Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 29 Or. Vwch's Wochenschrift Sette 483 aus welcher er stamme, so hätte sich das Schicksal Feibisch' sowohl als des Kindes ganz anders gestaltet. Ersterer hätte im Koreff'schen Hause Versorgung bis an sein seliges Ende gefunden, während Dawidl als Sohn und Erbe des Hauses proclamirt worden wäre. Diese Unterlassung hatte gar wichtige Folgen. Traurig und allein mußte Feibisch, den schweren Pack am Rücken, weiter ziehen — Heimat- und ruhelos, immer mehr dem Laster des Trinkens sich hingebend. Für Dawidl hatte bei Polansky eine neue Zeit begonnen. Die sorglose Ungebundenbeit, an die er gewöhnt war, mußte einer geregelten Zeiteintheilung weichen. Nicht nur Noten mußte er lernen und Violine spielen, sondern auch gar vieles Andere, was einem gebildeten Manne noththut. In Polansky's Truppe befand sich auch ein ehemaliger Schullehrer, welcher einstmals wegen eines Suvordinationsvergchcns vom Lehramte suspeildirt wurde. Da derselbe in seiner Eigenichaft als Cantor unv Organist in seiner Gemeinde sich zuur guten Musiker herangebildet hatte, so wurde er von Polansky ui seine neugebildete Gesellschaft ausgenommen und hatten es Beide nicht zu bereuen. Jetzt sollte dieser herabgekommene Lehrer der Mentor des jungen Polansky, so wurde Dawidl fortab genannt, werden. Sie kamen gut zusammen aus, der Mentor mit >emem Telemach, ja sie gewannen sich bald lieb. Dawidls Geist war durch bas viele Reisen und den beständigen Verkehr mu fremden Menschen der verschiedensten Lebenslagen weit über sein Alter hinaus gereift; er erfaßte rasch und lernte gerne. Wenn sich hie und da das alte Vagabundenblut in dem Burschen wieder regte und er wie sonst tu den Tagen seiner vollsten Freiheit Streifungen durch Feld und Wald unternahm — nun es wurde doch unter den Mitgliedern der Gesellschaft keine so strenge Mannszucht gehandhavt — so ließ man es ihui auch yiugehen. Dawidl kehrte dann bald^von selbst zur Zucht uno Oronung zurück, lernte aber dann um so fleißiger und spielte desto eifriger auf seiner Violine, welcher er wunderbare Töne zu entlocken verstand, so daß sich Polansky selbst zugestehen mußte, daß er keinen Fehlgriff getyan, daß ec deu talentirten Knaben zu sich genommen und so viel Geld, Zeit und Muhe auf seine musikalische Ausbildung verwendete. So waren acht Jahre verflossen. In dem achtzehnjährigen eleganten jungen Manne mit dem lang herabwallenden Künstler- Haar hätte selbst Polansky nicht mehr das verwahrloste Bettelkmd erkannt, welches damals, den Hrressarre tokef singend, unter der breitästlgen Buche gelegen, das ungekämmte Haar mit den gedrehten Peres voller Schmutz und Moosflocken. Polansky war mit seiner Gesellschaft wieder einmal nach Wien gekommen, wo sie schon öfter aufgetreten waren und immer Triumphe gefeiert hatten. Die lebenslustige Kaiserstadt ist so der beste Boden für Musik und Gesang und die Polansky'sche Gesellschaft konnte sich mit vollem Recht sagen: »Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wien Sie hatten sich für den ganzen Winter bei einem großen Bergnügungsetablissement verpflichtet und hatten auch Aussicht, für een Sommer in Wien vteiben zu können. Die polnischen Sänger und Musiker waren eine Zugkraft ersten Ranges geworden. Besonders der Sohn des Direclors war es, welcher in die Lokalitäten, welche sich sonst keines besonderen Rufes, was Wohlanständigkeit betrisst, erfreuten, ein Damenpudlicum zu locken verstand, das sonst diesen Räumen gänzlich fern geblieben war. Den schönen Polen zu sehen und ihn spielen unv singen zu hören, war in Wien bei der eleganten Damenwelt Mode geworden und nicht nur Blumen und duftende Billet doux regnete es allabendlich für David, sondern auch werthvolle Geschenke, namentlich kostbare Ringe wurden dem jungen Manne von schöner Damenhand gereicht. David war überglücklich. Unerfahren, wie er war, schrieb er diese seine glänzenden Erfolge einzig und allein seiner Kunst zu, ohne auch nur zu ahnen, daß seine schöne Gestalt, sein anmuthiges männlich schönes Gesicht mit den geistreichen feurigen Augen mehr zu diesem Erfolge und seinen Triumphen beitrug, als fein bestes Können und Leisten. Ein derbes, aber wahres Sprichwort circulirt im Bolksmund: »Wenn man den Esel lobt, so überreißt er sich." In die Künstlersprache übersetzt, lautet dieses Sprichwort ungefähr folgendermaßen: Wenn das Streben eines jungen Künstlers von Erfolg begleitet ist und ihm Ruhm und Gold im reichen Maße einträgt, dann nimmt er alle seine Kräfte zusammen und der Ehrgeiz und die Begeisterung verdoppelt diese, um noch mehr, noch Größeres zu leisten, um seine Zuhörer zu noch größerem Enthusiasmus zu entflammen, um alle Schranken niederzureitzen, welche Natur und Verhältnisse aufgerichtet haben. Eine Zeitlang gelingt dieses Körper und Geist aufreibende Streben; dann aber verlangt die Natur ihr Recht und eine erschlaffende, oft sogar lähmende Reaction tritt ein, welche mancher zu großen Erwartungen berechtigte Künstler mit dem Verluste seiuer Kraft, hie und da auch feines Lebens bezahlen mußte. Polansky hatte diesen Seele,izustand, diesen Vorgang an sich selber erlebt; dieser zumeist war schuld daran, daß aus dem vielversprechenden jungen Künstler nichts anderes geworden war, als ein wandernder Musikant. Der junge Mann, in dem er - ohne sein wirkliches Berhältniß zu ihm auch nur zu ahnen — sich selbst, seine entschwundene Jugend wrederfand, in dem sich seine verlorenen Ideale verkörperten, er sollte nicht an demselben Schicksale zu Grunde gehen, wie er selbst. Dieselben Klippen, an denen sein eigenes Lebensschiff ge» scheitert, sie standen auch dem jungen Schiffer im Wege, der mit vollen Segeln der Vollkommenheit zusteuerte. Diese Klippen waren: maßlose Ruhmsucht und Frauengunst. L.K Davids reine Seele lag aufgeschlagen vor seinem väterlichen Freund und Lehrer wie ein Buch, in dem er nur zu blättern brauchte, um dessen ganzen Inhalt zu erfahren. Als einmal nach einer anstrengenden Vorstellung, wo sich David fast selber überboten hatte und mit frenettschem Beifall überschüttet wurde, dieser mit einer Anwandlung zur Ohnmacht zu kämpfen hatte, trat Polansky entschieden auf. »So geht es nicht weiter, Kind! Du mußt einmal ausspannen!* David hatte als Antwort nur sein müdes Lächeln, das bei ihm stereotyp geworden zu sein schien. Gewiß, polterte Polansky weiter, Du bist überarbeitet und mußt eine Zeit lang ausruhen. Ausruhen, jetzt wo ich Aussicht habe, mein vorgestecktes Ziel zu erreichen? Aus halbem Wege stehen bleiben, jetzt wo ich nach langem vergeblichen Bemühen im Begriffe bin, Mitglied des Opernhauses zu werden? Du bleibst nicht auf halbem Wege stehen, mein Junge, sondern sollst frische Kräfte zu neuer Arbeit sammeln, aus daß Du nicht durch das Erlahmen der physischen Kraft, welche auch das Erlöschen der seelischen zur Folge hat, nicht gezwungen werdest, auf halbem Wege stehen zu bleiben, sondern sogar hart am Ziele aufzugeben. Hier aber wird aus Deinem Ausruhen nichts, sagte Polansky weiter. Das verdammte Weibervolk läßt Dir ja keine Zeit zum Ausruhen. Du wirst also reisen. Dabei bleibt es, basta! David fühlte sich zu erschöpft, um den Wortschwall Polansky's zu unterbrechen, er fügte sich in Alles, was der Alte von ihm forderte. Jedoch als anderen Tages der Director, wie er von der Gesellschaft und auch von David genannt wurde, mit einem fertigen Reiseplane herausrückte, das Salzkammergut, Gmunden, Ischl und, wenn Zeit bleibt, ein Stückchen mehr von den Alpen, wagte David eine schüchterne Einwendung. »Herr Director! Ihre Güte ist wahrlich beschämend für mich; ich kann das Opfer wahrlich nicht. annehmen, welches die Ausführung dieses Reifeplanes Ihnen auferlegen würde. Und wozu auch? Ich habe auf unseren Wanderungen schon fast Alles gesehen, was ein junger Mann in meinem Alter und meiuen Verhältnissen nur sehen kann. Hohe Berge, reizende Thäler, wilde Steppen und die Erhabenheit des Meeres. Glauben Sie mir, ich bin von all dem Gesehenen und Genossenen ttotz meiner Jugend ganz blafirt geworden. Ein kleines Fleckchen Erde ist es, nach welchem es mich mit unbezwingbarer Sehnsucht hinverlangt, wo ich Genesung meiner, ich fühle es, kranken Seele, Kräftigung meines müden Körpers erhoffe: das Grab meiner Mutter! Dieses Stückchen Erde bietet mehr des Köstlichen für mich, als all' die gepriesenen Stätten, wo die Großen und Reichen dieser Welt für alles schwere Geld keine rechte Erholung finden körnen." »Sonderbarer,Schwärmer!" replicirtePolansky, »also warte, ich will es mir überlegen." Dies war bald geschehen, denn die Sehnsucht des jungen Mannes war eine nur zu begreifliche, und Polansky war ein zu »guter Mensch, um dies nicht einzusehen und daher dem Wunsche des jungen Mannes zu willfahren. Das Grab der Mutter aber war es nicht allein, welches David nach dem Städtchen im südlichen Böhmen zog, sondern es war auch sein erwachendes Pflichtgefühl, welches ihm sagte, daß es wieder an der Zeit sei, sich einmal doch um das Schicksal seines kleinen Schwesterchens zu bekümmern, als dessen natürlichen und einzigen Beschützer er fich betrachtete. Denn, soviel er von seinem Vater in Erinnerung beha'ten, war dieser kaum im Stande, sich viel um die kleine Waise zu kümmern. Als er vor vier Jahren, ein Knabe noch, zum letztenmale in Polansky's Be-