Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 30 welche sich in aufopferndster Weise in den Dienst des edlen Unternehmens gestellt haben und durch ihre Mitwirkung hauptsächlich zu einem so günstigen Resultate, wie ihm dieses Fest erreicht hatte, beigetragen haben. Wir sahen in den Coriandoli- und Blumenbuden die Frauen Hirschfeld, Therese Kellner, Cäeilie und Regine Weiß, sowie die Fräuleins Gisela Groß, Cornelie v. Petrasch und Marie Pillepich; im Glückshafen die Frauen Professor Biljan und Rosa Kiß; in der Champagnerbude die Frauen Profesior Heumer und Ed. Paunz, sowie die Fräuleins Ella Fischer, Malvine Groß, Jlonka Kohn, Gisela Pollak und Elsa Stein, welche als reizende Heben unermüdlich ihres Amtes walteten. Im Garten selbst war ein ganzes Heer der reizendsten Mädchenexemplare Esfeks eifersüchtig bestrebt, dem edlen Zwecke ein je hübscheres Sümmchen zuzuführen und die verschiedenen Artikel an die Männer zu bringen. Gleiwitz. Die „Korrespondenz des Bundes der Landwirthe" hatte bekanntlich jüngst den Juden vorgeworfen, sie scheuten jede Arbeit, die mit körperlichen Anstrengungen verbunden sei. Darauf belehrte Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz die »Correspondenz" dahin, daß die körperliche Arbeit sich nicht nur in den ethischen Schriften der Hebräer der höchsten Werthschätzung erfreut, sondern, daß auch thatsächlich, zumal in Oberschlesien viele Juden in den Handwerken beschäftigt seien. Dr. Münz appellirte schließlich an den Gerechtigkeitssinn der »Correspondenz"; allein diese griff, wie wir bereits mitgetheilt, zu einer neuen Beschimpfung der Juden, indem sie höhnte, sie kenne nur den Cravattenmacher, den Geld- und Sachwucherer als jüdischen Handwerker. Darauf antwortet Dr. Münz jetzt in dem Gleiwitzer »Oberschl. Wanderer" :] Die Wahrheit ging aus, um Gerechtigkeit zu finden; sie verlangte nach dem Brode der Erkenntniß, und da wurde ihr ein Stein gereicht. Als ich die Bemerkungen las, mit denen die „Bundes- Correspondenz" meine Ausführungen begleitete, da durchzuckte ein tiefes Weh mein Herz. Mir war es, als ob vor meinen Augen ein Heiligthum entweiht, als ob ein Ideal, das von Allen hochgehalten wird, herabgewürdigt und in den Staub gezerrt worden wäre. Ich habe die bittere Erfahrung gemacht, daß im deutschen Vaterlande, in dem Lande, in welchem man das Volk bei der Arbeit suä t, einzelne Kreise vorhanden sind, deren Weltanschauung so sehr von dichten, dünkelhaften Vorurtheilen befangen, ist, daß. die Ehrfurcht vor der treuen, rechtschaffenen Arbeit in derselben keinen Platz mehr findet: . Dr. Münz erinnert sodann nochmals an die Juden in Oberschlesien, die als Schlosser, Klempner, Steinmetze, Tischler, Schneider und Schuhmacher im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod effen, und fährt hierauf fort: Dem „Cravattenmacher", sei er Christ oder Jude, all jenen unterwerthigen, dunklen Ehrenmännern, welche Geldwucher, Sachwucher oder Kornwucher treiben, unsere Verachtung und unser tiefstes Bedauern; dem Handwerker, sei er Christ oder Jude, all jenen wackeren Männern, die sich rechtschaffen durch ihrer Hände Arbeit ernähren, unsere Hochachtung und Anerkennung. Das ist der Standpunkt, den ich vertrete^ Rabbiner Dr. Münz kommt auch auf die zahlreichen Vereine zu sprechen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Handwerk und Ackerbau unter den Juden zu fördern. Die bedeutendste Organisation dieser Art ist die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover, die den Juden das Arbeitsfeld der Gärtnerei und Landwirthschaft erschließen will. Leider aber stellen sich den jüdischen Bestrebungen auf dem Gebiete der Agricultur große Schwierigkeiten entgegen. Herr Münz sagt: Dem jungen Manne jüdischen Glaubens, der sich als Landwirth oder als Gärtner ausgebildet hat und Tüchtiges zu leisten im Stande ist, wird die Möglichkeit entzogen, seine erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten praktisch zur Ausübung zu bringen. Vergebens sieht er sich bei den Gutsverwaltungen und Domänen um Arbeit und Stellung um — er wird abgelehnt. Monatelang, jahrelang wiederholt er unter den bescheidensten Ansprüchen den Versuch, im landwirthschaftlichen Betriebe dem ihm liebgewordenen Berufe nachgehen zu können — vergebens, für ihn gibt es keinen Platz, er findet keine Stellung. Berlin, 15. Juli. Eine neue Version über das Gespräch des Kaisers mit Herrn Generaldirector Ballin bringt in dieser Woche die »Zukunft". Sie meldet: »Hat der Kaiser zu Herrn Ballin gesagt, es schadet nicht, daß der Generaldirector der Hamburg-Amerikanischen Linie Jude sei? Herr Ballin verneint, die Tante Boß bejaht die Frage. Es handelt sich, wie Jeder merken muß, um keine Kleinigkeit. Damit in der Sommerstille der Streit nicht zur Staatsaction werde, sei hier verkündet: nicht zu Herrn Ballin, sondern zum Admiral Hollmann, der ihm den Generaldirector vorstellen wollte, hat der Kaiser die den Antisemiten so unangenehmen Worte gesagt." Sette 507 Odessa. (Feuer und Wasser im Ghetto.) Am 24. Juli brach im Städtchen Stefani, Kreis Rowno, Feuer aus. das von dem bei solcher Gelegenheit sich regelmäßig einstellenden Winde weiter getragen wurde und in kurzer Frist 46 Häuser, sowie zahlreiche Läden nebst den in denselben aufgestapelten Maaren verzehrte. Der Schaden beläuft sich auf 83 000 Rubel, von denen nur 13.000 versichert waren. Weit schwerer war der Schaden, den die Juden von Simferopel am gleichen Tage erliiten haben. Derselbe wurde jedoch nicht durch Feuer, sondern diesmal ausnahmsweise durch Wasser verursacht. Am genannten Tage ging nämlich über Simferopel ein wolkenbruchartiger Regen nieder, der volle 4 Stunden an hielt und in der Stadt eine furchtbare Verwüstung anrichtete. Am schwersten hat die von dem ärmsten Theil der jüdischen Bevölkerung bewohnte niedrig gelegene Vorstadt Slobodka gelitten, welche gänzlich unter Wasser gesetzt wurde. Nicht weniger als 80 Häuser sind durch das Wasser zerstört worden. Leider sind auch mehrere Menschenleben durch die Ueberschwemmung zu Grunde gegangen. Die über Slobodka hereingebrochenen Fluthen haben 8 Kinder niedergeriffen, welche nicht gerettet werden konnten und im nassen Element ihr Grab fanden. Wilna. Die Gründung einer Handelsschule in Wilna, um die sich seit zwei Jahren die dortige Kaufmannschaft bemüht, ist endlich von der Regierung bewilligt worden. Diese Bewilligung enthält aber in Bezug auf die Juden eine contradictio in adjectu. In den Statuten heißt es: Die Kinder Wilnaer Kaufleute genießen das Vorrecht. Dann heißt es wieder: Juden werden nur 50% der Gesammtanzahl ausgenommen. Da nun die Anzahl der jüdischen Kaufleute in Wilna zu der der christlichen wie 9 zu 1 sich verhält, so fragen die liberalen Blätter, wie diese Gegensätze zu vereinbaren sind. Die „Nowosti" fragt: Wie, wenn 200 Bacanzen vorhanden sind und nur 20 Christen, 3 Mohammedaner und 2 Karaiten ausgenommen werden. Es können dann nur 25 Juden Aufnahme finden. Wenn aber diese 25 Nichtjuden, wie es in der Regel ist, keine Kaufmannskinder find, wo ist dann das Vorrecht der zurückgewiesenen Juden, die dem Kaufmannsstande angehören? Wie dem auch sei, wird diese neue Mittelschule von den Juden Litthauens mit Freuden begrüßt, da diese arme Bevölkerung fast von allen Hochschulen zurückgewiesen wird und in den Mittelschulen nur 5—10% ausgenommen werden. A. M. St. Petersburg. Eine Revision des Wohnrechts der Juden außerhalb des »Wohnstriches" steht unmittelbar bevor. Das Ministerium des Innern zog bei den zuständigen Behörden genaue Informationen über jüdische Aerzte, Dentisten, Hebammen u. dgl. das Wohnrecht genießende Juden ein. die als solche bei der Polizei angemeldet find, in Wirklichkeit aber ihrem Berufe nicht nachgehen. Der Senat hat bereits seinerzeit erklärt, daß jüdische Aerzte rc. berechtigt sind, auch andere mit ihrem Berufe nicht in Verbindung stehende Beschäftigungen auszuüben. Allein das Ministerium scheint im Begriffe zu sein, diese humane Deutung des Gesetzes durch den Senat abzuändern und eine neue Vorlage einzubringen, die selbstredend vom Reichsrathe genehmigt werden muß. Gegenwärtig befassen sich ungefähr 25 Percent der das Wohnrecht genießenden Juden mit verschiedenen, von ihrem Berufe unabhängigen Unternehmungen und zeichnen sich überall durch strenge Gewissenhaftigkeit, Sachverständnis und Unternehmungsgeist aus, wie dies von russischen Industriellen wiederholt durch officielle Eingaben bestätigt worden ist. Man hofft, daß diese beabsichtigte Verschärfung des Gesetzes nicht in Gesetzeskraft treten wird. Jüdische Ingenieure, Technologen u. dgl., die zu keinem Staatsposten zugelaffen werden, haben ja keinen anderen Ausweg als Handel und Gewerbe zu treiben. Dies wird voraussichtlich der Reichsrath einsehen und den Vorschlag des Ministeriums ablehnen. A. M. London. Die Fremdensrage will im englischen Parlament nicht zur Ruhe kommen. Eine Anzahl sich verschämt konservativ nennender in der Wirklichkeit antisemitischer Mitglieder des Unterhauses ist fortwähren') bemüht, bei jeder paffender und unpassender Gelegenheit die Frage der »fremden Paupers" (lies »fremde Juden",) aufs Tapet zu bringen. Dabei wechseln sich die Herren turnusmäßig ab, und bald ist es der famose Mr. Howard Vincent, bald der sehr ehrenwerthe Mr. Lowther, bald der von den Juden East Londons ins Parlament gesch ckte, nicht so sehr ehrenwehrte Mr. Dewar, die wie aus Verabredung die Frage der Fremdeneinwanderung anschneiden. Am 24. Juni kam wiederum Mr. Howard Vincent an die Reihe. Er richtete an Mr. Gerald Balfour als den Präsidenten des Board of Dr. Bivch's Wochenschrift.