Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Vloch's Wochenschrift. Sette 535 untrügliche Zeichen verkündigten. Noch stand die Sonne am Firmamente, noch herrschte vollkommene Windstille, kein Blatt an den Zweigen der alten Büche, unter welcher ein müder Schläfer lag, bewegte sich: aber es war die Ruhe vor dem Sturme. Die Hitze der letzten Tage war schier unerträglich gewesen, die Pflanzenwelt sowohl wie jegliches Lebewesen lechzte nach Erfrischung. Drüben am Rande des Horizontes, im sogenannten Wetterwinkel, ballten sich graue Wolken, welche eine immer dunklere Färbung annahmen, gebirgsartig zusammen, drückend schwül lagerte sich die dunstige Atmosphäre nieder. Dem Schläfer unter der Buche standen die Schweißtropfen auf der Stirne, aber immer tiefer und fester wurde sein Schlaf. Es wurde dunkler im Walde. Unheimliches Rauschen und Knistern entstand in den Wipfeln der Bäume. Auch der letzte der Futter suchenden Vögel hatte im raschen Fluge sein Nest erreicht und breitete schützend die Flügel über seine ängstlich zwitschernden Jungen. Der junge Mann schlief noch immer. Ein Windstoß fuhr enipor und entführte den leichten Strohhut der neben dem Schläfer im Grase gelegen. Auch da erwachte dieser noch nicht. Aus dem Dickicht kam ein Mann hervor, der aufmerksam nach dem Wege spähte, da er sich in dem ihm unbekannten Walde verirrt hatte und jetzt ängstlich bemüht war, den Ausgang zu erreichen, bevor das Unwetter vollends ausgebrochen sein würde. Der Mann, augenscheinlich ein wandernder Handwerksgeselle — dies zeigte der Knotenstock und sein Felleisen — trug den Strohhut in der Hand, den der Wind entführt hatte. „Wo ein Hut ist, muß auch ein Mensch in der Nähe sein", so sagte er sich, „vielleicht führt der mich aus dem verzauberten Walde heraus. Richtig! Da lag der Eigenthümer des Hutes in tiefem Schlafe. Die Hand, welche sich eben ausgestreckt hatte, um den sorglosen Schläfer zu wecken und ihn auf das eben ausbrechende Unwetter aufmerksam zu machen, zog sich langsam zurück. Der fremde Schläfer bot solch' ein anziehendes Bild von männlicher Kraft bei jugendlicher Schönheit, daß der junge Bursche sich von dem Anblicke, der sich ihm bot, nicht zu trennen vermochte. Ein ab.rmaliges stärkeres Donnergeröll führte den in stillem Entzücken versunkenen Burschen in die Wirklichkeit zurück und ein kräftiger Ruck an der Hand des schönen Schläfers hatte diesen erweckt. Sich schlaftrunken die Augen reibend, blickt er verwundert um sich herum und starrte noch halb träumend die Gestalt des ärmlich gekleideten Handwerksburschen an. Verzeihen Sie. daß ich Sie geweckt habe, mein Herr! Aber es zieht ein starkes Wetter herauf und da ist es im Walde unter hohen Bäumen sehr gefährlich. Tausend Dank, junger Mann, sagte der Herr sich aufrichtend und die hohe, elegante Gestalt dehnend und reckend. Wo ist mein Hut? Wir werden gehen. Ihr Hut ist hier. Ich habe ihn dort im Gebüsche gefunden, wohin ihn der Wind weggeweht hat und bin dadurch auf Ihre Spur gerathen. Denn aufrichtig gesagt: Ich habe mich im Walde verirrt und kann ohne Ihre freundliche Hilfe nicht hinaus: In diesem kleinen Wäldchen, das ich schon als Kind furchtlos in Kreuz und Ouer durchstreift habe? Das ist gar zu komisch! Und David, denn er war der Schläfer, fing so herzlich zu lachen an, daß seine kleinen weißen Zähne unter dem schwarzen wohlgepflegten Schnurrbärtchen hervorleuchteten. Also wohin wollen Sie eigentlich gehen? Ich habe in Neufeld bei meinen Glaubensgenosien gefochten und wollte zur nächsten Gemeinde gehen; da sagte man mir, daß ich mir ein gut Stück Weges abkürze, wenn ich quer durch diesen Wald gehe; statt dessen irre ich schon mehr wie zwei Stunden im Walde umher. Das eben ist es. Lassen Sie sich dies von mir, einem jungen zwar, aber erfahrenen Wandersmann zur künftigen Richtschnur sagen: Im Walde kommt man wie im Leben nur dann aus allen Irren heraus, wenn man geradewegs sein Ziel verfolgt und mit keinem Schritte von der einmal eingescylagenen Richtung abweicht, sich auch hiezu von keinem noch so verführerischen Seitenpfade ablenken läßt. Verstanden? Junger Mann! Dieser nickte wohl mit dem Kopfe, doch war es zweifelhaft, ob er den tiefen Sinn, der in Davids Worten lag, aufgefaßt habe. Kräftigen Schrittes, ohne ein Wort zu sprechen, gingen die beiden jungen Leute dem Ausgange des Waldes zu. Sie fühlten Beide die Nothwendigkeit, so bald als möglich aus dem Bereiche der Gefahr drohenden hohen Bäume zu kommen. Als sie das weite Feld erreicht hatten, kreuzten bereits einzelne Blitze am Firmamente, denen in immer kürzer werdenden Pausen mehr oder minder heftige Donnerschläge folgten. Der erwartete, von den Reisenden gefürchtete Regen ließ jedoch noch immer auf sich warten. so daß die Beiden trockenen Fußes ein schützendes Dach erreichten. Es war der Nachmittag, an dem David von seiner alten Freundin Cheile Abschied genommen hatte, nachdem sie ihm die Papiere eingehändigt, die ihr seine sterbende Mutter Blimele zurückgelasien, um sie dereinst David zu übergeben, wenn er wenigstens achtzehn Jahre alt sein werde. Eigentlich hätte er gleich in Neufeld die Post besteigen können, doch zog er es vor, bis zur nächsten Station zu Fuß zu gehen und erst dort einzusteigen. Es ließ ihm nämlich keine. Ruhe, die Schriftstücke durchzulesen, die er als das Bermächtniß seiner Mutter betrachtete. Dazu dünkte ihm das nahe Buchenwäldchen der geeignetste Platz zu sein. Dieses Wäldchen hatte schon einmal eine große, entscheidende Rolle in seinem Leben gespielt. Als er einstmals als Knabe hier ruhte, hatte feine Stimme, der Gesang eines Liedes aus der jüdischen Liturgie, den in der Gegend umherstreifenden Director ins Wäldchen gelockt und durch dessen Eingreifen in sein Schicksal ist aus dem verwahrlosten, verkommenen Schnorrerjungen ein wohlanständiger, gut fituirter junger Mann geworden, ein Künstler, fügte er stolz hinzu. Wie mit Zaubergewalt zog es ihn in den Walvesschatten unter die Buche, wo er damals gelegen. Hier wollte er das Vermächtniß seiner Mutter durchlesen. Flora begleitete den Bruder bis an den Waldesrand. Hier bückte sich das Kind zur Erde und pflückte ein unscheinbares Blümlein, welches sie dem Scheidenden mit den Worten übergab: „Ich habe Dir nichts zum Andenken zu geben. Nimm daher dieses kleine Blümchen, das ich Dir hier in der Stunde des Abschiedes gepflückt habe, und wenn dann Dein Auge zufällig da- & rauf fällt, so denke Derjenigen, welche sich indessen in Sehnsucht nach Dir verzehrt." David nahm das blaue Blümchen, steckte es in seine Brusttasche, umarmte tiefbewegt das still vor sich hinweinende Schwesterchen. So lange Flora den sich langsam entfernenden Bruder sehen konnte, stand sie unbeweglich an einen Baum gelehnt und starrte ihm nach. Bei einer Biegung des Fußsteiges, auf dem er dem Walde zuschritt, entschwand David ihren Augen, und da der weiche Moosboden den Schall feiner Tritte für die darnach Lauschende unvernehmbar machte, wendete sich das verlassene Kind langsam um, und seine Thränen trocknend, ging es nach Hause. David suchte den Baum auf, in dessen Schatten er damals gelegen, als er Polansky kennen gelernt hatte. Ob er ihn gefunden, oder ob er sich unter einem anderen niedergelassen, ist im Grunde gleichgiltig. So sorglos, wie er es damals gethan, warf er sich heute nicht hin, um zu ruhen. Vorsichtig breitete er seinen Reiseplaid auf dem Boden aus, strich die Falten seines feinen modernen Sommerrockes zurecht und legte behutsam seinen Strohhut neben sich. Als er diese Vorbereitungen getroffen und sich gemächlich niedergesetzt, nahm David aus der Seitentasche seines Rockes ein Paketchen hervor. Den umhüllenden Leinwandfetzen, welcher im Laufe der Zeit ganz schmutzig geworden war, warf er achtlos von sich und entfaltete den vergilbten mid eng beschriebenen Bogen Papier, welcher das Alles enthielt, was ihm von seiner Mutter übrig geblieben. Nun wollte er lesen. Doch was war das? Die wenigen Schriftstücke, die das Paket enthielt, waren mit einer ihm fremden Schrift niedergeschrieben, dem sogenannten „Jüdisch", der hebräischen Currentschrift. Wie hätte er diese Schrift nicht sofort erkennen sollen, trotzdem er es nicht so weit gebracht hatte, um sie lesen zu können? Schon das „Pei", deffenrwillen ihm sein erster Schreiblehrer, Tate Feibisch, der Alles eher, wie ein guter Pädagoge war, so oft die Fingerknöchel an den Tisch geklopft hatte, daß ihm die Hand ganz steif geblieben war, wenn er, statt diesen complicirten Buchstaben in anmuthiger Schneckenlinie zu ziehen, ganz verzerrt ihn niederschmierte, schon dieses Pei mußte er unter hundert Schriften erkennen. Aber zusammenhängend lesen, nein, das konnte er nicht. Trotzdem David in seiner Kindheit den jüdischen Buchstaben viele Schelte, ja Schläge verdankte, so hatte er es doch nicht zum Schreiben aller, noch weniger zum Lesen eines von fremder Hand herstammenden Schriftstückes gebracht, besonders einer wie in diesem Falle halbverwischten Handschrift. Denn dieser Unterricht war durch das Eingreifen Polansky's in das Schicksal des Schnorrerjungen jäh abgebrochen worden und von da an mußte dieser unter Anleitung seines neuen Lehrers moderne Schriften erlernen und noch dazu sein Hauptaugenmerk auf andere Schriftlichen