Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Seite 531 Vr. Vloch-s Wochenschrift sollte ein Unglück sein und eine tragische Schuld begründen? Erkennt man, wie es der Verfasser wiederholt thut, die Nothwendigkeit und den Segen der monotheistischen Offenbarung an, dann muß man auch zugeben, daß dieselbe gegen die heidnische Weit des Alterthums nicht anders durchgesetzt werden konnte, als durch jene Grundsätze, die verkünden, daß Gott nur auf eine einzige Art verehrt werden wolle und keine anderen Götter neben sich dulde. Zu dieser eifersüchtigen Wahrung des einheitlichen Gottesgedankens bildet aber die von den Propheten verkündete messianische Idee die Ergänzung. Das mosaische und das prophetische Judenthum sind ein untrennbares Ganzes, die Verkündigung des Messias aber ist die Ausreifung des mosaischen Monotheismus zur Universalität, Nachdem Graf Coudenhove durch volle 500 Seiten den Nachweis erbracht hat, daß der religiöse Wahn und Haß der anderen Völker die Juden ausgeschlossen hat von jeder bürgerlichen Gemeinschaft, beschuldigt er sie zuletzt, daß sie sich freiwillig abgeschlossen haben. Ist es denn ihre Schuld, daß die katholische Kirche, daß die Päpste, die Priester, die Mönchsorden die messianische Idee so aufgefaßt haben, wie es in dem Begriff der „alleinseligmachenden Kirche" und in den Greueln der Inquisition zum Ausdruck kam? Und wenn er vom Geiste Christi spricht, war das nicht Geist vom Geiste der Propheten, und was hat die römische Kirche daraus gemacht? Und war und ist denn das Judenthum eine Religion, die sich verknöchert hat und stehen geblieben ist, wo sie vor dreitausend Jahren stand? Wir wollen mit dem Verfasser nicht in theologische Disputationen einlreten und fragen, wie weit seine Begeisterung für das Reformjudenthum begründet ist! Aber tatsächlich preist er dieses Reformjudenthum und sieht in ihm den Träger einer besseren Zukunft. Und auch dafür stellt er mannigfache Beweise, daß die Rabbinen die Communio sacris mit Andersgläubigen nicht immer strenge ausgeschlossen haben. Nein und dreimal nem! Der Grundsatz der religiösen Absonderung und der Verfolgung Andersgläubiger war niemals ein jüdischer, er war auch kein ursprünglich christlicher, er war und ist ein römisch-katholischer und setzte sich erst durch, als die Bischöfe von Rom das Pontificat an sich gerissen hatten und damit den Anspruch auf die Weltherrschaft erhoben. Aber das ist nicht die einzige Jnconsequenz, die dem Verfasser in seinen Schlußbetrachtungeu passirt. Als gläubiger Bekenner des Katholicismus betritt ei den Plan und er verläßt ihn mit dem Vorschläge, das Alte und das Neue Testament zu verwerfen und zurückzugehen zu einer" Zeit, „wo weder Judenthum, noch Christenthum, noch Islam existirten, wo jene Bücher noch nicht geschrieben waren; also zurück zum Urglauben der kindlichen Menschheit. Es ist überflüssig, zu sagen, daß einem solchen Zurückgehen der Culturmenschheit auf die Zeit Henoch's, einer solchen Kindwerdung ein unübersteigliches Hinderniß in der Cultur der Menschheit selbst entgegensteht. Und noch ein weiterer Widerspruch! Während Graf Coudenhove für einen großen Bund „in Henoch's heiligem Namen", den „Henochismus" eintritt, mit dem ausgesprochenen Zwecke, den Fanatismus — unter gleichzeitiger Hochhaltung und -Wahrung der eigenen Religion — in allen Religionsgesellschaften zu bekämpfen, erblickt er die Lösung der Judenfrage in der Verwirklichung des zionistischen Staates und wünscht herzlich, daß wir unseren europäischen Bedrängern möglichst weit aus dem Wege gehen. „Mögen die Juden fortziehen, wenn sie wollen, legen wir ihnen nur ja keine Hindernisse in den Weg und arbeiten wir für die zionistische Idee!" Geschehe dies nicht, dann malt der Verfasser fürchterliche Dinge an die Wand, zu denen die Verzweiflung die Juden fortreißen würde. Ja, wenn der messianische oder henochistische Gedanke — der Begriff ist derselbe, der Name thut nichts zur Sache — wenn die Toleranz darin bestehen soll, daß man uns den freundlichen Rath gibt, in irgend ein ungelobtes Land auszuwandern — denn, daß man uns Palästina verschließen wird, beweist der Verfasser haarscharf — wozu dann der ganze Aufwand von Mühe, Geist und Beredtsamkeit? Das Schaf soll friedlich neben dem Wolfe ruhen, der Jude aber darf nicht neben dem Christen wohnen! Graf Coudenhove weist uns nach Marokko, das er uns in den schönsten Farben ausmalt, weil wir dort angenehme semitische Nachbarschaft fänden. Er gelangt demnach auf philosemitischem Wege zu derselben Weisheit wie die Antisemiten: Sonderung in arische Böcke und semitische Schafe, obgleich er uns in ausgezeichneter Weise schon am Anfänge seines Buches überzeugt hat, daß es eine semitische Race nicht gibt. Eine befremdliche Ueberraschung bereitet uns der Verfasser auch durch den Versuch, wohl nicht die Thaten aber doch die Person Rohling's zu vertheidigen. Er thut dies freilich in recht origineller und für Rohling nicht eben schmeichelhafter Weise, indem er behauptet, daß „Rohling durch seine theologischen und mystischen Studien in einen Zustand versetzt wurde, der einer partiellen Hirnlähmung und der Staarblindheit gleichkommt.- Graf Coudenhove handelt als treuer Freund und ritterlich, wenn er Rohling einer wissentlichen Unwahrheit unfähig erklärt, aber die Thatsachen strafen ihn leider Lügen. Rohling ist noch weit mehr als ein Lügner und weit gefährlicher als ein solcher, und wir fürchten sehr, daß Graf Coudenhove in seiner edlen Vertrauensseligkeit, dem .geriebenen Fälscher aufgesessen ist. Es ist übrigens lustig, daß das Rohling'sche Recept zur Lösung der Judenfrage sich mit jenem seines gräflichen Freundes auf Schloß Ronsperg deckt. Der Prager Canonicus kündigt eben jetzt ein Buch von 12 Druckbogen unter, dem Titel: „Auf nach Zion!" an. Das ist nun Älerdings eine sehr verdächtige Unterstützung des Zionismus. Wir können aber nicht schließen, ohne dem Verfasser unser Bedauern darüber auszudrücken, daß er seine Gewährsmänner nicht immer mit der erforderlichen Sorgfalt und Umsicht ausgewählt hat und manchem derselben einfach aufgesessen ist. Auf Seite 443 spricht er von der jüdischen Presse und zählt die einzelnen jüdischen Blätter auf. Er nennt dabei unter Anderem „Haam" (Kolomea), ein ganz bedeutungsloses Blättchen, das nur wenige Monate bestand, den „Jüdischen Cantor" (Bromberg), „Lol maeüsiLv Hadas“ (Lemberg), die gleichbedeutend ist mit der nochmals separat angeführten „Zeitung für das wahre Judenthum", aber er übergeht die ältesten, gelesensten und maßgebendsten jüdischen Journale, wie den Mainzer „Israelit", das „Jewish Chronicle" in London, die von Hirsch Hildesheimer gegründete „Jüdische Presse" in Berlin, die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", eine Schöpfung Philippson's, die „Oesterreichische Wochenschrift", die „Neuzeit" rc. ©in solcher Schnitzer ist nur erklärlich, wenn man annimmt, daß Graf Coudenhove diese Materie nicht aus eigener Anschauung kennt, sondern sich über dieselbe von irgend Jemandem mformiren ließ. Und dieser Jemand machte sich kein Gewissen daraus, eine parteiische, tendenziöse Information zu geben. Diese einseitige Belehrung erkennen wir auch in dem vom Verfasser ausgesprochenen, seinen eigenen Erkenntnissen widersprechenden Axiom, daß Trennung für beide Theile das Beste sei, weil die Juden klar erkannt haben, daß „man sie nicht haben will, daß man es ihnen verweigert, sie als Deutsche, Franzosen, Oesterreicher anzuerkennen". Wozu dann der umständliche, mit einem ungeheuren Rüstzeuge durchgeführte Beweis, daß die antisemitische Bewegung von chrem Uranfange bis auf die Gegenwart nur auf religiösen Motiven beruhe?