Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. SS Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 4SI Eine Auswanderung kann, soll sie nicht die schlimmsten Folgen haben, nur innerhalb sehr engen Grenzen stattfinden. Es kann nur an eine Hilfsäction im Lande selbst gedacht werden. Es müsse versucht werden, mit Wenigen, zu rechter Zeit am rechten Ort angebrachten Mitteln bei den rumänischen Juden die Selbsthilfe anzuregen und zu fördern. Die Alliance hat in dieser Beziehung Großes geleistet. Namentlich haben die von ihr begründeten Volksküchen vielen Tausenden von rumänischen Juden buchstäblich das Leben erhalten. Die nothwendigen Mitteln sind der Alliance infolge einer allgemeinen Sammlung zugeflossen. Ich muß aber leider constatiren, daß die englischen Juden sich dabei nicht von ihrer glänzendenSeitegezeigt haben. Ein großer Theil von den englischen Beiträgen sind überdies nicht aus England selbst, sondern aus Südafrika geflossen. Die Mittel der Alliance sind nun nahezu erschöpft, und im October soll eine neue Sammlung veranstaltet werden. Ich hoffe ernstlich, daß England dabei nicht Zurückbleiben wird. Wir waren es, die am laute st en geschrieen haben. Die rumänischen Juden sollen nicht auswandern, sondern zu Hause bleiben. Jetzt ist es an uns, der Alliance zu helfen, die rumänischen Juden in Rumänien selbst zu unterstützen. Es ist ganz nett, über das traurige Schicksal der rumänischen Juden betrübt zu sein, allein der Amerikaner würde fragen: Wie viel sind sie betrübt? Ich gebe zu, man wird bei uns sehr in Anspruch genommen. Aber diese Inanspruchnahme hindert doch manche von uns nicht, großen Luxus und Extravaganzen zu entfalten. Chief-Rabbi Dr. Adler bringt die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung in Palästina zur Sprache. Dieselbe habe sich infolge Regenmangels noch wesentlich verschärft. Die Juden in den Städten Palästinas sterben nicht nur vor Hunger, sondern auch vor Dur st. Es wäre eine große That für die Jewish Colonisation Association, wenn sie in Jerusalem eine Wasserleitung legen wollte. Richter Miyer S. Jsaac aus New-Iork rühmt die große moralische Kraft und Anpassungsfähigkeit der russischen Juden in New-Iork. Beschränkt, bigott und unwissend, wie sie bei ihrer Landung sind, verstehen sie sich rasch den neuen Verhältnissen anzuschmiegen und sich auf eine hohe Stufe der Achtung und des Bewußtseins der eigenen Verantwortlichkeit emporzuschwingen. Bei der darauf folgenden Wahl von 24 Vorstandsmitgliedern wurden Männer wie Gaster, Francis Montefiore, Hermann Landau und Josef Prag in den Vorstand gewählt. Smyrna. Eine große Schlägerei zwischen Juden und Griechen, bei welcher auf beiden Seiten Blut geflossen ist, hat am 20. Juni nahe Smyrna stattgefunden. Vier jüdische Fruchthändler kamen in Begleitung eines türkischen Gärtners nach Thomaso, um daselbst einen Posten Früchte zu besichtigen. An Ort und Stelle angekommen, kehrten sie in ein Gasthaus ein, um eine kleine Erfrischung zu sich zu nehmen. Der Besitzer des Gasthauses war aber ein Grieche und dieser weigerte sich, den Juden etwas zu verabfolgen. Auch wurde er frech und immer frecher, erst mit dem Munde, später auch mit den Fäusten. Zuletzt zog er einen Dolch, stürzte sich mit demselben wie eine wilde Bestie auf die Juden und brachte zweien von ihnen einige Wunden bei. Die anwesenden griechischen Gäste gestatteten den Juden nicht, die Räuberhöhle, in die ihr Mißgeschick sie gerathen ließ, wieder zu verlassen, so daß sie sehr wider ihren Willen zur Nothwehr greifen mußten. Einmal gezwungen, sich zu wehren, thaten sie es schon sehr gründlich. Einer von ihnen, Namens Jacob Cannes, zog einen Revolver und schoß damit seinen Angreifer, den Gastwirth, über den Haufen, während ein anderer Jude den der Hand des getödteten Griechen entfallenen Dolch ergriff und sich damit durch den Haufen der zurückweichenden Griechen Bahn machte. So gelang es den Juden, dem sichern Tode zu entgehen, nachdem zwei von ihnen verwundet wurden und sie einen Griechen getödtet und mehrere Griechen schwer verwundet haben. Der türkische Gärtner bezeugte vor den Behörden, daß die Juden im Zustande der Nothwehr sich befanden und pries ihre bei dieser Gelegenheit gezeigte Tapferkeit, welche hoffentlich auch auf ihre alten Feinde, die Griechen, ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Vermischtes. Wien. Wie in zionistischen Kreisen verlautet, hat eine christliche Dame in London 60 Tausend Pfund für die jüdische Colonialbank gezeichnet. Wien. (T r a u u n g.) Sonntag den 28. Juli, um 2 Uhr Nachmittags, findet im israelitischen Tempel. IX., Müllnergaffe Nr. 21. die Trauung des Frl. Margarethe Weiß, Tochter des Herrn Profeffor Dr. Adolf Weiß, mit Herrn Sigmund Mandl,, statt. Wien. Der deutsche Kaiser hat dem ordentlichen Profeffor an der Universität in Wien, Regierungsrath Dr. Wint,ernitz, den Rothen Adlerorden verliehen. Wien. Die Laryngologische Gesellschaft in Berlin hat in ihrer letzten Sitzung den Docenten Dr. Marcus Hajek in Wien zum correspondirenden Mitgliede ernannt. Wien. (Mädchen . Unterstützungsverein.) An den Privatschulen dieses humanitären Vereines wurde das Schuljahr am 12. d. M. geschloffen. Die Arbeitsschule war in ihren Abtheilungen für Weiß- und Maschinnähen, Kleidermachen und Weiß- und Kunststicken von 108, die Fortbildungsschule von 61, der Handelslehrcurs von 50, der Bonnencurs von 14 Schülerinnen besucht. Der Unterricht wird in allen Abtheilungen unentgeltlich ertheilt.Die Unterrichtsergebnisse waren durchwegs sehr günstige zu nennen, und die im Vorjahre abfolvirten Zöglinge des Handelscurses und der Arbeitsschulen haben zum überwiegend größten Theile Unterkunft und entsprechende Beschäftigung gefunden. Die Aufnahme für das neue Schuljahr findet vom 12. September ab in der Schulkanzlei II.. Kaiser Josefstraße 32 statt. Beizubringen sind Geburts- und Schul-Entlaffüngszeugniß. Wien. Der emeritirte israelitische Hauptschullehrer, Herr Moses Pick, der durch 60 Jahre als Lehrer in verschiedenen Gemeinden Böhmens, darunter über ein Bierteljahrhundert in Prag, mit ausgezeichnetem Erfolge wirkte, feiert am 23. Juli 1901 in Pohrlitz, Mähren, woselbst er seine Ferien bei seinem Sohne. Dr. Gustav Pick, verbringt, seinen achtzigsten Geburtstag. Der Jubilar hat es, wie selten ein Lehrer, verstanden, seinen Schülern Liebe zum Judenthum einzuprägen, und sich selbst die Hochachtung und Zuneigung aller seiner ehemaligen Zöglinge erworben. Eine von ihm herausgegebene Fibel „Limcte Hetew“ erfreut sich besonderer Verbreitung und ist bereits in sechzehn Auflagen erschienen. Die innige Hingebung des Jubilars zum Judenthume und seine Liebe zur Jugend zeigen sich in den von ihm herausgegebenen Jugendschriften. Trotz seines hohen Greisenalters kommt der Jubilar mit fast jugendlichem Eifer seinem schweren Berufe als Privatlehrer nach, in ungebeugtem Gottvertrauen trotz des unermeßlichen Schmerzes, den ihn am Abende seines Lebens der allzufrühe Tod seines Sohnes, des Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Ludwig Pick, der die Stütze und die Freude seines Alters gewesen, bereitete. Wien. Am 17. d. M. ist der hiesige Hof- und Gerichts- Advocat Dr. Max O r n st e i n, Rudolssplatz 13 a, nach langem, schwerem Leiden gestorben. Dr. Ornstein zählte zu den angesehensten Wiener Advocaten der jüngeren Generation; er war ein tüchtiger , berufseifriger Jurist von durchaus biederem Charakter und offenem, sympathischem Wesen. Im heurigen Winter erkrankte der kaum fünfundvierzigjährige Mann an einem Gehirntumor, zweimal mußte er eine gefährliche und schmerzhafte Operation über sich ergehen laffen; Heilung konnte er trotzdem nicht finden. Der einst lebeus- und arbeitsfrohe Mann lag seit sieben Monaten unter unsäglichen Qualen darnieder, der Tod ward ihm zur Erlösung. Eine Witwe, die Tochter des bekannten Industriellen Herrn D. Schwarzmann, und zwei Kinder im zartesten Alter bleiben trauernd zurück. Nicht blos in der Wiener Advocatenschaft, überall, wo man den nunmehr Verschiedenen kannte, wird sein Tod beklagt werden, denn er hat sich allgemeiner Schätzung und Sympathien erfreut. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" verliert an ihm einen treuen Freund und Mitarbeiter im Rechtsschutzcomite. Wien. (Todesfall.) Vorige Woche verschied hier Herr Ludwig R o s e n f e l d, Oberinspector und Controlchef der Südbahn, Obmann des- Borschußconsortiums „Wieden" des Beamtenvereins, ein in Berufskreisen hochgeschätzter und geachteter College und Menschenfreund. Wien. Das bekannte Clavier-Etablissement Josef Saphir befindet sich ab August 1901 II., Praterstraße 34 (Nestroyhof), vis-ä-vis dem Carl-Theater.