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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 532 Dp» BlEs Woürrnft'LM Rr. 32 Israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem. ' Von D. Rotter. Als ich jüngsthin eine Reise durch Deutschland machte, verweilte ich auch einige Tage in Hannover und besuchte Die einige Kilometer von dorr entfernte Erziehungsanstalt in Ahlem. Diese Anstalt wurde vom Consul M. H. Simon ins Leben gerufen und verbindet mrt einem Walsenhause eine vorzüglich geleitete Gärtnerschnle. Bon dem richtigen Gedanken ausgehend, daß die Liebe zur Bodencultur schon im Kindesalter anerzogen werden müsse, werden die in Ahlem untergebrachten Waisen neben einem sehr gründlichen Volksschulunterrrcht während der unterrichtsfreien Zeit zu fleißigen, ihren Kräften angemessenen Gartenarbeiten ungehalten. Hier gilt die Losung: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht effen"; und mit welcher Lust und Liebe gehen die Kinder an ihre Arbeit! In welch vorzüglicher Werse wird ihr Selbstbewußtsein durch redliche Pflichterfüllung gestärkt! Denn jedes der Kinder weiß, daß es, soweit es in seinen Kräften steht, etwas zu seinem Unterhalte beiträgt. Fröhlich und wohlgemuth gehen die Kinder an ihre Arbeit und es entsteht ein edler Weltstreit unter ihnen, indem Einer dem Andern an Eifer zu üderbieien sucht. Der Lehrer, der ihre Arbeiten leitet, thut dies nicht als Aufseher, sondern als väterlicher Freund, und sie blicken auch zu ihm mit dem größten Vertrauen empor. Dies Berhältniß bildet sich auf die natürlichste Weise, da der Lehrer die Zndlmoualität des Kindes schont und aus dessen Eigenthümlichketten Rücksicht nimmt, indem er seine Fähigkeiten in die richtige Bahu zu lenken sich bemüht. Bei derartiger Lebensweise und Erziehung ist es selbstverständlich, daß die Zöglinge an Leib und Seele gesund sind und dereinst auch als Erwachsene ihren Mann stellen werden. Es wäre sehr wünschenswerty, wenn die Leiter unserer Waisenhäuser sich diese Anstalt zum Muster nehmen würden. Nebst deu Waisenknaben, zählt die Gärtnerschule gegentvärtig 45 Lehrlinge, welche 80 Morgen Feld zur Bearbeitung zugeimeseu haben. Diese Lehrlinge kommen aus aller Herreu Länder, das Hauplcontmgent stellen Rußland, Rumänien und Galizien. Allmälig werden diese Jungen, welche in der Regel das fünfzehnte Leoeuszahr nicht üoerschritlen haben sollen, an dte Arvert gewöhnt, denn Keiner von ihnen hat sich jemals mtt der Bearbelluug des Bodens befaßt, was ja ganz natürlich ist, wenn man bedenkt, daß deren Eltern Hausteer, Händler, Makler und in wenigen Fällen Handwerker sind ooer waren. Die mersteu der Zöglinge, hcrvorgegaugen aus den verschiedenste» Ghelti ihrer Heimat, treten in die Anstalt mrt schwächlichem Körper, ohne Volksschulbildung, mit vernachlässigter 'Erziehung und mangelhafter Sprache, da sie meistens nur oen Jargon kennen. Und alle diese Gebrechen sollen in 4 Jahre» beseitigt werdm, wahrllch eine sehr schwierige Aufgabe, die aber in Ahlem in der glänzenösteu Welse gelöst wird! Dieses Ziel wird jedoch nur erreicht, durch dte vollständige Hingebung des Lehrkörpers au seine Aufgaben. Der Be,ncher Ahlems wird dort keinen Müßiggänger finden, er wird jeden Zögling bei seiner Arbeit sehen, sei es auf dem Felde, im Garten, tu Treibhäusern, Stallungen, Werkstätten oder in der Schule; ra letzterer dann immer, wenn das Wetter den Aufenthalt im Freien nicht zuläßt oder wenn momentall keinerlei Arbeit vorhanden ist. Kurz jede Minute wird zur Ausbildung der Zöglinge benützt. Um sich ein richtiges Bild von dieser Anstalt zu verschaffeu, muß ma» auch die Ubicattouen der Zöglinge uud die Wuihschastsräume besichtigen. Betritt mau die weitgedehnten lustigen Schlafsäle, so findet man in denselben eine spartanische Einfachheit, streng müuärlsche Ordnung und Sauberkeit. Jeder Zögling har seinen Schrank zur Aufbewahrung seiner Kleider und Wäsche, ein Eisenvett, einen Stuhl und Waschtisch, aus dem alle Waschreqaifiten in peinlichster Ordnung und Sauberkeit liegen. Zeder Lehrling hat feine Kleidung und Wäsche in eigener Verwahrung und muß sie, insolange es sich um kleine Reparaturen handelt, selbst im Stande halten. Die Schlafsäle werden sebst zur strengsten Winterszeit nicht geheizt, was unbedingt zur Abhärtung der Zöglmge beiträgt. Winter und Sommer wird um 5 Uhr ausgestanden. Die Zeit von 5—6 Uhr wird zum Ankleiden, Beten und Frühstücken verwendet. Um 6 Uhr treten alle Zöglinge zum Rapport an, wo jedem seine Tagesarbeit zugewiesen wird; um 12 Uhr begeben sich dieselben in den Speisesaal, um in glößter Ruhe und Ordnung ihre Plätze aufzusuchen und mit innerer Befriedigung ihr frugales aus.Suppe, Fleisch und Gemüse bestehendes Älahl zu verzehren. Um 1 Uhr geht es wieder an. die Arbeit, bei welcher natürlich auch dem Zögling der Zweck derselben erklärt wird. Um 6 Uhr ist Feierabend; die Zeit von 6—9 Uhr verwenden die Zöglinge für die Abendmahlzeit und zu ihrer Unterhaltung; um 9 Uhr wird zur Ruhe gegangen und kräftigender, gesunder Schlaf lohnt die Zöglinge für des Tages Mühen. Der Samstag ist natürlich Ruhetag und wird dem Gottesdienst, der Lectüre und sonstiger Zerstreuung gewidmet. Es ist selbstverständlich, daß, wo es sich um landwirthschäftliche Arbeiten handelt, die ja größtenthentheils im Freien ausgeführt werden müssen, die daher vom Wetter und der Jahreszeit abhängig sind, der Arbeitsplan nicht stricte, eingehalten werden kann, aber es darf doch keine Minute ungenützt verstreichen- und dre Zeit, wo ein Arbeiten im Freien nrchr zulässig rst, wird dem theoretischen Unterricht und nicht zum kleinsten Theile dem Handfertigkeitsunterrichte gewidmet. Letzterer ist für den zukünftigen Gärtner, Bauer oder gar Coionisten von weittragender Bedeutung. Der Gärtner, der sich nicht die für sein Glashaus nöthigen Holz- und Glaserarbeiten, der Bauer, der nicht kleine Reparaturen an seinen Gerätschaften, Wirthschaftsuud Woynungsgebäuden selbst ausführen kann, der wird wohl kaum auf seine Rechnung kommen. Hier sind auch die Ansätze für Hausindustrie geschaffen, die unbedingt nothwendig ist, um dre wirthschaftliche Lage oes Landbebauers zu stärken; ich werde noch Gelegenheit haben, auf das Capitel der Hausindustrie zurückzukommen und die Wichtigkeit derselben für den zu schaffenden jüdischen Bauernstand zu besprechen und zu erläutern. Zu meinem eigentlichen Thema zurückkehrend, muß ich noch bemerken, daß auch den körperlichen Uebungen, wie Turnen und Exerciren in. Ahlem große Aufmerksamkeit zugewendel wird, denn Aufgabe einer derartigen Erziehungsanstalt ist es, Nicht nur einen tüchtigen Nährstand, sondern auch einen tüchtigen Weyrstand heranzubilden. Nicht nur die Gemeinschaft, der jeoer Bürger mrt allen seinen Kräften dienen muß, hat ein Anrecht auf wehrhafte Männer, auch das Individuum selbst wird durch Ausbildung der Körperkräfte an Selbstbewußtjein, Entschlossenheit, Muth und Manneswürde gewinnen. Solche Menschen zu erziehen, hat sich die Anstalt in Ahlem zum Ziele gesetzt und dieses Ziel wird dort auch erreicht werden, Dank der Opferwilligkett zielbewußter und weitsehender jüdischer Männer, die die Lösung der Juvenfrage zum größten Theil m Zuführung zur Bodencultur erblicken. Doch es war nicht mein Zweck, diesen edlen Männern, die die größte Befriedigung in stiller fruchtbarer Arbeit und-in den erzielten Erfolgen erblicken, ein Loblied zu singen; nein, mein Zwrck ist es, unsere Glaubensgenossen, uameutlich die wohlhabenden und reichen, zur Förderung dieser Ziele anzuregen. Diese Förderung braucht nicht so sehr eine materielle als eine moralische zu sem; sie soll darin bestehen, den Absolventen vor: Ahlem Arbeit und Erwerb zu gewähren, es ihnen zu ermöglichen, sich weiter praktisch auszubilden und: einmal auch die Selbstständigkeit in ihrem Berufe zu erlangendenn es ist ungemein traurig, zu sehen, wie sich brave Jünglinge von ihrem Berufe mißmulhtg abwenden, mcht weil sie nicht arbeiten können oder wollen, sondern weil sie keine Arbeit finden. Zahlreiche Glaubensgenossen besitzen Güter und Villen, in deren Gärten für unsere jüdischen Gärtner Arbeit und Erwerb vorhanden wäre; mögen sie dieselben wenigstens zum Theil beschäftigen und ihnen so Gelegenheit geben zu zeigen, daß "der Jude auch die körperliche Arbeit nicht scheut, um sich ehrlich zu erhalten! Bei diesem Anlasse kann ich auch unseren großen Cultusgemeinden einen Vorwurf nicht ersparen! Auf den jüdischen Friedhöfen werden jährlich viele Tausende Gulden für die Ausschmückung der Gräber verausgabt, könntendiese Beträge nicht jüdischen Gärtnern zustatten kommen, könnten die Frredhossgärtner nicht veranlaßt werden, wenigstens zum Theil jüdische Gehilfen zu beschäftigen? Ich bin überzeugt, man wird viele Oppörtuuitätsgründe ansühren und sie gegen meinen Vorschlag sprechenlassen, man wird viele Unbequemlichkeiten, die sich durch die Anstellüng und Beschäfttgung jüdischer Gärtner «ergeben, geltend' machen: Aber

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