Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021416--11030-3035544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette SOS Rr. 80 9u Moch's »ochrnschrtst, Mnstler? nein! Ei« Doctor? nein! Ein Advocat? nein! Ei, was ist er denn? O, er ist ein Judenfeind! Da hat er plötzlich einen Charakter. Der gute Herr T. kann Alles ertragen, bedeutende Grobheiten, zarte Händel, er sucht sogar selbst gerne allerlei Hader und Streit an allen Orten, bei allen Gelegenheiten, kurz, das Allergemeinste ist seiner zarten Seele angenehm, blos gegen Juden find seine Nerven reizbar. All sein Witz, all sein Muth, all seine Einfälle, all seine Beredtsamkeit, all sein sanftseliges Lächeln dreht fich um die Juden, und wenn ihm einmal die Juden den verdammten Streich spielen wollten, ganz auszusterben, er wäre das geschlagenste, erbärmlichste, miserabelste Geschöpf aller fünf Welttheile, er hörte auf etwas zu sein, er müßte stumm herumwandeln. Ist der gute Mann auf einem Platze, wo keine Juden sind, so dreht er fich ringsherum und bemerkt: „Es ist Gottlob ein Jude da!* Dabei lächelt er selig, denn nun weiß er, was er sprechen soll: die Damen, die so unglücklich sind, ihn anhören zu müssen, wissen nun, daß sein Mund von Juden überfließt. Ist er an einem Orte, wo Juden sind, o, da ist er erst recht glücklich! Nun kann er nämlich gleich zu sprechen anfangen, ohne erst Leibwrh zu haben, denn in seiner endlosen Fadheit nicht einmal geschickt genug, vom Wetter oder von der Cholera zu sprechen, sind es nun die armen Juden, oder vielmehr die reichen Juden, die herhalten müssen. Er sagt erst: „Ach, es wäre hier schön, wenn nur nicht so viele Juden da wären!* Nach dieser Geistesanstrengung ruht er auf seinen Rednerlorbeeren aus, dann wendet er sich in seiner überschwänglichen Liebenswürdigkeit zu einer anderen Dame und sendet ihr postfrei die Bemerkung zu: „Ueberall sind JudenHierauf kniöft er, erschöpft von diesem Aufwand von Witz und positivem Wissen, wie ein Taschenmesser zusammen, erholt sich nach einigen Augenblicken und frankirt an eine dritte unglückliche Dame die Worte: „Daß doch die Juden überall sind!" Nachdem er sich nun selbst über die Fülle seiner Genialität angestaunt, wendet er sich zu dem vierten bedauernswerthen Gegenstände seiner interessanten Aufmerksamkeit mit dem brillanten Einfall: „Müssen denn überall Juden sein?" Unser Judenfeind ist düs drolligste und lächerlichste Exemplar dieser Race auf Erden und sollten wir im Verlaufe der Zeit entdecken, daß er sich in dieser Wissenschaft vervollkommne, so werden wir Buffon's Naturgeschichte mit einer lithographirten Abbildung dieses Prachtexemplares von Judenfeinde gelegentlich vermehren/ David Kaufmann. 1853-1899. Von Dr. Samuel, Krauß in Budapest. (Fortsetzung.) Kaufmann hatte sein Lehramt noch nicht angetreten, als er bereits im Dienste der Anstalt eine Reise nach Padua in Italien antrat, um die für die Anstalt käuflich erworbene Bibliothek des Professors Lelio bella Torre zu übernehmen?) Von der Zeit au bis zu seinem Tode fungirte Kaufmann zugleich als Bibliothekar der Landesrabbinerschule, und die Bibliothek, die bereits durch jene italienische Anwerbung zu einem werthvollen Bücherstande kam,2) entwickelte sich durch die Sachkenntniß und Sorgfalt Kaufmann's zu einer der reichhaltigsten Specialbibliotheken des Judenthums. Theilweise ist es wohl dieser Thätigkeit Kaufmann's zuzuschreiben, daß er nächst Steinschneider in Berlin und Neubauer in Oxford der größte jüdische Bibliograph war. Wie sich die Trockenheit der Bibliographie mit dem dichterisch temperamentvollen Charakter Kaufmann's zu schönster Harmonie verbinden konnte, gehört zu ') Kaufmann gedenkt seines Aufenthaltes in Padua und daß er dort ein Manuscript copirt habe inLetzte Vertreibung p. 91 Note 3. — Lelio della Torre (1805—1871) war Professor am Collegio Babbinico in Padua, und hinterließ eine besonders an Jncunabeln und seltenen Ausgaben reiche Bibliothek. — Siehe Anhang. 2) In demselben Jahre, 1677, wurde auch die Bibliothek des Dr. David Oppenheim (1816-1676), Rabbiners in Becskerek in Ungarn, für das Seminar erworben, so daß dessen Bibliothek schon im ersten Jahre 5000 Bände enthielt; s. den ersten Jahresbericht der Landesrabbinerschule in Budapest, 1678, S. 3. den merkwürdigen Erscheinungen, die wir bei diesem Manne mit Recht bewundern. In der Rabbinerschule lehrte Kaufmann in der unteren Abtheilung Griechisch und Deutsch, in der oberen Abtheilung jüdische Geschichte, Religionsphilosophie und Homiletik. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung und der magyarisch nationalen. Strömung mußte der Unterricht dem größeren Theile nach in ungarischer Sprache ertheilt werden, einer Sprache, deren Erlernung, wie allgemein bekannt, für den Ausländer fast unbezwingbar schwierig ist. Da sehen wir nun Kaufmann abermals auf der Höhe seiner Aufgabe; der junge Mann, mit literarischen Arbeiten vollauf beschäftigt, wirft sich auf die Erlernung einer ftemden Sprache, und sein leicht beschwingter Geist hat die Schwierigkeit bald überwunden. Kaufmann spricht, unterrichtet und schreibt fortan in der nationalen Sprache des Landes, das nun sein ganzes Leben hindurch seine Heimat wurde. Man muß, wie der Schreiber dieser Biographie, zehn Jahre lang der Schüler Kaufmann's gewesen sein, um von Kaufmann als Lehrer auch nur annähernd ein treues Bild entwerfen zu können. Bei einem solch' vielseitigen und universell gebildeten Manne, wie es Kaufmann war, wäre die Behauptung, daß ihm die pädagogischen Formen des Unterrichts unbekannt waren, gewiß unrichtig; aber die Pädagogik war es nicht, durch die er auf seine nach Hunderten zählenden Schüler eine nachhaltige Wirkung übte, es war vielmehr der Zauber seiner überwältigenden Persönlichkeit, der sich seinen Schülern so tief einprägte. Wie es von manchen Talmudlehrern heißt, daß der Hauch ihres Mundes wie verzehrendes Feuer hervorquvll und daß ihre Worte sprühende Funken waren, so war es auch mit Kaufmann. In seinen Worten lag eine überzeugende Innigkeit, eine wohlthuende Wärme; seine Sprache streifte allen Ballast ab und erhob sich wie auf Adkerschwingen zur lichten Höhe des Ausdruckes; seine Gedanken duldeten keine Begrenzung und umspannten das ganze Universum; seine Ideen führten empor zu den höchsten Zielen menschlichen Empfindens und Strcbens. Mit seiner Beredtsamkeit riß er seine Zuhörer mit sich fort, er eröffnete ihnen neue Perspectiven, er zeigte ihnen die Dinge von einer neuen Seite, er war gleich Moses, der von seinem hohen Geiste auch an Andere, abg^hen, konnte. Sei es nun, daß-er beim griechischen Unterricht irre Schönheiten des Hellenismus erklärte, sei es, daß er die Gedankenfülle der deutschen Classiker auseinandersetzte: stets ging er über das eigentlich Erforderliche hinaus und zeigte den Gegenstand in einem ungeahnten Reichthum. Der aufmerksame Schüler konnte aus seinen Andeutungen sogar entnehmen, welche neueste Behandlung der fragliche Gegenstand in der Literatur erfahren hat. Kam es erst in. der höheren Abtheilung zu den eigentlichen jüdisch-theologischen Disciplinen, da erst zeigte sich Kaufmann in seiner eigentlichen Größe; die souveräne Beherrschung des Stoffes, seine Parallelen aus anderen Wissensgebieten, seine lichte klare Darstellung, und das alles in zierlicher schwungvoller Sprache, machten seine Vorträge zu wahrem Genüsse. Für die Aufdeckung der Großartigkeit der Vergangenheit Israels hatte Niemand ein besseres Auge, für die Nachempfindung der erlittenen Schmerzen des Judenthums hatte Niemand ein gefühlvolleres Herz, für die glänzende Zukunft Niemand eine festere Zuversicht als Kaufmann. Und trotz dieser Richtung auf das Allgemeine konnte er dennoch die kleinsten und entlegensten Daten der Geschichte vorführen und verfolgen, während er in der Religionsphilosophie, selbst sub specie aeternitatis, es nicht vergaß, einen philosophischen Gedanken zu zerlegen und zu prüfen. Er war vielleicht der Einzige, der auch jüdische Epigraphik und Diplomatik lehrte; Handschriften der verschiedensten Gattung, Abklatsche von Epitaphien in großer Menge, neue Funde und Entdeckungen, die ihm von allen Seiten zugestellt wurden, kamen auch vor die Augen seiner Schüler, um sie nicht blos zu Seelsorgern, sondern auch zu Bearbeitern der jüdischen Wissenschaft heranzubilden. Wenn man erst einen Zipfel dieser Wissenschaft in der Hand hält, so meinte er, bekäme man auch Lust, ein ganzes Stück an sich zu reißen; darum möge ein Jeder sich wenigstens in den festen Besitz eiues kleinen Theiles dieser Wissenschaft setzen. Noch mehr aber als im Vortrage, konnte Kaufmann in der Anleitung zum Predigeramte die ewigen Ideen des Judenthums entwickeln; em vom Candidaten oft unpassend gewählter oder schlecht angewendeter Schrifttext konnte in Kaufmann's Behandlung zum Ausgangspunkte der schönsten Predigten werden. Obzwar nun Kaufmann anerkanntermaßen einer der besten Kanzelredner der Neuzeit war, so ist diese seine glänzende Begabung literarisch doch nur schwach zur Geltung