Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahr--«- 1Y1U ' i Nr. 29 Bloch’s ♦ Ceutralorgan Kr die gelammten Interessen des Indenthums. Wien, 19. Juli 1901. -■>» > f - Erscheint jeden Freit ag. -4-4' - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe 89. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. -- - —==x rr. ft. 1? v ',l sparralfeit-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. SeditrNon und Administration: Viru IX/1, Verggasse Nr. 89. Talephon Nr. 14.847. X-:- 11 Beingapref» flir Oesterreich: Halbjährig 8 Acontn. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen, ganzjährig 20 , Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. X - — Anhalt. Leitartikel: Der hohen Frau. — Der Kampf gegen die Wiener Tyrannen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Leipziger Bankkrach in kirchlicher Beleuchtung. .Die Juden in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Ein Missionär bei König Menelik. Die zwei mysteriösen Geschichten. — David Kaufmann. — Von der Bibliothek Bernstein. — Correspondenzen: Plenarsitzung der israelitischen Eultusgemeinde. Wien, Lemberg, Jägerndorf, Brünn, Dresden, Straßnitz, München, Frankfurt a. M.' Paris, London, Smyrna. — Vermischtes: Wien, Mähr.-Ostrau, Purgstall, Jungbunzlau, Dürrmaul, Prag, Pilsen, Earl», bad, Budapest, Troppau. — Feuilleton: Der Unessane tokef. — Literatur. —Briefkasten. — Inserate. Der hohen Ärau. Sie haben der hohen Frau in Salzburg ein Denkmal gesetzt. Es ist Erinnerung daran, daß hier ihr Fuß zuerst den Boden der neuen Heimat betreten, daß sie hier zuletzt auf Oesterreichs Erde geweilt. Ins Grün der Bäume hat man ihr weißes und leuchtendes Standbild gestellt. Nahe dem Bahnhof. Denn eine Unrast war in ihr und trieb fie durch die Weiten der Erde. Die schönen Höhen rings um die Bischofsstadt reihen sich um fie. Die Salzach braust ihr ein gewaltiges, eintöniges Lied — jene Schlummerweise, die jedes Leid übertönt. Und wenn im Herbst der Untersberg im Alpenglühen aufflammt, dann hat ihr Gott selber ein Höhenfeuer entzündet, prächtiger als das, das die Kaiserin vormals so oft, von Menschenhand entfacht, begrüßt hat. Sie hat diese Stadt geliebt. Denn von ihr gilt, was Michelangelo von den Thüren des Battisterio sagte: sie wären würdig, die Pforten des Paradieses zu sein. Also ist Salzburg in seiner unendlichen und mannigfaltigen Schönheit wohl werth, den Zugang zu den tausend Wundern zu hüten, die das Land in fich birgt. Und die Kaiserin verstand jeden Reiz der Natur. Denn sie hatte viel in fich erduldet und verschlossen. Da schlug jeder Ton in ihr eine Saite an, die vernehmlich mitschwang. In ihr und an ihr war jene adelige Schönheit, die jede reine Seele als eine Gabe empfindet, an der sich erfreuen zu dürfen eine Gnade ist. Es ist gut, daß das Andenken ihrer Holdseligkeit auch denen überliefert wird, die ihres Anblickes nicht mehr theilhaftig wurden. Und ihr ganzes Leben war immer Güte und-edle Duldung. Ein solches Vorbild darf desto minder verloren gehen, je seltener es in unserer Zeit geworden ist, die den Haß bekennt und nicht übel geneigt scheint, jeder Verfolgung, wie man sie längst für abgethan gehalten, den Zutritt zu öffnen und die Bahn zur Hatz freizugeben, die über Menschenglück und Menschenleiber geht. Sie selber hat doch der Haß getödtet. Und zwar jener Haß, der nicht fragt, ob das Opfer, gegen das er den Stahl zückte, auch nur in einem Sinn haffenswerth sei, jene Niedertracht der Gesinnung, die das Vortreffliche am liebsten vernichten möchte. Denn seine Existenz ist schon eine Zurechtweisung, ja eine Beschämung für jede Erbärmlichkeit. Was ist nach der Legende Satans grimmigste Pein? Der Anblick der Herrlichkeit Gottes die er nur er allein ganz versteht. Es ist das eineThatsache, die Manchen nachdenklich stimmen sollte, der das Aufzüngeln satanischer Gluthen duldet, ja sich insgeheim vielleicht damit freut — denn fie mögen ihm Den und Jenen mürbe braten, der anders nicht leicht verdaulich zu kriegen ist. Es ist aber auch gut, daß sich das Bildniß der Dulderin und der Duldsamen eben in Salzburg erhebt. Denn noch ist die größte Katastrophe in der Geschichte des Ländchens unvergeffen und noch weht im Wind, der von den Firnhöhen der Tauern herniederbraust, die traurige Weise jenes Liedes: »Ich bin ein armer Exulant*. Dreißigtausend Menschen, ArbeÜer, wie fie besser nicht zu finden waren, ein kleines Bott, hat bei seinen Klängen seine Lenden gegürtet und den Stecken des Wanderers ergriffen, fortgescheucht von der theuern und ach so schönen! teimat durch den Willen und den Befehl eines Einzigen: eopold Firmian's. Das ist noch lange nicht zwei Jahrhunderte her. Und, wenn fie nach ihrer Gewohnheit einsame Wege ging, alle Spuren und alle Feierlichkeit einer Natur, in der nichts Kleines ist, in die empfängliche Seele sog, dann fand fie auf ihren Pfaden Spuren jenes für immer versiegten Bergsegen-, verfallene Knappenhäuser, wilde Steige, über die vordem die schwerbeladenen Saumthiere gestapft waren, wenn mm ein einsamer Wanderer fie beschreitet. Und fie begriff wohl, woher alle diese Verwüstung, und eine milde Barmherzigkeit zog ihr in die Brust. Auch unserem Stamme war fie geneigt. Sie horchte gerne den traurigen Sängen voll Gottessehnsucht und Weltstucht, wie fie zuerst unter den Weiden von Babel erhoben wurden, fortklangen in Hispanien, das eine ganz gleiche, eine in ihren Folgen weit furchtbarere Heimsuchung wie Salzburg getroffen. Denn noch find ihre Spuren nicht einmal getilgt. Dem Liede der Spottdroffel, die Unverstand so gerne aus dem deutschen Dichterwald wegscheuchen möchte, hat fie gerne gehorcht. Da find äffende Weisen unartig genug abgebrochen. Da find aber auch Strophen voll echtem Gefühles, schönster Ursprünglichkeit und unvergeßlichen Wohllautes. Sie war des Lebens kundig genug, um zu wiffen, man muß es zu Zeiten bespotten, um nicht ganz zu verzagen. Und wenn der Föhn übers Mittelmeer hinweg schnauben und die Lawinen des Tauern zum Schmelzen bringen wird, dann wird er um ihre Marmorstirne Grüße aus Korftr hauchen, aujenem Wäldchen, darin fie dem heimatlosen und vom Unverstand geächteten Heinrich Heine sein Ehrenmal gestiftet Daß er dieser hohen Frau genug gethan. die deutsch wie Keine und rein und edel war, dies erhöht chn uns.