Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 493 Dr. Vlockzs Wochenschrift. Nr. 30 Er hat das Volk bettelarm gemacht und das Reich nach Außen geschändet. Wie hoch muß der Clericalismus das Maß seiner Sünden in diesem Lande gehäuft haben, wenn ein so entkräftetes, zu stummer Duldung erzogenes Volk mit solchem Ungestüm sich gegen die bisher als unantastbar geltende Priesterherrschaft erhebt. Und wie in Spanien, so wächst die antikatholische Bewegung auch in Portugal, wo sie nicht minder in eine Verfolgung der katholischen Priesterschaft ausartet. Und dieselbe Erscheinung, wenn auch mit geringerer Vehemenz, zeigt sich in Frankreich, das in den Congregationen den schlimmsten Feind staatlicher Ordnung erblickt, in Belgion, wo der Uebermuth der Clericalen vermeinte, dem arbeitenden Volke jede Schmach bieten zu können, und nicht zuletzt in Oesterreich, wo der Ruf: „Los von Rom!" nicht eitlen Kampfruf gegen den Glauben, sondern gegen den politischen Mißbrauch mit demselben bedeutet. Ja, das ist das Charakteristische dieser anticlericalen Bewegung überall! Nicht gegen die Grundlehren der Religion richtet sie sich, sondern gegen jene Geheimlehren einzelner Mönchsorden, die unter den Namen „Liguori-Moral" wiederholt und erst vor Kurzem wieder öffentlich als das Gegentheil von Moral gebrandmarkt worden ist, und deren deutlichste Effluescenz der Antisemitismus mit seinem Gefolge von Heuchelei, Roheit, Unzucht, Betrug, Bildungsfeindlichkeit und Uumenschlichkeit ist. Mit solchen Waffen ist Herr Rohling ausgezogeu, um die Juden zu schlagen; aber erniedrigt sind nur Diejenigen, die er erhöhen wollte! Das ist die rächende Hand der Nemesis! Aber die von ihm gepredigte „Moral" soll nicht spurlos untergehen. Der Landtag des Königreiches Württemberg — auch eines gut katholischen Landes — hat jüngst beschlossen, ein Exemplar des Graßmaunffchen Buches über die Liguori-Moral in die Landtagsbibliothek zum ewigen Gedachtniß und zum abschreckenden Beispiel aufzunehmen. Wer sich also in späieren Tagen über die Ursachen der jetzigen anticlericalen Bewegung in allen katholischen Staaten Europas wird unterrichten wollen, weiß, wo er eine der wichtigsten Quellen für seine historischen Studien zu suchen hat. Juden in der landwirthschast. Sehr geehrter Herr Redacteur! Seit Kurzem wird wieder in jüdischen und in nichtjüdischen Blättern die schon häufig erörterte Frage besprochen, ob Inden „productiv" arbeiten oder nicht. Unter „productiver Thätigkeit" wird hierbei — freilich unwiffenschöstlich genug — nur die des Bauern und des Handwerkers verstanden, während es doch keinem Zweifel unterliegt, daß, volkswirthschaftlich gesprochen, Kaufleute, Techniker, Gelehrte, Künstler u. s. w. in gleicher Weise productive Arbeit leisteu. Aber sei es darum, man möge ausschließlich die Handarbeit im Gegensatz zur Kopfarbeit als productiv bezeichnen, so trifft auch unter diesem Gesichtspunkte der Vorwurf für die Juden nicht zu. sie seien in keinem Beruf vertreten, der mit körperlicher Arbeit verbunden ist. Für jeden Kenner der Judenheit Galiziens, Rumäniens und Rußlands wäre es geradezu eine Trivialität, wollte man auf den hohen Percentsatz Hinweisen, in welchem dort Juden den verschiedenen Handwerken angehören. Nicht so bekannt ist es, in welchem Maßstabe heute schon in Deutschland Juden in landwirthschaftlichen Berufen thätig sind. Gestatten Sie mir, um diese intereffante Thatsache ins rechte Licht zu setzen, die nackten Zahlen hier anzuführen, welche die amtliche Statistik des Deutschen Reiches angibt. Nach der Berufs- und Gewerbestatistik vom 25. Juni 1895 sind gezählt: In der Landwirthschast, Gärtnerei, Viehzucht, Forstwirthschatt und Fischerei Manul. Weibl. a) Selbstständige Israeliten .... 1197 419 1616 b) Wrrthschastsbeamte re. 73 3 =6 c) Knechte, Mägde rc. 893 786 1679 2163 1208 “3371 ‘ Auf die einzelnen Preußen, und zwar: Bundesstaaten entfallen hievon. auf Männl. Weibl. Männl. Weibl. Ostpreußen . . . . 149 22 Westpreußen . . . 94 40 Berlin .... . 16 3 Brandenburg . . . 38 16 Pommern . . . . 39 21 Posen .... . 167 66 Schlesien . . . . 128 48 Sachsen .... . 10 — . Schleswig-Holstein 2 ' 2 Hannover . . . . 27 14 Westphalen . . . . 54 38 Nassau .... . 173 111 Rheinland . . . . 207 158 Hohenzollern . . 7 — 1111 539 Bayern . 535 358 Kgr. Sachsen . 2 — Württemberg . . 48 28 Baden ’ . 129 63 Hessen . . . . 124 82 Mecklenburg-Schwerin Sachsen-Weimar . Mecklenburg-Strelitz Oldenburg . . . Braunschweig . . Sachsen-Altenburg Coburg-Gotha . . Schwarzburg-Sonder Hausen . . . Waldeck .... Schaumburg-Lippe Lippe ..... Bremen .... Hamburg . . . Elsaß-Lothringen . 3371 In dieser Zahl sind die als Gesinde, für häusliche Dienste beschäftigten Israeliten nicht mit inbegriffen. Als solche wurden außerdem gezählt: Männl. Weibl. Preußen .... . 171 501 Bayern. 4 31 Sachsen. . 3 4 Württemberg . . . 6 6 Baden ..... 2 24 Hessen. 6 10 Mecklenburg-Schwerin — 2 Sachsen-Weimar . . . — ' 2 Oldenburg . . . . . ' — 5 Braunschweig . . . 1 Coburg-Gotha . . . — 3 Anhalt. . — 1 Lippe .. . — 1 Lübeck . . . . . . 2 — Bremen. 1 5 Hamburg .... 9 35 Elsaß-Lothringen . . 9 207 " 891 53 684 Sind diese Zahlen nun auch nicht so hoch, wie wir sie wünschen müssen und ist daher die volkswirthschastliche Bedeutung der Bestrebungen zur Ueberführung deutscher Juden zur Landwirthschast gar nicht hoch genug einzuschätzen,"so find sie doch ein unwiderleglicher Beweis dafür, daß Juden sich gern auch der schweren Arbeit der Landwirthschast widmen, wenn ihnen Gelegenheit hiezu geboten ist. Dr. Ernst Tuch, Berlin General-Secretär des Vereines zur Förderung' der Bodencultur unter den Juden Deutschlands. -