Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. ZO Dr■ BlOCh Jahrgang XVIII Eentralorgsn für die yessmmten Interessen des Indenthums. Wien, 26. Juli 1901. -»—»-■» —<- Erscheint jeden Freitag. -■>— »-—- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse .10. Telegramm-Adresse: Bloch's ^Wochenschrift, Wie«. U- —f BejußBpreia fttr Sekrrrrich: j k^al! jährig 8 Äronen. | Einzelexemplare 50 Heller. Wr'» Anslsnd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. j W — - M B. ft. xostspsrcnlsen-Amt jj Clearing-Verkehr i Nr. 810.976. Nrdaction und Administration: .Viru IX/1, Berggasse Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. Inhalt. Leitartikel: Die antikatholische Bewegung. — Inden in der Landwirthschast. — Die jüdischen Ackerbaucolonien in Argentinien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Kinder aus Mischehen. Gegen die Schächthetze. Der alte Prager Judenfriedhof in Gefahr. Goethe, die Juden und Chamberlain. Ein Priester als Vatermörder auf dem Schaffst. Ein Generalprocnrator über die Schwestern „zum guten Hirten." Saphir und die Antisemiten. — David Kaufmann. — Corres Pondenzen: Wien, Czernowitz, Neubidschow, Essek, Gleiwitz,Berlin,Vilna,St.Petersburg,London,New-Aork. — Vermischtes: Wien, Mistelbach, Neubidfchow, Prag, Sambor, Kattowitz. — Feuilleton: Der Unessane tokef. Zum Trostsabbath. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die anttkathoUsche Bewegung in Europa. Es ist eine vielverbreitete Ansicht, daß den ersten Anstoß zu der modern-antisemitischen Bewegung der Hofprediger Stöcker gegeben habe und daß dieselbe sonach protestantischen Ursprungs sei. Daß die erste parteipolitische Verwerthung des Antisemitismus unter der Patronanz des Fürsten Bismarck von Berlin ausgegangen ist, mag ja richtig sein. In Wahrheit aber ist die moderne Judenhetze katholischen Ursprungs und ihr Vater ist August Rohling, dessen „Talmudjude" bereits zehn Jahre vor dem Auftreten Stöcker's im katholischen Rheinland und in Westphalen massenhaft verbreitet, wurde. ' Die internationale Verbreitung des Antisemitismus ist auch nur erklärlich durch seine katholische Herkunft und durch die über den ganzen Erdball verzweigte clericale Propaganda. Erfahrene Criminalisten stellen sich bei Entdeckung eines Verbrechens die Frage: „Cui prödest“? und schließen aus der Antwort auf den unbekannten Thäter. Verfährt man in der Politik nach dem gleichen Grundsätze und fragt man, wem die antisemitische Hetze Vortheil gebracht hat, so muß man antworten: fast ausschließlich der römischen Kirche. Was vor dreißig Jahren schier undenkbar schien, ist greifbare Wirklichkeit geworden. In katholischen Ländern, in Oesterreich, Frankreich, Belgien, hat der Clericalismus mit Hilfe demagogischer Schlagworte, deren populärstes in den fortgeschrittenen Staaten das „Hep hep" wurde, wieder Macht über die Gemüther gewonnen und breite Volksschichten sich dienstbar gemacht. Allerdings hat er diesen Erfolg durch Mittel erreicht, die nichts weniger als ehrlich, geschweige denn christlich waren, durch Mittel, als deren typischer Vertreter Herr Rohling selbst bezeichnet werden darf: durch Vergiftung der Volksseele mittelst Lüge, Heuchelei, Fälschung und Meineid. Während man durch die nichtswürdigsten Verleumdungen die Moral der Juden herabsetzte, trug man die Jesuitenmoral ins Volk, erzog man dieses zu allen Lastern, deren man fälschlich unsere Glaubensgenossen beschuldigte. Durch Verrath und Betrug suchte man eine Pöbelherrschaft zu etabliren, die jedes menschliche Empfinden mit Füßen trat und die Geblldeten aller Stände mit Abscheu und Ekel erfüllte. Und die Schöpfung überlebte den Schöpfer. Während Herrn Rohling schon vor drei Lustren die Larve frommgläubiger Tugend und wahrheitsbeflissener Wissenschaftlichkeit vom Antlitz gerissen wurde, durfte der Antisemitismus in mannigfachen Spielarten — als sociale, als religiöse, als nationalistische, als patriotische Bewegung — Verbrechen auf Verbrechen häufen und grauenhafte moralische Verwüstungen unter allen katholischen Völkern anrichten. Die Vermessenheit aber, im Zeitalter des schrankenlosen Weltverkehrs, des eleÜrischen Funkens, der in der Spanne eines Augenblicks jede wissenschaftliche Wahrheit der gesammten Menschheit vermittelt, neue Scheiterhaufen auftichten und die Erkenntniß in Fesseln schlagen zu wollen, hat sich bald genug gerächt. Jene Machthaber Roms, die da wähnten, die verlorene Herrschaft über die Geister und die Gewissen durch Lug uno Trug, durch eine Taktik, die mit den Lehren des Evangeliums im schreiendsten Widerspruche stand, wiederherstellen zu können, waren übel berathen. Die Völker Europas, auch die geistig rückständigsten, sind nicht mehr jene willenlose Heerde, wie zur Zeit der Kreuzzüge und Ketzerverbrennungen. Aus der Drachensaat des Antisemitismus entsprießt die anticlericale Bewegung, welche heute wie eine fegende Windsbraut durch alle katholischen Länder Europas geht. Vom Finger Gottes reden ja Diejenigen am liebsten, die am wenigsten daran glauben. Wir aber glauben an das Walten einer überirdischen Vorsehung, und in den Ereignissen, die sich gegenwärtig in Spanien und Portugal vollziehen, erkennen wir ein Strafgericht Gottes. Festgegrüadet seit Jahrhunderten und für Jahrhunderte schien die clericale Herrschaft auf der iberischen Halbinsel. Die Mönchsorden waren ihre Armeen, die Klöster ihre festen Burgen. Jeder Funke selbstständigen Denkens war ausgetreten, jede Regung fteien bürgerlichen Lebens mit grausamer Strenge unterdrückt. Und dieses ausgesogene, in Knechtschaft zermürbte Volk erhebt sich heute mit der Kraft der Verzweiflung gegen seine Bedrücker und zum zwecken Male seit 100 Jahren rankt sich um den Namen Saragossa der Ruhmeskranz unvergleichlichen Heldenmuthes. In unsäglichen Jammer hat der Clericalismus Spanien gestürzt.