Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 31 ®eüe 515 Sr. Vloch'r Wnriienschrtft. Zacharikls Frankel, geboren am 1. October 1801 in Prag, gestorben am 23. Februar 1875 in Breslau. „Mit dem Ernste des Glaubens paare sich der Ernst der Wissenschaft", so begann der leider auch schon unter dem Rasen ruhende vortreffliche David Kaufmann den Nachruf, den er in der Frankel'schen Monatsschrift Jahrg. 1876. 'S. 12 ff. dem Heimgegangenen Oberrabbiner und Seminar-Director Doctor Zacharias Frankel widmete. Es sind Frankel's eigene Worte, die die wir soeben citirten und sie charakterisiren den Unsterblichen nach seinem gläubigen, frommen Herzen und tiefforschenden Geist. Am kommenden 1. October sind hundert Jahre verflossen, seitdem Frankel, ein Sproß aus sowohl väterlicher - wie mütterlicherseits in Israel hochangesehener Familie das Licht der Welt erblickte. Prag, Pest, Teplitz, Dresden und Breslau bezeichnen die Marksteine seines Erdenwallens. In Prag geboren uno in das talmudische Studium von hervorragenden Talmudisten eingeführt, hat Frankel an der Pester Universität ein umfangreiches classisches Wissen sich angeeignet, um alsdann als Kreisrabbiner von Teplitz Israels Heerde zu leiten, und später in Dresden als Oberrabbiner seine ganze Persönlichkeit m den Dienst der sächsischen Juden zu stellen, für deren Gleichstellung wacker und „ größtenteils mit Erfolg zu kämpfen, um endlich in Breslau als Leiter des ersten jüdisch-theologischen Seminars, ein Oberhirte der zukünftigen Hirten Israels, sich unsterbliche Verdienste um das Judenthum, die jüdischen Gemeinden, um Glauben und Wiffenschaft zu erwerben. Die Bedeutung Frankel's für das Judenthum, die jüdische Wiffenschaft und die jüdischen Gemeinden, verdient noch von dem Historiker in das rechte Licht gestellt zu werden; will man ihn mit einem ausgeprägten geschichtlichen Charakter oer alten Zeit vergleichen, so muß man unwillkürlich an Rabbi Jochanan ben Sakkai denken. Wie dieser stand Frankel an der Grenze zweier Abschnitte, denn das neunzehnte Jahrhundert war entscheidend für die Zukunft des Judenthums. Dre alten Jeschiwos gingen allmählich ein; der alte naive Glaube nahm merklich ab; die Judenheit verließ infolge des freundlichen Zeitgeistes des Jahrhunderts das Ghetto und trat auf den Marktplatz des Lebens; sein ungeübtes Auge sah in eine neue Welt von Anschauungen, das blendende Licht der Wissenschaft traf es fast unerwartet, da galt es denn, die sich von selbst ergebenden Gegensätze zu mildern, die sich entwickelnden geistigen und religiösen Kämpfe zum Siege des Judenthums zu Ende zu führen. Blinde Orthodoxie auf der einen Seite, rücksichtslose Reform auf der anderen Seite, und zwischen beiden das allehrwürdige Judenthum in Gefahr, von den sich bekämpfenden und erhitzten Parteien zerrieben zu werden. Da trat Frankel auf, ausgerüstet mit einem immensen biblisch-talmudisch-rabbinifchen Wissen, mit gründlich elasftscher Bildung und „paarte den Ernst des Glaubens mit dem Ernste der Wissenschaft". Er ward Direktor des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, einer Anstalt, die erste ihrer Art, mustergiltig für alle später errichteten Institute zur Ausbildung von Gemeinderabbinern. In Budapest, Berlin, Wien, ja Amerika, überall wo Seminare errichtet wurden, hat man das Breslauer Seminar und seine Einrichtungen sich zum Vorbild genommen, und Männer, die an jenen Anstalten erfolgreich wirken, haben in der Mutteranstalt ihre Bor- und Ausbildung genossen. Es war aber auch gleichsam eine Fügung der Vorsehung, die dem Judenthum zur rechten Zeit die rechten Männer gibt, daß im Lehrercollegium des Seminars Frankel von Mitarbeitern umgeben war, von denen jeder ein Koryphäe auf einem bestimmten Gebiet der Wissenschaft war. Es war ein Lehrerkollegium, zu dem alle, die das Glück hatten, zu dessen Füßen zu sitzen, noch heute mit Verehrung, Pietät und Dankbarkeit yinaufblicken. Ach, sie schlafen Alle schon im Schooße der Erde, kwo nay nba1 'v möchte ich ausrufen, wenn ich an meine Lehrer denke! Die College» der älteren Jahrgänge, die noch am Leben sind, — viele bedeutende Schüler find bereits ihren Lehrern in die Ewigkeit gefolgt, ein Seligsohn, Perles, Bamberger, P. Frankel, David Kaufmann, Buchholz, Wallenstein u. A. sind nicht mehr — werden gerne mit mir die verklärten Gestalten sich noch einmal vor den Geist führen. Da steht er, unser ehrwürdiger erster und großer Lehrer, ein Vater seiner Schüler, Frankel mit seiner innigen Frömmigkeit, seinem warmen Glauben, seiner unbegrenzten Liebe zum Judenthum, mit seinem uferlosen Wissen, mit seiner antiken Anspruchslosigkeit. Neben ihm als zweiter Lehrer Graetz, mit dem klugen, forschenden Auge, unbeholfen im Vorträge, aber ein Meister mit der Feder, ein jüdischer Herodot, der nicht allein mit dem Geiste, sondern auch mit dem Blute seines warmen Herzens die zwölfbändige Geschichte seines Volkes geschrieben hat. Der Dritte war der orthodoxe fromme Sohn des Hamburger Chachams, Jacob Bernays mit seiner hohen Stirn, hinter welcher die ganze alte classische Welt, im Vordergründe Aristoteles, in klarer, durchsichtiger Form aufgespeichert lag; Bernays, der königliche Oberbibliothekar der Universität Bonn, wo er auch auf dem jüdischen Friedhofe schläft und dessen Grabschrift so sinnig die Verbindung jüdischen Geistes mit clasiischer Bildung wiedergibt apr bnsa pw na’ bv inw. Und wer denkt nicht gern an Joel zurück; Philosoph, Philologe und Theologe in einer Person, der erste große classische Denker auf der modernen jüdischen Kanzel. Aber auch dem sei nicht vergessen, Dr. Benno Juckermann! Ein strenggläubiger Alt-Breslauer mit seiner Familiensynagoge in der nicht sehr vornehmen „goldenen Radegaffe", einer alten im dunklen Hintergebäude liegenden Betstube mit ihrer ausgetretenen hölzernen Treppe, die nur der hinanzuklettern wagte, der unerschütterlich an das talmudische a'prc dj'K niaca Tebe glaubte. Juckermann war Mathematiker von Beruf und hat die schwierigsten talmudischen Themata über Münzen, Maße und Gewichte in mehreren Programmarbeiten nach wissenschaftlicher Methode bearbeitet. Und last not least denken wir auch an Dr. Rvfin, den Nachfolger Joel's am Seminar, den gründlichen Kenner und Erforscher der mittelalterlichen Bibelexegeten, Commentatoren und Dichter. Wie ein wissenschaftlicher Generalstab umgab das Lehrercollegium seinen großen Führer und vertheidigte und rettete das Judenthum, seinen Glauben und seine Wissenschaft aus den Gefahren der Zeit. Und hinaus entsandte das Seminar seine Jünger in alle großen Gemeinden Deutschlands, Oesterreichs und Europas, ja über den Ocean nach Amerika, und Alle wirkten und kehrten im Sinne und im Geiste des großen Meisters. Unter dem Einflüsse der Breslauer Schule hat die Ultraorthodoxie ihren das Judenthum auszehrenden Fanatismus aufgegeben und ist die zerstörende auflösende Reform zur Besinnung gekommen und hat sich dem Positiven zugewandt. Darum segnen an erster Stelle wir, die Schüler Frankel's, das Andenken unseres Lehrers, aber auch die jüdischen Gemeinden haben allen Grund, anläßlich des bevorstehenden 100. Geburtstages, Frankel an heiliger Stätte und in würdiger Weise zu feiern. Der erste October 1801 fiel auf den Tag nach Sukkoth art no«; wir Schüler erinnern uns noch, wie wir am min nnrw nach dem Gottesdienste in des Directors Wohnung gingen, um ihm zu gratuliren, und wie er uns ohne ein nun nan niemals entließ. Es dürfte sich daher empfehlen, daß das Lehrercollegium des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau ein Programm für eine würdige Gedenkfeier in der Anstalt entwerfe, etwa' für map ’ra®, und ich bin überzeugt, alle Schüler Frankel's, überhaupt alle Zöglinge des Breslauer Seminars, wo fie amtiren und wirten, dies- und jenseits des Oceans, werden an jenem Festtage, wohl bei der Todtenfeier dem Andenken des um Vna in der Predigt wohlverdiente Worte der Erinnerung widmen. Heil dem Zeitalter, in welchem die Mahnung der alten aw miaa yn ima noch Geltung hat. Köln, im Monat Juli 1901. Rabbiner Dr. Frank. Vom Jahrmarkt dr» Lebens. Judentaufen in Berlin. Berlin, 23. Juli. Eine unscheinbare Notiz in den Tagesblättern dieser Woche über Religionsübertritt eist für uns von großer Wichtigkeit. Dieselbe lautet: Nach der neuesten statistischen Uebersicht über die kirchlichen Zustände in den zum Stadtsynodalverbande Berlin gehörigen evangelischen Gemeinden betragt die Gesammtzahl der Uebertritte zur evangelischen Kirche in Berlin im Jahre 1900 547. Davon 160 aus dem Judenthum. In ihrer lakonischen Fassung spricht diese Notiz ganze Bände. Wenn man bedenkt, wie jahraus jahrein über die „Massentaufen" in Berlin gesprochen und geschrieben wird, wenn man sich in Erinnerung bringt, daß der Staat noch immer eine Prämie auf den Abfall vom Judenthum setzt, ja, daß selbst viele Privatgesellschaften Anstand nehmen, Juden anzustellen, so wird man dieses Resultat ein für unsere Sache günstiges wohl mit Recht nennen dürfen. Und in die Ziffer der Religionsübertritte