Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 539 Nr- 32 Dx. Bloch's Wochenschrift. Kriegsminister so wenig veranlaßt hat, seine Pläne aufzugeben, daß er noch weiteres Material sammelt, augenscheinlich, um mit Hilfe der „Gutachten" der Militärinstanzen für deren Gefügigkeit die soldatische Subordination Gewähr leistet, die Zustimmung der maßgebendsten Stelle zu erwirken. Die Vorschläge des Kriegsministers fordern, selbst für russische Verhältnisse so Ungeheuerliches, daß man zunächst geneigt ist, an eine Mystificirung des „Vorwärts" zu denken. Aber trotz der Zweifel über die Echtheit, glaubten wir bei dem traurigen Ernst des Gegenstandes, das Aktenstück schon deshalb wiedergeben zu sollen, damit einer der Unterrichteten unter unseren russischen Lesern Gelegenheit nimmt, sich darüber zu äußern. Budapest. (Herr Egan als Philosemit.) Unter der Leitung des Regierungscommissärs Eduard Egan soll, wie „M. Hirl." zu melden weiß, eine großangelegte Bewegung initiirt worden sein, um den dort lebenden, größtentheils aus Rußland eingewanderten Juden einen Erwerb zu sichern. Herr Egan arbeitete nämlich nach der citirten Quelle, einem Ersuchen des ungarischen israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereines Folge leistend, ein Memorandum aus, in welchem er darauf hinweist, daß jene Israeliten zu tüchtigen Landwirthen herangezogen werden könnten, einem Berufe, „in welchem die Zähigkeit und Gewissenhaftigkeit dieses Stammes voll und ganz zur Geltung gebracht werden könnte", wofür der Umstand, daß die alten Hebräer tüchtige Ackerbauer waren, sowie die Beispiele der jüdischen Colonien in Argentinien und Jaffa ein beredtes Zeugniß ablegen. Zum Schluffe erklärt Egan rundweg, die oberungarische Judenfrage könne überhaupt nur durch Heranziehung der Juden zum Ackerbau gelöst werden. Dieses Memorandum legte Egan einer Enquete vor, welche sich dahin äußerte, die Durchführung dieser bedeutsamen Action möge in Folge ihrer Wichtigkeit nicht dem israelitischen Handwerks- und Ackerbauverein überlassen, sondern von der Regierung geleitet werden. Herr Egan leitete schließlich das Elaborat. an den Präsidenten der Börse Direktor Sigmund Kornfeld, der es gründlich studirte und nebst seinen Bemerkungen dem Regierungscommissär zurückstellte. Wie das citirte Blatt schließlich meldet, wird Herr Egan die Denkschrift mit Berücksichtigung der in der Enquete und vom Börsenpräsidenten gemachten Bemerkungen umarbeiten und sodann dem israelitischen Handwerks- und Ackerbauverein unterbreiten. Eßrogim aus Palästina. (Ein Wort zur Zeit!) So heiß und innig die Liebe eines jeden Israeliten zu seinem Geburtslande auch sei, so freudig auch unsere Stammesbrüder seit .Jahrtausenden Gut und Blut dem Lande geopfert haben, in welchem ihre Wiege gestanden, so ist das'Jnteresse für Israels einstige Heimat, für Palästina, dennoch nicht geschwunden, das Empfinden für jene heilige Stätte, die uns zum Herolde der lautern Gottesidee herangebildet und welche wir als Träger einer heiligen Mission unter der gelammten Menschheit zu verbreiten berufen waren, ist unter Israel stets das alte geblieben; das. Gefühl für Palästina, welches mit der Idee des Judenthums eng verwachsen war, ist auch heute noch rege. In unseren Morgen- und Abendgebeten gedenken wir in Wehmuth Jerusalems, bei jedem freudigen Anlasse in Israels Familienkreisen hat der fromme altjüdische Brauch die Erinnerung an Palästina als einen Wermuthstropfen in den Freüdenkelch des Juden gegossen. Gedenket der heiligen Stadt! sprechen unsere Gebete, erinnert Euch Jerusalems! ruft der fromme Brauch uns zu. Was nützt uns jedoch das wehmüthige Gedenken der Stadt und des Landes, wenn wir der Bewohner Palästinas vergessen? Was frommt uns die E r i n n e r u n g an die einstige Herrlichkeit, wenn wir den momentanen Schmerz um Jerusalem nicht zu lindern suchen durch unsere werkthätige Liebe, durch die Förderung der commerciellen Jntereffen unserer in Palästina weilenden Brüder? Der Appell unserer Glaubensbrüder in Palästina an das mildthätige Herz ihrer Glaubensbrüder in unserer Monarchie war Wohl nie vergebens, wenn Noth und Krankheit an Jerusalems Thore pochten. Heil und Segen Allen, die der Armen und Bekümmerten in Liebe'gedenken. Vergessen wir jedoch nicht, daß Palästina nicht von Nothleidenden allein, sondern auch von strebsamen, arbeitsamen Menschen, von rastlosen jüdischen Ackerbautreibenden bevölkert sei; von Glaubensbrüdern. die, das Brot des Elends verschmähend, durch ihrer Hände Arbeit sich zu erhalten bemühen. Jeder Staat, jedes Volk schützt die Industrie und Cultur der Seinen; ohne Rücksicht auf das politisch freundschaftlicke Verhältniß wird das Interesse der Ackerbautreibenden gewahrt, selbst auf die Gefahr hin, der Freundschaft verlustig zu werden. Warum sollten wir Juden es nicht thnn dürfen? Freunde und Wohlthäter Palästinas haben in ihrer jüdischen Hochherzigkeit jüdische Ackerbancolonien daselbst gegründet, unfern Brüden: eine neue Heimat geschaffen und neues Leben aus den Ruinen erst hen lassen. Sie haben die Brüder nicht allein durch frommes Gedenken, sondern auch durch d i e T h a t in der Weise gefördert, daß sie die einst wüsten und öden Landstriche zu herrlichen, ergiebigen Pflanzungen umgestalten ließen. Es ist wohl wahr, daß infolge der jungen, zum neuen Leben erweckten Bodencultur dieser keine allzugroße Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten zugemukhetwerden könne, es wird auch Niemandem einfallen, daß wir auf Kosten der heimischen Producte die palästinensischen fördern müssen und können; was wir jedoch nicht zu fördern bemüssigt sind, das sind die Interessen Fremder auf Kosten unserer Stammesbrüder in Palästina, auf Kosten her sich entwickelnden Cultur in den jüdischen Colonien Kanaans, die insbesondere auf dem Gebiete der Eßrogimproduction eine großartige Entwicklung genommen. Ich denke an jene Fremden, die unserem Glaubensstamme zu allen Zeiten und auch in der Jetztzeit nur Haß und Verachtung entgegenbrachten und zum Lohne hiefür fördern wir ihre Interessen in einem nur für jüdische Zwecke nöthigen Erwerbszweige, der jenen Judenfeinden das nachgewiesene Sümmchen von fünf Millionen Francs jährlich zuführt. Zahlreiche jüdische Händler überschwemmen Griechenland und seine Inseln und kaufen für schweres Geld anläßlich des Sukkothfestes von den judenfeindlichen griechischen Eßrogim-Pflanzern die zu heiligen Zwecken nöthigen Producte. Man bedenke! Zu heiligen jüdischen Zwecken bestimmte Waare; zu hohen Preisen; für jüdisches Geld erstanden von jüdischen Händlern; aus den Pflanzungen unserem Glaubensstamme feindlicher Fremden! Da die- Eßrogim-Pflanzung hauptsächlich der Juden wegen gepflegt wird und diesbezüglich die Macht in unsere Hand gelegt ist, warum sollten wir uns nicht bemühen, unseren Einfluß dahin geltend zu machen, daß wir Israeliten nur diejenigen Eßrogim als der Weihe würdig erachten, welche dem geheiligten Boden unseres heiligen Landes entsprossen? Warum sollten wir es unterlassen, das Wohl unserer Brüder in P a l ä st i n a zu fördern, die jüdischen Colonien. in welchen so viele fleißige, strebsame Glaubensbrüder in redlicher Weise ihr Brot suchen, zu heben? Wie herrlich würden jene mit großen Geldopfern gegründeten jüdischen Ansiedlungsorte sich entwickeln, wie viel Gutes und Nützliches ließe sich auf allen Gebieten der Industrie für unsere arbeitswilligen Brüder schaffen, in welchem Maße könnten wir das Los unserer armen Glaubensgenossen in Palästina erleichtern, wenn die Juden aller Länder ihren Eßrogim-Bedarf aus Palästina decken würden, was ließe sich Alles aus dem jährlichen Erlöse von fünf Millionen Francs schaffen! Wäre es nicht recht und billig, wenn meine werthen Amtscollegen und die werthen Gemeindevertretungen unserer Monarchie Hand in Hand gehen würden und unserer Bruderpflicht entsprächen? Lassen wir uns'nicht von den Einwendungen der Eßrogim- Händler beirren, welche die Eßrogim Palästinas als minderwerthig, theuer, nicht dem jüdischen Gesetze und dem Schönheitssinne entsprechend hinzustellen sich bemühen und die Unwahrheit in die Welt posaunen, daß die jüdischen Pflanzer bei eventuellen größerem Bedarf nicht leistungsfähig seien. Nichtig und hinfällig sind alle diese Einwendungen, sie haben ihren Grund einzig und allein in dem Geschäftsinteresse, welches sie leitet. Es geschieht wohl zuweilen, daß diese Händler auf Verlangen Eßrogim als aus Palästina stammend feilbieten, aber die Erfahrung bat schon Manche gelehrt, daß griechische Frucht als palästinensische geliefert wurde. Lassen wir uns nicht dupiren und erwirken wir in unseren Kreisen, daß unseren in Worte gekleideten Gefühlen für Jerusalem und dessen Bewohner auch die That folge, schaffen wir eine Verbindung aller Rabbinen und Gemeinden ohne Unterschied der Parteistellung zum Zwecke der Errichtung einer Centralstelle zur Förderung der Jntereffen der jüdischen Colonien. Es erwachsen uns bei der Verwirklichung des in.Rede stehenden Planes keine größeren Kosten, wir geben nur den Brüdern» was der Brüder ist und hiemit einen sichern, festen Halt durch die Gewißheit, daß wir sie von Jahr zu Jahr stützen und ihre Unternehmungen fördern. In diesem Falle hätten unsere Hände gethan, was unsere Lippen gesprochen. Malaczka im Monate Ab Bez.-Rabbiner Dr. M. Lewin. Lemberg, 4. August. Ein wichtiges Ereigniß in Galizien, die Einsetzung einer jüdischen Directorin an der größten städtischen Mädchenschule in Lemberg, ging in aller Stille vor sich. Und dennoch kostete diese Stelle einen heißen Kampf. Vor etwa zwei Jahren wurde die Directorinstelle an der städtischen confeffionellen Schule vacant. Keine christliche Lehrerin wollte diese Schule, welche ausschließlich von jüdischen Mädchen besucht wird, leiten; denn sie wird sowohl von Seite der Schulbehörde als auch von Seite der christlichen Lehrerinnen für eine Strafanstalt angesehen. Es competirte auch eine jüdische Lehrerin Frau O b e r h a r t um diesen Posten und wurde schließlich vom Gemeinderath zur Directorin ernannt. Aber die Rechnung ward ohne den Wirth gemacht. Der Clerisei und dem gewesenen Bicepräsidenten des Landesschulrathes Dr. Bobrzynski, dem Vertreter der Adelspartei in Schulsachen, war diese Ernennung ein Dorn im Auge. Zwei Jahre lang ließen sie durch ihre antisemitischen Helfershelfer unter den Lehrern Protest auf Protest einreichen. Schließlich gelang es, durch Intervention der höchsten Schulbehörde, der dem Lehrerberufe mit ganzer Seele ergebenen