Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Vr- Bloch's WychenfchrM Sette 503 gekommen; der Mann des Katheders hatte fortan keine Gelegenheit, die Kanzel zu betreten?) Die fixe Anstellung, die sich durch eine vom Staate bewilligte außerordentliche Gehaltszulage noch günstiger gestaltete, ermöglichte es dem jungen Gelehrten, sich ein eigenes Haus zu gründen. Am 10. April 1881 führte er Fräulein Irma G o m p e r z, eine Dame von hoher Bildung, als Gattin heim. Mehr noch als durch seine Anstellung und seinen Beruf war Kaufmann durch diese Heirat an Ungarn und Budapest gekettet, denn heilige Familienbande zärtlichster Natur hielten ihn fest umschlungen, aus denen er sich nicht hinauswinden mochte. Die Familie Gomperz, in die er nun eintrat, gehörte zu den angesehensten der ungarischen Hauptstadt, eine Familie, in welcher jüdische Frömmigkeit mit vornehm weltlicher Bildung aufs Schönste verbunden war. Männer der Feder und des Geistes, wie der geschätzte Journalist und Aesthetiker Adolf Dux (1822 bis 1881), Rabbiner Heinrich Zirndorf?) Dr. Krishaber aus Paris, Dr. Max Nordau, Goldmark und viele Andere verkehrten im Hause des älteren Gomperz^), dessen Bruder und zugleich Schwiegersohn, Sigmund Gomperz, der Schwiegervater Kaufmannes wurde. Sigmund Gomperz, der auf Hebräisch, wie der durch Kaufmann bekannt gewordene Samson Wertheimer, der Urahn der Familie, Samson hieß, rechnete es, obzwar er Geschäftsmann war, zu den Traditionen seiner Familie, die Pfleger der jüdischen Wissenschaft in Ehren zu halten, und so war es der Stolz seines Lebens, einen Mann wie Kaufmann zum Manne seiner Tochter zu haben. In späteren Jahren in die Leitungscommission der Landesrabbinerfchule gewählt, war Sigmund Gomperz auch ein Wohlthäter dieser Anstalt geworden, und auch im Auslande verkündet so manche jüdische Unternehmung die Munificenz von Kaufmannes Schwiegervater. Durch diese illustre Familienverbindung war auch in der wissenschaftlichen Thätigkeit Kaufmann's zu neuen Richtungen der Impuls gegeben; > Geschäftsleute, wie sie waren, konnten sich die Ahnen der Frau Kaufmann's dennoch zu ansehnlichen wissenschaftlichen und weltmännischen Stellungen ewporschwingen und Kaufmann erkannte mit sicherem Blick, welche Belehrung und welch erhebendes Beispiel in dem Lebenslauf dieser wackeren Männer für die Nachwelt verborgen liegt. Er, der sich an eigener Nachkommenschaft nicht erfreuen konnte, für den also in der Familie keine Zukunft erwuchs, richtete den Blick um so liebevoller auf die Ahnen, auf die Vergangenheit seiner Familie, und so erwuchsen seine Arbeiten, welche er mit dem Gesammttitel .ZurGeschichtederjüdischenFamilien" bezeichnete. Etwas von dem alten Glanze der Familie ist ja auch noch ihm geblieben, denn durch seine Heirat kehrte in sein Haus Wohlstand und feine Sitte ein, beide von echt jüdischem Geiste verklärt und verherrlicht. Sein Haus auf der Avenue Andrässy Nr. 20, hart am Opernhause, auf dem schönsten Punkte der Stadt, bot ihm für seine literarischen Arbeiten nicht nur die erforderliche gemächliche Ruhe, sondern befriedigte auch vollauf seinen edlen Sinn, der stets aus das Schöne und Harmonische gerichtet war, und der in Kunst und Wissenschaft den edelsten Genuß fand. Durch Kaufmann war dieses Haus nicht nur gewissermaßen eine Centralstelle der jüdischen Wissenschaft geworden, sondern auch ein Refugium und der Wallfahrtsort der armen Literaten, und so manch polnischer und russischer Literat, der daheim sein mit Aufwand von großem Fleiße und Gelehrsamkeit geschriebenes Werk nicht verwerthen konnte, pilgerte nach Budapest, um bei Kaufmann sich Rath und Unterstützung zu holen. Die wohlbekannten typischen Gestalten wußten sehr wohl, wo Kaufmann zu finden; war er nicht bei sich zu Hause, so sprachen sie ihn in der Bibliothek der Landesrabbinerschule, - und so manche neue literarische Erscheinung in den weiten Ländern des slavischen Ostens, so manch werthvolles Manuscript, das seitdem edirt und der Wissenschaft zugeführt wurde, ist dem Verkehr Kaufmann's mit den Wanderliteraten zu verdanken. 0 Außer den Berliner Predigten ist erschienen: Rede zur Einweihung der Synagoge in der Landes-Rabbinerschule zu Budapest am 6. October 1877. Budapest 1877. — Die Lichter am Abend (Chanukka). Budapest 1880. — Eine wundervolle Rede Kaufmann's ist gedruckt in der Schrift : Die achtzigjährige Geburtstagsfeier des Professors an der Landes-Rabbinerschule Rabb. Moses Bloch. Budapest 1895. 2) Er publicirte mehrere Schriften, von welchen einige der Familie Gomperz und Kaufmann dedicirt waren« Er lebte später in Amerika. In Cincinnati 1886 erschien sein Werk: Isaak Marcus Jo st und seine Freunde. 3) Nach Mittheilungen meines Collegen Herrn Professor Ludwig Mendl, der im Hause Gomperz Lehrer war. So vereinigte Kaufmann in sich die seltene Erscheinung eines hervorragenden Gelehrten und eines Mäcen, nicht unähnlich dem von ihm so liebevoll geschilderten Samson Wertheimer und anderen Ahnen der Familie, die sowohl durch ihr eigenes rabbinisches Wissen, als auch durch die Förderung Anderer sich ewigen Ruhm gesichert haben. Nur faßteKaufmann das Mäcen atenthum nicht von der einseitigen Methode der materiellen Unterstützung auf, sondern mehr von der Leistung an wissenschaftlichen Beiträgen zu den Werken Anderer, wozu Kaufmann durch feine immense Gelehrsamkeit und durch seine nie versagende Dienstfertigkeit in einzig hervorragender Weise berufen war?) Dem künftigen Bibliographen der Werke Kaufmann's wird es schwer fallen, all' die Werke zu bezeichnen, die mit Kaufmann's Beiträgen erschienen sind und die vielleicht ohne diese Beiträge gar nicht erschienen wären. Nicht zu gedenken der zahlreichen Dissertationen, in welchen seine Schüler aus dem Rabbinerseminar dem großen Meister für die erhaltenen Beiträge den Dank zollen, sind es auch Werke der verschiedensten Gattung sowohl von anerkannten wissenschaftlichen Celebritäten, als auch besonders von armen Literaten in Polen und Rußland, die sich mit dem Namen Kaufmann's schmücken durften?) Unter all' den Werken, die von Kaufmann gefördert wurden, verdient wegen seiner einzigartigen Bedeutung besonders genannt zu werden das Werk von W. Herzberg (1827—1897): „Jüdische Familienpapiere", das bereits in vier Auflagen erschienen ist. Als er in Berlin zur Probe war, hatte Kaufmann im Herzberg'schen Hause Quartier genommen, und die beiden Männer waren von nun an durch Bande innigster Freundschaft mit einander verknüpft. Der prophetische Geist, der die ^Familienpapiere" durchweht, die Gluth der Liebe, die gleich einem Gottesodem die morschen Gebeine Israels von Neuem beleben will, die in ihrer Schlichtheit dennoch so herrliche Sprache, diese und andere Vorzüge des Herzberg'schen Buches mußten auf den seelenverwandten Kaufmann einen nachhaltigen Eindruck ausüben und er setzte sich für das Werk ein mit Mitteln, die nur er auftreiben konnte. Selbst seine Schüler wußte er für die Sache zu begeistern, und so manches Exemplar der „Familienpapiere" und dadurch auch so manch' belebender Hauch des Judenthums kam durch diese im Umlauf. Nichts als Fragmente konnte Kaufmann („Allgem. Zeitung des Judenthums", 4. Juni 1897) nach dem Hinscheiden des trefflichen Mannes veröffentlichen; der Vulcan in Herzberg's Brust erlosch nach einem einzigen Ausbruch religiöser Gluth; vergebens hatte ihn Kaufmann zu neuen Arbeiten zu bewegen gesucht. Andererseits durfte sich auch Kaufmann der Unterstützung all' Jener erfreuen, die in der jüdischen Wissenschaft oder sonstwie in der Literatur einen Namen haben. Unübersehbar groß und zahlreich sind die Quellen und Behelfe der jüdischen Literatur. Seltene Editionen und handschriftliche Schätze dieser Literatur liegen in der ganzen Welt zerstreut; wer sie zu seinen Zwecken benützen will, muß gleichsam Consuln in den größeren Bücherplätzen der Welt haben, die seine Interessen vertreten. Solche Consnln sind die Gelehrten der verschiedensten Länder, bei denen diese Beschäftigung natürlich auf Gegenseitigkeit beruht. Kaufmann, der sich auf bereits bebauten Gefilden der Wissenschaft nicht lange aufhielt und ganz unwirthlichen, noch blank und bloß daliegenden Gefilden zuwandte, hatte es vor Allem nöthig, sich getreuer Mitarbeiter zu versichern, und so setzen uns seine Werke ebenso sehr durch ihre profunde Gelehrsamkeit, wie durch die Art und Weise, wie er sich seine Quellen verschaffen konnte, billig in Staunen. Es ist fast ein organifirter Nachrichten- ') Wir erwähnen hier: Commentar zum Sepher Jezira von R. Jehuda b. Barfilai, sä. S. I. Halberstamm, Berlin 1885, p. 384 bis 354. Mit dem nunmehr verstorbenen Halberstamm war Kaufmann eng befreundet. — Beiträge zu N. Sokolow's ppoKn II. Warschau 1885. rT®i nroän 7TQ "i p. 393—299. — Ibid. III, 1886, p. 209—220 buoti NIvv aibv N2'V' man mpn. — In M. Lnncz Jahrbuch: Jerusalem II (Jerusalem 1887) p. 141—147 ivV-a-vv nuwa p*a n rrraK. — Knapp nach seinem Tode erschienen Beiträge Kaufmann's zu Salamon Baruch Nissenbaum's pbmba D’Tirn rvnpb *tsd (Lublin 1900) p. 152—159. Der Verfasser konnte nach den Beittägen auch schon die Todesnachricht Kaufurann's beifügen, gewiß etwas Seltenes in der Literatur. — Auch Maggid's masm mna»ö nnPui-Chronik der Familien Günzburg, erst 1899 in Petersburg erschienen, enthält Nachträge von Kaufmann. *) Diese sind es auch, die für Kaufmann nach altjüdischer Sitte den Namen p“"n (b. i. ina’p "rn ->) aufbrachten; s. Hebr, Bibliogr. Neue Folge, IV, 89.