Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 486 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2» erfolgen werde; da begann die reformsüchtige Berliner Gemeindeverwaltung ihm hinsichtlich seiner religiösen Anschauungen Zumuthungen zu stellen, die der selbstbewußte junge Gelehrte entschieden abwies. In den späteren Jahren seiner Wirksamkeit war er es, der die auf ehrenhafteste Weise erfolgte Berufung nach Berlin zweimal ausschlug. Kaufmann sollte eben nicht Rabbiner werden... Doch sollte diese Bewerbung nicht ohne literarisches Denkmal bleiben; die Schrift: Sieben Predigten in den Berliner Gemeindesynagogen (Berlin 1877), L. Zunz gewidmet, legt Zeugniß ab von dem Ernst, mit welchem sich Kaufmann um diesen Posten bewarb, wie auch von der glänzenden Rednergabe, die ihm zu Gebote stand. Das ist kein höherer, sondern ein glänzender Styl; das ist nicht Kanzelberedtsamkeit, sondern die hinreißende Sprache eines gottbegnadeten Redners; es spricht da nicht der Candidat um ein Seelsorgeamt, sondern der begeisterte Verkünder des göttlichen Wortes in Israel. In gewissem Sinne charakterisiren diese Züge sämmtliche Productionen Kaufmann's; sei es im Verkehr mit den Menschen, sei es auf dem Lehrstuhl, sei es im wohldurchdachten wissenschaftlichen Aufsatz: immer und beständig dieselbe schwungvolle bilderreiche Sprache, dieselbe Begeisterung und Wärme für die erstrebte Sache, besonders aber dieselbe treue Anhänglichkeit an das Judenthum. Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß David Kaufmann noch vor seiner Berufung nach Budapest durch Rabbiner I. Wise^) die Aufforderung erhielt, eine Profeffur an dem jüdisch-theologischen Seminar in Cincinnati in Amerika anzunehmen, die er jedoch wegen Entfernung von der Heimat wohlweislich ablehnte. Er wirkte schon längere Zeit in Budapest, als ihm noch fortwährend Rabbinatsposten zu Mannheim, zu Berlin, zu Breslau und zu München angeboten wurden. Budapest ließ sich diese seine Zierde nicht mehr entwinden. Nach langem Bemühen seitens der fortschrittlichen Partei des Judenthums und unter lebhaftem Kampfe der Orthodoxie in Ungarn wurde in dieser aufftrebenden Stadt eine Landes-Rabbinerschule gegründet, welche zwar nach dem Muster des Breslauer Seminars eingerichtet wurde, im Uebrigen aber von den deutschen Schwesteranstalten sich darin vortheilhaft unterscheidet, daß sie auf Initiative der Regierung gegründet und von Anfang an unter staatliche Aufsicht gestellt wurde. Die Anstalt war nicht nur berufen, für den Bedarf an modern gebildeten Rabbinen im Lande zu sorgen, sondern sie sollte auch für die Hebung des Bildungsgrades des ungarischen Judenthums und die Verbreitung der nationalen Cultur unter den ungarischen Juden thätig sein. In diese zur Erfüllung hochwichtiger Aufgaben berufene Anstalt wurde 1877 der junge Kaufmann berufen. Sein Freund, der seitdem verstorbene Pinkus Frankl, damals Secretär der Israelitischen Allianz in Wien, war sein siegreicher Rivale um den Berliner Rabbinerposten gewesen. Frankl, der selber ein Arbeiter der jüdischen Wissenschaft war,^) verzichtete nun auf den ihm angebotenen Posten in Budapest, und da er die hohe Begabung des jungen Kaufmann kannte, hatte er ihn statt seiner auf den für ihn bestimmten Posten empfohlen?) Kaufmann wurde außerdem auch noch von dem Altmeister der jüdischen Wissenschaft, von Dr. Zunz. und von seinem Gönner David Rosin nach Budapest empfohlen, und da sein guter Ruf ihm bereits vorangegangen war, so wurde seine Wahl von der Regierung alsbald bestätigt. Durch die Wahl Kaufmann's wurde der Lehrkörper der neu begründeten Anstalt auf die glücklichste Weise ergänzt; der stetig wachsende Ruhm des Namens Kaufmann verlieh der Anstalt einen weithin strahlenden Glanz, und obzwar die Anstalt auch sonst die tüchtigsten Lehrkräfte in sich vereinigte, so war es dennoch die fascinirende Persönlichkeit Kaufmann's. die ihr in allen Kreisen des modernen Judenthums das höchste Ansehen eintrug. (Fortsetzung folgt.) ') Dr. Jsaac M. Wise starb, 81 Jahre alt, am 26. März 1900 als Leiter des Rabbinerseminars in Cincinnati. 2) Seine Arbeiten erschienen zumeist in der Monatsschrift; hervorzuheben sind seine Karäischen Studien. 1 b i d. XX, 352, 406, ferner XXI, 207, 274. — Kaufmann's Batlajüsi recensirte er in Rahmer's I ü d. L i t e r a t u r b l a t t. X, 31. 35. 3) Nach Mittheilungen Prof. Bacher's und Goldziher's; Letzterer war im Vereine mit Rabbiner Dr. S. Kohn in Budapest, dem Freunde Kaufmann's, in der Leitungscommission, welche die Angelegenheiten des Seminars in Budapest führte. Kaufmann wurde „hohen Orts" auch von Dr. Jellinek empfohlen. Von der Vibtiothek Bernstein. Heutzutage, da eine allgemeine Sammelwuth besteht, Briefmarken, Ansichtskarten und andere ebenso wichtige Dinge gesammelt werden, gewährt es ein besonderes Vergnügen, einmal eineu verständigen Sammler zu finden, der nützliche, werthvolle Dinge von allgemeinem Nutzen sammelt. Daß Bücher zu solchen nützlichen Dingen gehören, wird wohl Niemand bestreiten, kann doch keine Universität, keine Lehranstalt ohne Bibliothek bestehen. Oeffentliche und Privatbibliotheken gehören seit Jahrtausenden zu den wichtigsten Culturbehelfen, und speciell bei uns Juden sind Bücher stets geehrt und geschätzt worden. Wir sind ja „das Volk des Buches" unzertrennlich von der Bibel. Eine zur Zeit Papst Sixtus V. in der vaticanischen Bibliothek angebrachte Inschrift bezeichnet die Bundeslade als ält sie Bibliothek, unter Bezugnahme auf Deuteron. XXXI 9 und Esra als ihren Wiederhersteller. Stets besaß jeder einigermaßen wohlhabende Familienvater seinen Bücherschrank und große werthvolle jüdische Bibliotheken gehören nicht zu den Seltenheiten. Freilich um eine solche kostbare Sammlung zusammenzubringen, bedarf es außer den drei Dingen, die man bekanntlich zum Kriegführen braucht, noch Sachkenntnis, Sammlerfleiß, Zeit und Geduld. Diese sieben schönen Dinge finden sich glücklicherweise bei Herrn Ignatz B e r n st e i n in Warschau vereinigt. Aber er sammelte nicht auf's gerathewohl und hat wohl gewußt, daß sich in der Beschränkung der Meister zeigt. Er beschränkte sich, das zu sammeln, wofür er besonderes Interesse hat und wo er bei den ihm zu Gebote stehenden Mitteln hoffen durfte, die möglichste Vollständigkeit zu erreichen. Seit 35 Jahren sammelt er, ohne Mühe und Kosten zu scheuen, Sprichwörtersammlungen, Bücher über Sprichwörter und solche, welche neben Anderem auch Sprichwörter, Sentenzen, Apophtegmata u. dergl. enthalten. So hat er eine kostbare Bibliothek von ungefähr 5000 Werken in beinahe 100 Sprachen zusammengebracht, und wie wir hören, soll er beabsichtigen, sie einem öffentlichen Institut zu hinterlassen. Dies allein würde eine lobende Erwähnung dieser Bibliothek und ihres hochherzigen Sammlers in diesen Blättern rechtfertigen, selbst wenn ihr Inhalt sonst für uns kein Interesse hätte. Aber die Juden haben stets auf „die Weisheit, die auf der Gasse predigt" gehorcht, der jüdische Geist hat sich gern im Sprichwort ausgeprägt, und welches andere Volk besitzt unter seinen heiligen Schriften ein ganzes Buch von Sprichwörtern und weisen Lehren, als dessen Verfasser oder Sammler ein weiser König genannt wird? So bilden denn auch die auf hebräische und sonstige jüdische Sprichwörter bezüglichen Werke einen ansehnlichen Theil der Bibliothek Bernstein, und manche Seltenheiten finden sich darunter. Wir sind in der Lage, hier darüber Einiges mittheilen zu können, denn Herr Bernstein hat sich mit dem Sammeln allein nicht begnügt, sondern, um den Forschern die Benützung der Bibliothek zu erleichtern, einen großen Katalog. Herstellen lassen, der für sich allein ein kleines Vermögen gekostet haben dürfte. Der aus zwei starken Großoctav- (beinahe Kleinfolio) Bänden bestehende, in der typographischen Anstalt von W. Drugulin in Leipzig hergestellte, auf Büttenpapier in 350 Exemplaren, (25 auf japanischem Papier) gedruckte Katalog enthält nicht blos die genauen Büchertitel, sondern auch Facsimiles mancher Titel und Abbildungen nebst bibliographischen Nachweisen. Diese leider in polnischer, während die Vorrede in polnischer und französischer Sprache.abgefaßt ist. Selbstverständlich finden wir in der Bibliothek viele Ausgaben, Uebersetzungen und Commentare der Sprüche Salomos, von denen wir einige hier erwähnen wollen. Von den Uebersetzungen sind am interessantesten zwei in deutschen Versen, von Pastor Henninger 1575 und vom Freiherrn von Knobelsdorf 1734, eine französische, aus dem siebzehnten