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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. äO DL«. Blortz^ WvsMMri-r» Sette 511 Leiter von der fremden Schnorrerei war. Wie erklär' ich mir das? „Ganz einfach/ antwortete Cheile. „Ihr habt halt sehr feine Kinder, Feibisch! Flora ist schon heut' in der Kälte draußen am Gut Ort gewesen, weil sie jeden Lrew Schabes und Jomtow1) hinaus geht und die Mezeiwe hat Euer Dawidl bestellt und gleich bezahlt. Dawidl? G'rad' wollt' ich nach ihm fragen. Wann war er da? . Zweimal war er da. Erst als Jüngl von vierzehn Jahren, da hat er ausgesehen, wie ein Malachel.2) Gewaschen und gekämmt in einem feinen schwarzsammtenen Gewandl und einen gelben Hut am Kopf und dann vier Jahre später, wie Flora schon ins Cheder gegangen ist, da hat er ihr goldene Ohrring gebracht und ein Fingers) mit einem Stein, der funkelt wie die Steine am Choschem mischpat4) und Kohn hagudol5). Dann hat er mir einen Zettel dagelaffen, von einer großen Bank in Wien, den soll ich Euch geben, wenn Ihr einmal herkommt. Auf den Zettel werdet Ihr von der Bank jeden Chorlesch6) zehn Gulden Münz bekommen, so lang Ihr lebt und Ihr sollt Euch irgendwo niederlassen und ruhig leben. Feibisch schüttelte traurig mit dem Kopfe. Mit mir ist es aus; weil ich mein Kind einmal sehen möcht', Hab' ich mich bis hergeschleppt, aber ich sage Ihnen, Mamme, ganz schwer; das mit Reizet hat mir meinen Schlag gegeben. Von da geh' ich wohin, wo ein Spital ist, denn lang dauert's mit dem alten Schnorrer nicht mehr. Da drinnen und er zeigte auf seine eingefallene Brust, da drinnen ist es wie ausgebrannt, ganz leer. Cheile bereitete dem müden Gaste ein Lager und schickte durch ihre Lobabesgojs7) die Pleite, für Feibifch ins Rosen - berg'sche Haus mit dem Bemerken, daß der fremde Jud unwohl sei und daher erst morgen Mittag vorsprechen werde. Die mildthätige Frau Amalia, die würdige Nachfolgerin ihrer bereits in Gott ruhenden Schwiegermutter, sandte sogleich für den kranken Fremden kräftige Suppe und für den anderen Tag einausgiebiges Frühstück in die Schlafstätte, von dem er jedoch sehr wenig aß. Es mußte schon recht schlimm mit Feibisch stehen, wenn er sogar auf ein gutes Essen verzichtete. Seht Ihr, bei was für braven Leuten Euer Kind ist? Ich we'tz, ich weiß, nickte dieser befriedigt. Gott soll's ihnen zahlen! Samstag um die Mittagsstunde ging Feibisch müden Schrittes ins Rosenberg'sche Haus. Seine einstmalige Prophezeiung, daß die Kinderlose siebenfache Mutter werde, war wohl nicht in Erfüllung gegangen, jedoch die kleine Flora machte den Rosenberg'schen Eheleuten mehr Freude als es vielleicht sieben eigene Kinder gethan hätten. Es war ein Vergnügen dem muntern Mädchen zuzuschauen, wie sie im Hause hantirte, den Dienstboten Alles herausgab, die Wäsche herausgab und übernahm und selbst bei Tische die Hausfrau in Allem vertrat. Wohlgefällig ruhten die Augen des kinderlosen Ehepaares auf dem jungen Mädchen und verfolgten mit beifälligem Lächeln jede ihrer Bewegungen. Aüch heute war sie noch geschäftig hin- und hergehuscht, als der fremde Mann schon am untern Ende der Tafel saß. Von den ihm vorgelegten Speisen hatte der Gast, als solcher wird jeder Fremde ohne Unterschied in dem gastfreien Hause betrachtet, nichts oder nur äußerst wenig genossen, das Glas Wein, das ihm der Hausherr selbst eingeschänkt hatte, jedoch leerte er auf einen Zug aufs Wohl der freundlichen Gastgeber und des schönen Fräuleinchens. Es wurde dem Mädchen recht unheimlich zu Muthe, als es die Blicke des fremden Alten unausgesetzt auf sich ruhen fühlte, und dem auszuweichen, schlich sich Flora aus dem Zimmer, bevor noch das Mittagmahl beendet war. Feibisch mußte bis nach gesprochenem Tischgebete bei Tische ausharren, dann sagte er den Hausleuten seinen Dank für die genoffene Gastfreundschaft und ging in die Küche, wohin er sein Kind hatte verschwinden gesehen. Als er hineinkam, fragte ihn Flora theilnehmend: Fehlt Ihnen was, wünschen Sie sich etwas? Ich will es Ihnen gerne geben. Ja, viel verlange ich, sagte nach einigen Zögern der Alte. Um einen Kuß möchte ich Sie bitten, liebes Kind! Betroffen trat Flora einige Schritte zurück. Was fällt Ihnen ein? Wie, schämen Sie sich nicht, in Ihrem Alter noch jungen Mädchen nachzusteigen und sie küssen zu wollen? ') Vorabend des Festes. 2) Engel. 3) Ring. 4) Brustschild. 5) Hohepriester. ®) Monat. 7) Die Bedienerin für Sabbath. Tiefe Trauer svrach aus der Entgegnung des Schnorrers: Nein, so schlecht bin ich nicht, Fräulein! Aber draußen in der weiten Welt habe ich ein Kind, das auch so alt sein wird wie Sie, Fräulein, aber ich darf mich dem Kinde nicht zeigen, denn es möchte sich vor mir schämen, und da hätte ich gemeint, ich küsse mein Kind. Da irren Sie vielleicht. Sie armer Mann, sagte Flora mit bewegter Stimme. Gehen Sie zu Ihrem Kinde, es wird sich nicht vor Ihnen schämen. Wenn mein Vater noch lebte, und zu mir, wenn auch als Schnorrer käme, ich wollte ihm um den Hals fallen und ihn küffen. so wie Sie da. Und einer plötzlichen Eingabe folgend, nahm sie den alten Schnorrer um den Hals und drückte einen innigen Kuß auf seine bärtige Wange. „Gott, Du hast mein Gebet erhört, nun rufe mich zu Dir und ich gehe gerne fort." Die seelische Erregung war zu mächtig für den abgehärmten Dulder, er wankte und wäre umgesunken, wenn ihn nicht Flora aufgefangen und zu einem in der Küche befindlichen Schlafvivan geführt hätte, wo sie ihn auch mit Vorsicht niederlegte und mit fast kindlicher Sorgfalt mit einer Decke zudeckte. Nun ruhen Sie ein wenig, Alter! Ich besorge etwas zur Stärkung für Sie und bleibe bei Ihnen, bis Sie ausgeschlafen haben. Als Flora nach einigen Minuten mit den stärkenden Tropfen zurückkehrte, die sie dem erkrankten Manne reichen wollte, erschrak sie so heftig, daß sie das Fläschchen, welches sie in den Händen hielt, zur Erde fallen ließ. Das Gesicht des Fremden war erdfahl geworden und die Augen verglast. Nichts zeigte Leben an der hinfälligen Gestalt, als die Lippen, welche sich im stillen Gebete bewegten. Flora, von tiefem Mitgefühl ergriffen, vergaß ganz die Scheu, die sie sonst vor einem Sterbenden empfand und beugte sich über den Kranken, um seinen herabhängenden Kopf zu stützen. Ihre Berührung hauchte dem Todesmatten frische Kräfte ein, so daß er sich ausraffte, beide Hände um den Nacken seines Kindes schlang und die Worte ausrief: Blimele, mein getreues Kind! Gott segne Dich! Amen! Der alte Schnorrer war am Ziele angelangt. In den Armen seines Kindes und den Segen für die wiedergefundene Tochter auf den Lippen, hatte die Seele des rastlosen Wanderers den müden Körper verlaffen. Auf demselben Friedhofe, wo Blimele ihre letzte Ruhestätte gefunden, wurde auch er beerdigt und Flora schämte sich nicht, sich öffentlich als Schnorrerskind zu bekennen und ihren Vater vorschriftsmäßig zu betrauern. Frau Cheile's Besorgniß war eme überflüssige gewesen; Flora's erwachte kindliche Liebe hatte alle Vorurtheile besiegt. (Fortsetzung folgt.) Zum Trostsabbalh. Der Mond webt seine Schleier um Trümmer alter Pracht. Zu ernster Jahrzeitsfeier die Geister sind erwacht. Ihr Chor schwebt still hernieder, umkreist die Trümmerwand Sie seh'n den Tempel wieder, wie er einst herrlich stand. Sie fühlen wieder wehen den duft'gen Opferrauch Und wieder auferstehen jedweden heil'gen Brauch. Dann wieder klagend schallen den dumpfen Trauerton. Der Tempel ist gefallen, zerstreut die Nation. Als ob es neu erstände heut aus der Zeiten Grab! Heut' ist die Jahreswende, der neunt' im Monat Ab! Da plötzlich wird die Klage vom Geisterchor gehört: „Und doch, an jenem Tage ward nur das Reich zerstört! Verbannt auch, seine Lehre hielt Israel immer hoch, Für sie setzt's sich zur Wehre, ertrug's das Sclavenjoch. Doch jetzt hat fahnenflüchtig von ihr sich's abgewandt. Erklärt das Heil'ge nichtig und nennt es Trug und Tand! Ihr großen, guten Geister, die einst das Volk belehrt, Roth thut aufs Neu' der Meister, der Gottes Wort erklärt. So zieht denn durch die Lande und haltet Umschau still. Wer noch sich zum Verbände Israels bekennen will!" In tödtlichem Erschrecken fliegt auf die Geisterschaar. Da gilt es ja zu wecken das Volk aus der Gefahr! Doch sieh'! Wo sie erscheinen, in jedem Ort der Welt, In Fasten und in Weinen man Trauerandacht hält.

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