Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 80 Seite 505 Vr° Vwch's Wochenschrift Thoraschmuck, in welchem der Name des Spenders und die Veranlassung der Spende in schlichten Worten eingravirt ist. Auch in Budapest selbst hatte er mehrere Ehrenämter, sowohl bei der Gemeinde,, als bei der Olie^vra-Lackisolia, und. er hätte deren noch mehr gehabt, wenn er sie wegen allzugroßer Occupirtheit nicht abgelehnt hätte. Und der Mann, dessen Fürsorge sich auf ganze Gemeinden, ja, auf das ganze Judenthum erstreckte, hatte noch Zeit und Muße, sich für den kleinsten seiner Schüler auf's Wärmste zu interesfiren. Ost erregte es bei seinen Schülern geradezu Erstaunen, wie gut und gründlich er über alle ihre Verhältnisse unterrichtet war. Vollends, wenn er bei seinen Schülern irgend eine geistige Regsamkeit und selbstständigen Forschersinn wahrnahm, so scheute er nicht Zeit und Mühe, die Entfaltung des erwachenden Geistes zu fördern. Sein Haus, in welchem europäische Celebritäten, wie sein Freund der Orientalist Professor I. Goldziher, der Rabbiner Dr. Samuel K oh n und andere hervorragende Persönlichkeiten der Budapester Gesellschaft, verkehrten, sein Haus, in welches so gerne all' Diejenigen, Einheimische wie Fremde, einkehrten, die im Judenthum oder im freien Reiche der Wissenschaft eine Rolle spielten, dieses Haus war auch ersehntes Ziel seiner Schüler, die eben im Bewußtsein ihrer Kleinheit sich an den großen Meister anlehnten. Allsabbathlich fanden sich mehrere von ihnen bei ihm ein. und das traute Gespräch, das sich da entspann, wird den Theilhabern dieses Glückes zur lebenslänglicher Erinnerung dienen. Im Frühjahr, wenn er in der Abenddämmerung seinem durch anstrengende Arbeit früh ergrauten Kopfe und der erhitzten gedankenvollen Stirne die Kühlung des nahen Stadtwäldchens gönnte, da Pflegte er einen oder den anderen seiner Schüler eigens zu bestellen, um den Spaziergang gemeinsam zu machen; wer hätte sich bei diesem Bilde nicht an die schönsten Muster des griechischen und jüdischen Alterthumes erinnern mögen? Und wenn es bei einem Manne, der der Gesammtheit angehört hat, vergönnt ist, auch der individuellen Erinnerung Raum zu geben, so sei es mir gestattet, hier die wehmüthige Erinnerung einzuflechten, daß ich dem Meister aus einer Arbeit, für die er sich warm interessirte, mehrere Sabbathe hindurch einzelne Partien vorlesen durste, die er mit seinen stets lehrreichen Bemerkungen begleitete?) Die schönsten und wohl die glücklichsten Jahre seines Lebens erlebte Kaufmann in Budapest. Geliebt und angebetet von zwei Familien, von seiner und der Familie seiner Frau, geliebt und verehrt von einer Schaar begeisterter Jünger, geliebt und hochgeschätzt von einem weiten Kreise von Freunden und Verehrern, mit Reichthum und Gütern gesegnet, in hoher gesellschaftlicher Position, in segensreicher Tbätigkeit und gottgefälligem Wandel, gekrönt mit der Krone der Lehre und der Krone des guten Namens, er selbst ein vollkommenes Bild männlicher Schönheit: also erscheint er wie ein zweiter David, der mit seinem angenehmen Aeußern das Wohlgefallen Gottes und der Menschen besaß. So wurde denn Kaufmann als ein Mann von exceptioneller Bedeutung von allen Seiten heiß umworben; die ersten Gemeinden Deutschlands wollten ihn auf ihren Rabbinatsstuhl, die ersten Lehranstalten auf ihr Katheder setzen, und nur Weniges fehlte, daß er 1893 die Leitung der jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien, die damals errichtet wurde, nicht annahm. Ritter W. von Guttmann, dem auch seine Schrift „2Bie heben wir den religiösen Sinn unserer Mädchen und Frauen", (Trier 1893), in Form einer Antwort gewidmet ist. suchte ihn vergebens in Budapest auf, um ihn für Wien zu gewinnen. Bei all der Liebe, die er seinem zweiten Baterlande entgegenbrachte, hatte er sich dennoch immer als Deutscher gefühlt, und leicht hätte er sich aus dem Boden, in dem er nicht ganz Wurzel gefaßt, herausgerifsen, wenn ihn die über Alles starken Familienbande nicht »zurückgehalten hätten. So ist er nun bis an sein ') Als ich 1891 in Berlin studirte, schrieb mir Kaufmann auch dorthin. — Wie Kaufmann sich für seine Schüler interessirte, davon gibt ein rührendes Zeichen ein Passus seines aus Kojetein, 22. November 1893 an mich gerichteten Briefes: „Und nun möchte ich von Ihnen hören, ob Sie die Stelle an der Präparandie, wie ich, significant genug, aus London erfahre, auch angenommen haben . . Möge Ihnen Kraft und Muße vergönnt bleiben auf dem Wege,- den Sie so entschlossen und vielverheißend betreten haben, fortzufahren!" — Seine Mischna-Handschrift, die ich in seineni eigenen Hause benutzte und collationirte, erwähne ich in „Lehnwörter" I, Vorrede p. XXXIII. Dieselbe Handschrift beschrieb Kaufmann in Monatsschrift XI.II, 42 „durch sein Alterthum wie seine Sorgfalt gleich denkwürdiger Codex". Ende in Budapest geblieben, und der äußere Verlauf seines Lebens weist keine Aenderung mehr auf. So wollen wir nun unseren Blick auf den Verlaus seines geistigen Lebens richten, auf diejenige Seite im Leben Kaufmann's, durch die er für ewige Zeiten sich einen Ehrenplatz in der Geschichte des jüdischen Lebens und Denkens gesichert hat. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. Wien. (Nur für Menschen!) Eine recht lehrreiche Geschichte erzählt in der letzten Nummer das „Jüd. Volksbl." Es schreibt: Die Freimaurer haben ihre gute Seite. Sie betreiben Wohlthätigkeit im großen Stil, ohne viel Marktschreierei; es fällt ihnen das allerdings nicht schwer, denn der Begriff des „freien Mannes von gutem Rufe" hat sich bei ihnen zu dem Begriffe des Mannes mit gvldgefüllter Casse oder wenigstens mit goldgesticktem Kragen verdichtet. Für uns Juden kommt ein anderer, viel schmerzhafterer Umstand in Betracht. Die Wiener Freimaurer bestehen zu neun Zehnteln aus Juden; Grund genug, daß sie ihre Wohlthätigkeit nur auf Christen beschränken. Es war vor einem Jahr; der große Kohlenarbeiterstrike war zu Ende; ich unterhielt mich mit einem Mitgliede der Loge „Humanitas", das mir erzählte, welche großen Summen für die Kohlenarbeiter won Seiten der Freimaurer gespendet wurden. Ich erzählte ihm nun von dem Elend der rumänischen Juden, die sich zur Auswanderung vorbereiten. Da zuckte er die Achseln: „Ich weiß davon, aber wir Freimaurer dürfen für Juden nichts thun; nur für Menschen." Als ich fragte, ob denn die Juden keine Menschen seien, blieb er die Antwort schuldig. Also aus lauter Formalismus, aus blödem Firlefanz lehnen reiche Juden jede jüdische humanitäre Thätigkeit ab. Das ist die Kehrseite des Freimaurerthums für uns Juden." Wien. (Der Streit um den Juden.) Bei der Nußdorfer Spar- und Borschußcaffe hatte seinerzeit der Jude Philipp B. Löw um die Migtliedschaft angesucht und war aus Versehen angenommen worden. Der streng antisemitische Secretär des Vereines kam aber hinter diesen „jüdischen Schwindel" und er rief in gerechtem Unwillen: „Der Jud muß hinaus." Da man den Statuten nach keine Handhabe hatte. Löw auszuschließen, entzog man ihm den Credit. „Aushungern" ist ja ein propates Mittel, die lästigen Juden aus irgend einer Erwerbsstelle herauszubringen. Ms also der Löw „draußen" war, kam der Krach in der Sparcaffe und nun siehe da, erinnerte man sich mit einemmale des Herrn Löw und lud ihn ein, mit an dem Deficit zu zahlen. Natürlich wunderte sich Herr Löw ob dieser plötzlichen Liebe und erzwang ein gerichtliches Urtheil, daß er dem Spar- und Vorschußverein in Nußdorf anzugehören nicht mehr die Ehre habe. Ist der Fall nicht eine köstliche Satyre auf die Zeit, in der wir leben. („Extrapost".) Wien, 24.Juli. (AuswandererausRumänien.) Heute Morgens langte hier eine Reisegesellschaft cin, die nach kurzem Aufenthalte ihre Fahrt fortsetzte; die Gesellschaft bestand aus acht Frauen und deren fiebenundzwanzig Kindern im Alter von einem bis sechzehn Jahren, welche aus Rumänien stammen und über Wien zu ihren Ernährern nach Amerika befördert werden, welch' Letztere im Vorjahre durch die „Israelitische Allianz zu Wien" nach Amerika gesendet wurden. Diese Frauen und Kinder, die in Folge der Roth und des Kummers einen traurigen Eindruck machten, mußten während der im Sommer 1900 planlos erfolgten Emigrationsbewegung wieder zurück in ihre Heimat gehen, und da nun die Oberhäupter der betreffenden Familien in verschiedenen amerikanischen Städten nicht nur ihren Unterhalt fanden, sondern auch den Frauen und Kindern einen solchen zu bieten im Stande find, wurden diese auf Empfehlung der Vorstandsmitglieder der „Allianz" von dem Comitä der „Jewish Colonisation Association" zur Beförderung ausgewählt und fahren über Leipzig nach Rotterdam, woselbst sie gleich eingeschifft werden. In Wien wurden diese armen Leute von den Bediensteten der „Israelitischen Allianz" vom Staatsbabnhofe in Stellwagen zum Nordwestbahnhof geleitet, dort mit Kaffee und Milch gelabt und um 11'/. Uhr Vormittags weitergesendet, nachdem sie noch mit Proviant und Handgeld versehen worden waren. In Leipzig werden sie ebenfalls erwartet und gespeist. Czerirowih. (Aufruf des „Jüdischen Bolksvereines" in Czernowitz.) Zerstreut unter den Völkern dieser Erde hat sich das jüdische Volk seine nationalen Eigenarten bewahrt. Wenn es aber auch bisher den rauhen Stürmen, die