Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Vr. Vlmtz's Wochrnsttzrifd Seite 48» lesen, da konnte ich mich nicht halten. (Von Erregung übermannt:) Ich springe mit beiden Füßen voller Wuth und Galle auf das Blatt (die Hände ausstreckend), und wenn ich ihn da gehabt hätte..." Diese zitternd, voll innerer Empörung vorgebrachten Worte des stattlichen, hochgewachsenen Mannes riefen eine unbeschreibliche Wirkung hervor; die ganze riesige Versammlung jubelte dem freimüthigen Sprecher zu. * * * Freilich, .Eines müssen sie sich dafür gefallen lassen: daß die Schneider und Gregorig, die Geßmann und Wohlmeyer sie alle insgesammt, mit uns Juden in Einen Topf werfen. All' diese Ehrenmänner wissen die hageldicht auf sie uiedersausenden Hiebe nicht besser zu pariren, als, indem sie im Chorus „Jud, Saujud, Judenknecht!" brüllen. Auch da vollzieht sich ein Fortschritt, den wir schon vor Jahren vorhergesagt haben. Das Wort „Jude" hat einen neuen Inhalt bekommen, und mit dieser Bezeichnung verbinden sich heute alle Begriffe von politischer Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, Freiheit und Recht. Herr Lueger hat der antisemitischen Sache keinen Dienst erwiesen, als er für die Wahlschlacht in Favoriten die Parole: „Hie Juden, hie Christen" ausgab. Rach den Erklärungen des Dr. Kolisko besteht kein Zweifel mehr, daß für den socialdemokratischen Candidaten in Favoriten auch die deutsch-fortschrittlichen und deutsch-nationalen Christen gestimmt haben. Wenn mau diese Elemente, wenn man den ganzen St. Pölteuer Städtetag, in dessen Kriegserklärung an die Wiener Antisemiten auch der Vicebürgermeister der bis vor Kurzem noch christlich-socialen Stadt Floridsdorf einstimmte, „verjudet" nennt, dann dürfen unsere Glaubensgenossen stolz sein auf die Gesellschaft, die man ihnen zuweist! Dann heißt „jüdisch" nichts anderes als freiheitlich, dildungsfreundlich, charakterfest, gesinnungstreu, human. Hinter Lueger aber marschirt Alles, was das Gegentheil will. -i- * * Und wenn so die Bezeichnung „Jude" aus einem Schimpfwort ein Ehrenwort geworden ist, dann dürfen unsere Glaubensgenossen über die Tranmbüchl-Citate eines Gregorig und über die Verbrennungsgelüste Cato-Schneider's mit fröhlichem Lachen hinweggehen. Es ist kein Anlaß mehr, sich wegen solcher Paroxismen zu ereifern. Mag aus ihnen die Dummheit oder der Alkohol sprechen, sie haben ihre Wirkung eingebüßt. Wenn die Niederwerfung der christlichsocialen Herrschaft in Wien und Niederösterreich, wie die antisemitischen Blätter mit blödsinniger Consequenz versichern, wirklich ein Triumph des Judenthums wäre, so wird ihn das Wuthgeheul der Garden Lueger's nicht aufhalten. Der „Herr von Wien" mag er noch eine Welle heißen, als „Herr von Niederösterreich" wird er seine Rolle bald genug ausgespielt haben. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der Leipziger Bankkrach in kirchlicher Beleuchtung. Der Leipziger Bankkrach erfährt in Nr. 27 der in Leipzig erscheinenden „Allg. e v a n g e l.- l u t h e r. K i r ch e n z t g.", dem Hauptorgane der lutherischen Orthodoxie Deutschlands, eine Beurtheilung, die aus dem Rahmen der sonstigen Kritiken dieses in feinen Kreisen sehr angesehenen Blattes erheblich hinausfällt und deshalb besonderes Jntereffe zu erwecken geeignet ist. Das genannte protestantisch-kirchliche Organ schreibt: Es gibt Zustände und Einrichtungen in unserem Volksleben, über deren Mangelhaftigkeit, wenn nicht Verwerflichkeit man in weitesten Kreisen völlig einig ist, ohne daß man trotzdem über die dürftigsten Versuche zur Besserung hinauskäme. Steht man zuweilen vor einem Einzelfall, der wie ein jäher Blitz die ganze Lage erhellt und in die tiefen Abgründe hineinleuchtet, an denen man fast ahnungslos vorbeigehl, dann bemächtigt sich Aller ein lähmender Schrecken und man überstürzt sich in erschütternden Anklagen und energischen Rufen nach radicaler Beseitigung solcher Mißstände. Sind aber die ersten Eindrücke verwischt und haben andere Fälle und Ereigniffe unserer nach Abwechslung lechzenden Zeit die ersehnte Ablenkung gegeben, dann vergißt man seine Forderungen und schaut dem Spiel von Neuem mit affectirtem Optimisnms zu. Inzwischen aber bereitet sich mit unsehlbarer Sicherheit ein gewöhnlich noch viel schmerzlicherer Ausbruch der schleichenden Krankheit vor, und mit der ganzen Rücksichtslosigkeit brutaler Thatsachen wird der Welt von Neuem gezeigt, daß ein vorübergehendes Klagen und Entsetzen noch kein Bessern und Heilen ist. So gilt es jetzt wieder, wo der Giftbaum der Börse eine Frucht gezeitigt hat, deren namenlose Bitterkeit weite Kreise unseres Volkes erfahren. Die Leipziger Bank, bisher eines der geachtetsten und bewährtesten Geldinstitute, dessen Ruf weit über Sachsen hinaus bis vor Kurzem tadellos war, mußte am 25. Juni ihre Zahlungen plötzlich einstellen und am Tage darauf ihren Concurs beim Amtsgerichte anuielden. Wiederum einen Tag später wurde ihr erster und bald darauf ihr zweiter Director verhaftet und die zahlreichen Actionäre und Gläubiger, die zum Theil ganz gewaltige Summen bei ihr stehen hatten, erfuhren zu ihrer maßlosen Uederraschung, daß, während das Anlage- und Reservecapital 64 Millionen betrug, nicht weniger als 80 Millionen auf ein einziges Industrieunternehmen gesetzt waren, das von Jahr *u Jahr immer weniger Aussicht auf günstige Entwicklung bot. Es war vor Allem die „Genialität" des ersten Dlrectors. eines durch geschäftlichen Weitblick und rücksichtslose Verfolgung seiner Ziele früher bewunderten Mannes, der sich nicht mehr» mit einer gesunden Entwicklung d^r Bank im Rahmen ihrer bisherigen Tyätigkeit und Grundsätze begnügte, sondern voll heißen Hungers nach Geld sich zu immer gewagteren Combinationen und frivolen Spekulationen verflieg und damit eine schwindelnde Höhe erklomm, von der es kaum mehr einen normalen Rückweg, wildern nur noch einen jähen Sturz in die Tiefe gab. Der Aussichtsrath hat auch hier nicht gewarnt und gehemmt und im Bewußtsein seiner ungeheuren Verantwortung gegenüber den Gläubigern, die ihm unbedingt vertrauten, dieses verwegene Spiel nicht abgebrochen, sondern allem Anschein nach es mugemacht, ober doch wenigstens für seine enormen Tantiemen nicht so viel Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausgewendet, daß jenes Hazardspiel aufgedeckt und vereitelt wurde. Und so stehen wir wieder einmal vor der Thatsache. daß trotz Bank- und Börsengesetz, trotz Aussichtsrath und Generalversammlung durch die unersättliche Geldgier und Verwegenheit eines M-annes, der übrigens seine eigenen Millionen jenseits des Canals deponirt hat, weite Kreise aus das Tiefste erschüttert und das Glück vieler Häuser untergraben oder zerstört und viele Existenzen vernichtet worden sind. Besonders schmerzlich wird auch der Rückschlag sein, der die verschiedenen christlichen Anstalten und Liebesw e r k e treffen wird. Nicht nur, daß manche von ihnen selbst unmittelbar an jener Katastrophe betheiligt oder wetttgsteus für die nächste Zeit der Verfügung über ihre in der Leipziger Bank deponirteil Vaarmittel beraubt sind, sondern sie haben auch ihre eifrigsten Wohlthäter unter Den Geschädigten und werden so mittelbar mitzutragen haben. Wie weit auch sonst die Befürchtungen gehen, mag die Thatsache zeigen, daß der Rath der Stadt Leipzig beschlossen hat» bis zum Gesammtbetrage von einer Million Mark aus Mitteln der Stadtgemeinde Emlagebücher der Leipziger Bank bis zu der Höhe von 30% zu beleihen» um denjenigen Gewerbetreibenden, denen zur Zett die Verfügung über die dort eingezahlten Gelder genommen ist, aus der momentanen, durch den Quartalswechsel doppelt peinlichen Geldverlegenheit zu helfen. Es ist dies Vorgehen um so mehr zu begrüßen, als es einerseits gerade den mittleren und kleinen Leuten zu gute kommt, da auf ein Einlagebuch unter keinen Umständen mehr als tausend Mark geliehen werden sollen, und als man andererseits sich der Empfindung nicht erwehren kann, daß bei gleich socialer Gesinnung der BerlinerHochfinanz ein so jäher Zusammenbruch und eine so rücksichtslose Entwerthung aller Werthe wohl noch hätte vermieden werden können. Denn unbeschadet der ungeheuren eigenen Schuld der Bankleitung wäre es doch Kurzsichtigkeit, dies plötzliche Falliment nur aus ihr zu erklären. Wenn man bedenkt, wie die j ü d i s ch e H o ch f i n a n z schon ganz andere Schwierigkeiten in der Stille überwinden konnte, wenn man weiß, wie sie schon lange darauf ausging, von Berlin aus in Sachsen Fuß zu fassen und das sächsische Geschäft an sich zu reißen, und wie sie deshalb methodisch das Caffeler Industrie-Unternehmen, mit dem die Leipziger Bank sich liirt hatte, schon seit Jahren discreditirte, und wenn man endlich sich vergegenwärtigt, daß am Tage nach der Concursanmeldung eines