlipny's nahen jetzt heran; Dr. Engel ahnt ihren Ausgang, ihm ist es nur zu wohl vekamit, daß er selbst fast ganz allein, das mahnende Gewissen seiner Partei, mit seiner geläuterten, weite politische Horizonte voraus überblickenden Anschauung in einer Umgebung von zwerghaften Strebern dasteht. Es gibt heute nur Einen Dr. Engel in der ganzen, einst mit Recht auf ihren Freisinn so stolzen Juugczechenparlei — aber sie hat viele, ja fast lauter Dr. Podlipny's, kleinliche, maßlos strebende, eigensüchtige, dünkelhafte Demagogen, welche über Leichen hinweg nur ihre persönlichen Interessen verfolgen. Gewiß dachte Dr. Engel, als er seine letzte Mahnung an die Deutschnatwnalen auch ins eigene Lager hinüberrief, nicht ohne tiefes Bedauern an die Schäden, welche der Verfall der politischen Moral seinem eigenen Volke gerade in den letzten vier Jochren geschlagen, und mit Bangen malt sich der erfahrene Parteiführer das Bild der Zukunft seiner eigenen Partei, denn er sucht oer Dinge Lauf mit hellem Blicke voraus und erkennt die Gesetze der Entwicklung zu gut, um zu wiflen, daß die von auch diesmal so herzhaft gerügten moralischen Gebrechen der Jungczechen ihr vorzeitiges und jähes Ende herbeiführen müssen. Dem über jeden Zweifel erhabenen Charakter Dr. Engel's werdest wir Juden in Böhmen gewiß stets vollste Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber der Partei der Podlipny's werden wir auch nicht Eine Thräne nachzuweinen haben! K. Die Opfer der Nationalitätenpolitik. Der Mißbrauch, der mit der Nationalitätenpolitik in Oesterreich getrieben wird, hat wieder ein Opfer verschlungen. Der „deutschvolkliche" Abgeordnete von Reichenberg, Herr Heinrich Pr ad e, kann als eine abgethane politische „Größe" betrachtet werden. Er hat seine Stellung als erster Vicepräsident des Abgeordnetenhauses niedergelegt, richtiger gesagt, uiederlegen müssen, und es hat allen Anschein, als ob er auch sein Abgeordnetenmandat verlieren würde. Nicht daß uns Herr Prade interessirte. Er ist ein Dutzendpolitiker gewöhnlichen Schlages, der nicht um eines Fingers Breite über die Masse hervorragte. Wir haben noch nicht das Mindeste von einem Gedanken origineller Art gehört, der seinem Kopfe entsprungen wäre. Nur die klägliche Armuth an führenden Persönlichkeiten innerhalb der deutschen Parteien in Oesterreich konnte aus dieser Null einen Führer machen. Wie die ganze „Deutsche Volkspartei" nicht Fisch noch Fleisch ist, nicht liberal genug, um eine wahrhaft freisinnige Volkspartei zu sein, nicht volksthümlich genug, um die Bevölkerung mit sich fortzureißen, nicht antisemitisch genug, um dem Janhagel, der au der Judenhetze Gefallen findet, zu schmeicheln, von Allem etwas und Keines ganz, so ist auch Herr Prade nichts gewesen, als ein national-antisemitischer Phrasenheld, dessen Afustieg oder Niedergang wahrlich ganz gleichen Werth hat. Daß aber von der Verzichtleistung des Herrn Prade auf die erste Vicepräsidentenstelle im Abgeordnetenhause dennoch die Rede ist, hat einen anderen Grund als die Person des aus dem Amte Gefallenen. Es heißt zwar, er sei freiwillig gegangen, aber in Wahrheit ist er zum Rücktritt gezwungen worden, gezwungen von den Alldeutschen, mit denen ihn das antisemitische Glaubensbekenntniß eint, deren nationale Allüren er theilt, deren Ton und Redeweise er früher gegen die fortschrittlichen Deutschen angewendet hat. Seine national-antisemitische Gesinnung hat aber die Alldeutschen nicht gehindert, gegen ihn denselben Ostrazismus zur Anwendung zu bringen, den er und seine Partei gegen ihre politischen Vorgänger so erfolgreich haben spielen lassen. Au ihm vollzieht sich das Schicksal, das auch andere seiner Gesinnungsgenossen vor ihm erfahren haben, und gegen ihn werden dieselben Kampfmittel gebraucht, die Andere in die Grube gestürzt haben. Sowie Steinwender hat auch Prade an sich kennen lernen müssen, welche Wirkung das System der Verdächtigung im öffentlichen Leben hat, und wenn er vielleicht noch einmal sein Mandat rettet, weder er noch seine Partei werden dem Ansturm ihrer Gegner auf die Dauer widerstehen können. Daß eine allgewordene Partei vom Schauplatz abtreten und einer jüngeren nachstrebenden Platz machen muß, ist in der politischen Naturgeschichte ebenso wie in der physischen unvermeidlich. Aber die Deutsche Volkspartei geht ihrem Ende entgegen, ehe sie noch sich ausgelebt hatte. Sie hinterläßt keine Spur ihres Wirkens, wie etwa die Fortschrittspartei, kein Gesetz, keine Reform trägt den Stempel ihres Geistes, sie war nur die Schleppträgerin der wirthschaftlich reaktionären und politisch ültramontanen Gelüste der Antisemiten und die unselbstständige Nachbeterin der nationalen Phrase. Unrühmlich wie ihre Existenz, wird auch ihr Ende sein, und was jetzt ihrem Führer Prade geschieht, ist nur, ein Vorzeichen dessen, was ihr selbst binnen Kurzem widerfahren wird. Man wird ihr nicht einmal das Bedauern nachsenden können, daß wieder einmal eine gemäßigte Partei von einer radikalen erschlagen wird. Sie war eben ihrem Grundgedanken nach weder gemäßigt noch überhaupt freisinnig. Das Nationalitätsprincip ist eben kein