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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Date
1901-08-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 514 Nr. 31 Br. Bloch's Wüchenjrtzrisi« Nach Verkündigung des Wahlresultates, welches die sternhagelvoll betrunkenen Bauern mtt Beschimpfung der Andersgläubigen und Andersgesinnten begleiteten, erfolgte unter den Klängen der päpstlichen Hymne der Abmarsch zur Pfarrerswohnung, dem Absteigequartier des neugewählten Abgeordneten. Dieser pafsirte ein Spalier weißgekleideter Mädchen. Bor der Pfarrerswohnuug erschollen Rufe: „Nieder mit den Juden! Plündern wir sie!", und nur die Angst vor den Bajonneten hielt die fanatifirte Menge ab, die Worte in Tyaten umzuwandeln. Ein trunkener Haufe, durch diejen Anblick vnimirt, i n f u l t i r t e auf der Bajmüczerstraße die Gräfin Emanuel Andräfsy und die Fürstin Nilolaus Esterhazy. Das war das kleine Vorspiel der kommenden großen Ereignisse, auf welche wir uns vorbereiten müssen. Dazu kommt, daß sich bei uns eine neue agrarischantisemitische Partei gebildet hat, oie sich „Landes- Christen-Partei" nennt und den Anlauf nimmt, das österreichische Demagogenthum vollständig zu copiren. In dem Programm wird beklagt, daß der ungarische Liberalismus angeblich auf Kosten des Christenthums die jüdischen Interessen begünstigt und den christlichen Charakter des Landes zerstört. Die Partei erachtet es als ihre Aufgabe, dafür zu wirken, daß die jüdische Macht und der jüdische Einfluß nicht überall zur Geltung gelänge. Diese neue Partei hat auch eine Erweiterung des Stimmrechtes in das Programm ausgenommen, verspricht den Bauern und den Fabriksarbeitern alle möglichen Bovcheile und wendet die Mittel an, welche die Lueger-Partei, fn Oesterreich populär gemacht haben. Vielleicht noch niemals stand für Ungarn soviel auf dem Spiele, wie es bei den nächsten Reichstagswahlen der Fall sein dürfte. Gelingt es der antisemitischen Wühlarbeit, die Macht des Liberalismus in Ungarn zu brechen, dann gehen wir über kurz oder lang österreichischen Verhältnissen entgegen. Diese Zustände sind aber für den Baterlandsfreund sehr wenig verlockend, und man müßte glauben, daß in dem Kampfe gegen die finsteren Mächte, welche solch' Gefährliches im Schilde führen und ein Verhängmß für unser Staatsleben zu werden drohen, alle patriotischen Elemente sich zusammenschaaren und vereinigen würden. Die Zeit ist ernst, und mehr denn je ist heute wachsam zu sein ein Gebot der Klugheit. Die Juden in Holland. Das kleine freiheitsfrohe Volk der Niederlande war schon vor Jahrhunderten ein Zufluchtsort für alle Jene geworben, oie unter Unduldsamkeit und Haß, unter Verfolgung und Bedrückung zu leiden hatten. Daß es diese stolzen Traditionen auch heute nicht verleugnet, hat vor Allem der alte Präsioeut Krüger empfunden, der bei Hollands junger Königin Schutz und Therlnahme fand, als alle, anderen Thüren sich vor ihm verschlossen. Auch die Juden haben Holland viel zu danken. Schon die gequälten „Marrannos" kamen aus Spanien nach diesem Asyl der Freiheit und' Duldsamkeit, und vertriebene deutsche und polnische Juden fanden in Amsterdam eine Heimstätte, in der sie ungestört ihrem Glauben leben durften. Der größte jüdisch;: Philosoph, Spinoza, hat auf Hollands Boden gelebt und gedacht und auch heute, wo die Juden fast überall unter böswilliger Verfolgung zu leiden haben, ist ihre Lage in den Niederlanden eine ungleich günstigere und geschütztere als in den großen Reichen des Continentes. Die Emancipation der Juden, die am 2. September 1796 sich vollzog, ist nicht nur ein papierenes Recht, sondern die Gleichstellung aller Bürger wird auch wahrhaft geübt und die holländische Kammer war stets bereit, den jüdischen Bürgern die Ausübung aller religiösen Pflichten möglich zu machen und zu erleichtern. So besteht ein Gesetz, das die Arbeit am Sonntag untersagt aber hinzusügt: „für eine Glaubensgenossenschaft, die den Sonntag nicht als Dihetag betrachtet, rritt oer betreffende Tag an dessen Platz". Jüdische Gefangene sind am Samstag und an den hohen Feiertagen von der Arbeit, jüdische Soldaten vom Dienste frei. Gleichzeitig ist für jüdische Soldaten der Menagezwang aufgehoben und es wird ihnen ein wöchentliches BerpflegSgeld ausbezahlt, dauiü sie sich bei Glaubensgenossen rituell beköstigen köuneu. Wie weit diese Rücksichtnahme geht, ist aus dem Umstande ersichtlich, daß. selbst bei dem Manöverplan auf den Sabbath Bedacht genommen wurde und Anfang und Ende der Uebungen in der Mitte der Woche stattfand, damit die orthodoxen jüdischen Soldaten nicht gezwungen seien, am Samstag mit der Eisenbahn zu fahren. Auch die jüdischen Schüler genießen alle denkbaren Begünstigungen; sie sind am Samstag thunlichst vom Unterrichte befreit und jedenfalls wird der Stundenplan so eingerichtet, daß die Kinder durch ein Versäumniß des Unterrichts an diesem Tage möglichst wenig Schaden leiden. Daß die Juden für diese günstige staatsrechtliche Stellung dem Herrscherhause und dem Lande eme tiefe Dankbarkeit und eine starke Liebe entgegenbringen, ist in- und außerhalb Hollands bekannt. Die Fürsten aus dem Hause Oranien haben diese Loyalität und Anhänglichkeit ihrer jüdischen Unterthanen stets anerkannt, und wenn die Königin die verschiedenen Städte ihres Landes besucht, werden die öffentlichen Audienztage nie auf einen Samstag fallen, damit auch die Rabbbiner und Vorsteher der jüdischen Gemeinden ihre Aufwartung machen können. Bei Mm alljährlichen Besuch des Hofes in Amsterdam wird stets ,eine Fahrt durch das Judenviertel gemacht, jüdische Wohlthätigttüsanstalten werden durch den persönlichen Besuch der höchsten Herrschaften und durch finanzielle Unterstützungen ebenso ausgezeichnet, wie die anderer Religionsgenossenschaften.' Auch die Bevölkerung zeigt sich stets duldsam und gerecht. Bei den Verfolgungen der russischen Juden im Jahre 1881 waren Christen aus allen Kreisen der Bevölkerung an der Spitze der Unterstützungscomites und gerade so war es bei der großen Noth unter den jüdischen Diamantarbeitern in Amsterdam im Jahre 1891. Daß bei dieser günstigen Lage der Juden aus ihrer Mitte hervorragende Vertreter in allen Zweigen der Wissenschaft, der Industrie und der Kunst hervorgingen, die dem Lande zur Ehre gereichen, ist selbstverständlich und unser Stolz. Ätele große Fabriken sind von Juden errichtet und geleitet, in Nt. H. Godesroi hatte Holland in den Siebziger-Jahren einen jüdischen Justizminister und der berühmte internationale Rechlslehrer T. Nt. C. Asser hat noch heute einen Sitz im Staatsrathe. An den verschiedenen Gerichtshöfen sind Juden thätig und ein Mitglied des „Hohen Rathes" entstammt oer bekannten jüdischen Juristenfamilie de Pinto. Belm Militär haben sich sowohl in Holland selbst, als in den Colomen vielfach Juden ausgezeichnet und sind m jedem Rang vertreten .An den vier holländischen Universitäten sind jüdische Professoren keine seltene Erscheinung. Professor Simons, Professor de Hartog, Professor Josefus Jitta und Professor Oppenheim sind bekannte Namen der Wissenschaft geradeso wie die Professoren Speyer und Polak, Stokvis, Mendes da Costa und Rosenstem (der Sohn des verstorbenen Berliner Rabbinats- Assessors E. Rosenstein). Einen Weltruf genießt der große holländische Maler Jozef Israels, dessen Name im Amsterdamer städtischen Museum aus dem.Deckengesims verzeichnet ist und der kürzlich verstorbene David Bles war einer der ausgezeichnetsten niederländischen Künstler. Auch in der schönen Literatur sind Juden vertreten. Dr. A. Allelrino und Hermann Heiermanns, die Verfasser des kürzlich in Berlin aufgeführten Dramas: „Die Hoffnung auf Segen", haben sich hervorragende Namen erworben. Eine interessante Skizze über die Juden in Holland hat in der Zeitschrift „Im deutschen Reich" Herr Sigmund SeeUgmann, Amsterdam, geliefert, dessen Ausführungen in dieser Skizze folgen. Zu den holländischen Größen zählt auch der berühmte Oberravbiner I. H. Dünner. Die hohen Verdienste dieses Gelehrten und energischen Mannes wurden auch von der Regierung anerkannt und durch die Ernennung zum Ritter des Niederländischen Löwenordens belohnt. So erzieht sich das holländische Volk und das Fürstenhaus der Oranier in den jüdischen Bürgern eine Schaar treuer, opferwilliger Unterthanen, die, in der Freiheit lebend und wirkend, alle Geisteskräfte entfalten können, der Gesammtheit zu Nutz und Frommen. Freilich mag es auch hier einzelne Individuen geben, die den Antisemiten Europas ähneln, aber der Antisemitismus selbst, diese Giftpflanze der modernen Gesellschaft, ist Holland fremd und in den freien Niederlanden sind nicht nur dem Buchstaben nach alle holländischen Staatsbürger gleichberechtigt und gleich geschätzt.

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