Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 610 Dr. Lloch's Wochenschrift Nr. SO aufdienen. Jetzt geh' nach Hause, Kind! Daß Du nichts versäumst, es ist Lrew Schabes.1) „Lassen Sie mich doch erst gut anwärmen. Es ist so kalt und stürmisch draußen und bei Ihnen hier ist es immer so schön warm." „Weiter gönn' ich mir nichts, wie das bist Heizen; meine alten Knochen vertragen keine Kälte mehr, aber wie ich so ein jung Ding war, wie Du, da wußte ich nicht, was kalt ist, da hätte ich am Eise getanzt." „Ich auch, Tante! Wenn mir nur der David aufspielen möcht'" Die Stimme des jungen Mädchens wurde traurig. Dann fuhr sie fort: „Haben Sie gar.nichts weiter von David gehört, Tante?' »Ich hätt' es Dir doch gleich gesagt, Du Kindische! Rein gar nichts, seit er damals fort ist." „Ach, er hat ganz an mich vergessen", sagte das holde Kind und ein schmerzlicher Seufzer entrang sich ihren Lippen. „Geh', Narelitschke", sagte die Alte, indem sie beschwichtigend mit ihrer welken Hand über die Wange des Mädchens fuhr. „So arg wird es nicht sein, wer weiß, wo er sich herumtreibt, wo er sich jetzt aufhält. Du mußt halt warten lernen. Geduldig warten kann man nur, wenn man alt ist. wie ich. Was habe ich nicht Alles erwartet in meinem langen Leben! Geh' jetzt nur, geh! daß die Frau nicht zankt. „O, die zankt nicht, die ist zu gut dazu!" Flora drückte einen flüchtigen Kuß auf die feurige Wange der alten Frau, nahm das inzwischen geleerte Körbchen an sich und fort war sie, wie vom Sturme verweht. Cheile war wieder allein und ihre Gedanken drehten sich um den jungen Mann, der nichts hatte von sich hören lassen, seit sie ihm vor einigen Jahren das Bermächtniß seiner Mutter übergeben. Es scheint, daß es der alten Frau heute nicht gegönnt sein sollte, lange ihren Gedanken nachzuhängen, denn die Thüre öffnete sich wieder und herein trat ein Mann, den nicht so die Last der Jahre, auch nicht des großen Bündels, das er am Rücken trug, niedergebeugt hatte, als vielmehr die schwere Last des Erlebten, die Bürde einer Körper und Geist zerstörenden Leidenschaft — des Alkoholgenuffes. Es war Feibisch. Cheile hatte den Mann im. Momente erkannt, trotz der -traurigen Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. „Scholum Alichem!“2) lautete die Begrüßung der Schlafstätterin an ihren alten Bekannten. „Scholum!“3) antwortete er müde. „Also, da bin ich nun!" „Machts Euch bequem, Feibisch! Habt Ihr Hunger? Schämt Euch nicht." „Hunger Hab' ich keinen, ich bin nur so müde." „Das glaub ich Euch, bei dem Wetter zu gehen. Bon wo kommt Ihr eigentlich her?" „Bon weit, bis von Mähren; ich gehe und gehe, ohne zu rasten, nur um bald hier zu sein." „Was habt Ihr so zu eilen?" Statt einer Antwort auf diese berechtigte Frage sagte der alle Schnorrer, nachdem er den Pack abgeworfen und sich auf die schmale Bank beim Ofen gesetzt hatte: „Cheileleben, wie ich damals vor viele Jahr von Ihnen weggegangen bin, damals wie leider Gotts mein Blimele gestorben ist, haben Sie mir eine Eize4) gegeben; ich aber habe Ihnen nicht gefolgt, und so ist mein Unglück gekommen." „Was für eine Eize? Es ist schon so lang her, daß ich mich nicht darauf besinnen kann." „Das glaub ich schon", meinte Feibisch, „Sie haben seit der Zeit schon vielen Menschen gui gerathen, wie könnten Sie sich auch auf Alles besinnen. Sie sind wirklich eine wahre Mamme zu den Schnorrersleuten gewesen, wie wir Ihnen immer sagten. Erinnern Sie sich, wie ich fortging nach der Schiwe nach mein Blimele, da haben Sie mir gesagt, ich soll Reizet Jaroslan ausweichen, daß sie mir nachstellt. Das Hab ich' auch gethan, aber in Wln°) bei Prag hat mich der Suten°) mit ihr zusammengeführt und da bin ich sie nicht mehr Puters geworden. Sie war auch so mtt mir herumgegangen, was hätt' sie sich daraus gemacht, aber ich Hab immer an mein eheliches ebusebeweL Weib die Blimele gedacht. daß es für einen Juden eine Schande ist, mit einem ledigen Weibsbild durch die Welt zu ziehen und da haben wir uns in Prag zusammengeben lassen. Ich brauch Ihnen nicht zu erzählen, was ich ') Bußtag zum Sabbath. 2) Friede mit Euch. 3) Friede. 4) Ruth. 5) Kolm a. d. Elbe in Böhmen. 6) Satan. 7) Los. ausgestanden Hab, sie kennen ja das Weib länger als ich. Bon da an Hab ich erst recht'zu trinken angefangen. Letzten Schabbes waren wir in Pacewe1). Das ist eine kleine aber brave Kille, wissen Sie, was der Chossid2) Lipman Paeewer, secher zadik liwrocho3) von da her ist. Dort Hab ich mein erspartes Geld gezählt, was ich immer in meinem Gürtel auf meinem Leib getragen Hab, und bte- Tmeie4) ist dazu gekommen und hat mirs nehmen wollen. Ich Hab' aber gesagt, daß dieses Geld nicht mir gehört, das muß ich dem armen 5osin^ bringen, dem Kind von meiner Blimele, für die ich es mir die alle Jahre am Mund abgespart habe. Freitag Abend hat sie mir eine Flasche Branntwein gebracht und hat mich richtig schikur3) gemacht. Ich Hab' lange geschlafen, nicht einmal aufgekvmmen bin ich, in Schul zu gehen, trotzdem es Schabes Chanuka rosch chodesch war. Das ist mir mein Lebtag nicht passirt. Sie hat mir müssen etwas in den Branntwein hineinmischen. Wie ich aufkomme, greis' ich das erste an mein Gurt. Scbma Jisroel! Das Geld war fort! Das schlechte Weib.hat am heiligen Schabb-s den Gurt abgeschnitten und ist mit dem Geld pleite gegangen, und ein Sattler, was bei den Bauern in der dortigen Gegend gearbeitet und auf Schabbes in die Kille gekommen ist und mit uns in der Schlafstatt gewohnt hat, ist auch fort, ohne noch die Zeche zu bezahlen. Sie können sich denken, Mammeleben, was ich getrieben, und so komme ich mit leere Händ' zu meiner kleinen Blimele." „Aus dem braucht Ihr Euch nichts zu machen. Sie braucht Euer aus geschnorrtes Geld nicht, sie hat bei der Frau Rosenberg goldene Zeiten, wie wenn sie ihr eigen wäre." „Ich möchte das Kind gerne sehen, . deswegen habe ich so hergeeilt." „Das glaube ich Euch gerne und Ihr werdet die Augen aufmachen, was aus dem Kinde geworden ist, sie sieht aus grad wie ein Fräulein. Aber seid moobel Feibisch, wenn ich Euch um etwas bitte. Sagt dem. Mädel nicht, daß Ihr der Vater von ihr seid." „Warum das, Cheileleben? Meinen Sie denn, daß sie sich vor mir schämen möchte?" Diese Frage des körperlich und geistig hcrabgekommenen Schnorrers war gar so naiv, daß selbst die alte Cheile darüber lächeln mußte.-^u^^ - - ' * > „Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Aber thut mir doch den Gefallen, Feibifch, wißt Ihr, ich bin schon alt und alte Leute haben manchmal kuriose passim7) an sich." „Also ich werde Ihnen folgen, Cheileleben. Wie aber kann ich dann das Kind sehen?" „Das ist ganz leicht. Ich habe hier die Pletten3) zu vertheilen und da gebe ich Euch auf Schabbes die Plette zu den Rosenbergs. Dort könnt Ihr Euch die Flora anschauen und und werdet Euere Freud' an ihr haben." „Flora, wer ist das?" „Nun das ist Blimele." So, ja! Das Hab' ich vergessen. Mein Kopf ist von den Scblswasl3) und dem Trinken ganz wewulbeP") geworden. Cheile wollte diese Selbstvorwürfe weder unterbrechen, noch durch eine weitere Bemerkung verschärfen, schwieg daher. Nach einer Weile fuhr Feibisch fort: Wissen Sie Cheileleben, wo ich schon heute war? Nu, wie könnt' ich das wissen? Am öes'ebajim") war ich. Wie ich den Fußsteig da heraufgestampft bin vor dem Gut Ort vorüber, ba sah ich die Thür dazu offen und einige Leute drinnen stehen. Erst glaubte ich, es wäre eine Kwure12), indessen besinn ich mich, daß Freitag ist, daß viele Leute hinaus gehen Nennobe Necbarne zu sagen und da bin ich auch hineingegangen, auf das Kewer13) von mein guten getreuen Blimele, obwohl ich es nicht werth bin. wenn ich nach so ein cbusebew Weib so eine hergelaufene, wie Reize! genommen habe. Ich Hab' geglaubt, daß ich unter dem Schnee das Lavier nicht werde auffinden, aber wie ein Naches hätte ich, daß sie eine so schöne Ickezeiwe") hat. Wer hat ihr diese gestellt? Und dann waren im frischen Schnee Fußtapfen, wie von einem kleinen Kind bis zu dem Lewer und auf der Nezeiwe lag ein Steindl, was nicht beschneit war, wie die anderen; takiseb^3) ich zu sehen, daß erst heute einer vor mir bei dem ') Petzau im Taborer Kreis. 2) Fromme. ») Das Andenken der Frommen sei gesegnet. 4) Unwürdige. 5) Waise. 8) Betrunken. 7) Manier. s) Anweisung auf Speisen. 3) Unglück. '°) Verwirrt. '') Friedhof. n) Beerdigung. ,3) Grab. ,4) Grabstein. ") Also.