Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 542 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 32 „Flunkere nicht, Papa!" sagte David, dem daran lag, die hochgradige Erregung, die sich seines Vaters bemächtigt hatte, in etwas herabzustimmen. „Nichts, kein Wort wußtest Du! Wenn uns nicht die Briefe gesagt hätten, was wir uns sind, errathen hätten wir es niemals. Meine schöne Stimme hat Dich, den Sangeskundigen auf meine Spur geführt, nicht aber die Stimme der Natur." „Doch! Dochmurmelte Polansky. „Und jetzt werde ich Dich ganz verlieren, mein Kind! Und mein verfehltes, verpfuschtes Leben in Einsamkeit vertrauern." „Wieso verlieren?", fragte ganz erstaunt der junge Mann. „Haben wir uns ja jetzt gefunden, um uns für dieses Leben nicht mehr zu trennen." „Was habe ich Dir zu bieten, der wandernde Musikant, während Du im Hause Deiner reichen Mutter alles das findest, was dem Leben Werth verleihet." „Meinem Leben vermag einzig und allein die Kunst und die Liebe Werth zu verleihen, und beides finde ich bei Dir, mein Herzenspapa! nicht aber bei jener grausamen Frau, welches Dir den Anblick Dernes Kindes vorenthalten wollte. Jedoch dre Wüffe hat sich gegen sie selber gewendet. Die Herzlose soll kinderlos durchs Leben gehen, während Dir im Besitze Deines Sohnes eine neue schöne Jugend erblühen soll." „Du verzichtest also?" „Ich verzichte aus nichts, sondern halte fest an dem, was ich gesunden — am treuen Vaterherzen!" Die Weltgeschichte ist das Weltgericht! Aber nicht nur die Geschichte ganzer Nationen und Reiche, sondern auch die Geschichte einzelner Familien und Individuen. Der grenzenlose Haß, mit dem Sarah ihres Verführers dachte, hatte sie bewogen, jene unsinnigen Worte in ihrem Briese an Blimelc mederzufchrerven, und diese Worte, deren Zweck es war, Polansky aus ewig von seinem Kinde zu trennen, haben ihr selbst den Zugang zu dessen Herzen verschlofien. Zwischen den beiden Männern wurde nach einer stillschweigenden Abmachung der Name Sarah nicht mehr genannt. Derselbe hätte sicherlich einen Mißton in die vollständige Harmonie ihres Zusammenlebens gebracht. David hatte endlich erreicht, wonach er so lange schon vergeblich gestrebt hatte: Er wurde Mitglied der kaiserlichen Hofoper. Mit dieser festen Anstellung hatte das bisherige Wanderleben sein Ende erreicht. Die Gesellschaft, welche im Laufe der Jahre weder an äußerem Anseyen noch an innerem Gehalte gewonnen hatte, sondern nach Austritt ihres Sternes, David Polansky, recht schäbig zu werden oegounen hatte, wurde aufgelöst und die einzelnen Mitglieder nahmen je nach ihren Fähigkeiten mehr oder minder gute Anstellungen an, während sich der alte Polansky vom öffentlichen Leben gänzlich zurückzog. Es war aber auch die höchste Zelt dazu. Sein vielbewegter Lebenslauf, der Kummer wegen Nichterreichung seines vorgesteckten Zieles und so manche anderen Einflüffe, vielleicht auch eine angeborene Anlage hiezu, hatte den vormals so flotten Künstler zum Mysanthropen gemacht, der tagelang in seinem Zimmer in düstere Gedanken versunken lebte, ohne mit einem andern Menschen als seinem heiß geliebten Sohne zu verkehren. Selbst dieser vermochte es nur höchst selten, dem in sich gekehrten Vater einige Worte zu entlocken, und nur dann, wenn er dem Einsamen einen neuen Erfolg auf seiner Künstlerlaufbahn zu berichten hatte, konnte er em regeres Interesse bei dem schweigsamen Alten beobachten. David hatte es schließlich aufgegeben, auf den Alten zu wirken und überließ ihn seinen düsteren Gedanken und Erinnerungen, nachdem jeder Versuch, ihn zu erheitern, vergeblich war. David bot Alles auf. den Vater mit jedem äußeren Comfort zu umgeben. Das Zimmer, worin Polansky sein einsames Leben fristete, enthielt Alles, was einem Künstler vom Schlage des alten Polansky Anregung bieten könnte. Bilder der berühmtesten Compomsten schmückten die in lichten Farben tapezierten Wände. In den Ecken des hohen vrereckigen Zimmers standen kunstvoll ausgeführte Büsten der Lieblinge des alten Musikers. Die kleine Bibliothek enthielt nebst den deutschen Classikern alle Werke über Musik, welche David nur aufvringen konnte und der Notenschrank neben dem kostbaren Flügel enthielt Partituren in solcher Anzahl und Gediegenheit, daß jedes Ätusiksreundes Herz bei deren Anblick ausgejubelt hätte. AVer Polansky's müder Geist war einer solchen Gefühlsäußerung nicht mehr fähig. Auch die behagliche Einrichtung seines Schlafzimmers und feiner ganzen Lebensweise schien er kaum zu beachten. Auf diese Weise war es ihm auch nicht möglich, die Lebensweise Davids so wie früher zu beobachten und ihm mit seiner reichen Erfahrung zur Seite zu stehen. Davids Stellung führte ihn vielfach mit Künstlern, namentlich Schauspielern zusammen und im Verkehr mit diesen Leuten vergaß er nach und nach an seine jüdische Abstammung, an die Religionsgenoffenschaft, der er doch angehörte. Seit er wußte, daß er nicht ihr Bruder sei, war auch das BildFloras immer mehr und mehr in seiner Erinueiung zurückgetreten, bis es vor den glänzenden Bühnenerscheinungen, die nunmehr seine Welt ausmachten, verblaßte. Während sich dort in Böhmen das gänzlich verwaiste Mädchen zu einer vollkommenen Schönheit entfaltete und sehnsüchtig der Ankunft des Bruders harrte, den sie im Geiste mit allen Vorzügen des Geistes, Herzens und auch des Körpers ausstattete, hatte dieser kaum emen Gedanken an diejenige, die er einstmals als seine Schwester betrachtet hatte. Die Brieftasche mit den welken, vermoderten Wiesenblumen, welch letztere ihm Flora beim Abschiede gepflückt hatte, war schon längst als abgenützt unter alten Lappalien verworfen worden und somit das letzte Andenken an die geschwunden, welche noch immer in dem Entfernten ihren einzigen Bruder, ihren natürlichen Beschützer liebte und dessen endliche Ankunft mit rührendem Vertrauen erwartete. Was war ihm Hekuba? Frauenschönheit trat dem liebedurstigen, unerfahrenen Sänger allerorten verführerisch entgegen und namentlich war es die Primadonna der Bühne, an der auch er wirkte, welche anfangs feine leicht entflammbaren Sinne, später auch nach und nach sein gegen Slrenenkünste unverwahrtes Herz gefangen nahm. Der Zauber der ersten Liebe hatte ihn ganz umfangen. Wenn er als ihr Partner auf der Bühne sang, verlieh die Leidenschaft, die ihn beherrschte, seinem Gesänge und seinem Spiele eine alle Zuhörer begeifernde Gewalt, so daß stürmischer nicht endenwollcuder Beifall des Publikums den jungen Sänger lohnte. In solchen Augenblicken hätte er ^vor die Diva niederstürzen mögen, um ihr aus den Knieen für die Begeisterung zu danken, welche sie ihm eingeflößt und die sein Spiel, das gestand er sich zu, aus alltäglicher Unbedeutendheit zu dieser Höhe geführt hatte. Es war nach einer Aufführung von Faust und Margarethe gewesen. Polansky und Laura Fabrini hatten als Träger der Hauptrollen großen Beifall gefunden. In ihren weiten Pelzmanrel gehüllt, wollte Laura den ihrer harrenden Wagen besteigen. David hatte den ihn erwartenden Diener mit der Weisung nach Hause geschickt, Papa zu sagen, daß er heute reichen Beifall geerntet, und daß er mit seinen College« auswärts speisen werde. Dann trug er dem Diener aus, den Alten bald und vorsichtig zu Bette zu bringen und in seiner Nähe zu bleiben. Als David vies erledigt hatte, trat er zu Laura, der eben einige ihrer Verehrer behilflich fein wollten, in den Wagen zu steigen. „Gestatten Sie, Signora, daß ich einen Sitz in Ihrem Wagen eiunehnle und mit Ihnen bis zum Stefansplatze fahre, wo ich heute Abends bei Freunden erwartet werde?" „O, mit Vergnügen, lieber College", antwortete Laura und verabschiedete mit einer anmuthigen Handbewegung die ihren Wagen umgebenden Herren. „Dank, daß Du gekommen bist, mein Freund! Ich wäre diese Zudringlichen so bald nicht los geworden, begann die Favrim mit ihrer einschmeichelnden Stimme. Du hast sie verscheucht." „Das war auch meine Absicht, mein theueres Mädchen, außerdem wollte ich mich noch ein Weilchen Deiner Gegenwart erfreuen." „Du begleitest mich doch nach Hause und stärkst Dich bei mir mit einem Glase Wein nach den Anstrengungen des heutigen Abends." „Anstrengung nennst Du es? Nicht doch! Es war der glücklichste Abend meines Lebens. Ich wollte Dich ewig so im Arme halten und Dir Liebesworte zuflüstern wie heute Abends." „Du hast ziemlich laut gesungen, nicht geflüstert", unterbrach ihn lachend die Angebetete, „um keinen Ton niedriger, als es Meister Gounod vorgeschrieben. In Wirklichkeit aber singt man sem Geständniß nicht, sondern flüstert es und gibt auch keinen Theaterkuß." „Aber so einen, nicht wahr?" rief jubelnd David aus, und ehe es sich die erschrockene Laura versah, hatte David sie um den Hals genommen und herzlich abgeküßt. Das waren freilich keine Theaterküsse gewesen, das waren Küsse, wie sie wahre echte Leidenschaft gibt und empfängt.