Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 81 Vr« Blocht Mvchrn^rist. Sette 531 Lemberg. Jüngst wurde hier vom Garnisonsspitale aus ein Soldat jüdischen Glaubens zu Grabe getragen. Nach ortsmilitärischem Brauche geleitet der aus einer Militärabtheilung und Musikcapelle bestehende Conduct den Zug bis zum Beginne der Janowerstraße, von wo der Leichenwagen nach einem der Friedhöfe dirigirt wird. Während die wohlbestallten katholischen Militärseelsorger die religiöse Ceremonie in aller Stille vor der Auflösung des Conductes (also am Wege) vollziehen, beobachten die Civil-Seelsorger der evangelischen und jüdischen Konfession, die überdies für ihre Assistenz nicht honorirt werden, den Vorgang, die sterbliche Hülle bis auf den Friedhof zu begleiten. Als nun oberwähnter Leichenzug des hier einsam verstorbenen Soldaten den Weg zum Orte des Friedens nahm, schlossen sich demselben außer den religiösen Functionären auch die Vertreter des Officierscorps, k. u. k. Lieutenant Dreiseidel und Cadett-Officiersstellvertreter Bodek, sowie eine Abordnung der Mannschaft an. In der Ceremonienhalle hielt Rabbiner Dr. Caro eine ergreifende Ansprache, in der er die schwere, aber schöne Seite des Soldatenberufes schilderte. Cantor Kerner besorgte den liturgischen Theil. Diese von wahrer Pietät geleitete Handlungsweise der religiösen und militärischen Repräsentanten verdient hervorgehoben zu werden. Das Comitß der jüdischen Feriencolonie hat sich neu constituirt und es ist zu hoffen, daß es den Bemühungen der Mitglieder gelingen wird, diese wichtige Institution in kürzester Zeit auf die gewünschte Höhe stetiger Entwicklung zu bringen.- An der Epitze des Comites steht Banquier Dr. Adolf Lilien, der gemäß den Traditionen seines edlen Vaters seinen ganzen Eifer für diese Institution bekundet. Ein Damencomite, mit Frau Fanny Stroh an der Spitze, leistet das Seinige. Die precäre Finanzlage, die das neue Comite antraf, gestattete auch im heurigen Jahre, blos 60 Kindern einen dreiwöchentlichen Landaufenthalt zu bieten. Die Abfahrt der Knaben erfolgte am 14. v. M. Am Bahnhofe hatten sich vom Comite eingefunden: Vicepräses oer Gemeinde Dr. Schaff, die Damen Fanny Stroh, Emma Lilien und Helene Feldstein, die Herren Hainbach, Stand, Schreiber und Bodek. Die Mädchencolonie reist am 6. August nach dem Gebirgsdorfe Korczyn ab. H __ Nachod, 25. Juli 1901. (Sterbefall.) Gestern wurde hier ein Mann zu Grabe getragen, der sich nicht blos bei seinen jüdischen Glaubensgenossen, sondern in den weitesten Kreisen der gesammten Bevölkerung der größten Beliebheit erfreute. Es war dies Herr Jsak Mautner. der Großindustrielle und Chef der Firma Jsak Mautner und Sohn, der im hohen Alter von 78 Jahren nach langer Kcankheit verschieden war. Bom kleinen Kaufmanne brachte er es durch emsigen Fleiß und rastlose Ausdauer zum ersten Industriellen der Textilbranche in Oesterreich. Anfangs der Jahre 1848—1868 ließ er Leinen- und Baumwollwaren auf Handstühlen erzeugen und erweiterte allmählch seinen Geschäftsbetrieb. In Schumburg bei Tannwald errichtete er 1868 eine mechanische Weberei, 1880 eine solche in Nachod und 1892 in Trattenbach. Diese drei Fabriken, zu denen auch Färbereien, Bleichen und Appreturanstalten gehören, erzeugen heute auf 3000 Stühlen Leinen-, Baumwoll-, Seiden- und Schafwollwaren, und beschäftigen einige Tausend Menschen. Für seine Arbeiter sorgte Herr Jsak Mautner stets in väterlicher Weise und errichtete für dieselben Wohlsahrtseinrichtungen jeder Art aus eigenen Mitteln. Für seine Humanitären Bestrebungen erhielt er von Seiner Majestät dem Kaiser das goldene Verdienstkreuz mit der Krone, für seine Verdienste um die Hebung der Industrie wurde er Ritter des Kaiser Franz Josef-Ordens. Seine Kräfte widmete er aber auch dem öffentlichen Gemeindewohl. Jahrelang war er Mitglied der Bezirks- und Gemeindevertretung von Nachod, sowie Ehrenbürger von Schumburg, und Ehrenmitglied des Sokol-, Feuerwehr- und Veteranenvereines. — Bor Allem aber lag ihm, den strenggläubigen, wahrhaft frommen Manne, das Wohl der israelitischen Cultusgemeinde am Herzen. Was er als jahrelanger Vorsteher und Ehrenpräsident für unsere Gemeinde und alle ihre Institutionen geleistet und gefördert hat, das bleibt unvergeßlich. Nur seinem Einflüsse ist es zu danken, daß der Gottesdienst in streng conservativem Geiste geführt wird. Als Vorsteher der Chewra-Kadischa erwarb er sich um diesen humanen Verein, der ihm stets ans Herz gewachsen war, große Verdienste. Für seine Glaubensbrüder war er auch jahrelang als Mitglied der Landesjuden-Repräsentanz von Böhmen thätig. Seine Wohlthätigkeit, seine stets zum Geben im reichsten Maße bekannte Freigebigkeit sind weit über die Grenzen des Vaterlandes bekannt. Es gab wohl keinen huuianitären Zwecken dienenden Verein, dem er nicht als Mitglied angehörte, keine Sammlung, zu der er nicht reichlichst beitrug. — Aus dem hier kurz Angeführten ist es leicht begreiflich, daß sich das Leichenbegängniß des wahren Philanthropen Is ak Ma.utner zu einer so großartigen Trauerkundgebung gestaltete. Alle staatlichen, landesfürstlichen, autonomen und fürstlichen Behörden waren vertreten. Die Stadt Schumburg schickte eine Deputation zur letzten Ehrung seines Ehrenbürgers. Alle Vereine, deren Ehrenmitglied der Verblichene gewesen, betheiligten sich corporativ mit Fahnen. Der Trauerzug, in dem sich Deputationen der Beamten und Arbeiter aller Mautner'schen Fabriken, sowie die gesammte hiesige Arbeiterschaft befand, war schier unübersehbar. Auf dem Friedhofe würdigte der Rabbiner Herr Dr. Brody die Verdienste des Verstorbenen in beiden Landessprachen, worauf Herr Max Goldschmid seitens der Cultusgemeinde und Herr Moritz Sommernitz für die Chewra- Kadischa einige Worte des Gedenkens sprachen. Der Verlust, den die Cultusgemeinde sowie die Armen durch den Abgang dieses Biedermannes erlittn haben, ist fast unersetzbar. Berlin, 20. Juli. Der Rabbinerverband in Deutschland hat das folgende Circular an alle Gemeinden verschickt: „Hochgeehrter Herr! Seitens der Geschäftsleiter des .Berliner Thierschutzvereines" werden an unsere Glaubens genoffen zahlreiche Flugbätter versandt, welche in gehässiger Weise das „Schächten" verunglimpfen und gegen dasselbe die öffentliche Meinung und Stimmung durch allerlei Entstellungen des wahren Sachverhalts aufzureizen suchen. Kennzeichnend für die Mittel, mit denen hierbei im Namen der „Humanität" und des „Thierschutzes" vorgegangen wird, dürfte wohl schon die Sprache einzelner dieser Flugblätter sein, in denen die Verhöhnung des Sabbaths, ja der Hinweis auf jene fluchwürdige Lüge, auf den „Ritualmord", mit der Bekämpfung des Schächtens Hand in Hand geht. Wenn aus demselben Geiste heraus unser rituelles Schlachtverfahren als ein „Verstoß gegen das Moralgesetz" und „als Kränkung des sittlichen Bewußtseins" verlästert wird, so braucht wohl diese Beschimpfung eines religiösen Gebotes, die sich selbst richtet, nicht erst weiter beleuchtet zu werden. Geradezu empörend aber ist das dreiste Ansinnen eines dieser Flugblätter, welches die Juden auffordert, eine „Oeffentliche Erklärung" zu unterzeichnen, in der die Beschimpfung des rituellen „Schächtens" gebilligt und deffen Verbot gefordert werden. Es wird an Juden die Zumuthung gestellt, daß sie zur Vergewaltigung der religiösen Ueberzeugung ihrer eigenen Glaubensgenossen die Hand bieten sollen! Wir sind deffen sicher, daß kein Jude, aus welchem religiösen Standpunkte er auch stehen mag, wissentlich zu einer so schmählichen That sich wird bereit finden lassen. Aber die verbreiteten Flugblätter enthalten Angaben, die zum Zwecke haben. Diejenigen irre zu führen, welche das „Schächten" in seiner religiösen und Humanitären Bedeutung aus eigener Kenntniß zu beurtheilen nicht in der Lage sind; es mögen daher diese Angaben hier in Kürze ihre Beleuchtung finden. In den seit sechs Jahren gedruckt vorliegenden Gutachten haben die hervorragendsten Vertreter der Physiologie und der Beterinärkunde, Leuchten der Wissenschaft und Männer der praktischen Erfahrung, ihr Votum zu Gunsten des Schächtens abgegeben. Um das Gewicht dieser Gutachten abzuschwächen, behauptet der Vorstand des Thierschutzvereines, daß „eine Anzahl von Physiologen und Schlachthausverwaltern in dem Halsschnitt ohne vorherige Betäubung eine thierquälerische Handlung nicht erkennen wollen", daß aber „viel zahlreichere Fachleute, ja ganze Fachcorporationen ihnen widersprechen". Dieser Verschleierung des wirklichen Thatbestandes gegenüber mögen Zahlen sprechen! Die „Anzahl" der Gutachter, welche sich zu Gunsten des Schächtens geäußert haben, beträgt 253, und nicht „viel zahlreichere", sondern kaum ein Zehntel so viel haben ihnen widersprochen. Die Ersteren bestreiten nicht nur, daß das Schächten eine thierquälerische Handlung sei, sie erklären vielmehr mir Entschiedenheit, daß dasselbe eine durchaus humane und zweckmäßige, sehr viele, darunter Autoritäten ersten Ranges, sogar, daß es die weitaus humanste und zweckmäßigste Tödtungsart sei, welche allgemeine Einführung verdiene. Unwahr ist ferner die Behauptung, daß nur „Physiologen und Schlachthausverwalter" sich für das Schächten ausgesprochen hätten. Vielmehr sprechen sich für dasselbe unter Anderen aus: 14 Direktoren und 24 Professoren von Thierarzneischulen, 150 praktische, zumeist beamtete Thierärzte, 14 Großschlächter und Metzgerinnungen, also im eminenten Sinne „Fachleute und Fachcorporationen". Hinzugefügt sei, daß auch die oberste Medicinalbehörde in Preußen, die königliche wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen, wie Herr Abgeordneter Dr. Lieber in der Reichstags fitzung vom 9. Mai 1899 mittheilte, sich in einem Gutachten vom Jahre 1894 dahin ausgesprochen hat, daß die Schächtmethode vom technischen, hygienischen und Humanitären Standpunkte, also unter jedem Gesichtspunkte, den Vorzug vor allen anderen Schlachtarten verdient. Auf Grund dieses Gutachtens ist bekanntlich diese Methode