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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Date
1901-08-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Oette 526 VLo Vloch/s Wvchrnft^rM **•81 richten, nämlich auf Erlernung und Anwendung der Noten. Enttäuscht legte David die Papiere wieder zusammen und verwahrte sie in seiner Rocktasche in der Absicht, bei seiner Heimkunft einen jüdischen Schriftkenner aufzusuchen und ins Vertrauen zu ziehen. Die schwüle Luft, wie sie vor einem Gewitter zu sein pflegt, hatte auf den ärgerlichen jungen Mann einschlafend gewirkt. So war es gekommen, daß die Ankunft des fremden Handwerksburschen den unvorsichtigen Schläfer vor gründlichem Naßwerden, vielleicht vor einer noch größeren Gefahr geschützt hatte. Nun gingen die beiden jungen Männer raschen Schrittes dem Postgebäude zu, einestheils um nicht noch angesichts des schützenden Daches durchnäßt zu werden, anderntheils um noch vor Abgang der Post daselbst anzulangen und sie benützen zu Kirne»! Aber o weh! Die Post war schon vor einer halben Stunde abgegangen, und den beiden jungen Leuten blieb nichts anderes übrig, als entweder über Nacht hier zu bleiben und den am folgenden Tage Vormittags hier durchgehenden Postwagen abzuwarten, oder zu Fuße weiter zu wanderu. Bei schönem oder wenigstens trockenem Wetter hätten sie ohne Zureden letzteres gewählt. Jedoch kaum daß sie ins Posthaus traten, welches gkichzeitig nach ländlicher Sitte ein Wirthshaus war, fiel der Regen in Strömen herab, gleichsam als wollte der Himmel alles bisher Versäumte in reichlichem Maße der dürstenden Erde wiedererstatten. Da war an ein Weiterkommen nicht zu denken. Dem elegant gekleideten Städter wurde das. einzige freie Gastzimmer für die Nacht zur Verfügung gestellt, während der müde Handwerksbursche sein nicht allzuschweres Felleisen auf eine der längs der Wand des Schankzimmers aufgestellte Bank niederwarf uud sich selber danebensetzte. Dem verwöhnten David wurde es nach kurzem Verweilen in der schwülen, von Küchen- und Alkoholdünsten geschwängerten Lust dieser Stube bald unerträglich, und er forderte seinen Gefährten, mit dem ihn der Zufall zusammengeführt hatte, auf, das Zimmer, das man ihm angewiesen, mit chm zu theilen, nachdem es gewiß freundlicher und behaglicher ist, als die dunstige Schankstube, in der sie sich befanden, was der Bursche auch gerne annahm, besonders da David auch eine Flasche Wein und einen Imbiß auf das Zimmer bestellt hatte. Dieser einen Flasche folgte bald eine zweite und der ungewohnte Trank machte den jungen, bisher in bescheidener Zurückhaltung zuhörenden Burschen bald mittheilsam. Er erzählte seine Lebensgeschichte. Bei der Erwähnung, daß er eine jüdische Schule besucht hatte, durchfuhr Davids Kopf die Idee, daß dieser fremde junge Mann ihm vielleicht die jüdischen Hieroglyphen, wie er die krausen Buchstaben im Geiste nannte, entziffern werde. „Können Sie auch jüdisch lesen, guter Freund?" fragte er rasch. „Das wäre nicht übel, ich habe es ja in der Schule gelernt, und meine Eltern schreiben mir nicht anders, als in dieser Schrift, weil es ihnen so geläufiger ist; ich glaube sie würden lieber gar nicht schreiben, als mit mit andern Buchstaben." „Sie könnten mir einen großen Gefallen thun, Herr . .?" „Heller Simon, Heller heiße ich." „Also, Herr Heller! Ich bin erst kürzlich in den Besitz von Familienpapieren gekommen, die jedoch von mir nicht zu entziffern sind, da ich, obschon auch wie Sie Jude, dennoch diese Schrift nicht lesen kann. Es ist dies doch keine Schande für mich, nicht wahr?" „Schande wohl nicht, aber sonderbar ist es." „Nun, es waren ganz abnorme Verhältnisse, unter denen ich aufgewachsen bin. Wenn Sie, wie Sie sagen, Jüdisches gut lesen können, so könnten Sie mir freundlichst den Inhalt dieser Schriftstücke vorlesen." „Mit größtem Vergnügen, mein Herr!", antwortete Heller und seien Sie versichert, daß ich Alles, was ich aus diesen Papieren erfahre, als tiefstes Geheimniß in meinem Herzen bewahren werde." „Darum bitte ich auch, obwohl ich selber keine Ahnung habe, was selbe enthalten." Nach diesen Worten reichte David dem jungen Manne die Papiere zur Durchsicht. „Sie werden sogleich erkennen, daß hier zweierlei Handschriften vertteten sind", bemerkte er dabei. Eine Anzahl Briefe aus feinem Papier mit zierlicher Schrift beschrieben und ein großer Bogen gröberen Papieres mit ungeübter Hand beschrieben. „So ist es, Herr", sagte Heller, der inzwischen die Papiere flüchtig durchgesehen hatte, und alle diese zierlichen Briefchen sind an die Schreiberin dieses einen Briefes gerichtet, an eine Blimele Goldfinger, wie deren Unterschrift lautet." „Meine arme Mutter!" rief David schmerzlich bewegt aus» „Womit soll ich nun beginnen, Herr Polansky?" „Natürlich mit dem Briefe meiner Mutter Simon Heller begann, nachdem er sich mir einem Schluck Wein gestärkt hatte, mit gedämpfter Stimme vorzulesen: „Mein getreues Kind, Davidleben ad mei schonim!1)" „Gott, schem borchu2), hat mich heimgesucht, daß ich mein ganzes Leben lang auf der Schnorr zubringen muß, und was mir noch viel mehr weh thut, wie mein eigen Leid, ist das Unglück, daß ich Dich Davidleben in der Welt so herumschlagen muß. Denn Du mein Kind bist zu etwas bessern auf der Welt. Du stammst aus einem gar feinen frommen Judenhaus und bist mir nur zum Aufziehen gegeben. 'Aber mipne chatuenu3) hat Gott, gelobt sei er, uns verstoßen aus unserem Haus und aus unserer frommen Kille und m die weite Welt vertrieben, und wir durften mcht mehr zurück in unsere Heimat und kein Brief von uns ist hingekommen." Jetzt folgte in schlichten, doch herzbewegenden Worten die Beschreibung jener entsetzlichen Ereignisse in jener Winternacht, die Flucht unrer Gendarmeriebegleitung, wie sie eben in kurzen Worten Feibisch geschildert hatte, dann die Schilderung ihrer Irrfahrten in den gastfreien iVledinos 4), wie sie Böhmen und Mähren nannte. Damit waren drei Seiten des Bogens enge beschrieben. Die vierte enthielt den Schluß des Briefes: Davidleben,sei mir woebe13),daß ich mich habe vonDirMutter heißen lassen und daß ich Dich manchmal gestraft und gezüchtigt habe. Ich habe Dich gerne gehabt, wie mein eigen Kind. Und auch Felbisch war brav zu Dir wie ein wirklicher Vater, und wenn er sich manchmal sobiekur trinkt, so hat ihn nur sein Groß-Loblemasl6) dazu gebracht, weil er es nicht vertragen kann, wenn man ihn mewaisch 7) ist, wie so halt einen Landschnorrer. Trags ihm nicht nach, wenn er einmal streng gegen Dich war, sondern dank ihm seine Treue, wie er Dich am Rücken getragen hat, wenn Du müde warst, und wie er oft selber nichts gegessen hat, um nur immer für Dich etwas zu haben. Wenn ich nicht mehr sein werde, so sei ihm ein treues Kind. Denn Deinen wirklichen Vater wirst Du vielleicht niemals sehen. Ich will in meinem frommen jüdischen Brief den Namen von dem Nesebumeä nicht aufschreiben, was Deine schöne Mutter so unglücklich gemacht hat; aber wenn Du die- Briefe lesen wirst, was mir Deine Mutter geschrieben hat, wie wir noch bescbulem8) zu Hause waren, so wirst Du brimt’ seinen Namen finden. Ich spür', daß ich diesmal nicht aufkommen werde, darum habe ich in der Kille Hezdascheme diesen Brief an Dich geschrieben und zu Deiner Mutter Briefe gelegt, und wenn mein bitterer Tag wird kommen, so werde ich Alles Jemanden für Dich übergeben. Du sollst Deine wirkliche Mutter aussuchen und sollst ihr sagen, daß ich Wort gehalten bis in den Tod, daß ich Dich wie mein eigen Kind geliebt habe, so wie ich es ihr damals versprochen. Deine Mutter heißt Sarah und ist die einzige Tochter des reichen Fabrikanten Isaak Koreff in P. in Russisch-Polen. Wenn das Kind, was ich trag, am Leben bleibt, so halt es wie ein klein Brüderl oder Schwesterl, thu's mir zu Lieb', mein getreues Davidleben! Deine treue Ziehmutter Blimele Goldfinger." Als Heller erschöpft mit dem Lesen inne hielt, und auf seinen schweigsamen Zuhörer blickte, sah er diesen dasitzen, das lockige Haupt auf seine Hände gestützt und Thränen unablässig über die Wangen des jungen Mannes rollen. Weinen Sie nicht mein Herr! sagte mitleidig der Handwerksbursche. Sie haben, wie ich sehe, eine eben so zärtliche als unglückliche Pflegemutter verloren, aber dafür eine leibliche Mutter gefunden. Jetzt bleibt Ihnen nur übrig nach Polen zu der reichen Mutter zu reisen, und Ihr Glück ist gemacht. David schüttelte den Kopf. „Hören wir weiter zu, ob sich diese Reise verlohnt und ob ich auch bei dem Tausche gewonnen habe. Es ist möglich, daß mir das Andenken an die todte Schnorrerin noch immer lieber ist, als der Besitz der reichen Mutter, die es über sich vermochte, ihr Kind fremden Händen anzuvertrauen. Bitte, Herr Heller, lesen Sie weiter!" Heller ordnete die Briefe nach dem Datum, welche Sarah einst an ihre Getreue geschrieben. Ohne eine Zeichen von Interesse zu bekunden, hörte David zu. Erst als in einem der später« Briese der Name Polansky fiel, da sprang David erregt von seinem Platze. *) Bis hundert Jahre. 2) Gelobt sei er. 3) Unserer Sünden halber» 4) Provinzen. ') Verzeihe mir. 6) Unglück. 7) Beschämt. 8) In Frieden.

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