Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 686 Dr. Bloch's WochenfthrrN. Nr. 32 Werk will zwar dem Titel nach nur die Attributenlehre behandeln, das heißt, die Ansichten der jüdischen Philosophen des arabischen Zeitalters über die Eigenschaften, welche Gott zugeschrieben werden und zugeschrieben werden können, in Wahrheit umsaßt es jedoch die ganze jüdische Philosophie von Saadja bis Maimüni. Dies ist aber ungefähr Alles, was man dem Werke vorwerfen kann: es umfaßt mehr, als es soll, und es ist auch umfangreicher, als es der Stoff verlangt. Man verzeiht das gerne dem jugendlichen Verfaffer, der sich der Religionsphilosophie annahm, wie man sich eines Waisenkindes annimmt, das man vielleicht nachher allzu milde behandelt. Auch noch später blieb Kaufmann neben Joel. Gutmann und Schmie dl der einzige moderne, jüdische Religionsphilosoph von Bedeutung, und er ist zu dieser seiner Liebe, welcher sich sein Herz zuerst erschloß, stets zurückgekehrt. Abgesehen von hiehergehörigen Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften*), schrieb er noch dieselbstständigen Werke: Die Spuren Al-Batlajüsi's in der jüdischen Reli^ionsphilosophie nebst einer Ausgabe der hebräischen Uebersetzungen seiner bildlichen Kreis e^), 1880; Die Sinne; Beiträge zur Geschichte der Physiologie und Psychologie im Mittelalter aus hebräischen und arabischen Quellen, 1884. Beide Werke schrieb er schon als Profeffor in Budapest, und sind beide Schriften, wie auch die bald zu nennende, da sie als Beigabe zum Jahresberichte der Landesrabbinerschule erschienen, auch in ungarischer Sprache herausgegeben worden. Der Titel vom Werke: Die Sinne, besagt eher zu wenig als zu viel; es verräth sich darin eine stupende Gelehrsamkeit auf dem Gebiete der Physiologie und Psychologie und eine erstaunliche Belesenheit in der jüdischen und arabischen Literatur des Mittelalters. David Kaufmann hat den Meistern der Mischen Religionsphilosvphie, mit denen er sd vertraut war, das Geheimniß abgelauscht, wie man neben der theoretischen Philosophie, wie man neben dem abstracten Denken auch für die Erscheinungen der Nattk^ besonders aber für die seelischen Fähigkeiten des Menschen ein offenes Auge haben müffe. ja. daß man eben auf Grund der physischen Kenntnisse im Reiche der Theorie sicher wandeln kann?) Für den allumspannenden Geist Kaufmann's ist bezeichnend seine Freundschaft mit dem großen Anatomen Dvctvr Josef H.yrtl in Wien; als ihm Hyrtl sein Werk: „Geschichte und Kritik der anatomischen Sprache der Gegenwart" (Wien 1880), übersandte, schrieb Kaufmann eine Menge von Notizen, die sich im Nachlaße befinden. Im letzten Jahre seines Lebens arbeitete Kaufmann ebenfalls als Beilage zum Jahresberichte der Landesrabbinerschule an der Schrift: Studien über Salomon Jbn Gabirol, 1899, eine Schrift, die. sich würdig an Bachja Jbn Pakuda und an die Attributenlehre anschließt?) Wie vor Jahrzehnten der hochverdiente S a l o m o n Munk in Paris die ,Ions Vitae" zu ihrem Ursprung, zu Salomon Jbn Gabirol zurückführte, so führte nun Kaufmann die „Quelle" aus ihre Quelle zurück, indem er Pseudo-Empedokles als denjenigen Philosophen auswies, deffen Ideen den Stoff für die ^Lebensquelle" Gabiro?s lieferten. Zugleich edirte Kaufmann die im Mittelalter bei den Juden erhalten gebliebenen Fragmente ') Ueber Saadja Alfajjumi, siehe Z. D. M. G. (-= Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft) XXXVII, 1883, p. 280. — Ein Responsum des Gaons R. Haja über Gottes Vorherwissen. Und. XLIX, 1895, p. 73. — Le pretendu commeutaire d’ Isaae Israeli sür le livre Je^ira, Revue des Etudes Juives, VIII, 126. — Jehuda ha-Levi on the Dogmas of Judaism, Jewish Quarterly Review I, 441. — Am Ende seines Lebens erschien die für ein größeres Publicum berechnete Schrift: Der „Führer" Maimüni's in der Weltliteratur (Sonderabdruck aus Archiv für Geschichte der Philosophie XI, Nr. 3), Berlin 1898; vgl. darüber I. Weill in Revue des Etudes Juives, XXXIX, 165. 2) Vgl. Les c er de s intellectuels deßatalyusi in Revue des Etudes Juives VIII. 131. — Vgl. die oben erwähnte Recension seines Freundes P. Frankl. 3) SSflL Propädeutik für Aerzte von Isaak Israeli in Rahmer's I L d. L i t e r a t u r b l q t t XI, 97. — Das arabische Original von Maimüni's -iökö ibid, XV, 170. — Un siede de lexistence dune famille de medecins Juifs de Vienne et de Posen etc., Revue des Etudes Juives XX, 275. __4) Cp. Uue Citation de Salomon Ibn Gabirol dans Joseph Kimhi, R. d. E. J. (— Revue des Etudes Juives) XVII, 306. — Recension von H. Brody, Weltliche Gedichte des Jbn Gabirol, in Z I). II. G. LII, 29 ■. des Pseudo-Empedokles'), wieder an einem Beispiele zeigend, wie sehr die jüdische mit der allgemeinen Welt-Literatur zusammenhängt. Es war nämlich einer, der fruchtbarsten Gedanken, die Kaufmann Zeit seines Lebens mit Ausdauer verfocht, daß die jüdische Wissenschaft keine Ghetto-Wissenschaft bleiben dürfe, sondern sie müsse ihren Weg in die Akademien und Universitäten finden, wo sie den Schutz des Staates für sich fordern kann; das ist sie vermöge ihres inneren Werthes und infolge ihres Nexus mit den allgemeinen Wissenschaften unbestritten werth. Wären die weittönenden Worte Kaufmann's nicht an taube Ohren gefallen, dann hätte die jüdische Wissenschaft längst an Universitäten gelehrt werden müffen, und wäre nicht die exotische Pflanze, die man des Curiosums wegen hie und da duldet?) Kaufmann selbst rechnet zwar in der meisterhaften Biographie, die er zum 90. Geburtstage von Zu n z schrieb* * 3 4), die Forderung der Gleichstellung der jüdischen Wissenschaft mit den anderen Wiffenschaften als ein unvergängliches Verdienst an, welches der Altmeister Zunz sich unter anderen erworben; aber dieseAnschauung stammt mehr aus der. besonderen Werthschätzung, die Kaufmann für den hochverehrten Zunz hegte, während in Wirklichkeit er selbst, Kaufmann, den Gedanken in aller Schärfe aussprach und wenigstens im Princip zur Geltung brachte. Gegenüber den großen Begründern der jüdischen Renaissance betrachtete sich Kaufmann, wie schon aus diesem Factum hervorgeht, als Epigonen, der nur auf den Schultern jener stehen kann; der Gedanke, daß er selber ein Heros der Mischen Wissenschaften ist, als welchen ihn die dankbare Nachwelt verehren wird, ist ihm nicht gekommen. So ist denn die Verehrung, welche Kaufmann speciell dem Altmeister Zunz entgegenbrachte, einer der schönsten Züge in Kaufmann's Charakter, ein Zug, der, wie jede wahre Tugend, dadurch eine innere Belohnung fand, daß auch Zunz dem jungen Gelehrten, dem er zwei Menschenalter voranging. die auszeichnendsten Beweise seiner Freundschaft gab. Das Bündel Zunz'scher Briefe, die ich bei Kaufmann gesehen habe und die einst gewiß veröffentlicht sein werden, wird davon noch ein Mehreres zu berichten wissen. So prangte denn auch in Kaufmann's Studierzimmer Zunzens wohlgetroffenes Bildniß, dessen leerer Raum, von einem eigenhändigen Sinnspruch Zunzens in würdigster Weise, ausgefüllt wird. Außer der wahrhaft von Liebe durchtränkten Biographie, mit welcher Kaufmann den Altmeister ehrte, trat er noch durch seinen Beitrag zur Jubelschrift'') zum neunzigsten Geburtstage des allgemein verehrten Meisters, wie auch durch seine Theilnahme an der Verwaltung der zehn Jahrd vorher gestifteten Zunz-Stiftung zu Zunz in Beziehung. Nimmt man noch hinzu, daß Kaufmann durch die kurze in deutscher Sprache geschriebene Inhaltsübersicht, die er zu den hebräischen Briefen S. D. Luzzatto's schrieb3), wie auch ') Den Eext von Elchanan b. Abraham's Jesod 01 am hatte Kaufmann 188 L aus einer eigenhändigen Abschrift seines Freundes Senior Sachs, des 1892 in Paris verstorbenen Gelehrten, kennen gelernt. (Studien über Salomon Jbn Gabirol p. 16.) Außerdem läßt er noch Eod. Paris 301 abdrucken. — Es ist zu bedauern, daß diese Schrift, da sie die sorgfältige Hand des Autors nicht mehr genießen konnte, in einigen Punkten unvollendet geblieben ist. ') Heber die Vertretung der jüdischen Wissenschaften an den Universitäten schrieb Kaufmann in Monatsschrift XXXIX, 145. Ein Passus daraus, den auch Berliner in „Hebr. Bibliographie" I, 25 anführt, möge hier einen Platz finden: „Sonst verschmäht man es nicht, zu den Beduinen in die Wüste, oder an den Ganges, zu den Parsis und zü den weltverlorenen Brahmanen zu pilgern, um für entlegene Wissensgebiete sich Aufklärung zu holen, aber den nächsten Hebräer um Aufschluß über die von ihm noch immer einzig und allein beherrschte rabbinische Literatur zu befragen, fällt den Meistern vom Stuhl, die über solche Fragen sich zu offenbaren Vorhaben, in neuerer Zeit noch immer nicht ein. Einst hat hier größere Selbsterkenntniß und Bescheidenheit gewaltet." 3) Leopold Zunz, reprinted from the „Jewish Chronicle“. 1881.12Seiten. — Vgl. DieFamilieZnnz, Monatsschrift XXXVIII, 48l; R. Löb Zunz. ib. p. 500. Das ganze betreffende Heft der Monatsschrift enthält Arbeiten über Zunz. — Alexander Zunz, Rabbiner in Austerlitz, Monatsschrift 1899, XLIII, 191. 4) Berlin 1884. Simeon b. JosefsSendschreiben an Menachem b. Salomo. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Exegese und Predigt im Mittelalter; p. 14*3 157 und p. 142—147 (deS hebräischen Theils). -) nrüK» S. D. Luzzatto'sHebräischeBriefe. Przemysl 1882 und Krakau 1891. — S. auch Kaufmann in Rahmer's Jüd. Literaturblatt, VIII, 77. 81. - Kaufmann besaß Autographe von Luzzatto.