Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021418--11063-3035579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 33 Dr. Bloch'? wvckrrnfchrM» Gelte 533 wem es ernstlich darum, zu thun ist, unseren Glaubensgenossen nützlich zu sein, der wird alle nur scheinbar großen Hindernisse überwinden und er wird dabei mehr Befriedigung empfinden, als bei der Gabe eines Almosens, wo er nur momentan.geholfen hat und das ihn in den meisten Fällen kein Opfer kostet. In der Arbeitsgelegenheit liegt der todte Punkt der Action, wenn dieser einmal überwunden ist, dann werden gewiß auch bei uns in Oesterreich-Ungarn zahlreiche Anstalten nach dem Muster von Ahlem entstehen, auch bei uns werden sich Männer finden, die wie Consul Simon mit zäher Beharrlichkeit nicht nach rechts, noch nach links blicken, sondern geradeaus auf ihr Ziel zusteuern, die nicht viel von Humanität sprechen, dafür aber ein umso intensiveres humanitäres Wirken entwickeln und so mit Erfolg für ihre bedrängten Glaubensgenossen thätig sind. Auch bei uns fehlt es nicht an großherzigen Männern, welche Waisenhäuser gründeten und gründen! Erfüllen dieselben aber unter den heutigen Verhältnissen ihren Zweck? Der größte Fehler derselben ist, daß sie in großen Städten selbst, statt in der Umgebung derselben geschaffen werden. Möge man sich bei Schaffung von jüdischen Waisenhäusern ein Muster an der Erziehungs-Anstalt von Ahlem nehmen; auch diese Anstalt hatte ihre Kinderkrankheiten durchzumachen, dis die heutige Organisation geschaffen wurde, und diese kann nur als vorzüglich empfohlen werden. Das Curatorium von Ahlem denkt heute schon an eine Erweiterung der Anstalt, insoferne als auch ein Waisenhaus für Mädchen auf derselben Basis geschaffen werden soll. Mädchen, die eine derartige Erziehung genoffen haben, werden nicht nur sehr gesuchte und verwendbare Dienstboten, sondern späterhin auch gute und wirtschaftliche Frauen für Kleingewerbetreibende und Landwirthe abgeben; indem man ihnen Wirthschaftüchkeit und die Liebe zur Arbeit beibringt, gibt man ihnen die kostbarste Mitgift. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Verrohung der Wiener Bevölkerung. Wenn wir aus eigenem Antriebe die Klage erheben würden, daß die Wiener Bevölkerung, wie aus zahlreichen Erscheinungen wahrzunehmen ist, immer mehr der Verrohung und Verwilderung auheimfällt, so würden wir den unfläthigsten und den gemeinsten Beschimpfungen der Antisemiten ausgesetzt sein. Wird doch sogar Jeder, der nicht in das Selbstlob der Antisemiten einstimmt, des Mangels an Patriotismus geziehen und vernadert. Wie wäre man erst zerzaust worden, wenn man es gewagt hätte, dem „süßen Mob" die Wahrheit über die Wirkung der Erziehungsmethode, die an ihm seit nun etwa zehn Jahren von so „berufener" Seite praklicirt wird, ungeschminkt zu sagen. Nun ist es uns doch interessant, wenn wir die Klage über die in Wien herrschende Verrohung aus einem anderen „competenten" Munde, vom Hauptantisemitenblatt, hören. Das muß es doch am besten wissen! Der Lehrmeister muß ja seine Kinder kennen, er kann an ihnen seine Lehrmethode prüfen, den Erfolg seiner „erziehlichen" Thätigkeit studiren. Wie herrlich weit haben es doch die Wiener gebracht. Das Antisemitenblatt liest ihnen in folgenden Worten den Text: „Die zahllosen Nachtexcesse und Messeraffairen, die neuerer Zeit wieder in Wien Vorkommen und namentlich in den Nächten von Samstag auf Sonntag beängstigende Dimensionen annehmen, sind traurige Zeichen für die Verwilderung unseres Proletariates. Die Polizei gibt sich zwar die größte Mühe, diesem Unfuge zu steuern und die Strafen, mit welchen mitunter Nachtexcedenten belegt werden, sind ziemlich strenge, allein all' das reicht nicht aus, um die nöthige Sicherheit von Leben und Eigenthum wieder verbürgen zu können, denn das Uebel sitzt viel zu tief, um es mit einemmale durch strenge Handhabung des Gesetzes sammt der Wurzel ausreißen zu können." Die Spalten der Wiener Blätter, das antisemitische mitinbegriffen, sind thatsächlich täglich vollangesüllt mit der Schilderung schauerlicher Ereignisse, unmenschlicher Mordanfälle, bestialischer Ausschreitungen,. und es sind , nicht blos „Proletarier" — wie das Antisemitenblatt sich ausdrückt — sondern Personen verschiedener Stände, die an solchen Ereignissen betheiligt sind. Ware nur Einer unter ihnen, an dessen Namen die Hetzpresse ihr Ausrufungszeichen setzen könnte, so würde gewiß nicht das Wort „Proletarier gebraucht worden sein — es sind aber Leute ihres Stammes, ihres Glaubens, Leute aus ihrer Schule, aus ihrer Umgebung, und nun möchte sie sie gern als „Proletarier"" abschütteln. Das geht aber ebensowenig, als es erfolgversprechend ist, die Ursache von sich abzuwälzen und sie der „Neuschule"" zuzuschieben. Die Schule, aus welcher die Rohheit hervorgeht, ist nicht die „Schule"', sondern die Erziehung, und diese Erziehung gibt nicht das Schulgesetz vom Jahre 1868, das man mit dem Worte „Neuschule"" treffen will, sondern der Lehrer, die Eltern, das politische Milieu, welches das herrschende ist. Welche Lehrer wirken denn an der „Neuschule""? Jetzt überwiegen ja die antisemitischen! Man verfolgt jeden anders gesinnten Lehrer, man präterirt nicht nur, man bestraft „liberale"", d. h. unabhängige Lehrer, man setzt Prämien aus auf Charakterlosigkeit und Gesinnungswechsel, man verdirbt die Lehrer und mit ihnen die Schule. Nur wer das Wirken eines antisemitischen Lehrers aus nächster Nähe beobachtet hat, vermag zu erkermen, wie schädlich ein solches Individuum das Gemüth der Kinder beeinflußt, wie er in das Herr, das Liebe empfinden soll, den Haß säet, wie er die Kinder zur Verfolgung aufstachelt, ihre gemeinen Jnstincte reizt, wie er durch höhnische und hämische Reden die Verhetzung betreibt, wie er die Schwachen kränkt und die Starken durch Herausforderung antreibt, ihre Macht zn erproben — ja diese „Neuschule" trägt westlich zur Verrohung bei und diese Neuschule ist ein Werk der Antisemiten. Sie ernten, was sie gesüet haben. Hat das Kind die Schule verlassen und tritt ins Leben ein, so drängt sich ihm wieder der Antisemitismus als „Erzieher" auf. In der Lehre und im Gewerbe begegnet man immer wieder der antisemitischen Verhetzung und die antisemitische Presse ist eben auch keine Lehrmeisterin guten Tons und gesitteten Benehmens. Das Princip des Antisemitismus ist Unmenschlichkeit, die Freude an der Grausamkeit, und dieses Princip kann nicht derart eingeschränkt werden, daß es nur auf Juden zur Anwendung gelange. Menschen, die zur Unmenschlichkeit erzogen, gedrängt, gehetzt werden, handeln dann unmenschlich nicht blos gegen Juden. Die Antisemiten fühlen es jetzt am eigenen Leib, welche Saat sie großgezogen haben. An ihren Früchten sind sie zu erkennen — und wenn sie auch ableugnen möchten, daß diese Früchte auf ihren Bäumen gewachsen sind, so zeugen die Thatsachen gegen sie. Es ist durchaus antisemitischer Eigenbau, von dessen Leistungen die antisemitischen Blätter selber täglich erzählen müssen. „Muthige" und „ritterliche"" Sabelhelden. Man schreibt uns aus T e s ch e n, 6. August: Bei dem Gartenfeste, welches vor einer Woche die hiesige Garnison anläßlich der Gedenkfeier der glänzenden Haltung des Infanterie-Regiments Nr. 54 bei Sommacompagna in der hiesigen Schießstätte veranstaltet hat, apostrophirte der Lieutenant des 54. Infanterie- Regiments Franz v. S t r o s s e den eintretenden Kaufmann Emil Aufricht mit den Worten: „Dieser S aujud ist auch hi er." A u f r i ch t reagirte zunächst auf diese Bemerkung nicht. Erst einige Zeit später erzählte er diesen Vorfall seinen Freunden und bemerkte entrüstet: „Ich habe ihm doch nichts gethan, er muß besoffen gewesen sein, derLausbub!" Aufricht hat kurze Zeit darauf dem Regimentscommandanten Oberst v. Rukawina über den Vorfall Bericht erstattet und wegen der ganz grundlosen Schmähung v. S t r o s s e's Beschwerde geführt. Hierauf soll ein militärischer Ehrenrath zusammengetreten sein, der zunächst untersuchte, ob A u f r i ch t satisfactionsfahig sei. Zu diesem Zwecke erschienen am Donnerstag zwei ältere Officiere im hiesigen Polizeiamte. Dort wurde ihnen eine gute Leumundsnote über Aufticht gegeben, aber auch mitgetheilt, daß er Zugsführer im nichtactiven Stande der Landwehr sei, in Folge dessen er vom Ehrenrath als nicht satisfactronsfähig befunden wurde. Der Ehrenrath soll nun den Lieutenant Franz v. Straffe beauftragthaben, Aufrichtöffentlich zu züchtigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.