Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 506 Pr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 30 ihm sein Schicksal beschicken, tapfer Stand gehalten hat, so ist dennoch heute die Gefahr unendlich groß geworden, daß wir infolge der überhandnehmenden Gleichgiltigkeit in jüdischen Fragen, infolge einer bis zur Widerwärtigkeit und Lächerlichkeit getriebenen Affimilationssucht, infolge einer langsam aber sicher fortschreitenden Entjudung unserer Famili.n gegenüber den Angriffen, die von Außen kommen, aus innerer Schwäche weniger widerstandsfähig werden könnten. Alle Zeichen der Zeit weisen den Juden den Weg, den sie wandeln sollen. Die nationalen Bestrebungen der Völker, die ausgesprochene Exclusivität derselben einerseits, der Antisemitismus in seinen Spielarten als politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Antisemitismus, als Asemitismus und „christlicher Socialismus" andererseits haben in uns die Eckenntniß gereift, daß wir im Zeitalter der Organisationen nach Völkern und Parteiverbänden uns eng zusammenschließen und den Zusammenhang mit dem ganzen jüdischen Volke suchen und aufrecht erhalten muffen, daß wir nur in uns selbst unsere besten Freunde, nur in unserer eigenen Stärke die siegende Kraft suchen sollen. Das waren die leitenden Gedanken bei Gründung des „Jüdischen Volksvereines". Wir streben die Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins und eine Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühles unserer Stammesgenoffen an. Wir wollen eifersüchtig über unsere politischen Rechte als österreichische Staatsbürger wachen, wir wollen unsere gesetzliche Gleichberechtigung uns nicht verkümmern laffen. wir wollen unsere Gleichwerthigkeit mit den anderen Völkern Oesterreichs erweisen und uns Achtung und Anerkennung durch mannhaftes Auftreten erkämpfen. Der „Jüdische Volksverein" in Czernowitz bezweckt die Pflege der nationalen Cultur und die Wahrung der jüdischen Interessen nach Innen und Außen. Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes hätten zu gelten: Organisation in mltureller, socialer und politischer Richtung u. zw. in mltureller Beziehung durch Pflege der jüdischen Geschichte und des Mischen Geisteslebens; in gesellschaftlicher durch Organisationen von jüdischen Geselligkeitsvereinen und Gründung eines jüdischen Volkshauses; in socialer Beziehung durch Regeluug des jüdischen Wohlthätigkcitswesens, durch Gründung von llnterstützungscaffen zur möglichsten Einschränkung der Profeffionsbettelei und durch Creirung von gewerblichen Hilfscaffen und Spar- und Vorschußvereinen; in politischer Beziehung durch Errichtung eines Rechtschutzbureaus, durch Entsendung von Männern in die öffentlichen Bertretungskörper, die durch Wort und That für die Wahrung der jüdischen Volksrechte eintreten, oder uns zum mindesten in unseren Bestrebungen unterstützen sollen, sowie durch die weiseste maßvolle Ausnützung aller unserer Machtmittel auf ökonomischem und politischem Gebiete. Der „Jüdische Volksverein" in Czernowitz darf nicht vereinzelt dastehen. Ueberall wo Juden wohnen, müssen Ortsgruppen und Bolksvereine erstehen, die allesammt zu einer gemeinsamen Organisation zusammengeschloffen werden müffen. Neben dem Programm im engern Sinne muß eine jüdische Organisation auch bei jeder einzeln auftauchenden Frage die Rückwirkung auf jüdische Interessen berücksichtigen und zu Verfügungen der Behörden sowie zu den Gesetzesvorlagen des Reichsrathes und der Landtage, soweit sie Juden betreffen, Stellung nehmen. Die Organisation der jüdischen Volksvereine des Landes soll die politische Führung der Juden übernehmen und eine gesunde jüdische Jntereffenpolitik verfolgen. Mit der bisherigen Praxis der vollständigen, selbstlosen Hingabe für nationale Bestrebungen Anderer wird gebrochen, von nun ab, soll bei Schließung politischer Bündnisse jedesmal die Jntereffenfrage des jüdischen Volkes Grundlage der Erörterung sein. Der jüdische Volksverein wünscht den Frieden mit den anderen Nationalitäten und ein freundschaftliches Zusammen- und Nebeneinanderleben aller Völker dieses Reiches und dieses Landes. Im Jüdischen Bolksverein haben alle religiösen und nationalen Parteischattirungen des jüdischen Volkes Platz. Die jüdische Volks- Partei will nicht Partei sein, sie will das ganze Judenthum umfassen. Stammes- und Glaubensbrüder! Es geht ein Geist der Einheit durch das Judenthum. Einander fremd gewordene Theile schließen sich zusammen. Die jüdische Solidarität hört auf, eine Phrase zu sein, sie soll und wird zur Wahrheit werden! An uns aber ist es. Alles zu thun, um unseren Bund zu festigen und durch werkthätige Arbeit das jüdische Volk groß und stark zu machen. Drum ergeht der Ruf! Juden tretet massenhaft dem Jüdischen Bolksvereine bei! Czernowitz, im Juli 1901. Reichsrathsabgeordneter Dr. Benno Straucher, Präsident des Jüdischen Bolksvereines in Czernowitz, Dr. Mayer Ebner, Jacob Gold, I. Leon Kratter, EliaS Kampelmacher, Jacob Kozower, Marcus Mittelmann. E. H. Melzer, Moritz Picker, Lazar Roth. Dr. Reisch, Dr. Mayer Schifter, Moritz Steckel, Dr. Jsak Schmirer, H- Trichter, S. Trebicz, Dr. N. Wender, Moritz Zentner. Neubidschow, 21. Juli 1901. (Großer Brand im Judenviertel.) An demselben Tage — 15. Juli — da vor Jahresfrist die unter Kaiser Josef II. errichtete israelitisch-deutsche Volksschule in Neubidschow nach 118jährigem Bestände der nationalen Strömung zum Opfer fiel, und hiemit eine Bresche in die Judengemeinde gelegt wurde, an demselben Tage — 15. Juli — wurde das etwa 3- bis 400 Jahre alte Wahrzeichen mittelalterlicher Einrichtungen mit seinem eigenthümlichen Leben und Verkehre, das bestehende Ghetto, ein Raub der Flammen. Rauchende Trümmerhaufen erinnern den Beschauer an ein einstiges jüdisches Gemeinwesen. Lange genug hatten die aus Holz und Lehm erbauten Paläste dem furchtbaren Elemente Stand gehalten. Nach einer hier allgemein verbreiteten Sage hätte ein frommer, hochangesehener Rabbi den zweihundertjährigen Bestand des Ghettos vorausgesagt. Und tatsächlich sollen über 30 Brände ausgebrochen sein, ohne daß die Judengaffe wirklichen Schaden genommen hätte. Möglich war jetzt diese Zeit um. Doch ist dies nur eine Sage. Wir halten uns nur an die Wirklichkeit und coustatiren, daß 25 jüdische Familien, fast lauter arme Hausirer, all ihr Hab und Gut verloren, da bei dem herrschenden Sturme und dem Wassermangel eine Bergung der Habseligkeiten nicht möglich war. Die Bedauerswerthen befinden sich in großer Noth. Trotzdem die Gemeinde Alles aufbietet, diesen Unglücklichen zu helfen, wird ihr dies nur theilweise gelingen. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn, der sich stets bewährt, wenn es gilt, Unglücklichen beizustehen, wird auch diesmal den bemitleidenswerthen Glaubensgenossen sein Scherflein zur Linderung ihres Elends, nicht vorenthalten. Der Vergelter des Guten und Edlen wird es tausendfach lohnen. Aufruf. Liebwerthe Glaubeusgenossen! Bon einem furchtbaren Brande wurde die Judenstadt von Neubidschow in Böhmen heimgesucht. 28 Objecte fielen dem verheerenden Elemente zum Opfer, etwa 70 Familien, all' ihrer Habe beraubt, sind obdachlos geworden. Appellirend an das uns Juden charakteristische Mitgefühl wendet sich das gefertigte Hilfst comitä vertrauensvoll an alle Glaubensbrüder mit der Bitte, in dieser Zeit der Noth den Aermsten der Armen beizustehen, ihnen ihr Unglück und ihr Elend zu lindern. Zuversichtlich wird sich auch jetzt das treuschlagende Judenherz bewähren, denn es gilt/ auch durch die geringste Spende unseren vom Brande hart geprüften Brüdern hilfreich zur Seite zu stehen. „Bis dat, qui cito dat!“ Zweimal gibt, der rasch gibt! Spenden nimmt die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift", sowie die Gefertigten im Namen des Hilfseomitss entgegen. - Neubidschow, am 19. Juli 1901. Für das Hilfscomits E. S a ch s e l. K. B r a u n. Effek. Donnerstag den 11. Juli hat der Abgeordnete Ivan v. Adamovich eine Deputation des Comitäs zur Förderung des Tempelbaues in Effek-Unterstadt empfangen, welche ihm den Dank des Comitös für die gütige Uebernahme des Protektorates über den genannten Verein überbrachte. Den Sonntag darauf leistete der liebenswürdige Protector der Einladung des Comites Folge und kam um 11 Uhr Vormittags nach Effek-Unterstadt, wo er vom Obmann des Comitßs begrüßt und nach seinem Absteigequartier geleitet wurde. Herr v. Adamovich wohnte um 1 Uhr Nachmittags einem Diner bei, das ihm zu Ehren gegeben, und besuchte Abends ein überaus reizendes Parkfest, das im Stadtgarten stattfand und von dem Verein zur Förderung des Tempelbaues veranstaltet wurde. Der allgemein beliebte Abgeordnete war bei dieser Gelegenheit Gegenstand zahlreicher Ovationen. Freudig überrascht wurde das Comitö durch die hochherzige Spende der bekannten, bestens renommirten Weinfirma A. Braun Belatini in Budapest, die eine Kiste Dominosect gespendet hatte. Das Fest hatte einen bedeutenden moralischen und materiellen Erfolg. Das Reinerträgniß betrug rund 1300 Kronen und wurde für die Zwecke des Vereines nutzbringend angelegt. Bevor wir jedoch den Bericht über dieses so gelungene Fest beschließen, können wir es nicht unterlaffen, dem Comitä unsere vollste Anerkennung für das gelungene Arrangement auszusprechen, ebenso wie wir auch jener Damen gedenken wollen