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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 530 Br. Vwrtz » WochLnjrtzrM. Nr. 32 auf Erden, so würde der Haß gegen die Reste des Volkes dem er angehörte, mit seinem heuigsteu Willen gewiß nicht übereinstimmen. Der Antisemitismus ist durch und durch unchristlich und direct entgegengesetzt dem Willen Christi, der sein Volk geliebt hat . . . Christi Lehre läuft dem Antisemitismus schnurstracks entgegen, und daher muß er früher oder später in Trümmer gehen, denn immer wahr bleiben die Sätze: „Salus ex Judaeis“ („Das Heil stammt von den Juden")/ und „Ecee vielt leo de tribu Judae“ („Siehe der Löwe vom Stamme Juda hat gesiegt.") Das Beweisthema des Buches ist der Satz, daß die wissenschaftlich schillernde antisemitische Racentheorie weder geschichtlich, noch anthropologisch, noch philologisch, noch ethnographisch begründet ist, sondern daß der Antrsemitismus oder vielmehr der Anti-Judaismus zu allen Zeilen und auch heutc noch, bewußt oder unbewußt, eine rein religiöse Bewegung war und ist. Mit einem wahrhaft stupenden Aufwande von Belesenheit und durchdringendem, in reicher persönlicher Beobachtung geübten Scharfsinn führt Dr. Graf Coudeuhove diesen Beweis in den Capiteln „Semitenthum, semitische und jüdische Race", „Anti-Judaismus im Alterthum", „Geschichte des christlichen Antisemitismus", „Juden in nichtchristlichen Ländern" in überzeugendster Klarheit und Objectwität durch. Ueber den anthropologischen Beweis ist seit Luschan's Messungen, über den ■ philologischen seit den glänzenden Resultaten der assyriologischen Forschung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts kein Wort mehr zu verlieren. Da es weder nach Abstammung noch nach Sprache eine semitische Race gibt, fällt auch der wissenschaftlich begründete Antisemitismus in Nichts zusammen, uno es bleibt nichts übrig, als religiöser Wahn und Zelotismus. Durch die politische und Religionsgeschichte aller Völker und Zeiten verfolgt Coudenhove die blutgetränkte und mit Märtyrerknochen gepflasterte Spur dieses rein religiösen Hasses. Er zeigt, wie die Griechen zur Zeit der Hasmonäer, die Römer zur Zeit der Herodianer die Juden nur als politisch widerstrebendes Element haßten, wie die christliche Welt des Mittelalters sie ausschließlich als Ketzer und Häretiker verfolgte und wie die gleichen Motive auch bei den Bedrückungen durch nichtchristliche Nationen vorherrschten. Dabei eröffnet der kenntnißreiche Verfasser überraschende Ausblicke durch die Analogien mit den Parsis in Indien und den Christen in China.- Obwohl diese Partien des Buches wenig Neues bieten, so wirkt doch die Zusammenstellung eines gewaltigen Materials zu einem einheitlichen Bilde, in welchem jeder Stein auf seinem richtigen Platze sitzt, und der Glanz der Diction wie eines der leuchtenden Meisterwerke der musivischen Kunst. Auch die Capitel „Die Blutanklage", „Anklagen gegen den Talmud", „Andere Anklagen gegen die Juden" dienen demselben Beweiszwecke. Sie entrollen das blutige Gemälde der zweitausendjährigen Leiden Israels mit einer schaurigen Uebersichtlichkeit, sie bekunden aber, daß weder die Kirchenväter, noch die Inquisition die Juden wegen ihrer angeblichen bürgerlichen Verbrechen, wie Wucher und Ritualmord, sondern einzig und allein wegen ihrer Ketzerei verdammten. Es ist bezeichnend, daß der „Autisemiten-Katechismus", der die „Aussprüche berühmter Männer über die Juden" sammelt, zuerst feindselige Urtheile von 4 römischen Schriftstellern, daun von 3 Mohammedanern gibt. Dann kommt ein Riesensprung ins 12. und 13. Jahrhundert. Von Vespasian bis zum 12. Jahrhundert gähnt eine ungeheuere Lücke. „Warum", fragt Coudenhove mit Recht, „hat er nichts hinein genommen von den zahlreichen autijüdischen Schriften der Kirchenväter, nichts von Chrysostomus, nichts von Agobard? Die Antwort liegt auf der Hand: Stoff wäre massenhaft vorhanden gewesen, aber alle jene Stellen betreffen nur die Religion, die soll aber nach der Meinung der Antisemiten mit der ganzen Frage nichts zu thun haben. Daher verschweigt er alle judenfeindlichen Aussprüche der ersten tausend Jahre und muß bis zum 12. Jahrhundert springen, weil er erst da Anklagen findet, die mit der Religion nichts mehr zu thun haben." Aber auch aus der allerjüngsten Zeit fehlt es nicht an Zeugnissen für dieses religiöse Grundmotiv der Judenverfolgungen. Graf Coudenhove citirt einen Aufruf, der erst vor Kurzem von rumänischen Antisemiten verbreitet -wurde und in welchem die Juden als Gottesmörder angeklagt, der Verhöhnung und Verspottung des christlichen Glaubens beschuldigt werden. Mtt unbeugsamer Gerechtigkeitsliebe tritt Graf Coudenhove dT den schrecklichen Anklagen entgegen, die der religiöse Fanatismus der Jahrtausende auf das Haupt Israels abgeladen hat. Aber seltsam! Während der Blick dieses merkwürdigen Mannes umso unbefangener, klarer unifreier wird, je weiter zurück er die Nebel der Vergangenheit durchdringt, trübt er sich im Angesichte der Gegenwart, sobald es sich darum handelt, aus seinen Studien und Forschungen die Consequenzen für die Benrtheiluug, respective Lösung der modernen Judenfrage zu ziehen. Während er in rückschaueuder Betrachtung richtig ausruft: „Die Juden sind heute großentheils das, was die Völker, unter denen sie lebten, aus ihnen gemacht haben", erklärt er anderseits, daß an dem ganzen Unheil des Antisemitismus und aller Religionskriege die Juden selbst schuld seien durch den auch von Christen und Muslims recipirten Grundsatz, daß es nur eine wahre Religion gibt, daß Gott nur auf eine einzige Art verehrt sein wolle und daß es keine Coummuio sacris mit Andersgläubigen gebe. Die freiwillige Abschließung der Juden einerseits, ihre unfreiwillige Ausschließung anderseits basiren, sagt der Verfasser, auf diesen jüdischen Grundsätzen, und so seien zweifellos jüdische Schriftsteller schuld am Märtyrerblnte der Juden, Christen und Muslims aller Zeiten, von den Makkabäern angefangen bis zu den chinesischen Märtyrern unserer Tage. Auf Seite 521 schreibt Graf Coudenhove: „Das alte orth.odoxe, nachexilische Judent h um, der Glaube d er P h ar is äer, d er C h as idim, war diefanatischestealler Religione n." Zwanzig Zeilen vorher, jedoch auf Seite 520 bemerkt er: „Dagegen lehrt der Talmud, daß die Frommen aller Völker der Seligkeit theilhastig sin d." Das ist gewiß ein Grundsatz von höchster Toleranz und das directe Gegentheil von Fanatismus. Aber Graf Coudenhove muß es doch wissen, daß dieser so überaus duldsame Talmud nachexittschen Ursprungs, daß er ein Werk jener Pharisäer ist, die er als die Träger des verfolgungssüchtigsten Fanatismus bezeichnet. Vielleicht jedoch schreibt der Verfasser „Talmud" und meint eigentlich die „Bibel". Nun denn, die Pharisäer sind die strengen Interpreten der Bibel. Niemals hätte der Talmud gewagt, Duldsamkeit gegen Andersgläubige zu lehren, wenn dies mit dem Geiste der Bibel in Widerspruch stünde. Wir empfehlen Herrn Grafen Coudenhove die Lectüre der nachfolgenden Bibelstelle aus dem V. Buche Mosis, Capitel 23, Vers 8: „Verachte nicht den Edvmiten, denn er ist dein Bruder . . . Verachte nicht den Egypter, denn ein Fremdling warst du in seinem Lande." Ist das der Geist finsterer Verfolgung oder nicht ein Zeugniß tiefwurzelnder Menschlichkeit gegen Fremde und Andersgläubige? An. dem Texte der -öibel liegt es wahrhaftig nicht! Die Sache ist einfach die, daß bte Juden in die Bibel die Toleranz, die Arier aber in dieselbe Bibel die Intoleranz hineingelesen haben. Die ruhige Erwägung und geschichtsphilosophische Betrachtung, die den Verfasser durch das ganze Werk begleitet, scheint ihn am Schluffe verlassen zu haben. Wie? Jener monotheistische Gedanke, den Israel der Welt gegeben, der den Stolzden Ruhm und die Daseinsberechtigung des Judenthums auch in den Augen der Christen und: Mohammedaner bildet,

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