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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-19 · 29 (19.7.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
29 (19.7.1901)
Date
1901-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 482 Nr. 29 Dr. Morris Wochr^zchr^^ Das Judenthum kennt keinen Heiligen. Ohne jeden Mlltler stellt es' den Menschen seinem Gott, arm Ewigen, Einzigen gegenüber, den Cultus des schönen Menschlichen aber kennt es wohl. Der Frau hat es ihren Rang und ihre Würde gegeben, da sie überall noch in der Hörigkeit vorhanden. und mit herzlichster Verehrung wird es immerdar der hohen Frau gedenken, der man nunmehr in Salzburg ihr Denkmal errichtet. Bei seinen Bekeunern brauchte es dessen nicht. Vielleicht heißt es darum auch: Du sollst Dir kein Bildniß machen, damit man es' im Herzen desto sorglicher hege und im Gedenken bewahre. Nemo. -er Kampf gegen die Wiener Tyrannen. Nachdem Lueger der „Herr von Wien" geworden war, steckte er die Grenzen seines Ehrgeizes weiter; auch „Herr von Niederösterreich" wollte er sein und zuletzt sollte die christlich-sociale Partei ihre Macht über ganz Oesterreich ausdehnen. Er überzog Niederösterreich mit einem Heer von Agitatoren und entsendete seine Quartiermacher in die angrenzenden Bezirke um Mähren nnd Böhmen. Aber in Znaim und in Budweis erlitt er die ersten Niederlagen und mit dem Traume einer allösterreichischen Partei war es rasch zu Ende. Und jetzt erfährt er auch in der unmittelbaren Nähe von Wien, daß das Glück wandelbar ist. Die niederösterreichischen Städte sagen sich von ihm los, die Lehrer, die er lange durch trügerische Versprechungen getäuscht, haben endlich in ihm den Feind jeglicher Volksbildung erkannt und erklären ihm den Krieg bis auf's Messer, und selbst in den Köpfen der Bauern wird es hell. Wenn Wien dieHochburg der Christlich-Socialen ist, so waren die niederösterreichischen Städte und Landgemeinden die vorgeschobenen Bastionen derselben. .Wer diese besetzt hält, hat Wien in der Hand. Die antisemitische Herrschaft im Rathhause wurde gestützt durch den Landtag und den Laudesausschuß und durch den Einfluß, den diese Factoren auf den Statthalter ausübteu. Fallen die Bastionen, so ist auch der Fall der Citadelle nur eine Frage der Zeit. * * * Und der brausende Windhauch, der Lueger und die Seinen fortzufegen droht, kündigt sich bereits an. Schon der Sturz Geßmann's und Steiner's bei den letzten Reichsrathswahlen war ein sicheres Zeichen für den bedeutsamen Umschwung der Gesinnungen auf dem flachen Lande. Aber erst mit dem Erscheinen des ersten socialdemokratischen Abgeordneten in der Landstube hat der Eutscheiduugskampf wirklich begonnen. Die bis dahin noch vorsichtig tastende Opposition hat Plötzlich an Kraft und Energie gewonnen, während die christlich-sociale Majorität im höchsten Grade nervös geworden ist. So sind denn die Verhandlungen des niederösterreichischeu Landtages zum Spiegelbilde der Strömungen gewordenwelche die Wählerschaft in Stadt und Land bewogen. Die Vertreter des gebildeten Bürgerchums waren den parlamentarischen Hausknechten ves „Herrn von Wien" nicht gewachsen. Dem Paroxismus der Rohheit hatten sie nichts entgegenzusetzen als das Pathos ihrer ehrlichen Ueberzeugung. Aber nun ist ein Alaun im Landtage erschienen, der ebenso von den Hunderttauseuden getragen wird wie Dr. Lueger, der das Recht hat, sich ebenso auf die Massen des Volkes zu berufen, wie der „schöne Karl". Ob die „Schwarzen" oder die „Rothen" bessere Menschen seien, kommt dabei erst in zweiter Linie in Betracht — entscheidend ist in erster Linie die Macht der Ziffer. * * * Das parlamentarische Debüt Dr.- Adler's erinnert au die ersten Zeiten Dr. Lueger's. Da i,t ein muthiger Mann, der einer sattgegeffenen Partei mit feinem Witze, mit ätzender Satyre, mit göttlicher Grobheit ihre Sünden vorhält und dem tobenden Lärm, mit dem man ihn niederschreien will, unerschrocken Stand hält. Er schleudert ihnen seine Verachtung ins Gesicht, er schürzt die Aermel auf uud Mft ihnen zu : „Wollt ihr grob sein, so kann ich's auch!" Sie heulen vor Wuth, sie winseln über den Mißbrauch der parlamentarischen Freiheit, über angeblich unverdiente Beleidigungen und Herausforderungen. Als ob es Herr Lueger anders gemacht hätte, als er in heißer Sehnsucht nach dem Stuhle des Bürgermeisters strebte! Heute zeigt es sich, wie verhänguißvoll die stille Förderung war, welche frühere Regierungen den Christlich-Socialen zutheil werden ließen. Indem man die Hand dazu bot, das freisinnige Bürgerthum an die Wand zu drücken, trieb man Wasser auf die Mühlen der Socialdemokratie. Vor die Wahl gestellt, zwischen dem clericalen Antisemitismus und der freiheitlichen Arbeiterpartei, blieb der aufgeklärten Bourgeoisie nichts übrig, als sich auf die Seite der letzteren zrd schlagen. Daß es so kommen werde, kommen müsse, haben wir mit aller Klarheit vorausgesagt. „Man drängt uns in das Lager der Socialdemokratie", hieß die Artikelserie, in der wir diesen Verlauf der Dinge ankündigten. * Aber nicht die jüdischen Wähler allein wurden in dieses Lager gedrängt. In der Sitzung des Landtages vom 12. d. M. hat es der deutschvolkliche Abgeordnete Dr. Kolisko namens seiner Partei ausgesprochen: „Ich sage es offen, ich stimme viel lieber für einen Socialdemokraten, als für einen Clericalen, denn der Socialdemokrat ist freisinnig!" Diese Worte sind ein Gradmesser für die wachsende Gewalt der freisinnigen Strömung in Wien und lltiederösterreich! Von dem Tage, an welchem Herr Lueger mit der "Kornblume im Knopfloch inmitten der Deutschnationalen vor Schönerer's Hause vorfuhr und diesem huldigte, bis zu jener Erkenntniß, der Dr. Kolisko Worte lieh — welch' ein ungeheuerer Sprung in der politischen Entwicklung! Und welch' ein Sprung auch von den unaufhaltsamen Siegeszügen der Christlich-Socialen durch Stadt und Land bis zum Oesterreichischen Städtetag in St. Pölten und zur Versammlung des Niederösterreichischen Lehrervereines in Klosterneuburg! Jene freisinnige Liga, die einst der socialistische Abgeordnete Pernerstorfer prophezeite, ist heute zur Wahrheit geworden, und die Bürgermeister fast aller deutsch-österreichischen Städte haben sich von den antisemitischen Machthabern Wiens feierlich losgesagt. Bürger und Bauern, Lehrer und Arbeiter stehen heute zusammen gegen die Wiener clerical-antisemitische Demagogie. * * Die Wiener Tyrannei ist aber selbst glaubenstreuen Katholiken verhaßt geworden. Das zeigte sich deutlich auf dem Lehrertag von Klosterneuburg. Da stand ein Mann auf, der sich selber einen Clericalen nannte, der Oberlehrer Wreda aus Eibischthal, einer der Leiter der dortigen Passionsspiele. Wie ein Bekenntuiß rang sich aus der Brust dieses Mannes der Kampfruf gegen die heutigen Herrscher in Land und Stadt, der Ausbruch der Erbitterung gegen die Leute, die jahrzehntelange Dienste in der Schule und in der Gemeinde mit Hohn uud Verachtung lohnen. „Das ist die wahre christliche Gesinnung nicht, die sie zur. Schau tragen," rief er aus. „Mit diesen Patentchristen kann ich als echt christlicher Mann nichts zu schaffen haben." Zum zweitenmal ergriff er das Wort: „Mich hat nur die Empörung der letzten Zeit auf'die Tribüne gebracht. Wer mich näher kennt, weiß, daß ich der gemäßigten Richtung angehöre. Niemand wird sagen können, daß ich irreligiös bin oder irgendwie unpatriotisch gehandelt habe. Soeben hat die Kirchenuhr Zwölf geschlagen, der Zeiger rückt gegen Eins, es wird anders werden. (Stürmischer, sich immer wiederholender Beifall.) Wenn ein gemäßigter Clericaler aufsteht und dem ungestümen Vordringen Halt gebietet und sagt : So kann es nicht weiter gehen! dann ist es traurig. (Anhaltender Beifall.) Als ich den Bericht über die Vorgänge im Landtage ge-

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